Wie ein Fels in der Brandung – Resilienz in Zeiten von Corona

Als größte Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die aktuelle Corona-Krise durch die UN (United Nations) bezeichnet (tagesschau.de, 2020). Angesichts der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Bedrohung verfallen zahlreiche Menschen in Angst oder Resignation. Andere Menschen stürzen durch die soziale Distanzierung und damit verbundene soziale Einschränkungen in eine psychische Krise. Wie aktuelle tägliche Umfragen zeigen, sorgen sich zwischen 12 bis 34 Prozent der Befragten in Deutschland aufgrund der Corona-Pandemie um ihr psychisches Wohlergehen (Statista, 2020). Dessen ungeachtet gibt es noch die Menschen, welchen die gegenwärtige Situation nichts anzuhaben scheint, die trotz Corona-Krise und Kontaktbeschränkungen wie ein Fels in der Brandung stehen und optimistisch in die Zukunft blicken. Was das Geheimnis dieser Menschen ist? In diesem Artikel erfahren Sie es.

 

Resilienz als Schutzfaktor

In der Psychologie wird die Fähigkeit dieser Menschen, schwierigen Umständen und Krisen unbeschadet zu trotzen, als Resilienz bezeichnet. Diese psychische Widerstandsfähigkeit stellt eine Art inneres Schutzschild vor möglichen psychischen und körperlichen Krankheiten als Reaktion auf Krisensituationen oder belastende Lebensumstände dar. Somit kann von Resilienz gesprochen werden, wenn sich ein Mensch in einer Krisensituation befindet und diese effektiv meistert. Das Gegenteil der Resilienz bildet die sogenannte Vulnerabilität (Verletzlichkeit). Eng mit der Resilienz verwandt sind Begriffe wie Gesundheit, emotionale Stabilität und positive Emotionen, Hoffnung, Religiosität und Kohärenzsinn. Mit letzterem ist das Vertrauen gemeint, dass Lebensereignisse verstehbar, überwindbar und sinnhaft sind (Henninger, 2016, S. 158, 160). Soweit zur Theorie. Und was sagt die Forschung dazu?

 

Eine aufschlussreiche Studie

In einer Langzeitstudie zur Erforschung von Resilienz zeigte sich, dass sich einige Kinder, welche auf der Insel Kauai in ein widriges und stressbelastetes Lebensumfeld hineingeboren wurden, später dennoch zu erfolgreichen und sozial integrierten jungen Menschen entwickelten. Neben tragfähigen sozialen Bindungen konnten Eigenschaften wie Offenheit oder Konzentrationsvermögen als Ursachen für diese positive Entwicklung ausfindig gemacht werden (Werner, 1989, S. 118).

 

Schutzfaktoren

Diese und weitere Forschungen haben gezeigt, dass bestimmte Schutzfaktoren existieren, die uns helfen schwierige Lebenslagen zu meistern. So zählen zu den internen Schutzfaktoren z. B. die Fähigkeit Probleme zu lösen, Selbstwirksamkeitsüberzeugung, ein positives Selbstbild und die Fähigkeit, Schwierigkeiten aktiv zu begegnen. Externe Schutzfaktoren stellen z. B. tragfähige soziale Bindungen, Wertschätzung, positive Vorbilder im Umgang mit Krisensituationen und eine optimale Förderung der eigenen Kompetenzen dar (Kuhlmann & Horn, 2020, S. 169).

 

Resilienz als dynamisches Potenzial

Wer nun jedoch denkt, Resilienz stehe einer Person in allen Lebenslagen zur Verfügung, hat sich getäuscht: Resilienz weist vielmehr einen dynamischen Charakter auf und ist abhängig von der jeweiligen Situation (Lohaus & Vierhaus, 2019, S. 306). So kann eine Person z. B. durch eine Beziehungskrise völlig aus der Bahn geworfen werden, während sie der Corona-Krise mit Optimismus und Tatkraft begegnet. Dies ist damit zu erklären, dass wir verschiedene Belastungsfaktoren unterschiedlich wahrnehmen. Wie wir mental und emotional mit bestimmten Krisensituationen umgehen, hat Auswirkungen darauf, ob wir diese souverän meistern. Außerdem geht die Wissenschft davon aus, dass sich Resilienz erlernen lässt (Henning, 2016, S. 159-160): So entscheiden nicht nur unsere Gene und Prägungen aus der Kinderzeit über unseren Umgang mit Krisen, sondern jede gemeisterte Krise lässt uns ähnlichen Herausforderungen mit größerer Resilienz begegnen (Lohaus & Vierhaus, 2019, S. 306).

 

Resilienz lässt sich trainieren

Eine gute Nachricht: Resilienz lässt sich trainieren. Wie das geht, verrät Ihnen z. B. Monika Gruhl (2018) in ihrem Buch „Resilienz: Die Strategie der Stehauf-Menschen“, erschienen im Herder Verlag. In diesem Buch beschreibt die Autorin sieben Schlüsselkompetenzen der Resilienz:

  • Optimismus
  • Akzeptanz
  • Lösungsorientierung
  • Selbstregulation
  • Selbstverantwortung
  • Beziehungsgestaltung
  • Zukunftsgestaltung (Gruhl, 2018, S. 25-95).

Im weiteren Verlauf des Buchs gibt die Autorin praktische Anweisungen, wie Sie Ihre Resilienz basierend auf diesen sieben Schlüsselkompetenzen trainieren können (Gruhl, 2018, S. 171-276).

 

Was geschieht gerade in der Resilienzforschung?

Selbstverständlich spielt Resilienz nicht nur in Zeiten von Corona eine wichtige Rolle, sondern ist angesichts des rasanten Wandels und der vielfältigen beruflichen und privaten Herausforderungen unserer modernen Zeit eine wichtige Quelle psychischer Gesundheit. Angesichts der rapiden Zunahme psychischer Störungen in den letzten Jahren, welche vorwiegend mit Stress in Verbindung stehen, herrscht dringender Handlungsbedarf. Daher versuchen aktuelle Forschungen z.B. die mit Resilienz verbundenen Mechanismen des Gehirns zu ergründen, um auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse die Interventionsmöglichkeiten zur Stärkung der Resilienz zu verbessern (Lieb & Kunzler, 2018, S. 745-746). Es bleibt also spannend in der Resilienzforschung und vielleicht können wir bald schon von den Ergebnissen dieser Forschungen profitieren.

 

 

 

Literatur

Gruhl, M. (2018). Resilienz Die Strategie der Stehauf-Menschen: Krisen meistern mit innerer Widerstandskraft (1. Aufl.). Freiburg i. B.: Herder Verlag.

Henninger, M. (2016). Resilienz. In D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Werte: Von Achtsamkeit bis Zivilcourage – Basiswissen aus Psychologie und Philosophie (S. 157-165). Berlin, Heidelberg: Springer.

Kuhlmann, H. & Horn, S. (2020). Integrale Führung: Wie Sie mit neuen Ansätzen sich selbst , Teams und Unternehmen entwickeln (2. Aufl.). Wiesbaden: Springer Gabler.

Lieb, K. & Kunzler, A. M. (2018). Resilienz. Der Nervenarzt, 89 (7), S. 745-746.

Lohaus, A. & Vierhaus, M. (2019). Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor (4. Aufl.). Berlin: Springer.

Statista (2020). Anteil der Personen, die sich wegen der COVID-19/Corona-Pandemie Sorgen um ihr psychisches Wohlergehen machen, in Deutschland, den USA und dem Vereinigten Königreich 2020 (Stand: 19.05). Statista. Abgerufen am 21.05.2020. Verfügbar unter https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1109221/umfrage/besorgtheit-ueber-psychische-gesundheit-wegen-der-covid-19-corona-pandemie/

Tagesschau.de (2020). UN zu Corona-Pandemie: „Größte Krise seit Zweitem Weltkrieg“. Zugriff am 20.05.2020. Verfügbar unter https://www.tagesschau.de/ausland/guterres-corona-101.html

Werner, E. E. (1989). Sozialisation: die Kinder von Kauai. Spektrum der Wissenschaft, 6, S. 118-123.

 

 

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