Steigende Arbeitslosigkeit durch die Corona-Pandemie – Die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf die psychische Gesundheit

Die Corona-Pandemie stürzte die Welt im März 2020 in eine tiefe Krise. Die meisten Staaten reagierten auf die Pandemie mit umfassenden Lockdowns mit dem Ziel der Kontaktreduktion der Bevölkerung. 

Die Pandemie ist eine Katastrophe, eine gesundheitliche, eine soziale und auch eine ökonomische. Hunderttausende. In der Schweiz sank das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 um 3,8% (SECO, 2021). Trotz massiver finanzieller Unterstützung der Wirtschaft durch Soforthilfen und Kurzarbeit hat sich die Arbeitslosigkeit im Januar 2021 im Vergleich zum Vorjahr um 1,1% auf 3,7% erhöht. Das entspricht in der Schweiz insgesamt 169`753 Personen, welche im Januar 2021 arbeitslos waren. Knapp weitere 300`000 Personen befinden sich im Januar 2021 noch in Kurzarbeit, dies entspricht ca. 6% aller Erwerbstätigen (SECO, 2021).

Es lohn sich daher ein Blick darauf zu werfen, was die Pandemie für diese Personen bedeutet und welche gesundheitlichen, insbesondere psychischen Folgen dies für diese Personen mit sich bringt. Dabei hilft ein Blick in die Wissenschaft. 

Arbeitslosigkeit als Risiko für physische und psychische Gesundheit

Eine amerikanische Längsschnittsstudie untersuchte die Lebenserwartung in Regionen mit niedriger und höherer Arbeitslosigkeit. Dabei konnten sie feststellen, dass eine Zunahme der Mortalität bei Männern um 6% im Jahr festzustellen ist, wenn sich die Arbeitslosigkeit um 1 Prozentpunkt erhöht. Diese Veränderung der Mortalität durch die Erhöhung der Arbeitslosenquote wird insbesondere durch eine dadurch ausgelöste Erhöhung bei Herz- und Kreislauferkrankungen sowie Krebserkrankungen zurückgeführt (Halliday, 2014). 

Nun ist dieses Ergebnis aus den USA natürlich kritisch zu betrachten, insbesondere wenn es um die Adaption für ein Land wie die Schweiz geht, in der ein verhältnismässig hoher sozialer Standard mit einem gut ausgebauten Sozialstaat geht. 

Doch auch Studien aus Deutschland zeigen, dass Arbeitslosigkeit die Lebenserwartung signifikant sinken lässt. So kommt eine Längsschnittsstudie des Robert-Koch-Institut zum Ergebnis, dass in Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit die Lebenserwartung durchschnittlich 2,5 Jahre niedriger ist als in Gebieten mit niedriger Arbeitslosigkeit. So erhöht sich in Regionen mit erhöhter Arbeitslosigkeit auch das Mortalitätsrisiko, insbesondere für Männer, durch Suizide, alkoholassoziierte Todesursachen, Verkehrsunfälle, Herzinfarkte und Krebs (Kroll, Müters, & Lampert, 2015).

Weiter zeigt sich, dass Arbeitslose signifikant häufiger an Depressionen und Angststörungen erkranken und ein geringeres Selbstwertgefühl aufweisen (Herbig, Dragano, & Angerer, 2013). 

Am Beispiel der Finanzkrise wurde weiter untersucht, wie sich die Krise weltweit auf die Suizidrate ausgewirkt hat. Dabei zeigte sich, dass die Suizidrate zeitversetzt um 6 Monate nach Beginn der Krise signifikant anstieg. Ein Anstieg der Arbeitslosenquote von 3 auf 6% erhöhte das relative Risiko für Suizid von 1,158 auf 1,229, was ein Anstieg der Suizidrate um 6,1% bedeutet. Diese Effekte wurden in allen Regionen der Welt festgestellt (Klein, 2015).

Es kann also davon ausgegangen werden, dass die durch die Krise ausgelöste Rezession einen signifikanten Effekt auf die psychische Gesundheit und auf das Mortalitätsrisiko der betroffenen Personen von Arbeitslosigkeit haben wird. 

Arbeitsplatzunsicherheit als weiterer kritischer Faktor

Weiter zu beachten gilt es die Situation der von Kurzarbeit betroffenen Personen. In der Schweiz konnte insbesondere bei Mitarbeitenden im Gastgewerbe und dem Kultur- und Sportbereich eine erhöhte Arbeitsplatzunsicherheit festgestellt werden (Pucci-Meier, 2020). 

Bei der Arbeitsplatzunsicherheit handelt es sich um eine empfundene Machtlosigkeit, in einer gefährdeten Arbeitsplatzsituation die gewünschte Kontinuität aufrechtzuerhalten. Es zeigt sich, dass diese empfundene Machtlosigkeit mit einem erhöhten Stresserleben, einer verringerten Lebensqualität und Beeinträchtigungen der physischen sowie psychischen Gesundheit einhergeht. Insbesondere kann bei erhöhter Arbeitsplatzunsicherheit auch eine Zunahme von Alkohol, Nikotin und Medikamentenabusus festgestellt werden. Der durch die Machtlosigkeit ausgelöste Stress kann bei den Betroffenen weiter zu den Konzentrations- und Schlafstörungen führen. Auch sind bei Personen mit empfundener Arbeitsplatzunsicherheit erhöhte Risiken für schmerzliche Muskelverspannungen, Magengeschwüre, Herzinfarkte sowie für Schlaganfälle festzustellen (Haupt, 2009).

Es kann also auch hier davon ausgegangen werden, dass durch die Pandemie ausgelöste Rezession nicht nur negative Auswirkungen auf die von Arbeitslosigkeit betroffenen Personen hat, sondern auch auf die Personen, welche akut Arbeitsplatzunsicherheit erleben. Verschlechtern kommt hinzu, dass diese Situation nun bereits ein Jahr andauert und für die Betroffenen kein Ende in Sicht scheint. So wird in der Schweiz gerade im Parlament darüber diskutiert, die Kurzarbeit bis Mitte 2022 zu verlängern. Auf der einen Seite hilft dies natürlich Arbeitslosigkeit zu vermindern, heisst aber für die Mitarbeitenden auch, dass die Phase der Kurzarbeit für die Betroffenen noch lange dauern kann und sich somit die Phase der Unsicherheit verlängert. Zu beachten ist weiter, dass in Kurzarbeit auch die ökonomische Situation verschlechtert ist, da in Kurzarbeit lediglich 80% des Einkommens bezahlt wird.


Eine holistische Betrachtung der Pandemie-Auswirkungen ist zwingend notwendig

Es macht den Anschein, dass sich die Politik stark auf die direkt beobachtbaren Pandemie-Auswirkungen konzentriert, konkret die Infektionszahlen sowie die an COVID-19 verstorbenen Personen. Entsprechend wird alles versucht diese klein zu halten und die Ressourcen darauf fokussiert. Selbstverständlich muss die Pandemie unter Kontrolle gehalten werden, jedoch dürfen die Kollateralschäden dabei nicht ausser Acht gelassen werden. Gerade auch die ökonomischen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit und Arbeitsplatzunsicherheit dürfen dabei nicht ignoriert werden, insbesondere weil auch hier die Auswirkungen wissenschaftlich mehrfach belegt sind. 

Arbeitnehmende brauchen in dieser Krise erhöhten Schutz. Natürlich muss ihre Gesundheit geschützt werden, dies beinhaltet aber auch den ökonomischen Schutz. Möglichkeiten wären dabei eine Ausdehnung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld sowie den vollen Lohnausgleich bei Kurzarbeit. Der Staat ist da in Verantwortung, weil anders als in einer normalen Wirtschaftskrise der Staat es ist, der ein Verbot der wirtschaftlichen Tätigkeit veranlasst hat. 

Weiter müssten breit psychologische Hilfsangebote für betroffene geschaffen werden. Denn eines ist ebenfalls klar, durch die Pandemie steigen nicht nur Infektionszahlen, es werden auch die Suizide sowie die psychischen Erkrankungen zunehmen. Dies zeigen nur schon die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit und Arbeitsplatzunsicherheit auf die psychische Gesundheit. 

Quellen:

Bild, Pixabay https://pixabay.com/de/illustrations/rezession-wirtschaftskrise-5124813/

Halliday, T. (2014). Unemployement and Mortality: Evidence from the PSID. Manoa: University of Hawaii at Manoa, Departement of Economics.

Kroll, L., Müters, S., & Lampert, T. (2015). Arbeitslosigkeit und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit. Bundesgesundheitsblatt 2016, S. 228-237.

Herbig, B., Dragano, N., & Angerer, P. (2013). Health in the long-term unemployes. Deutsches Ärzteblatt Int. , S. 23-24.

Klein, F. (September 2015). Suizid – Risikofaktor Arbeitslosigkeit . Fortschritte der Neurologie Psychiatrie , S. 30-32.

Pucci-Meier, L. (2020). Der Einfluss der COVID-19 Pandemie auf die psychische Gesundheit der Schweizer Bevölkerung und die psychiatrisch- psychotherapeutische Versorgung in der Schweiz . Bern: Bundesamt für Gesundheit.

Haupt, C. M. (2009). Der Zusammenhang von Arbeitsplatzunsicherheit und Gesundheitsverhalten in einer bevölkerungsrepräsentativen epidemiologischen Studie. Fehlzeiten-Report 2009, S. 101-107.

SECO. (2021). Die Lage auf dem Arbeitsmarkt. Januar 2021. Zürich: Staatssekretariat für Wirtschaft Seco.

SECO. (2021). Konjunkturprognosen. Zürich: Staatssekretariat für Wirtschaft