Fehler: erwünscht. Scheitern: erlaubt. – Ein Plädoyer für menschliches Irren

Errare humanum est. Diese Weisheit aus dem Lateinischen ist der Allgemeinheit wohl hinlänglich bekannt. Fehler zu machen, sich zu irren ist demnach ein Selbstverständnis menschlicher Existenz. Ein Kind lernt laufen, fällt und steht wieder auf. Der Mensch scheitert, und trotzdem geht das Leben für ihn weiter, möglicherweise wächst er sogar an dieser Erfahrung. Dennoch wird diese Sicht in unseren soziokulturellen Breiten nicht wirklich goutiert.

Bei näherer Betrachtung scheinen Fehler anrüchig, bevorzugt werden sie von den Mitgliedern unserer Gesellschaft verdrängt, persönliches Scheitern wird gern hinreichend mit Ausreden belegt. Bestenfalls in der Rückschau bekommt Scheitern vom einzelnen eine positive Bewertung, wenn der oder die in der Lage war, dieser Erfahrung etwas Positives für das eigene Leben abzugewinnen.

Warum ist dies so? Warum verkrampfen Menschen im täglichen Leben, um bloß keine Fehler zu machen? Warum tendieren wir dazu, unsere Fehler möglichst unter den Tisch zu kehren? Warum fällt es vielen von uns so schwer, über eigene Fehler auch einmal zu lachen geschweige denn, sich zu entschuldigen, wenn es Not täte? Die Alltagsbeobachtungen der Verfasserin münden alle in der Feststellung, dass wir nicht scheitern können. Grund genug, dieser vordergründig unliebsamen Begleiterscheinung menschlicher Existenzen auf die Spur zu kommen, um dem Phänomen letztlich die ihm immanenten Potenziale zuzuschreiben, die es verdient.

Gesellschaftliche Prägung

Tatsächlich prägt eine Gesellschaft das Individuum in Bezug auf den Umgang mit Fehlern bzw. mit Scheitern. Wissenschafter schreiben insbesondere Deutschland eine äußerst ausgeprägte Erfolgsorientierung mit Tendenz hin zur Nullfehler-Toleranz zu.[1]

Die Anfänge einer solchen Tendenz werden bereits in einem Schulsystem verortet, in dem ein Kind von klein auf bewertet und benotet wird und ihm so der Blick auf andere Perspektiven bzw. Chancen verwehrt bleibt.

Laut dem Fehlerforscher Olaf Morgenroth wird soziokulturell demnach bereits definiert, ob und wann sich ein Mensch als gescheitert sieht. – Insbesondere in individulistisch orientierten Gesellschaften bedeutet zu scheitern eine Bedrohung für den Selbstwert.[2]  Insofern trägt eine Gesellschaft Verantwortung dafür, wie mit Scheitern umgegangen wird. Experten fordern diesbezüglich ein „neues Bewusstsein im Umgang Schwächen“.[3]

Wissenschaftliche Auseinandersetzung bis dato

Wenig erstaunlich fügt sich in obiges Bild die Feststellung, dass selbst in der Wissenschaft Scheitern bisher selten im Zentrum des Erkenntnisinteresses gestanden ist. Viel eher liegt der Fokus moderner Wissenschaften – wie könnte es anders sein – auf der Erfolgsthematik. Beiträge zum Scheitern bilden Randerscheinungen.

Lediglich 2004 behandelte der Soziologe Matthias Junge das Thema ausführlicher und versuchte sich an einer Begriffsbestimmung.[4] Der Band „Scheitern – Ein Desiderat der Moderne“, 2014 herausgegeben von René John und Antonia Langhof widmet sich umfassend dem Konstrukt und beleuchtet es in den verschiedendsten Facetten.

Begriffliche Abgrenzung

Als Formen des Scheiterns gelten beispielsweise eine Katastrophe, die Verfehlung eines angestrebten Ziels, die Abweichung planvoller Absichten aber auch die Chance für einen Neuanfang.[5]

Ganz allgemein wird Scheitern als Diskrepanz zwischen Handlungsspielraum und Erreichtem definiert. Abgegrenzt zum singulären Misserfolg führt Scheitern weiter und zwar in die Aussichtslosigkeit, ein – insbesondere langfristig gesetztes – Handlungsziel jemals zu erreichen. [6]

In Bezug auf das Selbst kann Scheitern etymologisch vom „Scheit“ abgeleitet werden, einem gespaltenen Stück Holz. Übertragen bedeutet dies ein Selbstbild, das zerschlagen wurde und nun neu aufgebaut werden muss.[7]

Persönliche Betroffenheit

Scheitern bedroht daher die selbstbezogenen Ziele eines Individuums (= potenzielles Selbstbild). Da Erfolg oder Misserfolg eng an positives bzw. negatives Erleben also die Gefühlswelt geknüpft ist, beeinflusst beides den Selbstwert. Dieser wiederum generiert sich aus dem Vergleich entweder mit anderen (interpersonell), oder mit dem potenziellen Selbst (intrapersonell).[8]

Klarerweise heben Erfolgserlebnisse den Selbstwert, wohingegen subjektiv erlebte Niederlagen diesen senken. Während in diesem Kontext einzelne Misserfolge durch nachfolgende Erfolge wieder ausgeglichen werden können, bedeutet ein Scheitern, dass die Möglichkeiten zur Wiederholung ausgeschöpft sind. Es kommt zum Bruch der eigenen Lebensplanung und zum Verlust des Selbstwerts, da aus den ursprünglichen Zielhandlungen dafür nicht mehr geschöpft werden kann. Nun neue Ziele und Handlungen zu generieren bedeutet einen hohen Aufwand für das betroffene Individuum.[9] Zu scheitern stellt also vordergründig eine persönliche Belastung dar insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Selbstbewertung wiederum als Prädiktor für psychische Gesundheit oder emotionale Stabilität wirkt.

Fehler sind schmerzhaft

Abgesehen von langfristigen Auswirkungen auf die menschliche Psyche verursachen setzen Fehler aus neuropsychologischer Sicht tatsächlich schmerzhafte Reize. Sie aktivieren das Schmerzzentrum im Gehirn, und der Mensch beginnt zu leiden. Der Noradrenalin-Spiegel (Stresshormon) steigt bei gleichzeitiger Hemmung der Dopaminausschüttung, also dem Hormon, das für Wohlgefühl sorgt. Als Resultat fühlt der Betroffene einen inneren Schmerz.[10]

Kurzfristig kann Schokolode und Sport dieses Negativgefühl aufheben, da durch beides wiederum Dopamin ausgeschüttet wird. Langfristig begünstigt ein falscher Umgang mit Fehlern jedoch Süchte.[11] Experten sehen in der Unfähigkeit im Umgang mit eigenen Fehlern einen direkten Zusammenhang mit dem Entstehen eines Burn-Out-Syndroms bzw. Depressionen.[12]

Kurzfristige Hilfe

Die Psychologie bietet folgende Tipps für die Akutphase an:[13]

  • Zulassen der Emotionen und mit sich selber gut umgehen (ausreichend essen, gut schlafen) kann im Umgang mit Misserfolgen oder dem eigenen Scheitern ein erster Schritt sein. Dabei ist es wichtig, sich nicht sofort wieder korrigieren zu wollen, sondern den eigenen Emotionen Raum zu geben.
  • Wird der Schmerz zu groß, macht es Sinn, nicht darin zu verharren, sondern sich Zuspruch aus dem engsten Umkreis zu holen und sich abzulenken mit einem Spaziergang, einem Fernsehnachmittag oder auch Biografien gescheiterter Existenzen.
  • Soziale Medien wiederum eignen sich als Ablenkung weniger, da sie schädlichen Vergleich mit dem scheinbar schönen Leben der anderen fördern.
  • Konnte etwas Distanz zum Ereignis gewonnen werden, empfiehlt es sich, in die Analyse zu gehen und über mögliche Ursachen des vermeintlichen Misserfolgs zu reflektieren um so für die Zukunft Schlüsse für Verbesserungen ziehen zu können. Hilfreich sind in diesem Kontext oft die Außenperspektiven von Personen aus dem wohlwollenden Umfeld.
  • Kann schließlich Scheitern als Teil des Lebens akzeptiert und einzelne Misserfolge als Lektionen gesehen werden, um sich zu verbessern, ist der betroffenen Person wahrscheinlich schon viel gelungen. (Scheitern als Lektion).
  • Als notwendig im Umgang mit Scheitern werden jedenfalls konstruktive selbstregulative Verhaltensweisen gesehen.[14]

Langfristiges Umdenken – neues Bewusstsein

Zu konstruktiven selbstregulativen Verhaltensweisen gehört auch, sich Problemen zu stellen und diese ernsthaft lösen zu wollen. Verdrängte Probleme holen den Menschen ein und lassen ihn erst recht scheitern.[15] Unabhängig davon soll Scheitern als Lehrmeister gesehen werden und Fehlschläge als Lektionen für Weiterentwicklung. Wie Czerner es treffend formuliert: „Scheitern bedeutet Verzögerung und nicht Aufgeben. Denn wer aufgibt, bringt sich um die Chance, sich zu entwickeln.“ [16] Dafür ist sicherlich Mut notwendig, eine realistische Sicht auf die Dinge und Disziplin, weiterzumachen, wenn eben nicht in die eine Richtung, dann für ein anderes Ziel das sich aufgetan hat. Ausdauer ist hier ein guter Begleiter im Umgang mit Fehlschlägen. Die Berufswelt zeigt, dass in der Regel nicht die Talentiertesten Karriere machen, sondern die Ausdauerndsten.[17]

Wünschenswert für unsere Gesellschaft wäre zudem, Strategien wie „Versuch und Irrtum“ wieder mehr Raum zu lassen. [18] Diese setzen Fehler, Fehlschläge automatisch voraus. Doch eben weil weiter versucht wird, sind es oft diese Strategien, die der Gesellschaft große Innovationen beschert haben. Abgesehen davon ließen sie Kindern im Erkennen ihrer individuellen Fähigkeiten und Talente mehr Handlungsspielraum zukommen.

Wünschenswert für den einzelnen wäre zudem, große Lebensziele nicht von vornherein zu verwerfen, weil die damit verbundenen Risiken als zu hoch erachtet werden oder zu Scheitern in Betracht gezogen werden muss. Diese ernsthaft zu verfolgen und Scheitern dabei als Teil des Lebens zu akzeptieren, kann jedenfalls zu einem gelungenen Leben beitragen.


[1] Vgl. Schramm, St. / Wüstenhagen, C. (2013)

[2] Ebenda

[3] Ebenda

[4] Vgl. Junge, M. (2004)

[5] Vgl. John, R. / Langhof, A. (2014): S. 3

[6] Vgl. Rüdiger, M. / Schütz, A. (2014): S. 263 f.

[7] Vgl. Rüdiger, M. / Schütz, A. (2014): S. 264

[8] Vgl. Rüdiger, M. / Schütz, A. (2014): S. 265

[9] Rüdiger, M. / Schütz, A. (2014): S. 267

[10] Vgl. Czerner, M. (2020): S. 35 f.

[11] Vgl. Czerner, M. (2020): S. 36

[12] Ebenda

[13] Vgl. Fiebiger, V. (2019)

[14] Vgl. Rüdiger, M. / Schütz, A. (2014): S. 275

[15] Vgl. Czerner, M. (2020): S. 151

[16] Vgl. Czerner, M. (2020): S. 136

[17] Vgl. Czerner, M. (2020): S. 98

[18] Vgl. Czerner, M. (2020): S. 30

Quellenangaben:

Czerner, M. (2020): Fail Good. Die Kunst des Scheiterns. Business Village. Göttingen

Fiebiger, V. (2019): Mit diesen 5 Tipps lernt ihr aus eurem Scheitern. https:// www.br.de/puls/themen/leben/aus-scheitern-lernen104.html, abgerufen am 03.09.2021

John, R. / Langhof, A. (2014): Die heimliche Prominenz des Scheiterns. In: Diess. (Hrsg.): Scheitern – ein Desiderat der Moderne?  Innovation und Gesellschaft. Springer. Wiesbaden. S. 1 – 7

Junge, M. (2004): Scheitern: Ein unausgearbeitetes Konzept soziologischer Theoriebildung. In: Ders. / Lechner / Götz (Hrsg.): Scheitern. Aspekte eines sozialen Phänomens. Wiesbaden: VS: 15 – 32

Rüdiger, M. / Schütz, A. (2014): Das Selbst, wenn es scheitert. In: John, R. / Langhof, A. (Hrsg.): Scheitern – ein Desiderat der Moderne?  Innovation und Gesellschaft. Springer. Wiesbaden. S. 263 – 278

Schramm, St. / Wüstenhagen, C. (2013): Die Kunst des Scheiterns. In: Zeit Wissen Nr. 4/2013

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