SWE- Ein Schlagwort der heutigen Zeit

Einleitung

Immer häufiger wird der Begriff Selbstwirksamkeit in den Medien aufgegriffen.  Es stellt sich die Frage, welche aussagekräftigen wissenschaftlichen Fakten hinter diesem Konstrukt stecken und welche Anwendungsbereiche diese Methode umfasst. Ursprünglich geht das Modell der Selbstwirksamkeit auf die Erkenntnisse Alfred Bandura´s zurück. In seiner sozial-kognitiven Theorie setzt er sich mit den Termini Selbstwirksamkeit (SW) und Selbstwirksamkeitserwartung (SWE) auseinander und untersucht deren Ursachen. In weiter Folge entwickelte Bandura ein Konzept, um SW zu fördern und als Bewältigungsstrategie zur Problemlösung einzusetzen(Vgl. Pawlik, 2006, S. 680). Seinen Erkenntnissen wurde große Beachtung geschenkt und viele weitere Ansätze basieren auf seinen  Theorien. Diese finden nicht nur im wissenschaftlichen Bereich aufgrund vielseitiger Einsetzbarkeit Beachtung, vermehrt richtet sich in letzter Zeit auch die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit auf das Modell.

Definition SWE

Bandura selbst definiert SWE (self-efficacy beliefs) folgendermaßen:“ Perceived self-efficacy is concerned not with the number of skills you have, but with what you believe you can do with what you have under a variety of circumstances,“ (Bandura, 1997, S. 37, zitiert nach Rauthmann, 2017, S. 186). Dieses Konstrukt umfasst somit die generalisierte Erwartung, die aus der Überzeugung resultiert, schwierige Handlungen oder komplizierte Situationen auf Grund eigener Kompetenzen zu bewältigen (Vgl. Pawlik, 2006, S. 683). SW setzt sich aus den Komponenten Wirksamkeitserwartung (Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten) und Ergebniserwartung (die auf die zu erwartenden Ergebnisse abzielt), zusammen. Diese beiden Komponenten können sich je nach Ausprägung der SW leistungssteigernd und  motivationsfördernd auf das Verhalten auswirken und üben infolgedessen einen Einfluss auf Wahrnehmung, Motivation sowie Leistung aus (Vgl. Gerrig, 2015, S. 530).

Ressourcen der SW

Grundlegend resultiert Selbstwirksamkeit aus vier Quellen:

1. Erfolgserlebnisse bzw. Misserfolge, die je nach Kontext zu einer Stärkung bzw. Schwächung der SW führen, haben den stärksten Einfluss. Durch Selbstreflektion sind eigenständig erfolgreich gelöste Aufgaben leichter nachvollziehbar und haben Kompetenz stärkenden Charakter, wodurch sich positive Auswirkungen für die Problemlösungsfähigkeit ableiten lassen. Zudem prägen sich direkte Erfahrungen im Vergleich zu indirekten wesentlich intensiver ein und können bei zukünftigen Herausforderungen als Bewältigungsstrategie eingesetzt werden (Vgl. Rauthmann, 2017, S. 186).

2. Modelllernen kann positive Effekte in diesem Bereich bewirken. Durch erfolgreiche Problemlösung anderer, findet stellvertretendes Lernen statt, wobei weitere Einflussgrößen in der Ähnlichkeit zur eigenen Person liegen und ob die Bemühungen zum Erfolg führen (Vgl. Rauthmann, 2017, S. 186).

3. Auch soziale Gruppen sind zu erwähnen, sie können im positiven Sinn sowie im negativen  meinungsbildenden Einfluss bewirken, der maßgebliche Folgen auf die Selbsteinschätzung nachziehen kann. So trägt bspw. Persuasion, also der Zuspruch aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis, wesentlich zu einer Bestärkung der SWE bei. Auch die negative Seite, in Form von Abwertung, darf nicht außer Acht gelassen werden, sie kann sogar zu einer Schwächung der Selbstwirksamkeit führen (Vgl. Jerusalem/Hopf, 2002, S. 21).

4. Ebenso darf die emotionale Komponente nicht unterschätzt werden. So können Fehlinterpretation zu falschen Schlüssen führen, wodurch eine negative Bewertung der Kompetenzerwartung resultieren kann.  Diese Quelle bewertet Bandura als schwächste vor allem in Bezug auf die ersten beiden (Vgl. Jerusalem/Hopf, 2002, S.22).

Bedeutung der SWE

Durch die beinahe universelle Einsetzbarkeit des Selbstwirksamkeitskonzepts, zeigt sich die enorme Bedeutung dieses Instruments als Bewältigungsstrategie. Nahezu alle Lebensbereiche können durch dieses Verfahren einen positiven Einfluss erfahren, der durch unterstützende   Interventionen noch zusätzlich verstärkt werden kann. Es ist somit ein wirkungsvolles Instrument, das für ein breitgefächertes Anwendungsgebiet, sei es im beruflichen, sportlichen, privaten oder Gesundheitsbereich, konzipiert ist.  Vor allem in unserer leistungsorientierten Gesellschaft, wo die Anforderungen und Mehrfachbelastungen ständig steigen und der hohe Einsatz oft psychische Erkrankungen zur Folge hat, kommt das Modell vermehrt zum Tragen. Die positiven Effekte zeigen sich durch das Vertrauen auf eigene Kompetenzen, die zu einer optimistischen Grundhaltung führen und auch mit einer größeren Stressresistenz einhergehen. Die Fokussierung auf gesteckte Ziele ist stärker anzutreffen, sowie die Intensität und Ausdauer zur Zielerreichung. Auch Tendenzen zu einem gesunden Lebensstil sind ausgeprägter. Niedrige Selbstwirksamkeitserwartungen hingegen wirken sich  gegenteilig aus und können zu negativer Beeinträchtigung des körperlichen Wohlbefindens, wie Leistungsabfall, Apathie und Mutlosigkeit führen. Oftmals sind auch Prädispositionen zu Suchtverhalten, Phobien und depressiven Erkrankungen anzutreffen.

Besonderheiten

Eine wichtige Komponente dieses Konstrukts stellt die Interaktion zwischen individuellen  Faktoren, Verhaltensweisen und Umweltreizen dar. Sie können sich gegenseitig beeinflussen, verändern und durch Rückmeldungen kann eine Verhaltensänderung resultieren. Bandura bezeichnet dieses Phänomen „reziproken Determinismus,“(Vgl. Gerrig, 2014, S. 530).

Generell neigen Menschen dazu Erfolge internal (auf eigene Kompetenzen) zu attribuieren, Misserfolge external (äußere Umstände), was infolge zur Aufrechterhaltung eines möglichst vorteilhaften Selbstwertgefühls führt. Schneider & Schmalt bezeichnen diesen Attribuierungsprozess, der ein Gefühl von Selbstwirksamkeit auslöst, als hedonistische Verzerrung (Schneider & Schmalt, 1981, zitiert nach Becker-Carus, 2004, S. 482). Dadurch kommt es zu einer Senkung der emotionalen Erregung und Erzielung besser Leistungen.

Schwarzer und Jerusalem wieder setzen sich für stellvertretendes Lernen ein und sehen psychische Barrieren als Hindernis zur Zielerreichung. Aufbauend auf ihren Forschungserkenntnissen entwickelten sie eine Skala spezieller Items, um die Stärke der SW messbar zu machen (Vgl. Schönpflug, 2006, S. 7).

Stellenwert der SWE

Die Bedeutung der Selbstwirksamkeit und der Selbstwirksamkeitserwartung nimmt in der heutigen Zeit immer einen höheren Stellenwert ein. Durch die vielen Einflüsse und Veränderungen, die das moderne Leben mit sich bringt, wird oftmals Verunsicherung hervorgerufen. Immer wieder zeigen sich die positiven Auswirkungen der SW auf das Leben, die Lebensqualität generell und die Gesundheit im Speziellen. Diese Methode ist ein Weg wieder an sich zu glauben, eigene Kompetenzen schätzen zu lernen und darauf aufzubauen. Oftmals wird nur der Misserfolg gesehen und besprochen und Erfolge als selbstverständlich angesehen. Dieses Missverhältnis wirkt sich negativ aus und stellt die eigentliche Erfolgsbilanz in den Schatten. Ein Umdenken kann das Selbstvertrauen erheblich stärken und die Selbstwirksamkeit erhöhen. Zusätzliche intervenierende Maßnahmen können diesen Effekt noch steigern.

Fazit

Mit dem Konzept der Selbstwirksamkeit und Selbtwirksamkeitserwartung steht eine wirkungsvolle Bewältigungsstrategie bei Problemlösungen zur Verfügung, die durch die vielseitigen Anwendungsmöglichkeiten eine wertvolle Unterstützung in Krisensituationen, aber auch im Alltag bietet. Das Bewusstsein um die eigenen Fähigkeiten stellt eine wichtige Grundlage dar, um die Herausforderungen des Lebens zu meistern. Zusätzlich führen Reflektionen bereits erbrachter Leistung die persönlichen Kompetenzen vor Augen und fördern das Selbstwertgefühl. Ein Modell das gerade in der heutigen Zeit durch seine unbestrittene Wirkungsweise immer mehr an Bedeutung gewinnt. Durch seine Effizienz und Effektivität stellt es sich als ein praktikables Instrument dar, dass jeder in Anspruch nehmen kann, um daraus persönlichen Nutzen zu ziehen.

Literaturverzeichnis

Becker-Carus, C., (2004), Allgemeine Psychologie (1. Auflage), Heidelberg: Spektrum Verlag

Gerrig, R. J., (2004), Psychologie (20. Auflage) Hallbergmoos: Pearson Verlag

Jerusalem/ Hopf (2002), Selbstwirksamkeit und Motivationsprozesse in Bildungsinstitutionen, Abgerufen am 14.08.2020, Verfügbar unter: https://www.pedocs.de/volltexte/2011/3930/pdf/ ZfPaed_44_Beiheft_Schwarzer_Jerusalem_Konzept_der_Selbstwirksamkeit_D_ A.pdf.

Pawlik, K., (2006), Handbuch Psychologie, Heidelberg : Springer Verlag,

Rauthmann, J. F., (2017), Persönlichkeitspsychologie: Paradigmen- Strömungen- Theorien, Berlin: Springer Verlag

Schönpflug, W., (2006), Einführung in die Psychologie (1. Auflage),Basel: Beltz Verlag,

Beitragsbild: Helmut Fischer, Vorbereitung auf Finale Ligure 24 hour race, 2020, fotografiert von Susanne Svejda