By Published On: 4. Februar 2023Categories: Digitalisierung, Kommunikation, Pädagogik, Technologie, Wirtschaft

Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass seit Beginn der Corona-Pandemie die Zahl der Studienabbrüche deutlich zugenommen hat. Lag bei den Bachelor-Studiengängen die Abbruchquote im Jahr 2018 bei 17%, so konnte 2020 eine Steigerung auf 23% beobachtet werden. Ähnlich verhält sich die Situation bei Masterstudierenden, deren Abbruchquote von 27% (2018) auf 31% (2020) anstieg (Heublein, Hutzsch & Schmelzer, 2022, S. 5, 9).

Ein Grund kann darin gesehen werden, dass die Hochschulen im Rahmen der Corona-Pandemie ihre Lehre auf digitale Formate umgestellt haben. Diese digitalen Formate wurden insbesondere in der Anfangsphase sowohl von den Lehrenden als auch den Studierenden kritisch gesehen. Dabei wurde von Studierenden insbesondere auch der verminderte Austausch kritisiert, da die Lehre oftmals sehr dozentenzentriert umgesetzt wurde (Haag & Kubiak, 2022, S. 40-41). Da als wesentliche Gründe für einen Studienabbruch u.a. das Verhältnis eines Studierenden zu den Dozenten und Kommilitonen, aber auch die Qualität der Lehrveranstaltungen gesehen werden (Neugebauer, Heublein & Daniel, 2019, S. 1034-1035), soll daher in diesem Beitrag diskutiert werden, wie die Interaktion von Studierenden in Online-Vorlesungen erhöht werden kann.

Erwartungen der Studierenden

Um herauszufinden, wie die Interaktion von Studierenden erhöht werden kann, sollte sich mit den Erwartungen der Studierenden beschäftigt werden. Dazu kann zunächst festgehalten werden, dass die Studierenden mittlerweile durchaus Präferenzen für die digitale Lehre vorweisen. So konnte bereits vor der Corona-Pandemie für das Jahr 2019 ermittelt werden, dass knapp zwei Drittel der Befragten zumindest teilweise digitale Formate gegenüber klassischen Formaten wie Seminaren und Vorlesungen bevorzugen würden (Dittler & Kreidl 2020, S. 466).

Wie bereits dargelegt worden ist, wurde in der Corona-Pandemie bei den digitalen Formaten oftmals ein dozentenzentrierter Ansatz bei der Umsetzung der digitalen Lehre gewählt. Mit Blick auf die Abbildung 1 lassen sich zwei Aspekte festhalten: Der dozentenzentrierte Lehransatz gehört zu den von den Studierenden am wenigsten präferierten Lehrmethoden. Etwas überraschend ist hingegen, dass auch die Lehrenden diesen Ansatz nicht präferieren – obwohl sie ihn in der Lehre vermehrt eingesetzt haben. Ebenfalls zeigt die Abbildung, dass mehr Fokus auf Interaktion bevorzugt werden (Blumentritt, Schwinger & Markgraf, 2020, S. 486).

Abbildung 1: Präferierte Lehrmethoden (Quelle: Blumentritt, Schwinger & Markgraf, 2020, S. 486)

Bei der Wahrnehmung von digitalen Studienmodellen zeigen sich große Unterschiede in der Wahrnehmung von Studierenden und Lehrenden: Die Studierenden erleben hier vielfach Monologe und unpersönliche Interaktion, während die Dozenten sich eher im Dialog und persönlicher Interaktion mit den Studierenden sehen. Einigkeit besteht aber bei beiden Gruppen darin, dass digitale Studienmodelle eher auf Einzelarbeiten angelegt sind (Blumentritt, Schwinger & Markgraf, 2020, S. 491-492). Es zeigt sich somit, dass es mit Blick auf die Interaktion in Online-Vorlesungen durchaus Verbesserungspotenzial gibt.

Empfehlungen zur Erhöhung der Interaktivität

Grundsätzlich lassen sich vier verschiedene Problemfelder identifizieren, die für eine geringe Interaktion verantwortlich sein können (Uemminghaus, Wadthaporn & Frey, 2021, S. 90-95):

  1. Die Studierenden sind nicht in die digitalen Veranstaltungen eingebunden – weder sozial noch emotional. Die digitale Lehre wird als unpersönlich empfunden, der Studierende befindet sich im Einzelkämpfermodus.
  2. Bereits in Präsenzveranstaltung lässt sich oftmals keine rege Beteiligung verzeichnen, was auch in Online-Formaten beobachtet werden kann. Gerade durch Ausschalten von Kamera und Mikro kann man sich recht unauffällig verhalten, so dass man nicht angesprochen wird. Auch fühlen sich die Teilnehmer weniger involviert und als nicht Teil einer Lernendengemeinschaft.
  3. Die Möglichkeiten für Feedback und Partizipation werden bei Online-Formaten oftmals nur unzureichend ausgeschöpft.
  4. Die Praxisrelevanz eines Studiums spielt für Studierende eine große Rolle – gerade mit Blick auf die Arbeitsmarktfähigkeit. Dies wird in der digitalen Lehre oftmals zu wenig beachtet.

In Tabelle 1 sind die Problemfelder mit den dazugehörigen Schlussfolgerungen aufgelistet. Aus diesen Schlussfolgerungen lassen sich wiederum Empfehlungen ableiten, wie die Interaktion in Online-Vorlesungen erhöht werden kann. Folgende Maßnahmen können dabei exemplarisch genannt werden (Uemminghaus, Wadthaporn & Frey, 2021, S. 96-100):

  • Kennlernrunden zu Beginn.
  • Feedback über den Lernstand und –prozess einfordern.
  • Interessen abfragen und Lerninhalte/Schwerpunkte selbst festlegen lassen.
  • Direkte und namentliche Ansprache der Studierenden, um den Austausch einzufordern.
  • Stellen provokativer und herausfordernder Fragen.
  • Aktivierung der Lernenden, z.B. durch Gruppenarbeiten, Diskussionen, etc.
  • Verpflichtendes Peer-Feedback, z.B. bei Präsentationen.
  • Inhalte mit dem Interesse und Lebensbereichen der Studierenden verbinden.
  • Sinnstiftung durch Einbindung des Stoffs in den großen Zusammenhang.
  • Schaffung von Raum für Nachfragen und Einfordern dieser.
  • Nutzung von passender Infrastruktur, z.B. Lernplattform, Foren, digitalen Klassenräumen.
  ProblemfelderSchlussfolgerungen
Fehlende soziale und emotionale EinbindungSchaffen einer klaren Struktur als OrientierungsrahmenKlare, deutliche und häufige KommunikationAufmerksamkeitsgenerierung zur AblenkungsvermeidungRaum für soziale Interaktion schaffen
Reduzierte interaktive Beteiligung in digitalen LehrveranstaltungenSchaffen eines GemeinschaftsgefühlsSinnstiftung und klare ZielsetzungSchaffen von Verbindlichkeit
Nicht genutzte Möglichkeiten zu Feedback und PartizipationRäume für Feedback an die Studierenden schaffenDen Studierenden Feedback ermöglichenEinbezug der Studierenden in die Gestaltung der Lehrveranstaltungen (Partizipation)
Fehlende Möglichkeiten für praktische ÜbungenAufgabenbearbeitung ermöglichenVirtuelle Labore (Simulationen oder Remote-Labore)Kreativität der Studierenden nutzenTechnische Möglichkeiten besser ausnutzen
Tabelle 1: Problemfelder und Schlussfolgerungen (Quelle: Uemminghaus, Wadthaporn & Frey, 2021, S. 90-95)

Zusätzlich haben sich verschiedene Lehrformate als förderlich für die Interaktion erwiesen. Als Beispiele hierfür haben sich der Flipped Classroom und das problemorientierte Lernen erwiesen, die auf Gruppenarbeiten und Diskussionen setzen, so dass der Lehrende sich oftmals in einer moderierenden Rolle wiederfindet (Becker, Mayer & Kauffeld, 2019, S. 304; Zwickwolf & Kaufmann 2019, S. 46).

Fazit

Untersuchungen zeigen, dass Studierende sich Lehrformate wünschen, die auf Interaktion und Praxisorientierung setzen. Dies entspricht jedoch leider nicht dem, wie digitale Lehre vielfach umgesetzt und von den Studierenden wahrgenommen wird. Diese erleben die digitale Lehre oftmals als dozentenzentriert mit vielen Monologen und unpersönlicher Interaktion.

Aufgrund bestehender Erfahrungen lassen sich vier verschiedene Problemfelder identifizieren, die Ursache für eine verminderte Interaktion in Online-Vorlesungen sein können. Davon ausgehend lassen sich verschiedene Maßnahmen identifizieren, wie die Interaktion in der digitalen Lehre gesteigert werden kann. Auch Lehrformate wie der Flipped Classroom und das problemorientierte Lernen können sich als förderlich für die Interaktion erweisen. 

Literatur

Becker, J., Mayer, V. & Kauffeld, S. (2019).  Problemorientiertes Lernen. In: Kauffeld, S. & Othmer, J. (Hrsg). Handbuch Innovative Lehre (S. 303-310). Berlin: Springer.

Blumentritt, M., Schwinger, D. & Markgraf, D. (2020). Digitale Bildung in Hochschulen aus Sicht der Studierenden: Wahrnehmung des Status quo, Erwartungen und Wünsche. In: Fürst, R. A. (Hrsg.). Digitale Bildung und Künstliche Intelligenz in Deutschland – Nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsagenda (S. 475-500). Wiesbaden: Springer Gabler.

Dittler, U, & Kreidl, C. (2021). Wie Corona die Hochschullehre verändert – Erfahrungen und Gedanken aus der Krise zum zukünftigen Einsatz von eLearning. Wiesbaden: Springer Gabler.

Haag, H. & Kubiak, D. (2022). Hochschule in krisenhaften Zeiten – Eine qualitativ-explorative Längsschnittstudie zum Erleben der Pandemie von Lehrenden, Forschenden und Studierenden. Frankfurt: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Heublein, U., Hutzsch, C. & Schmelzer, R. (2022). Die Entwicklung der Studienabbruchquoten in Deutschland. DZHW Brief 05 2022, S. 1-16.

Neugebauer, M., Heublein, U. & Daniel, A. (2019). Studienabbruch in Deutschland – Ausmaß, Ursachen, Folgen, Präventionsmöglichkeiten. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 22, S. 1025–1046.

Uemminghaus, M., Wadthaporn, S. & Frey, D. (2021). Lernerfahrungen aus COVID-19: Wie kann digitale Lehre gut umgesetzt werden? In: Frey, D. & Uemminghaus, M. (Hrsg.). Innovative Lehre an der Hochschule – Konzepte, Praxisbeispiele und Lernerfahrungen aus COVID-19 (S. 87-102). Berlin: Springer.

Zwickwolf, K. & Kauffeld, S. (2019). Inverted Classroom. In: Kauffeld, S. & Othmer, J. (Hrsg): Handbuch Innovative Lehre (S. 45-52). Berlin: Springer.

Bildquelle

Roos, V. (2020). Vorlesung online halten… Zugriff am 11.11.2022. Verfügbar unter https://www.vanessaroos-coaching.de/2020/10/23/gastvorlesungi/

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