Krebs und Psyche – Teil 2

Keine Angriffsfläche bieten durch Salutogenese

 

Einleitung

Die Diagnose Krebs und die anschließende Behandlung lösen in den meisten Menschen große Ängste aus. Wie in Teil 1 bereits beschrieben sind die häufigsten psychischen Erkrankungen, die durch die außergewöhnliche Belastung ausgelöst werden, Depressionen, Angststörungen, Anpassungsstörungen oder Abhängigkeit von Alkohol, Zigaretten oder anderen Substanzen. Dies trifft jedoch nicht auf alle Erkrankten zu. Daher stellt sich die Frage, wie manche Menschen es schaffen, trotz der erschwerten Umstände psychisch gesund zu bleiben und ihren Lebensmut nicht zu verlieren.

 

Was ist das Kohärenzgefühl?

Aaron Antonovsky (1923-1994) war ein israelisch-amerikanischer Medizinsoziologe. Er beleuchtete kritisch die pathologische Haltung der geläufigen Medizin. Das von ihm entwickelte salutogenetische Modell umfasst verschiedene Konstrukte, die die Entstehung und den Erhalt der Gesundheit erklären sollen. Eines dieser Konstrukte ist das Kohärenzgefühl.[1] Antonovsky geht davon aus, dass sowohl der Gesundheitszustand als auch der Krankheitszustand durch das Kohärenzgefühl beeinflusst wird. Pauschal lässt sich sagen, je stärker das Kohärenzgefühl ausgeprägt ist, desto gesünder ist der Mensch beziehungsweise desto schneller regeneriert er. Das Kohärenzgefühl selbst beschreibt die Grundhaltung des Menschen gegenüber der Welt und dem eigenen Leben. Das Kohärenzgefühl stellt ein Wahrnehmungs- und Beurteilungsmuster dar, welches sich aus drei Komponenten zusammensetzt. Diese können Gesundheit oder Krankheit sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Bei einer positiven Einstellung können Erkrankte schneller und besser genesen und weitere Erkrankungen abwenden.[2]

Das Gefühl der Verstehbarkeit
Diese Komponente bezieht sich auf die Wahrnehmung der inneren und äußeren Umwelt und stellt somit den kognitiven Anteil des Kohärenzgefühls dar. Es wird eine hohe Verstehbarkeit angenommen, wenn der Betroffene die Informationen über die eigene Lebenswelt als geordnet, klar und strukturiert erlebt. Sie können gewisse Ereignisse ihres Lebens erklären und teilweise auch voraussehen.

Das Gefühl der Handhabbarkeit
Diese Komponente beschreibt, wie weit die Anforderungen der Umwelt subjektiv als kontrollierbar wahrgenommen werden. Bei einem Menschen, der davon ausgeht, dass seine Ressourcen ausreichen, um die Anforderungen zu bewältigen, lässt sich von einem hohen Gefühl der Handhabbarkeit sprechen. Hierbei handelt es sich ebenso um eine kognitive und subjektive Einschätzung der eigenen Handlungsmöglichkeiten in Verbindung mit einer Zuversicht, dass alles gut wird.

Das Gefühl der Sinnhaftigkeit
Hierbei handelt es sich um die motivationale Komponente, die beschreibt, ob der betroffene Mensch das eigene Leben als wichtig und bedeutungsvoll wahrnimmt. Wenn ein hohes Gefühl der Sinnhaftigkeit besteht, dann erlebt der Betroffene die Anforderungen als persönliche Herausforderung, die es gilt zu meistern.[3]

Diese drei Komponenten hängen eng zusammen und sind alle notwendig, um das Kohärenzgefühl einer Person zu beschreiben. Das Gefühl der Sinnhaftigkeit stellt die wichtigste Komponente dar, denn wenn keine emotionale Motivation besteht, haben die beiden anderen Komponenten keine dauerhafte Grundlage.[4]

 

Wie wirkt ein ausgeprägtes Kohärenzgefühl bei Krebserkrankten?

Bei Menschen, die unter einer Krebserkrankung leiden, kann das Kohärenzgefühl als Schutzfaktor dienen und sowohl psychische als auch weitere physische Erkrankungen abwenden. Es ist vorteilhaft, wenn das Gefühl der Verstehbarkeit vorhanden ist. Das bedeutet, dass der Erkrankte seine Krankheit und die möglichen Therapiemaßnahmen versteht und diese nachvollziehen kann. Außerdem ist das Gefühl der Handhabbarkeit gegeben, sobald der Erkrankte das Vertrauen und die innere Überzeugung entwickelt, alle Anforderungen, die durch die Krebserkrankung an ihn gestellt werden, meistern zu können. Das bestenfalls vorhandene Gefühl der Sinnhaftigkeit ermöglicht es dem Betroffenen, die Tumorerkrankung sinnvoll in die persönliche Biografie einzuordnen, ohne sich Vorwürfe zu machen. Diese Weltsicht schützt den Erkrankten vor den gesundheitsschädlichen Auswirkungen langfristiger psychischer oder physischer Stresssituationen und kann die Bewältigung sogar beschleunigen.[5] Wenn alle drei Komponenten des Kohärenzgefühls gegeben sind, wird die Erkrankung nicht so schnell als Stressor gewertet, sie wird als weniger bedrohlich eingeschätzt und die ganze Situation wird klarer und differenzierter wahrgenommen. Die Ängste und Belastungen, welche als Auslöser von psychischen Erkrankungen bei Krebs bekannt sind, werden somit gedämpft, da sie gar nicht mehr in diesem Maß entstehen, wie ohne vorhandenes Kohärenzgefühl. Menschen mit einem hohen Kohärenzgefühl reagieren seltener mit Risikoverhalten, wie Rauchen oder Trinken. Außerdem werden physische Reaktionen angestoßen, die ebenso das Maß an Gesundheit erhöhen. Beispielsweise wird das Immunsystem positiv beeinflusst oder neuroimmunologische oder neuroendokrine Ressourcen werden aktiviert.[6] Der Kohärenzsinn ist abhängig von den vorhanden Widerstandsressourcen des Betroffenen. Die Verfügbarkeit der Ressourcen ist ausschlaggebend für die Art der Lebenserfahrungen, die die Betroffenen gemacht haben. Wenn sie bereits in ihrem Leben ein hohes Maß an sozialer Teilhabe, personaler Kontrolle, Konsistenz oder Balance von Belastungen erfahren haben, entwickelt sich ein starkes Kohärenzgefühl.

 

Fazit

Ist bei Erkrankten ein ausgeprägtes Kohärenzgefühl vorhanden, so sinkt das Risiko, weitere körperliche oder psychische Krankheiten durch die Diagnose oder Behandlung von Krebs zu erleiden. Durch das Verständnis der Situation, das Gefühl, die Krankheit besiegen zu können, und das Erkennen eines tieferen Sinnes, erleben Betroffene weniger Angst und Überforderung. Dadurch bilden sich psychische Erkrankungen seltener aus. Außerdem ist es hilfreich für einen positiven Verlauf, dass sich Betroffene vor Augen führen, dass sie nicht nur krank sind, sondern auch  über gesunde Anteile verfügen. Auf diese gilt es sich zu fokussieren und das Wohlbefinden in den Mittelpunkt zu stellen.[7]

 

[1] Vgl. Habermann (2005), S. 125

[2] Vgl. Thielhorn (2008), S. 19

[3] Vgl. Faltermaier (2017), S. 195

[4] Vgl. Faltermaier (2017), S. 195

[5] Vgl. Irmey (2007), S. 25

[6] Vgl. Faltermaier (2017), S. 196-198

[7] Vgl. Irmey (2007), S. 25-26

 

Literatur

Faltermaier, T. (2017): Gesundheitspsychologie. 2. Auflage, Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH.

Habermann, C. (2005): Somatische Veränderungen im Alter. In: Habermann, C./Wittmershaus, C. (Hg.), Ergotherapie im Arbeitsfeld Geriatrie. 1. Auflage, Stuttgart: Georg Thieme Verlag KG.

Irmey, G. (2007): Heilimpulse bei Krebs. Von der Hoffnung zum Vertrauen. 1. Auflage, Stuttgart: Haug Verlag.

Thielhorn, U. (2008): Gesundheitsförderung nach dem Modell der Salutogenese. In: Bäumer, R./Maiwald, A. (Hg.), Onkologische Pflege. 1. Auflage, Stuttgart: Georg Thieme Verlag KG.

 

Bildquelle:
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