Wenn die Freude über das Neugeborene ausbleibt – die Wochenbettdepression

Die postpartale Depression auch Wochenbettdepression genannt ist eine häufig vorzufindende psychische Erkrankung mit potenziell gravierenden Auswirkungen für sowohl Mutter als auch Kind (Härtl, Müller, & Friese, 2006, S. 814).

Was ist eine Depression?

Die Depression kann mit ihren verschiedenen Subtypen und Schweregraden den sogenannten affektiven Störungen zugeordnet werden (Bodden-Heidrich, 2004, S. 846). Allgemein entspricht die Depression der häufigsten psychischen Erkrankung an welcher jährlich circa drei Prozent der Bevölkerung neu erkranken (Bodden-Heidrich, 2004, S. 848). Aus medizinischer Sicht kann die Depression als eine ernste Erkrankung angesehen werden, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen tiefgehend beeinflusst. Außerdem geht sie mit Störungen von Hirn- und anderen Körperfunktionen einher und verursacht erhebliches Leiden. Personen, welche an einer Depression erkrankt sind, können sich nur selten allein von gedrückter Stimmung, Antriebslosigkeit und ihren negativen Gedanken befreien (Deutsche Depressions Hilfe).

Die Wochenbettdepression

Das Wochenbett bezieht sich auf die ersten sechs bis acht Wochen nach der Geburt während sich physiologische Rückbildungsvorgänge vollziehen. Stimmungslabilitäten in den ersten Wochenbetttagen betreffen circa 25-50% der Frauen (Bamberg & Dudenhausen, 2009, S. 711). Ein Wechsel zwischen Glücklich sein, Reizbarkeit und Weinen. Ursächlich in der abfallenden Anspannung und Erleichterung einerseits und dem Hormonabfall andererseits (Bodden-Heidrich, 2004, S. 853). Diese kann zunächst als harmlos eingestuft werden wobei keine bestimmte Therapie notwendig ist. Hiervon klar abzugrenzen ist die sogenannte Wochenbettdepression von welcher 10-15% der Frauen betroffen sind. Diese kann zu Suizidgedanken, Grübeln, Konzentrationsstörungen, Antriebslosigkeit, Zwangsgedanken oder auch Schlafstörungen führen. Die depressiven Stimmungen, Ängste, Gefühl der Überforderung in Bezug auf die neu verlangte Verantwortung für das Neugeborene oder aber auch der Abschied vom Berufsleben. All diese Faktoren tragen zur Belastung der Psyche bei (Bodden-Heidrich, 2004, S. 854).

Die Diagnose

Diese Wochenbettdepression wird jedoch häufig nicht diagnostiziert, da die Betroffenen aus Unwissen, Scham, Schuldgefühlen oder auch Angst ihre Symptome verschweigen (Bamberg & Dudenhausen, 2009, S. 716-717).Nicht selten zeigt sich die Wochenbettdepression in Form von körperlichen Beschwerden wie Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen oder auch Konzentrationsschwierigkeiten. Psychisch sind Gefühle von Wertlosigkeit, Insuffizienz oder auch Sinnlosigkeit typisch (Bodden-Heidrich, 2004, S. 854).Die ICD-10 und DSM IV gehen bei der postpartalen Depression von einem zeitlichen Rahmen von sechs bis acht Wochen aus, jedoch zeigen klinische Erfahrungen, dass diese Verstimmung nicht selten während des gesamten ersten Lebensjahrs des Kindes vorkommen und andauern können (Bodden-Heidrich, 2004, S. 854).

Bei schweren Wochenbettdepressionen ist eine medikamentöse Therapie mit trizyklischen Antidepressiva oder selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern von Nöten (Bamberg & Dudenhausen, 2009, S. 717).

Der Einfluss auf die kindliche Entwicklung

Im Rahmen der Mannheimer Risikokinderstudie wurden postpartale Depressionen bis zwei Jahre nach der Geburt festgestellt. Die kindliche Entwicklung wurde fortlaufend und die Mutter-Kind-Interaktion im Alter von drei Monaten standardisiert erfasst (Hohm, et al., 2017, S. 2). Es wurden zwei Gruppen mit Probanden ausgewählt, die an allen Erhebungen bis zum Alter von 25 Jahren teilnahmen. Die Gruppe mit postpartal depressiven Müttern wurde einer Kontrollgruppe mit Müttern gegenübergestellt, welche sich nach der Geburt psychisch gesund und psychosozial unbelastet fühlten (Hohm, et al., 2017, S. 9).

Kinder der postpartalen depressiven Gruppe weisen einen ungünstigeren Verlauf der geistigen Entwicklung auf. Ab einem Alter von 2 Jahren weisen die Kinder einen signifikant niedrigeren Gesamt-IQ auf. Die Entwicklung ist abhängig von dem mütterlichen Interaktionsverhalten. Positive Auswirkung auf die Entwicklung hatte es, wenn die Mutter einfühlsamer auf die kindlichen Bedürfnisse einging und häufiger in Babysprache kommunizierte (Hohm, et al., 2017, S. 14-15)

Einen Einfluss des frühen mütterlichen Interaktionsverhaltens konnte ebenfalls in der psychischen Entwicklung festgestellt werden. Bis zum Erwachsenenalter erkranken Kinder postpartaler Mütter häufiger an psychischen Störungen (Hohm, et al., 2017, S. 16).

Fazit

Eine gelungene Mutter-Kind-Interaktion kann nachteilige Folgen abmildern. Es ist somit zwingend notwendig die postpartale Depression frühzeitig zu erkennen. Müttern ist es nach der Schwangerschaft auf jeden Fall anzuraten ein Screening bezüglich der Symptome der Wochenbettdepression mittels Fragebogen oder Interview durchzuführen. Ein optimaler Zeitpunkt hierfür wäre die gynäkologische Abschlussuntersuchung sechs bis acht Wochen postpartal (Härtl, Müller, & Friese, 2006, S. 815). Außerdem ist es notwendig, dass Schwangere umfassend über die Auftretungshäufigkeit und die wichtigsten Symptome von ihrem Gynäkologen aufgeklärt werden. Dies kann die Scham sich Hilfe zu suchen vermindern und zudem helfen, eventuell bestehende Symptomatik besser einordnen zu können. Hebammen und auch Gynäkologen sollten umfassender dazu angehalten werden auf Symptome der postpartalen Depression zu achten, um eine frühzeitige Feststellung sicherstellen zu können. 

Literaturverzeichnis

aok. (2018). Schwangerschaft: Wann ist das beste Alter? Aufgerufen am 27.09.2022 Verfügbar unter: https://aok-erleben.de/artikel/schwangerschaft-wann-ist-das-beste-alter: aok.

Bamberg, C., & Dudenhausen, J. (2009). Das Wochenbett. Berlin: Springer Medizin Verlag.

Bodden-Heidrich, R. (2004). Das Depressive bei Patientinnen in der Frauenheilkunde. Springer Medizin Verlag.

Deutsche Depressions Hilfe, S. (kein Datum). Was ist eine Depression. Aufgerufen am: 24.09.2022 Verfügbar unter: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/was-ist-eine-depression: Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Härtl, K.; Müller, M.; Friese, K. (2006). Wochenbettdepression. Springer Medizin Verlag

Hohm, E., Katrin, Z., Schmidt, M., Esser, G., Brandeis, D., Banaschewski, T., & Laucht, M. (2017). Beeinträchtigter Start ins Leben. Universität Potsdam: Humanwissenschaftliche Fakultät, Hogrefe.

Romanic, E. (2022). Geheimwaffe Assistenz III. Wiesbaden: Springer.

Bildquelle:

GrooveZ, https://www.shutterstock.com/de/image-photo/tired-mother-suffering-experiencing-postnatal-depression-1671022714