Sind Video-Sprechstunden die Zukunft der Psychotherapie?

Psychotherapie über das Internet

Seit Beginn des digitalen Wandels lassen sich mehr und mehr Dinge unseres Alltags nun auch bequem von Zuhause aus erledigen. Einkaufen, Freunde treffen und spätestens seit der Corona Pandemie in vielen Bereichen auch Arbeiten funktioniert auch vor dem Bildschirm. Doch wie sieht es im Bereich der Psychotherapie aus? Das Internet ist voll von Selbsthilfe- und Psychoedukationsprogrammen für den Umgang mit Depressionen, Panikattacken oder Agoraphobien. Diese Programme können vielseitig verwendet und in die Therapie integriert werden. 

Die Psychotherapie nutzt hier zwei unterschiedliche Ansätze für online bzw. mobil basierte Therapien. 

Zum einen setzt sie auf den Stepped Care-Ansatz, der zunächst den Einsatz von standarisierten Onlineprogrammen verwendet und sich bei Bedarf anschließend stufenweise mehr und mehr persönlichem Kontakt annähert. Beispiele für Stepped-Care-Ansätze sind moodgym, eine kostenfreie, anonyme und wissenschaftliche geprüfte internetbasierte Anwendung, die sich für den Einsatz bei Depressionen eignet oder die App www.minable.health bei Panikattacken und Agoraphobie (Löbner, M., 2018).  Die wissenschaftlich fundierte App Mindable gibt es auf Rezept von Ärzt*Innen und Psychotherapeut*Innen (Berger, Krieger, 2018, S. 19). 

Eine weite Verwendungsmethode für online und mobile Interventionsprogramme sind Blended Care Ansätze. Blended Care Ansätze nutzen die online Programme zur Unterstützung von Face-to-Face Therapien, um die Wirksamkeit der Behandlung zu erhöhen. Die Programme werden integrativ und sequentiell genutzt (Paganini, Ebert, Baumeister, 2018, S. 33f) und schließen auch E-Mail und Telefonkontakte mit ein (Spitzer- Prochazka, 2008, Eichenberg, Kühne, 2014). 

Eine weitere Möglichkeiten einer digitalisierten Psychotherapie ist die Videosprechstunde. Hier können die Patient*Innen via Telefon oder Videochat mit den Therapeut*Innen in Verbindung treten. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie ist dies für viele Patient*Innen eine gute Alternative zur Face-to-Face-Therapie. Videochat-Räume bieten jedoch nicht nur eine gute Ausweichmöglichkeit, sondern schaffen auch ein neues Setting in derBlended Care Methode, da die Patient*Innen sich in einem anderen räumlichen Umfeld befinden und dementsprechend auch andere Verhaltensweisen zeigen. Dies ermöglicht den Therapeut*Innen, neue Seiten der Patient*Innen kennen zu lernen und sich einen besseren Gesamteindruck zu verschaffen (Spitzer-Prochazka, 2008). 

Weitere Vorteile der Video-Sprechstunde für Patient*Innen und Therapeut*Innen sind ein vereinfachter Zugang, eine räumliche Unabhängigkeit, die Einsparung von Reisezeiten und die Möglichkeit zu Psychotherapie in speziellen Lebenslagen, wie Krankheit, körperliche Beeinträchtigung oder Schwangerschaft (Bocci, 2019a). 

Jedoch kann es durch die fehlende physische Präsenz bei einer Therapie via Videochat zu einer Minderung der Effektivität von bestimmten Behandlungsmethoden kommen, und auch die technischen Anforderungen können unerwartete Hindernisse mit sich bringen. Bislang wurde der Bereich der Video-Sprechstunde jedoch noch wenig erforscht, so dass sich hier noch keine fundierten Aussagen über ihre Effektivität treffen lassen (Berger, Krieger, 2018, S. 23), wie dies bei Online-Selbsthilfe oder Mailtherapie schon der Fall ist. Hier konnten bereits ähnliche Erfolgsraten wie bei Face-to-Face Therapien erzielt werden (Knaelvelsrud, Wagner, Böttche, 2016).

Fazit

Internet bzw. mobil basierte Anwendungen lassen sich gut in den modernen Alltag integrieren, der, besonders zu Zeiten einer Pandemie, zu vielen Teilen vor dem Bildschirm stattfindet. Die Überwindung, eine dieser Anwendungen zu nutzen, scheint geringer, da sie wie zum Beispiel im Falle von moodgym anonym und kostenfrei ist. Auch lassen sich auf Grund der örtlichen Flexibilität mehr Menschen erreichen.

Videosprechstunden bieten ein neues Potenzial für die Psychotherapie, da die Patient*Innen in einem räumlichen Setting ihrer Wahl auftreten, das es ihnen ermöglicht, ihren Therapeut*Innen andere Einblicke über sich selbst und ihr Leben zu geben.  Dadurch kann die Therapie anders und ggf. besser an die Patient*Innen angepasst werden.

Zwar muss besonders im Bereich der Video-Sprechstunden noch mehr Forschung betrieben werden, jedoch lässt sich sagen, dass die Integration von Online bzw. mobilen psychotherapeutischen Anwendungen eine gute Möglichkeit darstellt, um die klassische Face-to-Face Therapie zu unterstützen. 

Literaturnachweis

Berger, T., & Krieger, T. (2018). Internet-Interventionen: Ein Überblick. Psychotherapie im Dialog19, 18–24.

Bocci, G. S. (2019a). 14 benefits of Teletherapy for clients. Online counseling is the new frontier. Reasons to consider taking the plunge. Psychology Todayhttps://www.psychologytoday.com/us/blog/millennial-media/201901/14-benefits-teletherapy-clients

Eichenberg, C., & Kühne, S. (2014). Einführung Onlineberatung und -therapie – Grundlagen, Interventionen und Effekte der Internetnutzung. München: UTB Reinhardt.

Knaelvelsrud, C., Wagner, B., & Böttche, M. (2016). Online-Therapie und -Beratung. Ein Praxisleitfaden zur onlinebasierten Behandlung psychischer Störungen. Göttigen: Hogrefe.

Löbner M. (2018). Computerized cognitive behavior therapy for patients with mild to moderately severe depression in primary care: a pragmatic cluster randomized controlled trial (@ktiv). Journal of Affective Disorders (2018). DOI: 10.1016/j.jad.2018.06.008

Moodgym (2017). https://moodgym.de. Zugegriffen: 31.05.2021

Paganini, S. Lin, J., Ebert, D.D., Baumeister, H. (2016). Internet- und mobilebasierte Intervention bei psychischen Störungen. NeuroTransmitter 27(1):48–57. https://doi.org/10.1007/s15016-016-5393-y

Spitzer-Prochazka, S. (2008). Einladung zur Begegnung „ohne Körper“ – Psychodrama im virtuellen Raum. Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie7, 8–21. https://doi.org/10.1007/s11620-008-0002-0.

Internetquellen

Creative Commons (2019). Verfügbar unter: https://pxhere.com/en/photo/1589483 abgerufen: 01.06.2021