Workaholism: Eine ernstzunehmende Krankheit

 „Ich muss noch Mails checken“, „Es wird wieder später“ oder „Ich möchte das noch erledigen“ sind Sätze die Partner, Familienmitglieder oder Freunde von Personen, die viel Arbeiten, gut kennen. Da wir in einer Leistungsgesellschaft leben, wird solch ein Verhalten schon einmal als ehrgeizig, tüchtig oder fleißig angesehen (Poppelreuter & Evers, 2000, S. 75). Doch dahinter kann eine ernstzunehmende Krankheit stecken: die Arbeitssucht. Es stellt sich die Frage, woran sich diese erkennen lässt? Welche Folgen die Arbeitssucht hat und wie sich diese verhindern lassen?

Definition und Symptome der Arbeitssucht

Wie die Kaufsucht und die Sexsucht zählt auch die Arbeitssucht zu den medienwirksamsten, stoffungebundenen Suchtformen (Poppelreuter & Evers, 2000, S. 73). Schätzungen zufolge dürfte es in Deutschland 200.000 bis 300.000 arbeitssüchtige Personen geben (Poppelreuter, 2009, S. 9). Allerdings wird Arbeitssucht als Krankheit in der Gesellschaft belächelt (Fritzsche, 2018, S. 216). Workaholics werden akzeptiert und von vielen gutgeheißen (Spiegel, 2015). Hinzu kommt auch, dass der Begriff „Arbeitssucht“ bisher nicht in der offiziellen psychologischen und medizinisch-psychiatrischen Diagnostik Einzug finden konnte (Pietropinto, 1986: zitiert nach Poppelreuter & Evers, 2000, S. 74).
Des Weiteren sind Schwierigkeiten bei der Definition des Begriffs „Arbeitssucht“ gegeben. Grundsätzlich wird diese „als ein exzessives Bedürfnis nach Arbeit, das ein solches Ausmaß erreicht, dass es für den Betroffenen zu unübersehbaren Beeinträchtigungen der körperlichen Gesundheit, des persönlichen Wohlbefindens, der interpersonalen Beziehungen und des sozialen Funktionierens kommt“, beschrieben (Oates, 1971; zitiert nach Poppelreuter, 2009, S. 3). Daraus ergibt sich die Frage, wie Begriffe wie unübersehbar, exzessiv und Beeinträchtigungen genau zu verstehen sind.
Aus diesem Grund orientieren sich die Symptome der Arbeitssucht an Indikatoren nicht-stoffgebundener Suchtformen. Folgende primäre Symptome sind dabei charakteristisch:

  • Die Arbeit rückt in den Mittelpunkt. Es dreht sich alles um die Arbeit. Der gesamte Denk- und Vorstellungsraum fokussiert sich auf die Arbeit.
  • Es kommt zu einem Kontrollverlust, d.h. die Dauer und der Umfang des Arbeitsverhaltens lässt sich nicht mehr einschätzen.
  • Eine Abstinenzunfähigkeit stellt sich ein. Der Betroffene hält es für unmöglich für eine gewisse Zeit nicht zu arbeiten.
  • Sobald die Person freiwillig oder erzwungen aufhört zu arbeiten, treten Entzugserscheinungen auf. Es kann auch zu vegetativen Symptomen kommen.
  • Um den gewünschten Effekt zu erreichen, wird mehr und mehr gearbeitet. Es kommt zur Toleranzentwicklung.
  • Es treten psychosoziale und/oder psychoreaktive Störungen auf (Poppelreuter & Evers, 2000, S. 74).

Da es bisher keine Festlegung gibt, wie viele der aufgezählten Symptome über welchen Zeitraum hinweg und in welcher Intensität vorkommen müssen, kann keine genaue Arbeitssuchtdiagnose gemacht werden. Die entscheidende Frage bei der Diagnose ist warum und wie jemand arbeitet (Poppelreuter, 2009, S. 7).

Ursache und Folgen

Es werden unterschiedliche Faktoren als Ursache definiert. Wenn diese zusammenwirken kann Arbeitssucht hervorgerufen werden. Die Persönlichkeit des Betroffenen stellt u.a. einen Faktor dar. Eine Person mit wettbewerbsorientierten Charakter ist gefährdet eine Arbeitssucht zu entwickeln, da diese nach Erfolg strebt und diesen versucht mit persönlichen Aufwand und mit maximaler Kontrolle zu erlangen. Einen weiteren Faktor bildet die Suche nach Anerkennung, welche der Betroffene über Leistung zu erreichen versucht. Hierbei sind häufig Menschen betroffen, die ein geringes Selbstwertvertrauen und Versagensängste aufweisen. Sie erhoffen durch ihre erbrachte Leistung, Lob zu erhalten, um sich besser fühlen zu können. Darüber hinaus kann auch die Arbeitssituation bei der Entstehung von Arbeitsucht eine Rolle spielen. Wenn eine entsprechende charakteristische Dispositione vorliegt und Leistung im Unternehmen unüberlegt zu Akzeptanz und Belobigung führt. Die gesellschaftliche Entwicklung unserer Leistungsgesellschaft begünstigt solche Situationen. Bereits in der Kindheit wird Leistungsorientierung vermittelt und verlangt (Ruland, 2017, S. 479). In der gegenwärtigen Zeit, in der immer schnellere werdende Entwicklungszyklen und Prozesse vonstattengehen, müssen Unternehmen, die von ihren Beschäftigten anhaltende Verfügbarkeit, Motivation und Bereitschaft verlangen, damit rechnen, dass übermäßiges Arbeitsengagement auf Dauer eine dunkle Schattenseite mit sich bringt (Rademacher, 2017, S. 1). Leichte depressive Verstimmungen, Erschöpfungsgefühle, unbegründbare Ängste sowie Konzentrationsstörungen sind Folgeerscheinungen, die sich als psychische Symptome erkennen lassen. Zu den körperlichen Störungen zählen Kopf- oder Magenschmerzen und Herz-Kreislaufbeschwerden. Im zweiten Stadium kann es zu deutlichen Depressionen kommen, die zu einer Arbeitsunfähigkeit führen. Vereinzelt können ebenso konversionsneurotische Symptome auftreten. Außerdem werden zu den körperlichen Bereichen Herzinfarkt, essentielle Hypertonie und die Ulcuskrankheit genannt. Bei der Behandlung wird häufig die dahinterstehende Ursache übersehen, worauf es meist zu einer Chronifizierung der Beschwerden kommt (Mentzel, 1979, S. 124).

Maßnahmen zur Prävention von Arbeitssucht

Damit Arbeitssucht und deren Folgeerscheinungen nicht eintreten, gilt es in Unternehmen diese erfolgreich und nachhaltig zu verhindern. Hierbei sollten jeder Einzelne, das Team und die Gesamtorganisation ihr Augenmerk auf die Maßnahmen zur Prävention richten (Rademacher, 2017, S. 31). Die nachfolgenden Tabellen sollen einen Überblick über mögliche Maßnahmen zur Prävention von Arbeitssucht geben:

Individuelle Maßnahmen
– Konsequentes Zeitmanagement
– Smartphonefreie Zeiten schaffen
– Nur noch ein bis zwei Mal am Tag E-Mails lesen und bearbeiten
– Ein Hobby regelmäßig (min. zweimal pro Woche) ausüben
– Regelmäßig Ruhephasen einplanen (z.B. im Kalender eintragen)
– Passive Entspannungstechniken aneignen (z.B. Meditation, Autogenes Training)
– Regelmäßig Familie und Freunden treffen
– Ggf. einen Business Coach heranziehen
Tabelle 1: Individuelle Maßnahmen zur Prävention von Arbeitssucht.
(Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Rademacher, 2017, S. 46)

Maßnahmen im Team
– Individuelle Maßnahmen für gesundes Arbeiten planen
– Teambuildingmaßnahmen anwenden (z.B. Time Out)
– Forderung und Förderung stärkerer Zusammenarbeit im Team
– Arbeitssüchtiges Verhalten nicht gutheißen
– Gute Fehlerkultur pflegen (z.B. After Action Reporting)
– Forderung und Förderung von zielführendem Delegieren von Aufgaben
– Ggf. ein Business Coach heranziehen
Tabelle 2: Maßnahmen im Team zur Prävention von Arbeitssucht.
(Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Rademacher, 2017, S. 46)

Maßnahmen für die Organisation
– Entwicklung und Durchführung eines Leitbildes für gesundes Arbeiten
– Schulung von Gesundheitsbeauftragten und Betriebsrat
– Führungskräftetrainings
– Regeln bezüglich Medienumgang und Verfügbarkeit außerhalb der Arbeitszeit festlegen
– Gründung von Selbsthilfegruppen
– Arbeitssüchtiges Verhalten nicht gutheißen
– Betriebliches Gesundheitsmanagement stärken
– Entwicklung von zielführendem Delegieren von Aufgaben als Führungskräftekompetenz
– Ggf. Unterstützung durch einen Organisationsentwickler
Tabelle 3: Maßnahmen für die Organisation zur Prävention von Arbeitssucht.
(Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Rademacher, 2017, S, 46)

Fazit

Arbeitssucht ist eine ernstzunehmende Suchtkrankheit. Doch das angestrengte und verbissene Streben nach Anerkennung und Erfolg wird in der Gesellschaft vielmehr als positive Eigenschaft angesehen. Das geht so weit, dass einige Menschen sich selbst gern als „Workaholik“ bezeichnen. Solche Personen sollten umgehend aufgeklärt und über die angeführten Maßnahmen informiert werden.
Schließlich ist die Arbeitssucht, wie jede andere Sucht auch eine gefährliche Krankheit, die im Einzelfall tödlich enden kann (Poppelreuter, 2009, S. 14). Ich schließe mich daher der Meinung von Poppelreuter (2009, S. 16) an. Es benötigt weitere ausführliche Forschungen in Theorie und Praxis, um fundierte Untersuchungsergebnisse des komplexen Themas Arbeitssucht in Bezug auf die Vermeidung, Diagnose und Behandlung zu bekommen.

Hilfreiche Quellen für Betroffene:

AAS-Anonyme Arbeitssüchtige Meetings – Deutschland (AAS-Interessensgemeinschaft e.V.)
http://www.arbeitssucht.de/druckversion/meetings-deutschland

AAS-Anonyme Arbeitssüchtige Meetings – Österreich (AAS-Interessensgemeinschaft e.V.)
http://www.anonyme-arbeitssuechtige.net/druckversion/meetings-oesterreich.pdf

Hilfe und Beratung bei Sucht (Deutscher Caritasverband e.V.)
https://www.caritas.de/hilfeundberatung/onlineberatung/suchtberatung/start

Literatur

AAS-Interessensgemeinschaft e.V. (o.D.). AAS-Anonyme Arbeitssüchtige. Selbsthilfegruppe für Menschen mit Arbeitsproblemen oder Arbeitssucht. Meetings – Deutschland. Verfügbar unter: http://www.arbeitssucht.de/druckversion/meetings-deutschland [10.03.2021].

AAS-Interessensgemeinschaft e.V. (o.D.). AAS-Anonyme Arbeitssüchtige. Selbsthilfegruppe für Menschen mit Arbeitsproblemen oder Arbeitssucht. Meetings – Österreich. Verfügbar unter: http://www.anonyme-arbeitssuechtige.net/druckversion/meetings-oesterreich.pdf [10.03.2021].

Deutscher Caritasverband e.V. (o.D.) Hilfe und Beratung bei Sucht. Verfügbar unter: https://www.caritas.de/hilfeundberatung/onlineberatung/suchtberatung/start [10.03.2021].

Fritzsche, S. (2018). Kein Zug nach Nirgendwo. Unstillbares Verlangen ist überwindbar (10. Aufl.). Berlin: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-21312-1.

Mentzel, G. (1979). Über die Arbeitssucht. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse, 25 Jg., Nr. 2, S. 115-127.

Poppelreuter, S. & Evers, C. (2000). Arbeitssucht. Theorie und Empirie. In S. Poppelreuter & W. Gross (Hrsg.), Nicht nur Drogen machen süchtig. Entstehung und Behandlung von stoffungebundenen Süchten (S. 73-91). Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Poppelreuter, S. (2009). Arbeitssucht-Erholungsfähigkeit-Pathologische Anwesenheit. Verfügbar unter: https://www.wissenschaftsmanagement-online.de/sites/www.wissenschaftsmanagement-online.de/files/migrated_wimoarticle/Arbeitssucht-Erholungsunfhigkeit-PathologischeAnwesenheit_9.pdf [08.03.2021].

Rademacher, U. (2017). Arbeitssucht. Workaholismus erkennen und verhindern. Wiesbaden: Springer Gabler. DOI 10.1007/978-3-658-18925-9.

Ruland, I. (2017). Besondere Führungsprobleme. In J. Stierle, K. Glasmachers & H. Siller (Hrsg.), . Erfolgreiche Strategien und interdisziplinäre Ansätze für die Ressource Mensch (S. 457-492). Wiesbaden: Springer Gabler. https://doi.org/10.1007/978-3-658-14887-4_13.

Spiegel, M. (2015). Arbeitssucht. Tüchtig und süchtig. Verfügbar unter: https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/reflexionen/vermessungen/740461-Tuechtig-und-suechtig.html [08.03.2021].

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[20.05.2021].