By Published On: 3. Oktober 2023Categories: Gesundheit, Psychologie, Wirtschaft

Du gehörst zu der Kategorie von Menschen, die denken, dass Schlaf „irgendwann später“ erledigt werden kann? Du bist der Meinung, dass Kaffee und Entschlossenheit ausreichen, um die bevorstehenden Herausforderungen zu bewältigen? Dann ist dieser Blogbeitrag genau für dich und für alle anderen, die in der hektischen Arbeitswelt manchmal vergessen, dass Schlaf keine Option, sondern eine Notwendigkeit ist.

Schlafmangel: Mehr als nur Müdigkeit

Die Schlafpsychologie ist längst keine Nische mehr, sondern ein ernstzunehmender Faktor in der modernen Arbeitswelt. Ja, du hast richtig gelesen. In einer Kultur, die oft „always-on“ und leistungsorientiert ist, vergessen wir schnell, wie grundlegend Schlaf für unsere Produktivität und unser Wohlbefinden ist. Aktuelle Forschungen der Schlafpsychologie zeigen, dass Schlafmangel weit mehr als nur Augenringe verursacht (Columbia University Department of Psychiatry, 2022).

Wer zu wenig schläft, hat nicht nur Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, sondern auch sein Gedächtnis leidet. Dabei spielen besonders die Tiefschlafphasen eine zentrale Rolle. In diesen Phasen verarbeitet das Gehirn Informationen und Erlebnisse, die für Problemlösung und Entscheidungsfindung entscheidend sind (HelloBetter, 2020).

Aber es geht nicht nur um rein kognitive Fähigkeiten. Wer schlecht schläft, der beeinträchtigt seine emotionale Intelligenz. Das Ergebnis? Ein erhöhtes Niveau an negativen Emotionen und eine verringerte Fähigkeit, positive Gefühle zu empfinden. In einem Teamkontext können diese Faktoren eine explosive Mischung ergeben, die die Teamdynamik und Arbeitsmoral negativ beeinflussen (Columbia University Department of Psychiatry, 2022).

Die Liste der Nebenwirkungen hört hier nicht auf. Langsamere Reaktionszeiten, ausgelöst durch eine erhöhte Konzentration des Hormons Adenosin, können das Unfallrisiko am Arbeitsplatz signifikant erhöhen, insbesondere in Jobs, die eine schnelle Entscheidungsfindung erfordern (HelloBetter, 2020).

Und dann gibt es noch den Einfluss von Schlafmangel auf unser Ernährungsverhalten. Weniger Schlaf führt zu einer Reduktion des Hormons Leptin, das unseren Appetit reguliert. Die Folge ist oft eine erhöhte Kalorienaufnahme und mindere Ernährungsqualität, was langfristig ernste gesundheitliche Konsequenzen haben kann (Columbia University Department of Psychiatry, 2022).

Jetzt fragst du dich vielleicht, wie es weitergeht? In den nächsten Abschnitten werden wir tief in die wissenschaftlichen Fakten eintauchen und praxisorientierte Tipps für einen besseren Schlaf geben, die du sofort umsetzen kannst.

Schlaf als aktive Phase: Was passiert im Gehirn?

Versteht mich nicht falsch: Kaffee und Entschlossenheit sind großartig, aber sie können den erholsamen Schlaf nicht ersetzen, den unser Körper und Geist dringend benötigen. Während Schlaf in unserer „always-on“ Gesellschaft oft vernachlässigt wird, ist es unerlässlich, die komplexen psychologischen und physiologischen Prozesse zu verstehen, die im Schlaf ablaufen und unsere Arbeitsleistung beeinflussen.

Im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Meinung ist Schlaf keinesfalls ein Zustand der bloßen Inaktivität. Während wir schlafen, sind sowohl psychologische als auch physiologische Prozesse aktiv (Columbia University Department of Psychiatry, 2022). Zwei entscheidende Systeme stehen im Fokus: Der „homöostatische“ Prozess, unsere innere Uhr, die ein Gleichgewicht zwischen Schlaf und Wachsein ermöglicht, und der „zirkadiane“ Prozess, der unsere innere Uhr regelt und von den biologischen Rhythmen unseres Körpers gesteuert wird (Dijk et al., 1992; Van Dongen & Dinges, 2003).

Ein direktes Opfer von Schlafmangel ist unsere aufrechterhaltende Aufmerksamkeit. Der Psychomotor Vigilance Test (PVT) misst genau diesen Aspekt und zeigt, dass Schlafentzug zu einem „Vigilanz-Abfall“ führt, einer Abnahme der Fähigkeit, aufmerksam und fokussiert zu bleiben (Warm et al., 2008; Kjellberg, 1977). Besonders in Berufen wie der Medizin und dem Transportwesen kann das gefährliche Konsequenzen haben. Es geht nicht nur um eine Abnahme der Konzentration, sondern auch um einen erhöhten Unfallrisiko am Arbeitsplatz (Rupp et al., 2009).

Während des Schlafs durchläuft unser Gehirn verschiedene Phasen der Informationsverarbeitung, die für unsere kognitiven Fähigkeiten wie Lernen und Gedächtnis unerlässlich sind (Columbia University Department of Psychiatry, 2022). Wenn diese Prozesse durch Schlafmangel gestört werden, erleben wir eine signifikante Beeinträchtigung unserer kognitiven Funktionen.

Interessant ist auch, dass genetische Faktoren die Auswirkungen von Schlafentzug variieren lassen können. Manche Menschen scheinen genetisch resistenter gegen die negativen Effekte des Schlafentzugs zu sein (Kuna et al., 2012; Rétey et al., 2006). Das bedeutet jedoch nicht, dass sie vollständig immun gegen die negativen Effekte wie Beeinträchtigungen des Arbeitsgedächtnisses sind (Habeck et al., 2004).

Außerdem sollte man die Rolle externer Faktoren wie Beleuchtung und Temperatur nicht vernachlässigen, die sich, besonders in Kombination mit Schlafmangel, zusätzlich negativ auf unsere Arbeitsleistung auswirken können (Van Dongen et al., 2004).

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Schlafentzug: Ein Risiko für Kreativität und Produktivität

Schlafmangel ist mehr als nur ein kleines Ärgernis – er kann die Arbeitsleistung erheblich beeinträchtigen, insbesondere in Bereichen wie Entscheidungsfindung, Kreativität und Produktivität. Beginnen wir mit der Entscheidungsfindung. Studien, die den Psychomotorischen Wachsamkeitstest (PVT) verwenden, zeigen, dass Schlafentzug unsere Fähigkeit beeinträchtigt, wichtige Informationen in schneller Reihenfolge zu verarbeiten. Das ist besonders bedenklich in Berufen, die schnelle Entscheidungen erfordern, wie bei Ärzten und LKW-Fahrern. (Newsom & Wright, 2023.

In Bezug auf Kreativität hat Schlafmangel auch seine Tücken. Er stört die Fähigkeit des Gehirns, das Signal-Rausch-Verhältnis zu optimieren, was wiederum unsere Fähigkeit beeinträchtigt, relevante von irrelevanten Informationen zu trennen. Diese Fähigkeit ist essentiell für kreative Prozesse, die ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Mustererkennung erfordern (Newsom & Wright, 2023).

Nicht zuletzt leidet auch die Produktivität unter Schlafmangel. Studien weisen darauf hin, dass die Effizienz und Geschwindigkeit bei länger andauernden Aufgaben durch den sogenannten „Zeit-in-Aufgabe-Effekt“ sinken können (Kribbs & Dinges, 1994; Wesensten et al., 2004). Besonders in Sektoren wie dem Gesundheitswesen oder der Produktion kann dies problematisch sein.

Es geht aber nicht nur um kognitive Funktionen. Schlafmangel kann auch unsere emotionale Intelligenz und Stressresilienz beeinflussen, was wiederum die Teamdynamik und sogar die Sicherheit am Arbeitsplatz beeinträchtigen kann (Newsom & Wright, 2023).

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Tipps für besseren Schlaf und mehr Produktivität

Jetzt, da wir die Risiken und Folgen von Schlafmangel im Arbeitskontext durchleuchtet haben, ist es an der Zeit, uns praxisorientierten Lösungen zuzuwenden. Ihr fragt euch, wie ihr diese nächtliche Auszeit optimieren könnt, um tagsüber besser zu funktionieren?

Schlaf-Rhythmus konsistent halten: Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus ist entscheidend. Unsere innere Uhr, der zirkadiane Rhythmus, ist ein fein abgestimmtes Orchester, das nicht aus dem Takt geraten sollte (Columbia University Department of Psychiatry, 2022).

Entspannungsrituale einführen: Ob ein warmes Bad, Lesen oder Meditieren – eine beruhigende Abendroutine kann den Übergang zum Schlaf erleichtern.

Schlafumgebung optimieren: Ein ruhiges, dunkles und kühles Schlafzimmer macht einen erheblichen Unterschied. Störende Lichter und Geräusche können die Schlafqualität beeinträchtigen.

Ernährung im Blick behalten: Koffein und Alkohol können, gerade wenn sie kurz vor dem Schlafengehen konsumiert werden, den Schlafzyklus erheblich stören (Columbia University Department of Psychiatry, 2022).

Stressmanagement: Stress ist ein Schlafkiller. Techniken wie die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion können Wunder wirken (HelloBetter, 2020).

Pausen sinnvoll nutzen: Wenn ihr in eurem Arbeitsalltag flexibel seid, könnten kurze Pausen oder Power-Naps eine schnelle Möglichkeit sein, eure kognitiven Funktionen zu regenerieren. Die Theorie des „lokalen Schlafs“ deutet darauf hin, dass solche Ruhepausen den Geist wieder auffrischen können (HelloBetter, 2020).

Individuelle Ansätze: Erkennt, dass Schlafbedürfnisse individuell sind. Was für den einen funktioniert, ist für den anderen vielleicht nicht optimal. Menschen, die anfällig für Schlafmangel sind, könnten von individuell angepassten Strategien besonders profitieren (HelloBetter, 2020).

Dies sind keine „Einheitsgrößen“-Lösungen, und es ist ratsam, selbst zu experimentieren und zu beobachten, was für euch am besten funktioniert. Aber eines ist sicher: die Bedeutung des Schlafs sollte nicht unterschätzt werden – sowohl für unsere Gesundheit als auch für unsere Arbeitsleistung. Weitere Forschungen sind notwendig, aber diese Tipps bieten einen guten Ausgangspunkt (Columbia University Department of Psychiatry, 2022).

Fazit

In diesem Blogbeitrag haben wir die weitreichenden Auswirkungen von Schlafmangel auf die Arbeitsleistung beleuchtet. Von beeinträchtigter Entscheidungsfindung und reduzierter Kreativität bis hin zu emotionaler Instabilität im Teamkontext – Schlafmangel ist mehr als nur eine persönliche Unannehmlichkeit, er stellt ein ernstes Arbeits- und Gesundheitsrisiko dar. Hormonelle Veränderungen wie die Reduktion des Appetit-regulierenden Hormons Leptin können zusätzlich die Ernährungsqualität und langfristige Gesundheit beeinflussen.

Obwohl individuelle Schlafbedürfnisse variieren, sind disziplinierte Schlafgewohnheiten und eine optimierte Schlafumgebung für alle von Vorteil. Angesichts der Erkenntnisse ist es dringend geboten, dass Arbeitgeber und politische Entscheidungsträger präventive Maßnahmen einführen, von Bildungsprogrammen bis zu angepassten Arbeitsbedingungen. Die Schlafpsychologie sollte als integraler Bestandteil der Arbeitswissenschaft und Gesundheitsförderung angesehen werden, um eine gesündere und produktivere Arbeitswelt zu schaffen.

Literaturverzeichnis

Kribbs, N. B., & Dinges, D. F. (1994). Vigilance decrement and sleepiness. In J. R. Harsh & R. D. Ogilvie (Eds.), Sleep onset mechanisms (pp. 113–125). American Psychological Association.

Wesensten, N. J., Belenky, G., Thorne, D. R., Kautz, M. A., & Balkin, T. J. (2004). Modafinil vs. caffeine: effects on fatigue during sleep deprivation. Aviat Space Environ Med, 75, 520–525.

Dijk, D. J., Duffy, J. F., & Czeisler, C. A. (1992). Circadian and sleep/wake dependent aspects of subjective alertness and cognitive performance. J Sleep Res, 1, 112–117.

Van Dongen, H. P. A., & Dinges, D. F. (2003). Investigating the interaction between the homeostatic and circadian processes of sleep-wake regulation for the prediction of waking neurobehavioural performance. J Sleep Res, 12, 181–187.

Warm, J., Parasuraman, R., & Matthews, G. (2008). Vigilance requires hard mental work and is stressful. Hum Factors, 50, 433–441.

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Kuna, S. T., Maislin, G., Pack, F. M., Staley, B., Hachadoorian, R., Coccaro, E. F. (2012). Heritability of performance deficit accumulation during acute sleep deprivation in twins. Sleep, 35, 1223–1233.

Rétey, J. V., Martin, A., Gottselig, J. M., Khatami, R., Dürr, R., Achermann, P. (2006). Adenosinergic mechanisms contribute to individual differences in sleep deprivation-induced changes in neurobehavioral function and brain rhythmic activity. J Neurosci, 26, 10472–10479.

Rupp, T. L., Wesensten, N. J., Bliese, P. D., & Balkin, T. J. (2009). Banking sleep: realization of benefits during subsequent sleep restriction and recovery. Sleep, 32, 311–321.

Van Dongen, H. P. A., Baynard, M. D., Maislin, G., & Dinges, D. F. (2004). Systematic interindividual differences in neurobehavioral impairment from sleep loss: evidence of trait-like differential vulnerability. Sleep, 27, 423–433.

Habeck, C., Rakitin, B. C., Moeller, J., Scarmeas, N., Zarahn, E., Brown, T. (2004). An event-related fMRI study of the neurobehavioral impact of sleep deprivation on performance of a delayed-match-to-sample task. Cogn Brain Res, 18, 306–321.

HelloBetter. (2020). Schlafmangel: Folgen von zu wenig Schlaf. Zugriff am 14.09.2023 Verfügbar unter https://hellobetter.de/blog/schlafmangel-zu-wenig-schlaf/

Columbia University Department of Psychiatry. (2022). How Sleep Deprivation Impacts Mental Health. Columbia University Department of Psychiatry. Zugriff am 14.09.2023 Verfügbar unter https://www.columbiapsychiatry.org/news/how-sleep-deprivation-affects-your-mental-health

Newsom, R. Wright, H. (2023) The Link Between Sleep and Job Performance. Sleep Foundation. Zugriff am 14.09.2023 Verfügbar unter https://www.sleepfoundation.org/sleep-hygiene/good-sleep-and-job-performance

Bildnachweis

Bild 1: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-im-weissen-hemd-das-auf-stuhl-sitzt-5712122/

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