Burnout? Depression? Ist doch alles das Gleiche, oder?!

Einleitung

Die Begriffe Burnout sowie Depression sind längst in aller Munde und werden in der Alltagssprache zudem fälschlicherweise oftmals gleichgesetzt. Vor allem im Zusammenhang mit Belastungen im Arbeitsleben fällt die Bezeichnung Burnout-Syndrom besonders schnell. Ab und an wird Burnout sogar mit abfälligem Tonfall als reine Modeerkrankung abgetan. „Du fühlst dich von deiner beruflichen Tätigkeit ausgelaugt und kannst gar nicht mehr richtig abschalten? Auch bist du generell ständig erschöpft und irgendwie einfach nicht mehr so gut gelaunt wie früher? Na, dann hast du wahrscheinlich Burnout oder so etwas, vielleicht auch Depressionen! Das ist ja heutzutage sowieso nichts Außergewöhnliches mehr…“. Unterhaltungen solcher Art dürften den meisten Menschen bekannt sein. Burnout und Depression haben sich in die alltäglichen Gespräche der breiten Bevölkerung geschlichen, jeder hat etwas dazu zu sagen (Geuenich, 2016).

Es stellt ein zunehmendes Problem dar, dass der Gebrauch der Begriffe Burnout und Depression in keinem Verhältnis zu ihrer inhaltlichen Bestimmung stehen. Trotz andauernder Präsenz dieser Themen wissen doch nur die Wenigsten, worum es im Kontext dieser Krankheitsbilder konkret geht. Generell verfolgt der vorliegende Artikel aus diesem Grund das Ziel, bezüglich der beiden genannten Erkrankungen für etwas mehr Klarheit zu sorgen. Was genau ist das Burnout-Syndrom eigentlich und inwiefern unterscheidet es sich von einer Depression? Im Folgenden soll dieser Frage detailliert auf den Grund gegangen werden.

 

Theorieteil

Was sind depressive Störungen?

Depressionen können mit vielfältigen Beschwerden einhergehen, welche in emotionale, kognitive, physiologisch-vegetative und behaviorale-motorische Symptome untergliedert werden. Einen Teil dieser Krankheitszeichen erlebt nahezu jeder Mensch im Laufe seines Lebens, beispielsweise Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder Antriebslosigkeit. Das gilt als vollkommen normal und hat nichts mit einer pathologischen Depression zu tun. Überschreiten die Symptome jedoch eine bestimmte Zeitdauer, Intensität sowie Persistenz, handelt es sich um eine depressive Störung, welche behandelt werden muss. Die Major Depression gilt als häufigste Form depressiver Erkrankungen. Zu deren charakteristischen Merkmalen zählen über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen weitgehend durchgängig auftretende typische Symptome des depressiven Syndroms (beispielsweise eine niedergeschlagene oder traurige Stimmungslage, der Verlust an Freude an jeglichen Tätigkeiten, Schlafstörungen, Appetitverlust, Konzentrationsschwierigkeiten, Reduktion des Selbstwertgefühls, Suizidgedanken etc.). Im DSM-IV sind die depressiven Störungen unter der diagnostischen Kategorie der affektiven Störungen zu finden (Hoyer & Wittchen, 2011, 880-881).

 

Was ist Burnout?

Das Burnout-Syndrom stellt im Gegensatz zur Depression keine Krankheit im engeren Sinne dar und es existieren zudem keine eindeutig zuteilbaren diagnostischen Kriterien. Auch sind in der Literatur keine einheitlichen Definitionen dieses Störungsbildes zu finden. Eine sehr umfassende Charakterisierung des Burnout-Syndroms stammt aus dem Jahr 1984 und besagt das Folgende: „Burn-out bezeichnet einen besonderen Zustand berufsbezogener chronischer Erschöpfung insbesondere in Sozial- und Pflegeberufen. Es wird meist als ein Syndrom aus emotionaler Erschöpfung, Depersonalisierung und reduzierter Leistungsfähigkeit beschrieben. Emotionale Erschöpfung ist durch hohe interpersonelle Anforderungen und die Beanspruchung emotionaler Ressourcen gekennzeichnet. Die Betroffenen fühlen sich durch den Kontakt mit anderen Menschen emotional überanstrengt und ausgelaugt. Depersonalisation beinhaltet negative, gefühlslose und zynische Einstellungen gegenüber Klienten, Kunden oder Patienten; ein Zustand, in dem die Betroffenen gefühlslose und abgestumpfte Reaktionen gegenüber ihren Klienten zeigen. Persönliche Leistungseinbußen beschreibt die Tendenz, die eigene Arbeit negativ zu bewerten und ein Gefühl mangelnden bzw. schwachen beruflichen Selbstwertes zu entwickeln.“ (Nerdinger, Blickle & Schaper, 2019, S. 531).

Darüber hinaus soll an dieser Stelle nochmals ein etwas kürzer gefasster Definitionsversuch des Burnout-Syndroms vorgestellt werden: „Burnout ist eine körperliche, emotionale und geistige Erschöpfung aufgrund beruflicher Überlastung. Dabei handelt es sich nicht um eine Arbeitsmüdigkeit, sondern um einen fortschreitenden Prozess, der mit wechselhaften Gefühlen der Erschöpfung und Anspannung einhergeht.“ (Jaggi, 2008, S. 6).

 

Diskussionsteil

Wie kann das Burnout-Syndrom von einer Depression abgegrenzt werden?

Die ärztliche Diagnose eines Burnouts geht generell mit einigen Schwierigkeiten einher. So stellt es in diesem Kontext beispielsweise eine Herausforderung dar, dass nach aktuellem Stand keine objektiven Parameter entwickelt wurden, welche zur Diagnostik herangezogen werden könnten. Die im Rahmen einer Diagnosestellung genutzten Methoden bestehen in den meisten Fällen aus Fragebögen zur Selbstbeurteilung und sind aus diesem Grund kein Mittel zur objektiven Datenerfassung. Darüber hinaus kann die Ähnlichkeit zwischen den Symptomen des Burnouts und denen der Depression schnell zum Verhängnis werden, das Risiko einer Fehldiagnose ist nicht zu unterschätzen. In der Wissenschaft herrschen verschiedene Betrachtungsweisen angesichts des Verhältnisses zwischen den beiden Störungsbildern. Im Nachgang sollen drei mögliche Perspektiven erläutert werden (Scherrmann, 2016, S. 6):

 

  • Burnout ≠ Depression

Es ist davon auszugehen, dass die beiden Erkrankungen nicht miteinander gleichgesetzt werden können. Dies wird insofern begründet, dass Burnout – wie bereits erläutert – als das Resultat ständiger Stressbelastung im Kontext Arbeit definiert wird. Dementsprechend ergibt sich das Burnout-Syndrom als Folge einer über einen längeren Zeitraum andauernden Unvereinbarkeit zwischen den persönlichen Ressourcen und den Arbeitsanforderungen. Genau an dieser Stelle liegt der entscheidende Unterschied: Burnout kann als kontextspezifisch bezeichnet werden (beschränkt sich überwiegend auf die Arbeit), während Depressionen kontextübergreifend sind und somit eine Beeinträchtigung in vielen unterschiedlichen Lebensbereichen darstellen. Darüber hinaus sind die Leitsymptome der beiden Störungen zwar sehr ähnlich, aber bei weitem nicht identisch. Beispielsweise zählen Selbstmordgedanken zu den Krankheitszeichen einer Depression, bei einem Burnout dagegen ist das gewöhnlich nicht der Fall. Zuletzt bestehen auch Unterschiede bezüglich der Klassifikation: Die Depression wird sowohl im ICD-10 als auch im DSM-V als psychische Erkrankung gelistet. Das Burnout-Syndrom ist im Gegensatz dazu ausschließlich unter der Kategorie Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung zu finden (Kauffeld, 2019, S. 325).

 

  • Burnout = Vorbote der Depression

Im Rahmen einer zweiten Sichtweise geht es um die Vermutung, dass Burnout sozusagen die Vorstufe einer Depression darstellt. Es wird davon abgeraten sich zu sehr darauf zu verlassen, dass Burnout allein aufgrund seines spezifischen Kontextes (Arbeit) von einer Depression unterschieden werden könne. Dieser Standpunkt wird dadurch untermauert, dass auch eine Depression zu Beginn womöglich kontextspezifisch ist und sich etwa lediglich auf die Arbeit bezieht. In diesem Sinne ist es zum Beispiel denkbar, dass aufgrund beruflicher Belastungen eine depressive Störung entsteht, welche zunächst nur im Zusammenhang mit dem Beruf zu Tragen kommt und sich erst nach einiger Zeit auf weitere Bereiche des Lebens überträgt. Auch diesbezüglich erhobene Langzeitstudien konnten bestätigen, dass das Burnout-Syndrom oftmals tatsächlich der Vorbote einer Depression ist. Je intensiver das Burnout-Syndrom über die Zeit hinweg ausgeprägt ist, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass sich daraus eine Depression entwickelt (Kauffeld, 2019, S. 325).

 

  • Burnout = Depression

Ansonsten bestehen auch Ansichten, welche sich dafür aussprechen, Burnout und Depression nicht als verschiedenartige Konstrukte zu bewerten, sondern gleichzusetzen. Hier wird vor allem die auffallende Ähnlichkeit der Symptome herangezogen. Davon ausgehend, dass Burnout eher arbeitsbezogen und eine Depression dagegen vielmehr krankheitsbezogen ist, ergibt sich die folgende These, dass Burnout eine Ausprägung depressiver Symptome im beruflichen Kontext darstellen könnte. Ferner besteht die Möglichkeit, dass es sich beim Burnout-Syndrom um eine spezifische Form der Depression handelt (Kauffeld, 2019, S. 325).

 

Fazit

Im Zuge des vorliegenden Beitrags ist es gelungen, sowohl das Krankheitsbild der Depression als auch das Burnout-Syndrom genauer zu definieren. Dabei konnte festgestellt werden, dass sich die Symptome dieser beiden Störungen sehr ähneln, jedoch bestehen auch gravierende Unterschiede. Dass Burnout und Depressionen in alltäglichen Gesprächen unter Laien oftmals gleichgestellt werden ist im Übrigen nicht verwunderlich, da auch in der Wissenschaft keine Einigkeit bezüglich des Verhältnisses der beiden Erkrankungen besteht. Fakt ist in jedem Fall, dass die Depression als eigenständige psychische Erkrankung im ICD-10 gelistet ist, während Burnout in diesem Zusammenhang (noch) nicht spezifisch definiert wird.

 

Literatur

Geuenich, Katja (2018): Zusatzdiagnose Burnout. Online verfügbar unter https://www.testzentrale.de/themen/klinik/artikel/Zusatzdiagnose%20Burnout-311, zuletzt aktualisiert am 11.08.2016, zuletzt geprüft am 07.09.2020.

Jaggi, F. (2008): Burnout – praxisnah. 2 Tabellen. Stuttgart: Thieme.

Kauffeld, Simone (Hg.) (2019): Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie für Bachelor. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg (Springer-Lehrbuch).

Nerdinger, Friedemann; Blickle, Gerhard; Schaper, Niclas (2014): Arbeits- und Organisationspsychologie. Mit 51 Tabellen. Unter Mitarbeit von Friedemann W. Nerdinger, Gerhard Blickle und Niclas Schaper. 3., vollständig überarb. Aufl. Berlin, Heidelberg: Springer (Kohlhammer-Urban-Taschenbücher, Bd. 721 : Psychologie).

Scherrmann, Ulrich (2016): Erste Hilfe bei Burnout in Organisationen. 1. Aufl. 2017. [s.l.]: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (essentials).

Wittchen, Hans-Ulrich (2011): Klinische Psychologie & Psychotherapie. 2., vollst. überarb. und aktualis. Aufl. Berlin: Springer (Springer-Lehrbuch).

Beitragsbild: 

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