By Published On: 21. Mai 2024Categories: Pädagogik, Psychologie, Soziales

Ein betroffenes neunjähriges Kind erzählte mir auf Nachfrage, wie es in der Schule ist, folgende Beobachtung:

„Meine Mathelehrerin hat der Klasse Aufgaben gegeben, die ich nicht lösen konnte, weil es zu laut war. Die anderen Kinder haben laut miteinander gesprochen und ich konnte mich nicht konzentrieren. Meiner Lehrerin sagte ich das dann und sie ließ mich die Aufgaben in einem Nebenraum machen. Dort saß ich am Fenster und ich sah am Baum ein merkwürdiges Blatt. Ich mag die Natur gern und hab es lange beobachtet. Als es sich mehr und mehr bewegte, dachte ich darüber nach, ob es vielleicht eher ein seltener Schmetterling war und gar kein Blatt. Dann fielen mir die Wolken auf, die vom Wind schneller vorbeizogen. Ob ich Wolkenbilder sehen kann? Plötzlich kam meine Lehrerin rein und die Stunde war fast um… Ich habe nur eine Aufgabe gelöst und hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich mich nicht auf Mathe konzentriert habe. Immer lasse ich mich ablenken und kann so schwer an einer Sache bleiben. Meine Lehrerin schimpft dann manchmal. Dann bin ich traurig und fühle mich nicht gut.“

An dieser Schilderung wird deutlich, wie Kinder mit der Diagnose ADHS sich fühlen können. Etwa die Hälfte der Kinder mit ADHS benötigt Nachhilfeunterricht, während etwa ein Drittel von ihnen eine Klasse wiederholen muss. Zudem nehmen zwischen 30% und 40% an speziellen Förder- und Erziehungsprogrammen teil, und fast die Hälfte wurde mindestens einmal vom Unterricht suspendiert (Walitza, 2012, S. 14).

Die vollständige Bezeichnung der Störung lautet „Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Störung“ (ADHS), wobei die beiden Hauptmerkmale bereits im Namen enthalten sind. Als drittes Hauptmerkmal kann Impulsivität auftreten. Darüber hinaus können verschiedene Begleitsymptome wie aggressives oder desorganisiertes Verhalten auftreten. Häufig treten auch komorbide Störungen, wie die Lese-Rechtschreibschwäche oder Störungen des Sozialverhaltens, auf (Medice, 2024).

Kinder mit ADHS zeigen oft ein Hauptmerkmal: eine gestörte Aufmerksamkeit. Sie haben Schwierigkeiten, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, machen häufig Fehler aus Unachtsamkeit und vernachlässigen Details. Zudem fällt es ihnen schwer, Aufgaben zu organisieren, besonders in schulischen Situationen, was sich in schlechteren Noten widerspiegelt, obwohl sie nicht weniger intelligent sind als ihre Klassenkamerad*innen (Medice, 2024a).

Die Symptome von ADHS treten besonders stark auf, wenn Schüler*innen eigenständig arbeiten müssen. Sie sind oft überfordert, wenn zu viele Freiheiten gewährt werden, da sie Schwierigkeiten haben, ihre Aufmerksamkeit zu konzentrieren und sich selbst zu organisieren. Eine klare Struktur im Unterricht, die von Lehrkräften vorgegeben wird, kann dazu führen, dass die Symptome weniger ausgeprägt sind (Döpfner, 2024).

Die Klassifikation von ADHS oder hyperkinetischen Störungen (HKS) beschreibt ein Verhaltensmuster, das sich durch motorische Unruhe, vermehrte Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörungen auszeichnet. Diese Symptome müssen vor dem sechsten Lebensjahr beginnen und in verschiedenen Lebenssituationen auftreten. Darüber hinaus müssen die Symptome das altersübliche Maß deutlich überschreiten und zu einer psychosozialen oder emotionalen Beeinträchtigung der Betroffenen und/oder ihrer Umgebung führen (Romanos, Schwenck, & Walitz, 2009, S. 782).

ADHS kann langfristig erhebliche Auswirkungen auf das psychosoziale Wohlbefinden der Betroffenen haben. Eine präzise standardisierte Diagnostik ist unerlässlich, um eine effektive Therapie zu planen (Romanos, Schwenck, & Walitz, 2009, S. 782). Das komplexe und vielfältige Störungsbild erfordert anspruchsvolle diagnostische Verfahren, wobei die Unterscheidung zwischen verschiedenen ADHS-Subtypen entscheidend für eine wirksame Behandlung ist.

Bislang gibt es keine eindeutige diagnostische Methode zur Feststellung von ADHS. Zusätzlich ist das Störungsbild kein klar abgegrenztes Phänomen von normalen Variationen, sondern vielmehr ein Kontinuum von Merkmalen mit unterschiedlichen Ausprägungen. Daher ist es wichtig, auch den Schweregrad der Symptome und die psychosozialen Beeinträchtigungen zu berücksichtigen (Toussaint & Petermann, 2011, S. 1221). Die charakteristischen Symptome von ADHS variieren individuell in ihrer Ausprägung. Für die Diagnose ist entscheidend, wie stark die Symptome die alltägliche Funktionsfähigkeit beeinträchtigen und der vorhandene Leidensdruck (Walitza, 2012, S. 14).

Die Therapie von ADHS ist multimodal und umfasst verschiedene Ansätze, die sowohl auf das Kind als auch auf die Eltern ausgerichtet sind. Die Auswahl der Behandlungsmethoden hängt von der Ausprägung der Kernsymptome, dem Vorhandensein begleitender Störungen sowie dem Leidensdruck ab, den Betroffene, Angehörige und das soziale Umfeld erleben (Walitza, 2012, S. 16). Ein wesentlicher Bestandteil jeder Intervention ist zunächst die Beratung und Psychoedukation. Verhaltenspläne, die hauptsächlich auf der Verstärkung positiver Verhaltensweisen basieren, können Betroffene unterstützen. Bei vielen Kindern mit ADHS zeigen EEG-Untersuchungen im Vergleich zu gesunden Kindern Abweichungen. Das Neurofeedback bietet daher eine weitere Behandlungsmöglichkeit, die auf den Ergebnissen des EEG basiert. Wenn die ADHS die gesamte Entwicklung des Kindes beeinträchtigt, kann eine medikamentöse Behandlung im Rahmen eines multimodalen Ansatzes angebracht sein (Walitza, 2012, S. 16 – 17).

Betroffene, die unter ADHS, haben bspw. Schwierigkeiten, ihr Verhalten entsprechend den schulischen Anforderungen zu kontrollieren. Auch fällt es ihnen schwer, ihre Arbeits- und Lernaktivitäten zu organisieren und zu planen. Die kognitive Verhaltenstherapie wird für diese Kinder empfohlen, da sie wirksame Interventionen bietet, um die Entwicklung der Fähigkeiten zur Selbstkontrolle und Selbstregulation zu fördern (Pauen & Vonderlin, 2009, S. 17).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ADHS bei Kindern noch nicht ausreichend erforscht ist und hier weitere Studien notwendig sind. Um den Grundschulalltag für Betroffene bestmöglich zu gestalten, wird eine vielschichtige Behandlung empfohlen, sowie Unterstützung für Angehörige. Darauf aufbauend kann der Leidensdruck gemindert werden und die Kinder eine erfolgreiche Grundschulzeit durchlaufen.

Quellen:

  1. Döpfner, M. (2024). ADHS in Schule und Unterricht. (U. Köln, Herausgeber) Abgerufen am 23. 04 2024 von https://www.zentrales-adhs-netz.de/fuer-paedagogen/adhs-in-schule-und-unterricht/
  2. Medice. (2024). ADHS-Symptome bei Kindern. Abgerufen am 23. 04 2024 von https://www.adhs-ratgeber-eltern.com/adhs-symptome.html
  3. Medice. (2024a). Aufmerksamkeitsstörung bei ADHS. Abgerufen am 23. 04 2024 von https://www.adhs-ratgeber-eltern.com/adhs-aufmerksamkeitsstoerung.html
  4. Pauen, S., & Vonderlin, E. (2009). Entwicklungspsychologische Grundlagen. In S. Schneider, & J. Margraf, Lehrbuch der Verhaltenstherapie (S. 4 – 22). Heidelberg: Springer Medizin Verlag.
  5. Romanos, M., Schwenck, C., & Walitz, S. (2009). Diagnostik der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung im Kindes- und Jugendalter. Nervenarzt (79), 782 – 790.
  6. Toussaint, A., & Petermann, F. (2011). Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom im Grundschulalter. Monatsschrift Kinderheilkunde (12), 1221–1227.
  7. Walitza, S. (2012). ADHS bei Kindern – Diagnose und Therapie. Info Neurologie & Psychiatrie Vol. 10 (3), 14 – 17.

Bildquelle:

Fotograf*in Dorothe

https://pixabay.com/de/photos/klassenzimmer-m%C3%A4dchen-sch%C3%BClerin-3779035

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