Viele Menschen mit Lernschwierigkeiten nutzen WhatsApp intensiv. Sie senden Emojis, Sticker und Sprachnachrichten, erwarten schnelle Antworten und können längere Wartezeiten als persönliche Ablehnung werten. Diese Dynamik zeigt, wie sehr Messenger Teilhabe ermöglichen, aber auch Überforderung schaffen können.
Missverständnisse mit einem Klick – Kommunikationsdynamiken im Chat
Vielzahl an Motiven vs. eingeschränkte Interpretationsfähigkeit
Emojis können Emotionen ausdrücken, Betonung verleihen, Informalität signalisieren, Sarkasmus verdeutlichen, Flirtabsichten andeuten oder schlicht zur Darstellung von Langeweile genutzt werden. (Manganari 2021, S. 9) Die Bandbreite ist schwer überschaubar und Symbole können leicht fehlinterpretiert werden.
Konzentration auf wenige Emojis und Emoji‑Überflutung
Studien zeigen, dass die drei Emojis glücklich, sehr glücklich und traurig 70 % aller Einsätze ausmachen und der klassische Smiley an der Spitze steht. (Manganari 2021, S. 9) Häufig werden nur ein bis zwei Emojis gewählt und in großer Menge gesendet, was bei GesprächspartnerInnen zu Irritation und Gegenüberforderung führt.
Verzerrte Selbstwahrnehmung
Die Forschung belegt, dass viele NutzerInnen ihre eigene Emoji-Nutzung unterschätzen. (Vgl. Manganari 2021) Für Menschen mit Lernschwierigkeiten, die eigene Kommunikationsmuster nur begrenzt reflektieren können, liegt hier ein Konfliktpotenzial.
Mangel an nonverbalen Rückmeldungen
Im persönlichen Gespräch geben Mimik, Gestik und Tonfall unmittelbare Hinweise auf die Wirkung einer Nachricht. (Ashraf 2023, S. 1) In Chats fehlen diese Deutungshilfen. Selbst Sprachnachrichten können Emotionsschattierungen nur unvollständig transportieren, sodass Unsicherheit und Missverständnisse zunehmen.
Warum Emojis missverstanden werden können
Ambiguität durch unterschiedliche Interpretationen
Jeder benutzt Emojis anders – kulturell, persönlich und plattformbezogen variieren Bedeutung und Wirkung stark. (Koch et al. 2023)
Eine Untersuchung zeigt, dass bei negativen Emojis der Empfänger die Stimmung im Schnitt um 26 % weniger negativ einschätzt als der Sender. (Bai et al. 2019)
Plattform‑abhängige Darstellung führt zu Missverständnissen
Emojis können auf verschiedenen Endgeräten stark unterschiedlich dargestellt werden, was zu Missverständnissen führt. In einer Untersuchung fanden Forscher heraus, dass Emojis auf bis zu 25 % der Fälle unterschiedlich interpretiert werden, da sie auf iPhone, Android oder Windows anders erscheinen. (Morstatter et al. 2017)
Mangel an nonverbalen Rückmeldungen erhöht Unsicherheit
Im persönlichen Gespräch geben Mimik, Gestik und Tonfall wichtige Informationen bei Gefühlen – im Chat fehlen diese, wodurch Missverständnisse zunehmen. Studien zeigen, dass emoticons zwar helfen, vermissen jedoch weitgehend die natürlichen nonverbalen Hinweise. (Dürscheid und Siever 2017)
Diese Erkenntnisse erklären, warum Menschen mit Lernschwierigkeiten besonders verwirrt oder überfordert reagieren, wenn digitale Kommunikation unklare Emojis enthält.
Fazit: Teilhabe bewusst gestalten
Messenger wie WhatsApp bieten Menschen mit Lernschwierigkeiten wichtige Zugänge zu sozialer Teilhabe. Sie erleichtern Kontaktpflege, ermöglichen selbstbestimmte Kommunikation und stärken digitale Selbstwirksamkeit. Zugleich birgt die Verwendung von Emojis ein erhöhtes Risiko für Missverständnisse. Ihre Deutung ist vielschichtig, nicht standardisiert und plattformabhängig. Gerade Menschen mit eingeschränkter Interpretationsfähigkeit oder geringer Medienkompetenz können dadurch irritiert, verunsichert oder sozial ausgegrenzt werden.
Damit digitale Kommunikation inklusiv gelingt, braucht es klare Rahmenbedingungen:
- Begrenzte Emoji-Auswahl, die gemeinsam erklärt und geübt wird
- Verabredungen zur Reaktionszeit, um Missverständnisse bei Wartezeiten zu vermeiden
- Reflexion in kleinen Gruppen über Chatverhalten und Gefühlsdeutungen
- Einbindung von Fachkräften und Angehörigen, um digitale Kommunikationsregeln zu vermitteln und gemeinsam weiterzuentwickeln
Digitale Teilhabe endet nicht beim Zugang zum Gerät. Sie beginnt bei der verständlichen und sicheren Nutzung. Fachkräfte können hier als BrückenbauerInnen wirken, indem sie Unsicherheiten abbauen, Kommunikationsformen vereinfachen und das Thema „Emojis verstehen“ fest in ihre pädagogische Arbeit integrieren.
Literatur
Ashraf, M. (2023): Missverständnis der Mimik als nonverbale Kommunikation im interkulturellen Kontext. In: Beni-Suef University International Journal of Humanities and Social Sciences 5 (1), S. 0. DOI: 10.21608/buijhs.2023.137806.1104.
Bai, Q.; Dan, Qi; Mu, Z.; Yang, M. (2019): A Systematic Review of Emoji. Current Research and Future Perspectives. In: Frontiers in psychology 10, S. 2221. DOI: 10.3389/fpsyg.2019.02221.
Dürscheid, C.; Siever, C. M. (Hg.) (2017): Jenseits des Alphabets – Kommunikation mit Emojis (45).
Manganari, E. E. (2021): Emoji Use in Computer-Mediated Communication. Springer. Online verfügbar unter https://link.springer.com/article/10.2991/itmr.k.210105.001, zuletzt geprüft am 18.05.2025.
Morstatter, F.; Shu, K.; Wang, S.; Liu, H. (2017): Cross-Platform Emoji Interpretation. Analysis, a Solution, and Applications. Online verfügbar unter https://arxiv.org/pdf/1709.04969, zuletzt aktualisiert am 14.09.2017, zuletzt geprüft am 19.06.2025.
Bildquelle
social-media-7426007_1280 von Heylizart über Pixabay online verfügbar unter: https://pixabay.com/de/illustrations/social-media-soziales-netzwerk-7426007/ Aufruf am 19.06.2025