Compassion Fatigue – Wenn Mitgefühl müde macht

Es gibt viele Menschen, die es zum Beruf gemacht haben, andere Menschen in schwierigen und leidvollen Lebenssituationen zu unterstützen und ihnen zu helfen. Dabei werden Ärzt:innen, Therapeut:innen, Pflegekräfte und viele weitere Berufsgruppen häufig mit traurigen Schicksalen und Leidensgeschichten konfrontiert. Daher kann es dazu kommen, dass diese Berufsgruppen ebenfalls Ängste entwickeln und leiden, weil sie sich um diese Menschen kümmern und sorgen (Figley, 1995, S. 1).

Was ist Compassion Fatigue?

Harrer (2013, S. 290) beschreibt, dass es fast unmöglich ist, sich von den Folgen von Kontakten mit leidenden Menschen zu lösen. Wenn versucht wird, andere Menschen zu verstehen und sich in sie einzufühlen, entsteht Mitgefühl. Dieses definiert er als Impuls, das Leiden der Betroffenen zu reduzieren und ihnen zu helfen (Harrer, 2013, S. 290).

Figley definierte 1993 erstmals den Begriff Secondary Traumatic Stress. Dies benannte er später Compassion Fatigue (Figley, 1995, S. 2), was als Mitgefühlsmüdigkeit übersetzt wird. Die American Association of Psychology (2022) beschreibt Compassion Fatigue als einen Symptomkomplex in Bezug auf Stress und Burnout, der in Reaktion auf die Arbeit mit traumatisierten Personen über einen längeren Zeitraum auftritt. Er kann bei Personen, die einen helfenden Beruf haben oder auch bei anderen betreuenden Personen vorkommen.

Compassion Fatigue entsteht, wenn die Motivation zu helfen, zu unterstützen oder zu bessern, erlischt. Die Folgen davon sind, dass sich die Betroffenen nicht mehr in die leidende Person einfühlen und das Leiden nicht mehr nachempfinden können. Dabei entstehen Gefühle wie Langeweile und Ungeduld sowie Stress und Überforderung. Das Leid wird innerlich abgewertet, in dem z. B. Sätze fallen wie „So schlimm ist es doch gar nicht, guck doch mal, wie gut du es hast“ oder „Das ist Bequemlichkeit, sie müsste einfach nur…“ (Rohwetter, 2019, S. 22).

Symptome

Compassion Fatigue kann sich in verschiedenen Symptomen äußern. Emotionale Symptome sind z. B. sich überfordert, hilflos und energielos zu fühlen, wenn vom Leid anderer erfahren wird. Ebenfalls kommen Wut, Traurigkeit und Ängstlichkeit vor. Weniger Empathie und Stresstoleranz können auch einsetzen. Kognitive Symptome sind das ständige Denken an die traumatisierte Person, Selbstvorwürfe, dass man mehr getan haben sollte sowie Veränderungen des Glaubens über die Bedeutung des Lebens. Konzentrations- und Entscheidungsschwierigkeiten treten ebenfalls auf. Physiologische Symptome sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel sowie Alpträume und Schlafprobleme, Nervosität und innere Unruhe. Im Verhalten äußert sich Compassion Fatigue in Beziehungsproblemen, Rückzug, Medikamentengebrauch, weniger Spaß an Aktivitäten, die früher gerne gemacht wurden und sich weniger produktiv bei der Arbeit zu fühlen (Kamkar, 2019).

Durch diese emotionale, physische und spirituelle Erschöpfung kann emotionaler Stress nicht mehr richtig verarbeitet werden. Es wird schwierig, gute Beziehungen zu Patient:innen aufzubauen und die Sinnhaftigkeit der täglichen Arbeit zu erkennen (Siegenthaler, Tschuor & Rieder, 2019). Aus der Compassion Fatigue oder sekundären Traumatisierung kann sich in Folge eine sekundäre traumatische Belastungsstörung entwickeln (Gies, 2022).

Ursachen

Rohwetter (2018) beobachtete, dass v. a. junge Berufseinsteigende in therapeutischen Berufen von der Compassion Fatigue betroffen sind. Das liegt u. a. daran, dass junge Menschen sich häufig an die gelernte therapeutische Methodik halten. Dies kann jedoch nicht bei allen Patient:innen gleich funktionieren. Ältere Kolleg:innen haben mehr Erfahrung und kennen erweiterte Interventionsmöglichkeiten. Außerdem haben junge Menschen häufig höhere Erwartungen an sich selbst und die Erfahrung noch nicht, dass nicht allen Menschen geholfen werden kann. Dann stellt sich ein Gefühl des Versagens und der Selbstüberforderung ein (Rohwetter, 2018). V. a. auch Personen, die nicht wissen, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen sollen, haben ein erhöhtes Risiko. Auch wenn selbst schon Traumata oder Verluste erlebt und diese nicht richtig verarbeitet wurden, kann die Arbeit mit traumatisierten Personen wie ein Trigger wirken. Schwierige Lebenssituationen und wenig soziale Unterstützung erhöhen das Risiko ebenfalls (Pearlman & McKay, 2008, S. 11–12).

Handlungsempfehlungen zur Prävention von Compassion Fatigue

Besser als sich die Frage zu stellen, was besser gemacht werden kann, ist sich die Frage zu stellen, was anders gemacht werden kann, um weniger überfordert zu sein (Rohwetter, 2018). Es ist wichtig, die eigene psychische und physische Gesundheit zu fördern und zu pflegen. Dafür sollte für sich selbst Zeit genommen werden, z. B. mit einer Meditation. Wichtig ist außerdem das aktive Erlernen hilfreicher Strategien, die den Umgang mit Stresssituationen erleichtern. Ebenfalls ist die Wahrung einer gewissen professionellen Distanz zu Patient:innen zu empfehlen (Siegenthaler et al., 2019). Zur Selbstfürsorge gehören zudem eine gesunde Ernährung, Zeit für körperliche Bewegung und zu sich selbst nett zu sein. Regelmäßige Schlafgewohnheiten sowie soziale Unterstützung sind genauso wichtig. Zusätzlich sollte immer Humor beibehalten und auf die Work-Life-Balance geachtet werden. Dafür förderlich ist die feste Einplanung von Aktivitäten, die Spaß machen und das Setzen realistischer Ziele und Erwartungen. Flexibilität für Veränderungen ist ebenfalls wichtig (Kamkar, 2019).

Auch Arbeitgeber können einen Beitrag zur Prävention von Compassion Fatigue leisten, indem sie z. B. Ruheräume für das Personal bereitstellen oder Supervisionen durchführen. Die Unterstützung im Team und der Austausch sind auch sehr wichtig. Schulungen und Fortbildungen zum Umgang mit solchen Situationen und zur Selbstfürsorge können ebenfalls hilfreich sein (Siegenthaler et al., 2019).

Fazit

Mitgefühl und Empathie gehören zu den größten Stärken von Menschen, die soziale Berufe ausüben. Genau diese eigentlich positiven Eigenschaften werden in diesen Berufen auch erwartet, können jedoch auch zu einem Problem und einer Gesundheitsgefährdung werden. Daher ist es wichtig, auf sich selbst zu achten und die Symptome frühzeitig zu erkennen, um zu vermeiden, dass sich eine traumatische Störung entwickelt. Dafür ist es essenziell, mehr darüber zu informieren, da die Compassion Fatigue noch ein relativ unbekanntes Phänomen darstellt.


Literaturverzeichnis

American Association of Psychology. (2022). APA Dictionary of Psychology. compassion fatigue. Zugriff am 07.02.2022. Verfügbar unter: https://dictionary.apa.org/compassion-fatigue

Figley, C. R. (1995). Compassion Fatigue. Coping With Secondary Traumatic Stress Disorder In Those Who Treat The Traumatized (Brunner/ Mazel Psychosocial Stress Series, vol. 23). New York, London: Brunner-Routledge.

Gies, H. (Institut Trauma und Pädagogik, Hrsg.). (2022). Sekundäre Traumatisierung und Mitgefühlserschöpfung am Beispiel familienähnlicher stationärer Betreuungen in der Jugendhilfe. Zugriff am 12.02.2022. Verfügbar unter: https://institut-trauma-paedagogik.de/fachliches-vom-institut/15-fachliches-vom-institut/publikationen/fachartikel/23-sekundaere-traumatisierung-und-mitgefuehlserschoepfung-am-beispiel-familienaehnlicher-stationaerer-betreuungen-in-der-jugendhilfe

Harrer, M. E. (2013). Burnout und Achtsamkeit. Stuttgart: Klett-Cotta.

Kamkar, K. (Canadian Occupational Safety, Hrsg.). (2019). 20 warning signs of compassion fatigue. Zugriff am 12.02.2022. Verfügbar unter: https://www.thesafetymag.com/ca/news/opinion/20-warning-signs-of-compassion-fatigue/187493

Pearlman, L. A. & McKay, L. (2008). Understanding & Addressing Vicarious Trauma. Online Training Module Four. Pasadena, CA: Headington Institute.

Rohwetter, A. (Psylife, Hrsg.). (2018). Wege aus der Mitgefühlsmüdigkeit. Zugriff am 12.02.2022. Verfügbar unter: https://psylife.de/magazin/psychotherapie/wege-aus-der-mitgefuehlsmuedigkeit

Rohwetter, A. (2019). Wege aus der Mitgefühlsmüdigkeit. Erschöpfung vorbeugen in Psychotherapie und Beratung. Weinheim, Basel: Beltz.

Siegenthaler, M., Tschuor, A. & Rieder, E. (alzheimerpunktch, Hrsg.). (2019). Wenn Mitgefühl krank macht. Zugriff am 12.02.2022. Verfügbar unter: https://alzheimer.ch/magazin/alltag/betreuung-und-pflege/wenn-mitgefuhl-krank-macht/

Beitragsbild

Truthseeker08. (2016). Hospiz Pflege geduldig alten alt: pixabay. Zugriff am 19.03.2022. Verfügbar unter: https://pixabay.com/de/photos/hospiz-pflege-geduldig-alten-alt-1821429/