By Published On: 16. Januar 2024Categories: Gesundheit, Psychologie, Soziales

Epigenetik: Sind Traumata über Generationen hinweg genetisch vererbbar?

Warum viele Forschende das für nicht ausgeschlossen halten und warum das nicht unbedingt ein Grund zur Sorge sein muss

Was ist ein Trauma?

Kriege, Naturkatastrophen, das Erleben körperlicher oder sexualisierter Gewalt sind Ereignisse, die bei den meisten Menschen eine tiefe Verzweiflung auslösen würden. Solch Ereignisse gelten als traumatische Ereignisse, die potentiell psychische Erkrankungen wie eine posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, nach sich ziehen können. Sie tritt auf, wenn eine Person das traumatische Ereignis nicht zeitnah verarbeiten und bewältigen konnte und zeichnen sich durch ein unkontrolliertes Wiederauftreten von traumabezogenen Elementen, Gefühle der Hilflosigkeit, Angst und Schuld aber auch eine emotionale Taubheit aus (Dorsch et al., 2014, S. 1283). Es ist jedoch anzumerken, dass nicht jede Person nach einem traumatischen Ereignis eine psychische Erkrankung wie eine PTBS entwickelt (Jawaid & Mansuy, 2021, S.293).

Um der Frage nachzugehen, ob Traumata vererbbar sind, ist zunächst eine kleine Einführung in das faszinierende Forschungsfeld der Epigenetik notwendig;

Epigenetik: Wenn Lebensereignisse unter die Haut gehen

Der Begriff Epigenetik kombiniert Genetik mit „epi“ (=über) aus dem Griechischen. Er beschreibt verschiedene Regulationsmechanismen, die „über“ der DNA wirken, ohne direkt in die Sequenz einzugreifen, indem sie bestimmen wie zugänglich bestimmte Sequenzen für die Gentranskription sind. Beispielsweise scheint eine erhöhte DNA-Methylierung zu bewirken, dass ein Gen seltener abgelesen wird und damit nicht zum Ausdruck kommt. Die Epigenetik kann auch bewirken, dass Umweltfaktoren wie traumatische Ereignisse, nachhaltig auf der DNA festgehalten werden (Binder, 2019, S.107).

Es existieren verschiedene Tierstudien die solche epigenetischen Effekte verdeutlichen. So wurde z.B. bei Ratten, welche in ihrer Kindheit unzureichend mütterliche Zuwendung erhielten, eine verminderte Methylierung eines Gens nachgewiesen, welches für die Stressregulation verantwortlich ist. Folglich zeigten diese im späteren Alter eine höhere Stressreaktivität. Negative Lebensereignisse scheinen demnach mit einer reduzierten DNA-Methylierung an solchen Genen in Verbindung zu stehen, die Stress begünstigen (Weaver et al., 2006, S.3484).

Ratten, die in ihrer Kindheit wenig mütterliche Zuwendung erfahren haben, haben später Probleme mit der Stressregulation
Quelle: Eigene Darstellung

Kann ein Trauma vererbt werden?

Dass diverse Umwelteinflüsse durch die Epigenetik einen andauernden Einfluss auf die Genexpression eines Individuums haben können, wurde im vorherigen Abschnitt erläutert. Doch sind diese Veränderungen auch genetisch vererbbar?

Erste Hinweise aus diversen Studien lassen diesen Schluss durchaus zu (Binder, 2019; S.110; Oberlerchner, 2022, S.63; Tuscher & Day, 2019, S.12).

Eine Übersichtsarbeit über Holocaust-Überlebende und deren Nachkommen kommt zu dem Schluss, dass vor allem eine frühe Traumatisierung der Mutter im Zusammenhang mit einem veränderten Cortisol-Metabolismus der Nachkommen steht. Diese Veränderung könnte eine abgeschwächte Stressregulationsfähigkeit und damit einen Risikofaktor für mentale Erkrankungen mit sich bringen (Dashorst et al., 2019, S.23). Zudem gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte epigenetische Veränderungen über die Keimbahn an die Nachkommen weitergegeben werden können. Dysfunktionale Verhaltensmuster der Eltern auf Stress könnten somit auch unabhängig der Erziehungseinflüsse auch an das Kind weitergegeben werden. Ein Trauma scheint also nicht per se vererbt zu werden, jedoch könnten die vererbten epigenetischen Marker dazu beitragen, dass Nachkommen der traumatisierten Eltern anfälliger für psychische Erkrankungen wie einer PTBS sind (Wettig, 2019, S. 36; Zenk et al., 2017, S.1).

Eine hoffnungsvolle Perspektive: Warum wir nicht machtlos dem Traumata vorheriger Generationen ausgesetzt sind

Einige Forschende gehen also davon aus, dass solche epigenetischen Veränderungen an die Nachkommen weitergegeben werden. Das heißt jedoch nicht, dass wir den Traumata vorheriger Generationen hoffnungslos ausgeliefert sind, denn:

  • Es wird davon ausgegangen, dass epigenetische Veränderungen aufgrund belastender Lebensumstände reversibel sind (Binder, 2019, S.112; Kellermann, 2013, S.7). Mehrere Studien weisen darauf hin, dass epigenetische Veränderungen bei psychischen Erkrankungen durch eine Psychotherapie besonders gut revidiert werden können (Thomas et al., 2018, S.9).
  • Die epigenetischen Veränderungen müssen nicht zwangsläufig negativ sein. So wurden bei der Veränderung des Cortisol-Metabolismus der Nachkommen der Holocaustüberlebenden auch positive Effekte beobachtet, wie eine größere Resilienz und eine erhöhte Stressresistenz (Zenk et al., 2017, S.23). Aus evolutionsbiologischer Sicht haben solche epigenetischen Veränderungen i.d.R. den Sinn, das Individuum besser an die Umwelt anzupassen, bzw. den Nachkommen eine bessere Angepasstheit an die Umweltbedingungen zu ermöglichen. Ob die epigenetischen Muster eher Vorteile oder Nachteile für die Erben bringen, hängt demnach auch davon ab, welche Bedingungen die aktuelle Umwelt mit sich bringt (Lehrner & Yehuda, 2018, S. 1771).

Anmerkungen zur aktuellen Studienlage

Es ist anzumerken, dass sich die Durchführung von Studien über die epigenetische Weitergabe von Traumata an Menschen schwierig gestaltet, da sich die Effekte nur schwer von den weiteren Umwelteinflüssen separieren lassen (Binder, 2019; S.110 Yehuda & Lehrner, 2018, S.252). So können die beobachteten epigenetischen Muster der Nachkommen sowohl vererbt worden sein, jedoch auch durch Lebenserfahrungen -wie der mütterlichen Fürsorge in der Studie mit den Ratten- entstanden sein (Lehrner & Yehuda, 2018, S.1768). Zudem umfassen die bestehenden Humanstudien häufig nur kleine Gruppen von ProbandInnen, die keine generalisierbaren Aussagen ermöglichen (Dubois & Guaspare, 2020, S.160). Die Humanstudien sollten deshalb mit Vorsicht interpretiert werden. Um belastbare Aussagen über die Frage darüber, ob ein Trauma vererbbar ist, zu treffen, sind groß angelegte, multigenerationale Studien nötig. Die Tierstudien, bei welchen die Vererbung epigenetischer Veränderungen aufgrund von Traumata nachgewiesen wurden, haben jedoch ein großes Interesse geweckt, ein besseres Verständnis für das Thema zu bekommen und solche Effekte auch bei dem Menschen näher zu untersuchen (Yehuda & Lehrner, 2018, S.252).

Zusammenfassung & Fazit

Die Epigenetik bietet die Chance, menschliches Erleben und Verhalten besser zu verstehen. Ein traumatisches Ereignis kann bewirken, dass sich die epigenetischen Mechanismen an der DNA verändern und anschließend eine veränderte Stressreaktion gezeigt wird. Tierstudien deuten darauf hin, dass diese Veränderungen auch vererbt werden können. Ob die veränderten epigenetischen Mechanismen negativ oder positiv für das Individuum sind, lässt sich im Einzelfall nicht klar vorhersagen. Unstrittig ist jedoch, dass sich die Vergangenheit der Eltern auch auf die Zukunft der Nachkommen auswirkt (Wettig, 2019, S.37).

Literaturverzeichnis

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Dashorst, P., Mooren, T. M., Kleber, R. J., De Jong, P. J., & Huntjens, R. J. C. (2019). Intergenerational consequences of the Holocaust on offspring mental health: A systematic review of associated factors and mechanisms. European Journal of Psychotraumatology, 10(1), 1654065. https://doi.org/10.1080/20008198.2019.1654065

Dorsch, F., Wirtz, M. A., & Strohmer, J. (Hrsg.). (2014). Dorsch—Lexikon der Psychologie (17. Auflage). Verlag Hans Huber.

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Jawaid, A., & Mansuy, I. (2021). 12. Generationsübergreifende Auswirkungen von Traumata: Implikationen für Individuen und Gesellschaft (S. 277–298). https://doi.org/10.5771/9783748927242-277

Kellermann, N. (2013). Epigenetic Transmission of Holocaust Trauma: Can Nightmares Be Inherited? The Israel journal of psychiatry and related sciences, 50, 33–37.

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Tuscher, J. J., & Day, J. J. (2019). Multigenerational epigenetic inheritance: One step forward, two generations back. Neurobiology of Disease, 132, 104591. https://doi.org/10.1016/j.nbd.2019.104591

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Wettig, J. (2019). Transgenerationale Weitergabe kindlicher Traumatisierung. DNP – Der Neurologe & Psychiater, 20(4), 35–38. https://doi.org/10.1007/s15202-019-2240-6

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Zenk, F., Loeser, E., Schiavo, R., Kilpert, F., Bogdanović, O., & Iovino, N. (2017). Germ line– inherited H3K27me3 restricts enhancer function during maternal-to-zygotic transition. Science, 357(6347), 212–216. https://doi.org/10.1126/science.aam5339

Bildnachweis

Titelbild: Selbst erstelltes Bild mithilfe von Sketchbook generiert.

Beitragsbild: Selbst erstelltes Bild mithilfe von Adobe Illustrator generiert.

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