Mindf*ck – Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird

Das Buch „Mindf*ck“ – Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird“ ist am 29.04.2020 auf dem deutschen Markt erschienen und wurde von Christopher Wylie geschrieben, der von 2013 bis 2014 für Cambridge Analytica arbeitete. Bei Cambridge Analytica war er maßgeblich am Aufbau soziometrischer Datenbanken sowie der Zielgruppenmodellierung auf Basis psychometrischer Daten beteiligt.  

 

Der Inhalt

 

Christopher Wylie beschreibt auf 420 Seiten seinen persönlichen Werdegang bei Cambridge Analytica und deckt die Aktivitäten des Datenanalyse-Unternehmens auf. Dabei enthüllt Christopher Wylie nicht nur die Strategie der neu-rechten Bewegung rund um Steve Bannon und der ultra-konservativen Familie Mercer zur Beeinflussung britischer und amerikanischer Bürger („Kulturkampf“), sondern zeigt auch anschaulich deren fragwürdige Verstrickungen zwischen Facebook, WikiLeaks und dem russischen Geheimdienst.

 

In seinem Buch nimmt Wylie den Leser ebenfalls mit in die Welt des psychological Microtargeting, bei dem er auf beeindruckende Weise aufzeigt, wie durch die Muster der Likes bzw. „Gefällt mir“-Angaben von Social Media Nutzern, ihren Statusmeldungen und Gruppenmitgliedschaften sowie durch die Seiten und Profile, die sie abonniert haben, sehr genaue individuelle Persönlichkeitsprofile erstellt werden können. Durch deren Verknüpfung mit öffentlich einsehbaren oder kommerziell erwerbbaren Datenbanken, entstehen dadurch detaillierte Profile („gläserne Bürger“), die im Fall von Cambridge Analytica im Sinne und zum Zweck psychologischer Kriegsführung u. a. bei Wahlen eingesetzt wurden. Hierfür wurden zum Zwecke der gezielten Desinformation und Manipulation, neben auf die jeweilige Persönlichkeit der Nutzer abgestimmte Botschaften, auch geschickt die Algorithmen der soziale Netzwerke genutzt, wodurch die Nutzer immer tiefer in die entsprechenden Filterblasen zogen wurden.

 

Christopher Wylie illustriert mit seinem Buch zwei weitere problematische Sachverhalte, die in der Medienberichterstattung zum Cambridge Analytica Skandal wenig beachtet wurden: Erstens beruht die Methode des eingesetzten psychological Microtargeting sowie ein erheblicher Teil der dafür genutzten Daten von Millionen Facebook-Nutzern, auf der Forschungsarbeit von Forschern der Cambridge University, die diese (zum Teil) an Cambridge Analytica weitergegeben haben. Zweitens konnte Cambridge Analytica seine umfangreiche Datenbank nur durch die Tatkräftige Unterstützung zahlreicher Facebook-Nutzern aufbauen, die die Nutzungsbedingungen nicht gelesen haben und dadurch einer Nutzung ihrer Daten sowie der ihrer gesamten Freunde, ermöglicht haben.[1]

 

Fazit

 

Das Buch gibt einen beeindruckenden und zugleich erschreckenden Einblick in die Arbeit von Cambridge Analytica, den dahinterstehenden politischen Verstrickungen und die Macht von psychografischen Daten beim Microtargeting in digitalen Kommunikationsmitteln. Es ist eine Mahnung und zeitgleich auch ein Aufruf an den interessierten Leser, sich über seine Daten und deren Verwendung Gedanken zu machen und sich das große Missbrauchspotenzial vor Augen zu halten. Dabei zeigen Christopher Wylies Ausführen auf eindrückliche Weise, wie schnell sich aus für sich einzeln betrachten, harmlosen Daten, durch intelligente Verknüpfung, erschreckend detaillierte und weitreichende Profile von Millionen von Menschen mit minimalen Kosteneinsatz erstellen lassen.

 

Besonders in Erinnerung ist hierbei eine Stelle im Buch geblieben (S. 180-182), die ein Treffen von Christopher Wylie, Steve Bannon, Alexander Nix und anderen Mitarbeitern von Cambridge Analytica in London im Jahr 2014 beschriebt, nachdem die eigene Facebook-App zum abgreifen persönlicher Nutzerdaten veröffentlicht und mit aufgekauften externen Datenbanken verknüpft wurde. Die Beteiligten konnten auf einem großen Bildschirm dadurch auf Profile mit intimen und privaten Informationen von Millionen US-Amerikanern zugreifen, darunter unter anderem deren Fotos, Telefonnummern, Gesundheitszustand, Wahlverhalten, Arbeitsverhältnisse, Kreditkartenausgaben oder Familienstand. Steve Bannon und Alexander Nix waren bei der Präsentation der Datenbank so begeistert, dass sie noch im Konferenzraum nach dem Zufallsprinzip Personen aus der Datenbank angerufen haben und sich mit den nichtsahnenden Personen belustigt über ihre Interessen, Hobbys und Familie unterhalten haben, über die sie bereits alles relevante dank der Datenbank-Profile wussten.

 

Nach dem Lesen des Buches steht es ohne Frage, dass die Werkzeuge und Datenbanken von Cambridge Analytica und anderer Unternehmen eine schlagkräftige Waffe in der digitalen persuasiven Kommunikation darstellen. Mittels gezieltem psychological Microtargeting erhalten die jeweiligen Zielgruppen auf ihre Persönlichkeit und Interessen abgestimmte, individuelle Botschaften, wodurch (Algorithmen bedingt) Filterblasen und letztendlich eine Polarisierung der Gesellschaft die Folge sind.

 

Fraglich bleibt jedoch, in welchem Umfang diese z. B. das Brexit-Referendum oder die US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2016 beeinflusst haben. Hierbei zeigen jedoch Studien zum psychological Microtargeting, dass diese Form der Zielgruppenansprache besonders effektiv ist (Mehr dazu hier).

[1] Wylie, Gockel und Jendricke (2020).

 

Literaturverzeichnis

Wylie, C., Gockel, G. & Jendricke, B. (2020). Mindf*ck. Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird (1. Auflage)

 

Bild: Eigene Quelle