Kognitive Dissonanz – seit fast einem Jahr rauchfrei

Seit fast einem Jahr Nichtraucher. Wer hätte das gedacht? Welcher Raucher weiß nicht, dass Rauchen ungesund ist, schlecht riecht und den Geldbeutel belastet? Warum fällt es trotzdem so schwer, mit dem Laster aufzuhören?

Das Problem lässt sich gut anhand der Theorie zur Kognitiven Dissonanz verdeutlichen. Unter dem Begriff „Kognition“ werden alle möglichen Inhalte der menschlichen Informationsverarbeitung verstanden wie Gedanken, Einstellungen, Überzeugungen, Wünsche, Erkenntnisse, Erinnerungen oder Vorstellungen.[1]
Kognitive Dissonanz entsteht in dem Moment, in dem zwei Kognitionen entstehen, die nicht miteinander vereinbar sind.[2] Raucher wissen, dass sie täglich ihre Gesundheit gefährden. Möglicherweise gehört der Raucherhusten schon zum Alltag und vom Arzt kam schon längst der Rat, das Rauchen aufzugeben. Dieses Wissen steht jedoch im Widerstreit mit den „Vorteilen“ des Rauchens. Ein Raucher benötigt die Zigaretten, um sich zu entspannen, zur Steigerung seiner Konzentration, um Stress abzubauen oder um nicht zuzunehmen.[3] Der Sozialpsychologe Leon Festinger beschäftigte sich bereits in den 50er Jahren mit der Theorie der Kognitiven Dissonanz. Die Kognitive Dissonanz wird als unangenehmer Zustand empfunden, der durch Reduktion der Dissonanz abgestellt werden soll. [4] In einem bekannten Experiment von Festinger und Carlsmith (1959) wurden Versuchspersonen aufgefordert, besonders langweilige Aufgaben zu erledigen. Im Anschluss wurden sie gebeten, andere Personen dazu zu überreden, die gleichen langweiligen Aufgaben auszuführen. Der eine Teil der Versuchspersonen bekam dafür einen Dollar, der zweite Teil zwanzig Dollar dafür, dass sie anderen Personen eine Lüge auftischten und sie davon überzeugten, dass die Aufgabe spannend sei. Beide Gruppen sollten die im Vorfeld ausgeübte Tätigkeit neu bewerten. Es stellte sich heraus, dass die Gruppe, die einen Dollar erhalten hatte, die Aufgabe deutlich positiver bewertete. Festinger und Carlsmith erklärten dieses Verhalten mit dem Erleben von kognitiver Dissonanz. Die Gruppe, die zwanzig Dollar für die Lüge erhalten hatte, konnte die Lüge mit der dafür erhaltenen Belohnung rechtfertigen. Die Gruppe, die nur einen Dollar erhalten hatte, musste eine schlüssige Begründung dafür finden, warum sie andere Personen zu der Aufgabe überredeten. Also änderten sie ihre Einstellung zu der Aufgabe und empfanden sie nicht mehr als so langweilig und schlimm.[5]

Es gibt drei grundlegende Möglichkeiten, die Dissonanz, die bei uns ein Unwohlsein hervorruft, zu verringern:

  • Änderung des Verhaltens, um es in Einklang mit der kognitiven Dissonanz zu bringen
  • Änderung der dissonanten Kognition, um unser Verhalten zu rechtfertigen
  • Hinzufügen neuer Kognition, um unser Verhalten zu rechtfertigen[6]

Übertragen auf den Fall eines Rauchers bedeutet das:

  • Er könnte sein Verhalten ändern und aufhören zu rauchen
  • Der Raucher könnte die Gesundheitsgefahren verharmlosen oder einfach nicht daran glauben
  • Der Raucher könnte sich einreden, dass ihm das Rauchen hilft, sich zu entspannen

Der schlüssigste Weg, die Dissonanz zu verringern, wäre in dem Fall des Rauchers, das Verhalten zu ändern und das Rauchen aufzugeben. In dem Fall würde das Verhalten mit dem Wissen um die Gesundheitsgefahren korrelieren. Leider fällt das Aufhören den meisten Menschen nicht leicht. Also finden Raucher Rechtfertigungen für ihre Abhängigkeit. Manche reden sich ein, dass die Daten zu den Krebsrisiken nicht schlüssig seien oder dass die Vorteile des Rauchens es wert seien, die Risiken einzugehen. Sie behaupten, dass die nervliche Anspannung ohne das Rauchen zu groß sei oder sie womöglich zunehmen würden, was wiederum ja auch der Gesundheit schade. Zudem hat jeder Raucher den einen Angehörigen, der trotz Rauchens alt geworden ist oder den einen Bekannten, der an Lungenkrebs erkrankt ist, obwohl er nie eine Zigarette angerührt hat.[7] Bei der vorliegenden Dissonanz handelt es sich um eine Dissonanz als Konsequenz einstellungswidrigen Verhaltens, welcher besonderes psychologisches Interesse gilt. Weitere Anwendungsgebiete der Theorie der Kognitiven Dissonanz sind die Dissonanz nach Entscheidungen und die Dissonanz nach enttäuschten Erwartungen.[8]

Damit der Raucher zum Nichtraucher wird, reicht eine positive Einstellung gegenüber seiner Verhaltensänderung und eine positive subjektive Norm vermutlich nicht aus, damit sein Vorhaben tatsächlich erfolgversprechend ist. Er muss auch über eine entsprechende Verhaltenskontrolle verfügen. Verhaltenskontrolle steht für die Wahrnehmung einer Person, über die erforderlichen Fähigkeiten und Ressourcen zu verfügen, die nötig sind, um ein bestimmtes Verhalten auszuführen. Die Verhaltenskontrolle kann sich einerseits auf die Erwartung bezüglich des Verhaltens auswirken und auch auf das Verhalten selbst.[9] Die Dissonanztheorie zeigt, wie Einstellungsänderungen stattfinden, um sein Verhalten zu rationalisieren. Einstellungen müssen nicht dauerhaft bestehen bleiben.[10] Es gibt unterschiedlichste Methoden, um sie zu beeinflussen. Die Forschung weist vor allem auf folgende drei Möglichkeiten hin:

  1. Förderung direkten Kontakts mit dem Einstellungsobjekt (Diese Methode soll hilfreich sein beim Kontakt verfeindeter Gruppen; durch den Kontakt sollen vorher negative Einstellungen abgebaut werden)
  2. Veränderung des Verhaltens durch positive oder negative Verhaltensanreize (Belohnung oder Bestrafung)
  3. Persuasion (die Einstellungen sollen argumentativ verändert werden)[11]
    Fazit:

    Der einzige Weg, um Nichtraucher zu werden, ist die innere Einstellung und die Ehrlichkeit mit sich selbst. Jeder Raucher kennt die rationalen Argumente: Rauchen schadet der Gesundheit. Rauchen stinkt. Rauchen ist teuer. Ein Raucher, der nicht wirklich aufhören möchte zu rauchen, wird keinen Ratgeber lesen. Für einen Raucher, der nicht wirklich aufhören möchte, wären die Kosten für eine Hypnose verschwendetes Geld. Ein Raucher liest keine Warnhinweise auf den Zigarettenschachteln oder guckt sich die Bilder geschädigter Organe an. Ein Raucher, der nicht wirklich aufhören möchte, wird immer wieder Rechtfertigungen finden, warum er unbedingt rauchen muss. Er raucht natürlich gerne, er könnte selbstverständlich jederzeit aufhören, er möchte nur nicht. Immerhin wird es Jugendlichen heute schwerer gemacht, an Zigaretten ranzukommen. Auch gesellschaftlich gehört man als Raucher mittlerweile nicht mehr zu der Mehrheit.

    Seit einem Jahr rauchfrei – fast!

    Fußnoten:

    [1] Femers-Koch 2018, S. 36.
    [2] Fischer et al. 2018, S. 20.
    [3] Carr und Andreas-Hoole O. J. [ca. 2010, S. 5–6.
    [4] Lennart Pröss 2019, S. 47.
    [5] Fischer et al. 2018, S. 21–22.
    [6] Aronson et al. 2014, S. 181.
    [7] Aronson et al. 2014, S. 181–182.
    [8] Fischer und Wiswede 2009, S. 306.
    [9] Stürmer 2016, S. 83.
    [10] Fischer et al. 2018, S. 108.
    [11] Stürmer 2016, S. 85.

    Literaturverzeichnis

    Aronson, Elliot; Wilson, Timothy D.; Akert, Robin M. (2014): Sozialpsychologie. 8., aktualisierte Aufl. Hallbergmoos: Pearson (Always Learning). Online verfügbar unter http://lib.myilibrary.com?id=652729.
    Carr, Allen; Andreas-Hoole, Ingeborg (O. J. [ca. 2010): Endlich Nichtraucher ! Der einfache Weg, mit dem Rauchen Schluss zu machen. Vollst. Taschenbuchausg., 61. Aufl. München: Mosaik b. Goldmann (Goldmann Taschenbücher, 13664).
    Femers-Koch, Susanne (2018): Compliance-Kommunikation aus wirtschaftspsychologischer Sicht. Keine Regel ohne Ausnahme. Wiesbaden: Springer (essentials). Online verfügbar unter http://dx.doi.org/10.1007/978-3-658-19810-7.
    Fischer, Lorenz; Wiswede, Günter (2009): Grundlagen der Sozialpsychologie. 3., völlig neu bearb. Aufl. München: Oldenbourg (Wolls Lehr- und Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften). Online verfügbar unter http://sub-hh.ciando.com/book/?bok_id=25777.
    Fischer, Peter; Jander, Kathrin; Krueger, Joachim (2018): Sozialpsychologie für Bachelor. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg (Springer-Lehrbuch). Online verfügbar unter http://dx.doi.org/10.1007/978-3-662-56739-5.
    Lennart Pröss (2019): Sozialpsychologie für Einsteiger. Die Psychologie in sozialen Situationen verstehen. 05/2019: Independently published (22. April 2019).
    Stürmer, Stefan (2016): Sozialpsychologie. München, Stuttgart: Reinhardt; UTB GmbH (UTB, 3179). Online verfügbar unter http://www.utb-studi-e-book.de/9783838531793.

    Beitragsbild: eig. Quelle