Orthorexia nervosa – von Mikros und Makros oder der Wert des Essens

Einleitung

Essstörungen sind keine Modeerscheinungen, sondern im Gegenteil ernst zu nehmende psychische Störungen, die Leib und Leben gefährden können. Dabei denken die meisten Menschen sicherlich zuerst an Magersucht, Bulimie oder die Binge-Eating-Störung und weniger daran, was ihre Food-Tracking-App mit ihnen macht. Denn, das ist doch nicht schlimm, oder? Mithilfe einer App den Wert des Essens zu bestimmen – Wert im Sinne der Zusammensetzung von Nahrungsmitteln als ein Produkt aus Kohlenhydraten, Eiweißen und Fetten –, hilft doch, sich ein bisschen zu zügeln, auch ein wenig Übersicht darüber zu erhalten, wie sich die selbst gesetzten Diätziele erreichen lassen. Gewichtsabnahme? Dann eben nur noch 55 Gramm Fett am Tag. Muskelaufbau? 180 Gramm Eiweiß am Tag, jeden Tag, sklavisch zu befolgen. Dass es sich hierbei um ein nicht zu unterschätzendes Störungsbild handeln kann, soll im Folgenden erläutert werden.

Orthorexia nervosa – veritable Krankheit oder nur eine Luftblase?

Unter einer ähnlichen Fragestellung, wie sie diese Überschrift beinhaltet, diskutiert ein Sammelband den Begriff der Orthorexia nervosa aus einer wissenschaftlichen Perspektive.[1] Der Begriff selbst ist zusammengesetzt aus dem griechischen Wort Orthos sowie den Begriffen orexia und nervosa. Orthos bedeutet dabei richtig, orexia bedeutet Appetit und nervosa kann mit Fixierung übersetzt werden.[2] Problematisch ist dabei, dass diese von Bratman stammende Definition nicht wissenschaftlich anerkannt und damit wenig akzeptiert ist; zugleich gilt Orthorexia nervosa nicht als psychisches Störungsbild.[3] Nach Eigenrecherche der Autorin dieses Artikels hat sich daran auch nichts geändert. So findet sich zumindest gegenwärtig (Stand: Januar 2021) keine Nennung der Orthorexia nervosa in der ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). 

Zudem ist zu hinterfragen, wodurch sich die Krankheit, wenn sie denn eine ist, auszeichnet. Die Literatur nennt dazu Verhaltensweisen wie beispielsweise das Verzichten auf Nahrungsmittel, die Pestizide enthalten oder aber genetisch modifizierte Bestandteile, die Transfette oder aber zu viel Zucker oder zu viel Salz beinhalten.[4] Letzteres ist in Deutschland immer mal wieder Bestandteil politischer Nachrichten, vor allem, wenn es um den SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach geht: Er meidet Salz und verzehrt nur diejenigen Mengen, die ohnehin in Lebensmitteln wie Obst oder Fisch enthalten sind. Auch scheint er, so Berichte, andere Menschen auf die schädliche Wirkung von Salz stets hinzuweisen und bittet in Restaurants um salzfreie Gerichte.[5]

Hier treten weitere Komponenten hinzu, die für manche Publizierende die Charakteristika der Orthorexia nervosa ausmachen, wie soziale Implikationen, aber auch ein Gefühl von Frieden und „der totalen Selbstkontrolle, wenn man ausschließlich gesund isst.“[6] Zudem besteht die Tagesgestaltung im Rahmen von Orthorexia nervosa darin, über gesunde Lebensmittel nachzudenken und Speisepläne im Voraus für die nächsten Tage zu erstellen.[7]

Ursachen und Folgen der Orthorexia nervosa

Es bleibt unklar, ob sich die Orthorexia nervosa als psychische Störung bzw. Krankheit beschreiben lässt. Ausgehend von der oben konstatierten Tatsache, dass sie nicht Teil der ICD ist, soll sie auch hier nicht als Krankheit betrachtet werden. Das bedeutet aber nicht, dass sie ohne Folgen für die Betroffenen bleibt. Das zwanghafte Streben nach einer völlig gesunden und sicheren Ernährung kann letztlich Gesundheitsängste auslösen,[8] die wiederum Zwangsstörungen hervorrufen können – ein Zusammenhang, der in den wenigen dazu existierenden Studien bei orthorektischen Personen nachgewiesen werden konnte.[9] Hinzu kommen extreme Formen der Störung, bei denen sich Personen nur noch von Obst und Gemüse ernähren und damit Mangelsymptome und letztlich Gesundheitsgefährdungen erfahren.[10] Auch kann die Orthorexia nervosa die stundenlange Zubereitung von Nahrungsmitteln zur Konsequenz haben und damit neben der bloßen Wahl der Lebensmittel eine weitere Art des zwanghaften Verhaltens bedingen.[11] Eine andere Folge ist die soziale Isolation, der sich die Betroffenen ausgesetzt sehen, weil andere Menschen ihr Essverhalten nicht tolerieren wollen.[12]

Die Ursachen für dieses Verhalten können mit dem Wunsch beginnen, sich gesünder ernähren zu wollen, Gewicht zu verlieren oder Lebensmittelunverträglichkeiten (vermutete oder tatsächliche) vermeiden zu wollen.[13] Ursachen, die tiefer liegen, können eine Suche nach Kontrolle gepaart mit einem Gefühl der Sicherheit sein, aber auch die Suche nach Spiritualität und der Wunsch nach Selbstentbehrung. Nicht zuletzt kann es Suche nach Konformität bedeuten oder den Versuch, die eigene Identität über eine orthorektische Ernährungsweise zu definieren. Des Weiteren kann die orthorektische Ernährungsweise durch Angst vor anderen Menschen ausgelöst sein.[14]

Fazit

Die Orthorexia nervosa ist (noch) nicht als Krankheit anerkannt, zeigt aber deutliche Merkmale einer Zwangsstörung. Ihre Ursachen sind unter Umständen Teil tieferer psychologischer Probleme, die es psychotherapeutisch zu behandeln gilt, nicht zuletzt deswegen, weil die Orthorexia nervosa neben einer sozialen Isolation zu einer Gefährdung der eigenen Gesundheit führen kann. Dass die Orthorexia nervosa auch aus dem Wunsch nach guter und gesunder Ernährung resultieren kann, macht sie vor allem für diejenigen Menschen gefährlich, bei welchen die Ernährung eine ohnehin große Rolle spielt, wie beispielsweise Athleten und Athletinnen (bei denen auch ein höheres Risiko für die Orthorexia nervosa bzw. für Zwangsstörungen im Essverhalten festgestellt wurde[15]). 

Auf Mikro- und Makronährwerte zu achten und nicht zu viel Fett aufzunehmen (oder Salz, Zucker etc.), steht damit immer auch an der Grenze zu einer Orthorexia nervosa. Leider fehlt in der Literatur sowie in der ICD deren klare Definition, sodass in den nächsten Jahren vor allem hierbei Bedarf einer terminologischen Vervollständigung besteht. Selbst wenn die Orthorexia nervosa ‚nur‘ als Modekrankheit oder -erscheinung betrachtet wird: Ihre Folgen für die Gesundheit und das Sozialleben der Betroffenen sind unter Umständen dramatisch und genau das macht sie, gleich ob Modeerscheinung oder nicht, so relevant.


[1] Vgl. Klotter/Depa/Humme (2015), S. III

[2] Vgl. Humme (2015b), S. 4

[3] Vgl. Humme (2015b), S. 4

[4] Vgl. Brytek-Matera (2012), S. 56

[5] Vgl. Schmollack (2020), o. S.

[6] Kinzl/Hauer/Traweger/Kiefer (2005), S. 436

[7] Vgl. Kinzl et al. 2005, S. 436

[8] Vgl. Depa (2015b), S. 23

[9] Vgl. Depa (2015b), S. 25

[10] Vgl. Humme (2015a), S. 29

[11] Vgl. Depa (2015a), S. 36

[12] Vgl. Humme (2015a), S. 31

[13] Vgl. Depa (2015b), S. 17-18

[14] Vgl. Bratman/Knight (2000), S. 54–82

[15] Vgl. Cena et al. (2019), S. 233


Literaturverzeichnis

Bratman, S. & Knight, D. (2000): Health food junkies. Overcoming the obsession with healthful eating. New York: Broadway Books.

Brytek-Matera, A. (2012): Orthorexia nervosa. An eating disorder, obsessive-compulsive disorder or disturbed eating habit? In:Archives of Psychiatry and Psychotherapy 1, S. 55–60.

Cena, H., Barthels, F., Cuzzolaro, M., Bratman, S., Brytek-Matera, A., Dunn, T. et al. (2019): Definition and diagnostic criteria for orthorexia nervosa: a narrative review of the literature. In: Eating and weight disorders: EWD 24 (2), S. 209–246. DOI: 10.1007/s40519-018-0606-y.

Depa, J. (2015a): Klassifikation der Orthorexia nervosa. In: Christoph Klotter, Julia Depa und Svenja Humme (Hg.): Gesund, gesünder, Orthorexia nervosa. Modekrankheit oder Störungsbild? Eine wissenschaftliche Diskussion. Wiesbaden: Springer, S. 35–53.

Depa, J. (2015b): Ursachen der Orthorexia nervosa. In: Christoph Klotter, Julia Depa und Svenja Humme (Hg.): Gesund, gesünder, Orthorexia nervosa. Modekrankheit oder Störungsbild? Eine wissenschaftliche Diskussion. Wiesbaden: Springer, S. 17–27.

Humme, S. (2015a): Folgen der Orthorexia nervosa. In: Christoph Klotter, Julia Depa und Svenja Humme (Hg.): Gesund, gesünder, Orthorexia nervosa. Modekrankheit oder Störungsbild? Eine wissenschaftliche Diskussion. Wiesbaden: Springer, S. 29–34.

Humme, S. (2015b): Orthorektisches Verhalten. In: Christoph Klotter, Julia Depa und Svenja Humme (Hg.): Gesund, gesünder, Orthorexia nervosa. Modekrankheit oder Störungsbild? Eine wissenschaftliche Diskussion. Wiesbaden: Springer, S. 3–15.

Kinzl, J.F., Hauer, K., Traweger, C. & Kiefer, I. (2005): Orthorexia nervosa: Eine häufige Essstörung bei Diätassistentinnen? In:Ernährungs-Umschau 52 (11), S. 436–439.

Klotter, C., Depa, J. & Humme, S. (Hg.) (2015): Gesund, gesünder, Orthorexia nervosa. Modekrankheit oder Störungsbild? Eine wissenschaftliche Diskussion. Wiesbaden: Springer.

Schmollack, S. (2020): Viel Pfeffer, kein Salz. Corona-Politiker Karl Lauterbach im Porträt. In: taz, 22.11.2020. Online verfügbar unter https://taz.de/Corona-Politiker-Karl-Lauterbach-im-Portraet/!5727184/, zuletzt geprüft am 04.01.2021.

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