Wenn die Familie zerbricht

Eine Trennung oder Scheidung bedeutet für Kinder einen schweren Verlust zu ertragen. Sie kann darüber hinaus einen tiefen Einschnitt in der sozialen Entwicklung verursachen (Lohaus & Vierhaus, 2015, S. 218). Nach dem Statistischen Bundesamt lag die Scheidungsrate im Jahr 2019 in Deutschland bei 35,8%. Das bedeutet, dass bei drei Eheschließungen damit rechnerisch etwa eine Scheidung folgte (Statistisches Bundesamt, 2020). Wenn Eltern auseinander gehen stellt das eine große Herausforderung für die gesamte Familie dar. Eine Neuanpassung der Familienmitglieder ist erforderlich (Lohaus & Vierhaus, 2015, S. 40). Im Folgenden wird daher erläutert, wie bedeutsam Familie für die Entwicklung des Kindes ist, welche Folgen eine Scheidung für diese hat und was Eltern für ihre Kinder tun können, damit sie mit dieser schwierigen Situation besser umgehen können.

Die Bedeutung der Familie für die Entwicklung des Kindes

Die Familie ist für die Entwicklung eines Kindes äußerst bedeutsam. Es ist von der Beeinflussung der Eltern abhängig, diese kann positiv oder negativ sein (Sabas, 2021, S. 23). „Die Eltern, die die Struktur der Familie durch ihre eigene Persönlichkeit vorgeben und ausbilden und somit die Verantwortung für diese tragen, geben nicht nur physiologisch ihre Gene, sondern ihren Entwurf für das Leben an ihre Kinder bewusst und unbewusst weiter“ (Sabas, 2021, S. 23-24). Der psychische Grundzustand des Kindes (z.B. aktiv oder passiv, pessimistische oder optimistische Lebenseinstellung, entsprechen Persönlichkeitseigenschaften) hängt von diesem Entwurf und dem psychischen Klima der Ursprungsfamilie ab und bestimmt auch das spätere Erwachsenenalter. Somit entscheidet die Ursprungsfamilie über die Voraussetzungen für das spätere Leben und über das emotionale Erleben sowie die Lebenseinstellung. Ob die Kinder hinderliche oder förderliche Voraussetzungen für das Leben gewinnen ist also von der Familienstruktur ausschlaggebend (Sabas, 2021, S. 24).  Kinder erhalten bis ins Erwachsenenalter den emotionalen, materiellen und psychologischen Rückhalt ihrer Familie. Wenn die Struktur zusammenbricht (z.B. im Falle einer Scheidung), verlieren die Kinder zeitweise diesen Halt (Wallerstein & Blakeslee, 1989, S. 35).

Die Folgen einer Scheidung

Eine Trennung oder Scheidung wird von allen Betroffenen als stressreiches Ereignis gesehen. Meist gab es vor dem endgültigen Schlussstrich konfliktreiche Jahre des Streits. Aber auch wenn sie unerwartet eintrifft, stellt sie einen Schock für alle Beteiligten dar (Woolfolk, 2008, S. 94).
Die vorwiegende Expertenmeinung ist, dass bei Scheidungskinder im Vergleich zu Kindern, bei denen die biologischen Eltern zusammenleben, häufiger einige kurz- und langfristige Probleme auftreten (Siegler, Eisenberg, DeLoache & Saffran, 2016, S. 456-457).  Sie zeigen signifikant schlechtere Ergebnisse in den Bereichen psychologische Anpassung, Verhalten, schulische Leistung, soziale Beziehungen und Selbstkonzept (Amato, 2001, S. 355). Ein paar Studien können jedoch ebenso positive Effekte vorweisen. Eine Scheidung führt z.B. zur Beendigung alltäglicher familiärer Konflikte.
Welches Ausmaß letztendlich eine Scheidung für ein Kind haben kann, wird durch entsprechende Variablen (sog. Mediatoren) bestimmt. Dazu gehören:

  • Fortdauer elterlicher Konflikte
  • Erhöhtes Stresserleben
  • Qualität der Beziehung des Kindes zu dem andern Elternteil

Darüber hinaus spielt das Alter des Kindes zum Scheidungszeitpunkt für die weitere soziale Entwicklung eine bedeutsame Rolle. Wenn die Ehe z.B. im Kindesalter (4-12 Jahre) beendet wird, steht hier die fortschreitende emotionale und kognitive Entwicklung im Vordergrund. In dieser Zeit glauben Kinder meist, dass sie schuld an der Trennung und der nachfolgenden Situation sind. Dies steht wiederum mit externalisierendem Verhalten, depressiven Symptomen oder einer niedrigen sozialen Kompetenz in Zusammenhang. In diesem Alter ist vor allem der Rückgriff auf Stressbewältigungsstrategien (besonders die Suche nach sozialer Unterstützung) bedeutsam (Lohaus & Vierhaus, 2015, S. 219).

Wie dem Kind geholfen werden kann

Es wurde beobachtet, dass jedes Kind im Umgang mit schwierigen Situationen eigene Bewältigungsstrategien (vermehrtes Lesen oder vertieftes Spielen) entwickelt. Mit entsprechender Anerkennung und Unterstützung der Eltern kann ein Kind grundsätzlich besser mit der Situation umgehen (Trachsel, 2009, S. 46-47).
Die nachfolgenden Punkte zeigen, was Eltern für ihre Kinder tun können:

  • Kinder brauchen die Anwesenheit der Eltern. Es ist hierbei wichtig Verfügbarkeit und Verlässlichkeit zu zeigen. Sie sollten sich genug Zeit für die Kinder nehmen.
  • Eine hohe Bedeutsamkeit gilt dem Dialog in der Familie. Die Kinder haben ein Recht laufend altersgerechte Informationen über familiäre Veränderungen zu erhalten.
  • Damit sich das Kind selbstbestimmter fühlen kann, sollte es den Alltag mitgestalten dürfen. Allerdings ist darauf zu achten, dass es nicht überfordert wird. Kinder und Jugendliche sollten keine zu großen Entscheidungen treffen müssen.
  • Auch wenn Situationen eine Neuanpassung erfordern, möchten Kinder ihr eigenes Leben weiterführen. Sie wollen ihre Kontakte behalten, darum sollten keine unnötigen Beziehungsabbrüche vorgenommen werden.
  • Es lohnt sich auch mit anderen Bezugspersonen (z.B. Krippenleiter, Lehrer) über die aktuelle Situation zu sprechen. Allerdings hat zuvor das Kind darüber informiert zu werden.
  • Die Liebe zu Mutter und Vater bleibt beim Kind auch nach der Scheidung erhalten. Darum sollte eine gute Lösung gefunden werden, die eine aufrechte Beziehung zu beiden Elternteilen ermöglicht. Keiner darf über den anderen vor den Kindern schlecht reden.
  • Es ist hilfreich, sich regelmäßig in die Situation des Kindes zu versetzen. Hierbei lassen sich seine Konflikte, Bedürfnisse und Bewältigungsstrategien besser erkennen. Zudem sollte immer wieder darüber nachgedacht werden, wie das Kind auf seiner Reise unterstützt werden kann (Trachsel, 2009, S. 46-47).

Fazit

Familien stellen den primären Bildungs- und Entwicklungskontext von Kindern dar. Eine bedeutende Rolle spielen Familien in der Unterstützung und Förderung ihrer Familienmitglieder, dies geht weit über die Kindheit hinaus (Wild & Walper, 2015, S. 238). Eine Scheidung oder Trennung kann einen tiefen Einschnitt in der sozialen Entwicklung eines Kindes bedeuten (Lohaus & Vierhaus, 2015, S. 118).
Darum sollte dieser Schritt die letzte Option sein. Die Inanspruchnahme einer Paartherapie oder Eheberatung darf nicht unversucht bleiben. So kann der Liebe noch eine Chance gegeben werden. Wenn es dennoch zur Trennung oder Scheidung kommt, sollte immer das Wohl des Kindes berücksichtigt werden. Eltern haben heute auch die Möglichkeit auf ein unterschiedliches Angebot an Beratung und Kursen zurückzugreifen. Damit kann es gelingen, die Krise bestmöglich zu überstehen.

Literatur

Amato, P.-R. (2001). Children of Divorce in the 1990s. An Update oft he Amato and Keith (1991) Meta-Analysis. Journal of Family Psychology, Vol. 15, Nr. 3, S. 355-370. DOI: 10.1037//0893-3200.15.3.355.

Lohaus, A. & Vierhaus, M. (2015). Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor (3. Aufl.). Berlin: Springer. DOI 10.1007/978-3-662-45529-6.

Sabas, N. (2021). Zerrüttete Beziehungen – Verletzte Kinderseelen. Das Erleben von Trennung und Scheidung der Eltern aus der Perspektive der Kinder. Wiesbaden: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-32615-9.

Siegler, R., Eisenberg, N., DeLoache, J. & Saffran, J. (Hrsg.). (2016). Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter (4. Aufl.). Berlin/Heidelberg: Springer. DOI 10.1007/978-3-662-47028-2.

Statistisches Bundesamt, (2020). Scheidungsquote in Deutschland von 1960 bis 2019. Verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/76211/umfrage/scheidungsquote-von-1960-bis-2008/ [07.04.2021].

Trachsel, D. (2009). Scheidung. Faire Regelung für Kinder, Wohnung und Finanzen. Ein Ratgeber aus der Beobachter-Praxis (15. Aufl.). Zürich: Beobachter.

Wallerstein, J. & Blakeslee, S. (1989). Gewinner und Verlierer. Frauen, Männer, Kinder nach der Scheidung. Eine Langzeitstudie. München: Droemer Knaur.

Wild, E. & Walper S. (2015). Familie. In E. Wild & J. Möller (Hrsg.). Pädagogische Psychologie (2. Aufl.) (S. 227-259). Berlin/Heidelberg: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-642-41291-2_10.

Woolfolk, A. (2008). Pädagogische Psychologie (10. Aufl.). München: Pearson.

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