By Published On: 28. November 2025Categories: Digitalisierung, Inklusion, Soziales, Technologie

Im August 2025 stellte die Senioren-Union, eine Gruppe älterer Menschen innerhalb der CDU/CSU, einen Antrag für gesetzlich garantierte analoge Alternativen. Diese Forderung nach einem „Grundrecht auf ein analoges Leben“ hat zu einigen Diskussionen geführt. Wie digital leben wir mittlerweile eigentlich? Und in welchen Bereichen wurde eventuell übersehen, dass übermäßige Digitalisierung gleichzeitig zu einem Ausschluss derjenigen führen kann, die keinen Zugang zum Internet und zur digitalen Welt haben?

Abbildung 1: Die Tabletnutzung ist nicht für alle Senior*innen selbstverständlich (Quelle: Freepik)

Der Status quo – so viele Menschen nutzen das Internet nicht

Für viele mag es unvorstellbar sein, aber es gibt immer noch zahlreiche Menschen, die keinen Internetzugang haben. Laut statistischem Bundesamt traf dies im Jahr 2024 auf rund 4 Prozent der deutschen Bevölkerung zu – das entspricht immerhin rund 2,8 Millionen Menschen. Wenig überraschend ist, dass die meisten davon im Alter zwischen 62 und 74 waren; in dieser Altersgruppe waren ungefähr 12 Prozent offline, wohingegen bei den 45- bis 64-Jährigen 4 Prozent auf das Internet verzichteten. Am geringsten war der Anteil der internetlosen Menschen in der Altersgruppe der 16- bis 44-Jährigen. Dort verfügten lediglich 2 Prozent über keinen Internetzugang (Statistisches Bundesamt, 2025).

Mit diesen Zahlen gehören Deutschlands Bewohner europaweit eher zu den digitalaffinen Menschen. Eine weitere Untersuchung ergab, dass beispielsweise in Kroatien 14 Prozent der 16- bis 74-Jährigen kein Internet nutzt – das entspricht etwa jedem siebten Bürger. In den Niederlanden hingegen ist es mit weniger als einem Prozent ein verschwindend geringer Teil der Bevölkerung, der permanent offline lebt (vgl. Abbildung 2).

Abbildung 2: Anteil der 16- bis 74-Jährigen in ausgewählten EU-Staaten, die 2024 noch nie online waren (Statistisches Bundesamt, 2025)

Probleme der Digitalisierung für Senior*innen

Doch zurück zu den Senior*innen. Neben der hohen Quote an älteren Bundesbürger*innen, die keinen Zugang zum Internet haben, muss von einer weiteren großen Gruppe an Senior*innen ausgegangen werden, die zwar ein Smartphone oder eine andere Möglichkeit der digitalen Teilhabe besitzt, diese aber nicht adäquat bedienen kann (vgl. Schmidt, 2025). Insgesamt ergibt das zahlreiche ältere Menschen, denen das digitale Leben verwehrt bleibt. Und das hat zunehmend negative Konsequenzen.

Wie schwierig es ist, ohne Internetanschluss den Alltag zu bewältigen, stelle ich immer wieder fest, wenn ich mich mit meiner 87-jährigen Nachbarin unterhalte. Sie hat weder WLAN noch Smartphone und erledigt sämtliche Verpflichtungen nach wie vor analog – oder zumindest versucht sie es. Neulich erzählte sie mir seufzend, dass sie mittlerweile monatlich einen nicht unerheblichen Betrag an ihre Bank zahlen muss, weil sie die digitalen Optionen nicht nutzen kann. Das bedeutet im Klartext: Für jeden Kontoauszug, jede Papierüberweisung und jede analoge Steuerbescheinigung verlangen manche Banken eine Gebühr. Ein anderes Mal fragte mich meine Nachbarin nach der Buslinie, die in einen bestimmten Stadtteil führt. Ich zückte schnell mein Smartphone und konnte ihr die gewünschte Information binnen Minuten mitteilen, aber sie selbst hätte vermutlich einen Vormittag damit verbringen müssen, ins Kundencenter des hiesigen Nahverkehrsanbieters zu fahren, denn analoge Fahrpläne gibt es bei uns nicht mehr – man kann sich lediglich die Pläne einzelner Buslinien selbst ausdrucken. Wenn man Zugang zum Internet hat, versteht sich.

Die Terminbuchung bei vielen Ärzten läuft überwiegend über ein Online-Buchungssystem. Banken schließen immer mehr Filialen und bauen dafür ihre Online-Angebote aus. Viele Fernsehserien und -filme werden nur noch für Streamingdienste produziert und bleiben Menschen ohne Internetzugriff damit verwehrt. Behördengänge können immer öfter online durchgeführt werden, und zwar deutlich schneller und meist auch deutlich günstiger als ein Besuch vor Ort. Alltagserleichterungen wie Lieferdienste für Lebensmittel oder schwere Getränkekisten können ausschließlich online gebucht werden und kommen für Menschen ohne Internet damit nicht infrage.

Kurzum: Wer ausschließlich die Möglichkeit auf analoge Optionen hat, muss einige Nachteile in Kauf nehmen – Tendenz steigend.

Einschätzung der Forderung der Senioren-Union

Momentan schreitet der technische Fortschritt so schnell voran wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Dass es einigen älteren Menschen nicht gelungen ist, mit dieser rasanten Entwicklung Schritt zu halten, ist daher wenig verwunderlich. Die Frage, die sich stellt, muss deshalb sein, wie wir als Gesellschaft mit solchen Menschen umgehen möchten. Setzen wir ausschließlich auf den Fortschritt und treiben das digitale Leben immer noch weiter voran? Oder halten wir inne und besinnen uns darauf, dass Inklusion nicht nur die Teilhabe von Menschen mit Einschränkungen und Beeinträchtigungen meint, sondern die Teilhabe von allen Menschen?

Das von der Senioren-Union geforderte Grundrecht auf ein analoges Leben dürfte aus gesellschaftlicher Sicht gar nicht zur Diskussion stehen; vielmehr sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass auch Menschen ohne Internetzugang eine verlässliche Garantie dafür haben, weiterhin am alltäglichen Leben teilnehmen zu können. Und nicht nur die bloße Teilhabe sollte garantiert sein, sondern analoge Optionen dürfen nicht mit Nachteilen einhergehen. Das heißt: Keine längeren Wartezeiten bei der analogen Terminvereinbarung. Keine höheren Kosten für analoge Dienstleistungen. Und kein Ausschluss von Angeboten und Dienstleistungen, wenn man ausschließlich analoge unterwegs ist. Andernfalls wird der vielgelobte Fortschritt schnell zum Exklusivrecht.

Quellen:

Schmidt, F. (2025). Offline und ausgeschlossen? Senioren wollen ein analoges Grundrecht. https://www.ndr.de/kultur/offline-und-ausgeschlossen-senioren-wollen-ein-analoges-grundrecht,analogesleben-100.html.

Statistisches Bundesamt. (2025). Gut 4 % der Bevölkerung im Alter von 16 bis 74 Jahren in Deutschland sind offline.

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/04/PD25_N017_63.html.

Quelle Beitragsbild: https://unsplash.com/de/fotos/alterer-mann-der-ein-smartphone-auf-einer-couch-benutzt-4M7HLn1r6ss

Quelle Abbildung 1: https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/aeltere-frau-mit-einem-tablet_18411820.htm#fromView=search&page=1&position=3&uuid=a153be02-b5ce-4ed1-a581-fe1103205b47&query=senior+digitalisierung.

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