Ekelst du dich noch oder pflegst du schon?

Blutige Verletzungen, abgetrennte Körperteile, faulig riechende Wunden oder schwere Brandverletzungen. Menschen in Pflegeberufen werden jeden Tag mit ungewöhnlichen Situationen konfrontiert. Sie arbeiten mit Menschen, die die Körperpflege vernachlässigen, harn- oder stuhlinkontinent sind oder erbrechen. Diese Situationen können Ekel auslösen und sind daher sehr herausfordernd (Silbermann et al., 2020, S. 64).

Ekel als Emotion

Ekel wird als eine Empfindung beschrieben, welche ausdrückt, dass eine starke mentale oder körperliche Abneigung gegen eine Sinneswahrnehmung existiert, welche auf einen unangenehm empfundenen Stressor folgt. Z. B. Gerüche, Geschmäcker oder Geräusche können diese Abneigung bedingen (Silbermann et al., 2020, S. 65). Dabei werden häufig Reflexe oder somatische Empfindungen ausgelöst, wie z. B. Übelkeit, Würgereflex oder Erbrechen (Jettenberger, 2017, S. 7). Ebenfalls können Schweißausbrüche, ein sinkender Blutdruck oder Ohnmacht die Folge sein (Stangl, 2022). Daran wird deutlich, dass die Reaktionen durch Ekel sehr stark und heftig sein können, von einer Sekunde auf die andere ausgelöst werden und reflexartig sind. Dies ist bei anderen Emotionen wie Wut, Angst, Freude oder Trauer nicht der Fall (Jettenberger, 2017, S. 7).

Kinder im Säuglingsalter erleben Ekel nur durch etwas, das einen bitteren oder sauren Geschmack hat. Zwischen dem vierten und achten Lebensjahr werden jedoch bereits erworbene Ekelreaktionen ausgelöst (Trimmel, 2015, S. 163). Hier wird deutlich, dass Ekel grundlegend angeboren ist, die Ausprägung jedoch erlernt wird. Genau wie andere Basisemotionen soll die Ekelreaktion vor potenziellen Bedrohungen schützen. Was den Ekel auslöst, ist je nach Gesellschaft und Kultur unterschiedlich. Kot, Eiter, Urin, Leichen sowie der Geruch oder Anblick von verdorbenen Lebensmitteln (Stangl, 2022). Der Gesichtsausdruck, der bei Ekel entsteht, ist weltweit universell. Es wird die Nase gerümpft, um sie vor giftigen Dämpfen zu verschließen (Myers, 2014, S. 509). Dabei werden die Oberlippe und die Nasenflügel angehoben, wodurch der Luftstrom, der über die Nasenlöcher zur Riechschleimhaut vordringt, eingeengt wird, sodass unangenehme Gerüche reduziert werden können (Spektrum, 2018). Dies soll dazu dienen, andere Menschen vor Gefahren zu warnen und sich vor Infektionen zu schützen (Stangl, 2022).

Ekel in Pflegeberufen

In Pflegeberufen spielt v. a. der Geruchssinn bei der Entstehung von Ekel eine wichtige Rolle, da hier Patient:innen teilweise sehr nah gekommen wird. Ebenfalls können das Ertasten bestimmter Körperstellen oder Sekrete ekelerregende Reize hervorrufen. Der Sehsinn allein führt selten zu Ekel. Erst bestimmtes Wissen darüber, Erfahrung damit oder die Kombination mit dem Tast- oder Geruchssinn führt letztendlich zu Ekel. V. a. für Auszubildende in der Pflege ist das eine Herausforderung, wenn sie mit Situationen konfrontiert werden, die Ekel auslösen. Dabei sollte beachtet werden, dass ein Ekelgefühl in diesen Situationen normal ist und nicht komplett unterdrückt werden sollte, da dies zu emotionaler Dissonanz führen kann. Dies führt zu Stress und Gewalt, da die Emotion über den Ekel nur verschoben wird. Als Ergebnis wird nicht nur das spezifische ekelauslösende Merkmal als eklig empfunden, sondern der ganze Mensch, den es betrifft (Silbermann et al., 2020, S. 64).

Tipps zum besseren Umgang mit Ekel

Zuerst sollte sich also klar gemacht werden, dass Ekel normal ist. Dann können individuelle Strategien gefunden werden, wie am besten damit umgegangen werden kann (Jettenberger, 2017, S. 62). Das Finden von Strategien zur Ekelbewältigung wird als Ekelmanagement bezeichnet. Dies hat sechs Aufgaben (Jettenberger, 2017, S. 71–74):

  1. Enttabuisierung
  2. Prävention von Ekelsituationen
  3. Schutzvorkehrungen
  4. Ruhepausen
  5. Austausch im Team
  6. Sensibilisierung durch Fortbildungen

Für die Enttabuisierung sind die Einrichtungen und Führungskräfte zuständig. Es soll offen und transparent mit Ekel umgegangen werden können. Prävention von Ekelsituationen kann durch gute Planung erfolgen, da diese sich so reduzieren lassen und heiklen Situationen vorgebeugt werden kann. Dazu gehört eine gute Ausstattung mit Hilfsmitteln wie Desinfektionsmittel oder Schutzkleidung. Schutzvorkehrungen sind wichtig, um sich z. B. vor Infektionen zu schützen (Jettenberger, 2017, S. 71–72). Zum Schutz vor Sekreten oder unangenehmen Gerüchen kann ein Mundschutz getragen werden Diese Maßnahmen sollten jedoch nur in bestimmten Situationen ergriffen werden, da diese sonst schädlich für die Pflegebeziehung sein können (Jettenberger, 2017, S. 62). Für Duftsprays gilt das Gleiche. In Maßen können Duftaromen jedoch zur Neutralisierung von Gerüchen eingesetzt werden (Silbermann et al., 2020, S. 64).

Weiterhin sind Ruhepausen wichtig, um Zeitdruck, Anspannung und der hohen Verantwortung zu entkommen (Jettenberger, 2017, S. 72-73). Ebenfalls kann so Distanz gewonnen werden. Hierzu kann es auch sinnvoll sein, sich zu duschen oder Gerüche an der frischen Luft auszuatmen und abzuschütteln (Silbermann et al., 2020, S. 64). Der Austausch im Team und bei Vorgesetzten ist sehr wichtig, da sonst keine Maßnahmen zur Ekelbewältigung etabliert werden können. Ebenso entlastet dies, da andere häufig die gleichen Probleme haben. Zusätzlich ist es möglich, dass andere schon gute Strategien zur Ekelbewältigung gefunden haben, die ebenfalls ausprobiert werden können. Ferner kann gemeinsam nach weiteren Strategien gesucht werden (Jettenberger, 2017, S. 61–62).

Auch ist es wichtig, regelmäßig Fortbildungen zu dem Thema zu besuchen, um Wissen darüber aufzubauen und darüber zu reflektieren (Jettenberger, 2017, S. 73-74). Mit der Zeit setzt auch eine Gewöhnung ein, wenn ein Umdenken stattfindet und eine Situation neu bewertet wird. So liegt die Konzentration dann bei dem Wille, den Menschen zu helfen und nicht darauf, wie eklig die Situation ist. Dadurch nimmt die Ekelerregung ab, verschwindet aber nicht ganz. Jedoch wird die Stressbelastung niedriger (Silbermann et al., 2020, S. 64).

Fazit

Insgesamt ist Ekel eine Emotion, die alle kennen. Ekelerregende Situationen können auch nicht vermieden werden. Außerdem hat diese Basisemotion immerhin eine Schutzfunktion. Gerade Pflegepersonen werden oft mit ekelerregenden Situationen konfrontiert, weshalb es wichtig ist, gut damit umgehen zu können. Ansonsten kann dies sehr belastend sein. Hier müssen die Arbeitgeber und pflegenden Personen gleichermaßen tätig werden, um den bestmöglichen Umgang damit sicherzustellen. Denn es gibt Möglichkeiten, solche Situationen gut zu bewältigen.


Literaturverzeichnis

Jettenberger, M. (2017). Ekel – professioneller Umgang mit Ekelgefühlen in Gesundheitsfachberufen (Top im Gesundheitsjob). Berlin: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-54155-5

Myers, D. G. (2014). Psychologie (Springer-Lehrbuch, 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage). Berlin, Heidelberg: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-642-40782-6

Silbermann, C., Schön, J., Schwencke, S., Meier-Tacke, B., Amann, A. & Kramwinkel, J. (2020). Ausbildung und Beruf konkret. In Thieme (Hrsg.), I care Pflege (2. überarbeitete Auflage, S. 34–77). Stuttgart: Thieme.

Spektrum. (2018). Lexikon der Biologie. Ekelreaktion. Zugriff am 08.02.2022. Verfügbar unter: https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/ekelreaktion/20586

Stangl, W. (2022). Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Ekel. Zugriff am 08.02.2022. Verfügbar unter: https://lexikon.stangl.eu/10426/ekel

Trimmel, M. (2015). Einführung in die Psychologie. Motivation, Emotion und Lernprinzipien (Einführungen Psychologie, Band 2). Wien: LIT.

Beitragsbild

Hausmann, K. (2020). Handdesinfektion Desinfektion: pixabay. Zugriff am 19.03.2022. Verfügbar unter: https://pixabay.com/de/photos/handdesinfektion-desinfektion-4954840/