Hochsensibilität in Studium und Beruf

Über Hochsensibilität zu schreiben, ist ein heißes Eisen, eine Grenzwanderung, die von den Abgründen verwaschener Definitionen flankiert wird. Wir alle sind mehr oder weniger sensibel, nehmen unsere Umwelt wahr und verarbeiten diese Wahrnehmung. Doch wenn Du hochsensibel bist, ist alles ein wenig anders. Möglicherweise lebst Du mit verwirrenden Gedanken und Gefühlen, die Deine Teilhabe am alltäglichen Leben beeinflussen können, ohne dass Du weißt, was eigentlich los ist mit Dir. Das macht das “Be-greifen” und Artikulieren dieser Eigenschaft so schwer und stößt nicht selten auf Unverständnis auf allen Seiten. Hier soll es darum gehen, wie Hochsensibilität zugleich Segen und Fluch in Studium und Beruf sein kann.  

Hochsensibel, hochsensitiv – Ein Begriffswirrwarr

Etwa ein Drittel aller Menschen ist hochsensibel [S1], wobei es sich dabei nicht etwa um eine Krankheit oder psychische Störung handelt. Vielmehr sind Hochsensibilität und -sensitivität Persönlichkeitsmerkmale, die durch eine besondere Empfindsamkeit gegenüber Informationen aus der Innenwelt (wie Gedanken und Gefühle) und/oder Außenwelt (wie Geräusche, Gerüche und/oder Licht) gekennzeichnet sind. Bei hochsensiblen Menschen gelangen diese Reize ungefiltert in das Gehirn und können dort komplexe und tiefe Gefühlsreaktionen auslösen [1; 2]. Hochsensitive Menschen spüren insbesondere emotionale Schwingungen, Stimmungen und Gefühle anderer Menschen stärker als der Durchschnitt. Betroffene fühlen mit feinsten empathischen Antennen sozusagen auch zwischen den Zeilen, nehmen subjektiv Signale der Körpersprache und Mimik wahr, fügen dem objektiven Erleben eine weitere eigene Dimension und Interpretation hinzu. 

Die Sonnen- und Schattenseiten der Persönlichkeitsmerkmale 

Vermutlich weisst Du es noch nicht, aber als Mensch mit hochsensibler körperlicher oder emotionaler Seite könntest Du der heimliche Rockstar, Trendscout oder Seismograph in Studium und Beruf sein. Vielleicht hast Du einen ausgeprägten Sinn für Schönes und Kreatives, wie Kunst, Literatur oder Musik? Oder Du bist besonders empathisch und sozialkompetent, kannst Kunden bedürfnisorientiert bedienen, Gruppendynamiken erspüren und nimmst schneller Spannungen, Konflikte, Sorgen und Ängste anderer wahr? Möglicherweise kannst Du komplexe Sachverhalte, eine hohe Informationsdichte und große Zusammenhänge gut verarbeiten, analytisch, vernetzt, quer und neu denken oder gesellschaftliche oder fachbezogene Trends und Veränderungen vorhersehen? Vorgesetzte schätzen Deine Liebe zum Detail und zur Ordnung, Deine Gewissenhaftigkeit, Dein “360°-Blick”, Perfektionismus und Qualitätsbewusstsein, Deine Strukturfähigkeit und dass Du die Arbeit mehrerer Mitarbeiter übernehmen kannst? Dann bringst Du viele wertvolle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Laufbahn mit. 

Trotzdem bemerkst Du vielleicht immer wieder, dass es Dir schwerfällt, Wichtiges (Bemerkenswertes) von Unwichtigem (Ausblendbarem) zu unterscheiden, aufmerksam zu bleiben oder Dich zu fokussieren. Im Zwischenmenschlichen fällt es Dir schwer, Grenzen zu setzen, in den Gefühlen anderer nicht zu ertrinken oder Deine Empfindungen als subjektiv zu reflektieren und nicht alles persönlich zu nehmen. Dadurch, dass eine Fülle von Reizen in Dein Bewusstsein gelangen und nicht priorisiert werden, brauchst Du mehr Zeit für die Aufgaben und gerätst schneller in Stress. Menschenmengen, Pläne, Geräuschpegel, räumliche Enge oder auch atmosphärische Störungen kannst Du nur schwer kompensieren. Das Chaos an Wahrnehmungen und Gefühlen kann Dich gereizt oder resignativ machen. Du fühlst Dich mitunter abgelehnt, unsicher, zweifelnd hinsichtlich Deiner Kompetenzen. Wenn Du nicht aufpasst, werden die Grenzen zur physischen und/oder emotionalen Erschöpfung schnell gesprengt und Burnout droht. Hier gilt es, Deine Empfindsamkeit in Studium und Beruf zu berücksichtigen und Deine Bedürfnisse in die Zukunftsplanung zu integrieren.  

Umgang mit Hochsensibilität/Hochsensitivität im Studium

Vielleicht fällt es Dir schwer, Dich für einen beruflichen Weg zu entscheiden. Die vielen möglichen Studienrichtungen gepaart mit Deiner Gabe, Deiner hohen Aufnahmefähigkeit, Deinem breit gefächerten Interesse, Deiner Kreativität und vielseitigen Begabung können es schwer machen, ein berufliches Ziel zu finden, Deine Motivation aufrechtzuerhalten oder Dich zu spezialisieren [3; 4]. Hier können Deine Ansprüche mit den Bedingungen für ein erfolgreiches Arbeitsleben, das Kontinuität fordert, kollidieren. Die Frage ist nun: Wie findest Du eine ausfüllende Studienrichtung, die zugleich Deine hochsensiblen Persönlichkeitsmerkmale berücksichtigt? Hilfreiche Fragen dazu könnten sein:

  • Welche Stärken und Interessen habe ich?
  • Bietet mir das Studium genügend Abwechslung und verschiedene Tätigkeitsfelder, um motiviert zu bleiben?
  • Gibt mir das Studium einen Überblick über bestimmte Themenfelder und lässt mir Spielraum bei der späteren Wahl des Jobs?
  • Kann ich verschiedene Studiengänge kombinieren, um meine vielfältigen Interessen zu verknüpfen? 
  • Wo liegen meine Grenzen? 
  • Was ist der Grund für meine Entscheidung für eine Studienrichtung? 
  • Welche Aspekte schätze ich an diesem Studium? 
  • Welche Bedingungen brauche ich, damit ich gute Leistungen bringen kann?
  • Wie soll meine berufliche Zukunft aussehen?
  • Erlaube ich mir einen Wechsel, wenn die Studienrichtung doch nicht passt?
  • Welche Strategien können mir durch das gewählte Studium helfen [2; 4]. 

Umgang mit Hochsensibilität/Hochsensitivität im Berufsleben

Vermutlich ist für Dich Deine berufliche Zukunft in besonderer Weise eine Berufung, in der Du Deine Werte leben möchtest. Im Beruf gilt es Deine Stärken gezielt einzusetzen, dabei Deine Ressourcen und Grenzen aber nicht außer Acht zu lassen. Im Berufsleben sollte Dein Anspruch, Dein Perfektionismus mit dem Druck im Arbeitsalltag in Balance sein. Das bedeutet, die Umgebungsbedingungen genau zu prüfen, zu schauen, wo Du sensibel reagierst und was Du brauchst, um arbeitsfähig zu bleiben. Es nützt Dir nichts, wenn Deine Tätigkeit Deinen Talenten entspricht, Du Dich aber aufgrund fehlender Rückzugsmöglichkeiten im Großraumbüre, Spannungen im Team, hohem Arbeitstempo, eintöniger Arbeit, widersinnigen Strukturen oder ständiger Reizüberflutung nicht wohlfühlst. Auch wenn Du für Deine Grundsätze brennst: Stimmen die Bedingungen nicht, verausgabst Du Dich sehr schnell [2].

Wenn Du stattdessen mit einer annehmenden Haltung Deiner Charaktereigenschaft Deine Umgebungsbedingungen optimierst und gut für Dich sorgst, kannst Du Dir den Berufsalltag etwas erleichtern. Dazu kann beispielsweise gehören, dass Du: 

  • auf Rückzugsmöglichkeiten (einen Ruheraum, Ruhepausen) achtest, um Reize verarbeiten zu können
  • Großraumbüros, Multitasking und Multimedia  meidest
  • Noise cancelling Kopfhörer nutzt
  • Deinen Tagesablauf verträglich strukturierst
  • Belastendes offen ansprichst, Grenzen setzt und konstruktive Anmerkungen nicht persönlich nimmst
  • gesunde emotionale Distanz wahrst
  • Mit Sport oder Entspannungsmethoden Stress abbaust
  • die Möglichkeit von Home-Office und Selbstständigkeit überdenkst [2].

Möchtest Du selbst testen, ob Du hochsensibel bist, findest Du hier einen von vielen Tests. Mögliche Ausbildungsberufe, die gut zu Dir passen könnten, findest Du hier

Quellen:

[1] Feichter, Martina, Hochsensibilität, 08.03.2021 in Netdoktor, abgerufen am 13.11.2022 von https://www.netdoktor.de/krankheiten/hochsensibilitaet/

[2] Hansl, Jana, Warum deine Hochsensibilität für dich und andere eine wertvolle Stärke ist, 13.08.2021 in Impactify Blog, abgerufen am 13.11.2022 von https://impactify.de/berufe-fuer-hochsensible/b#:~:text=Hochsensiblen%20Personen%20f%C3%A4llt%20die%20Entscheidung,wenn%20die%20Arbeitsbedingungen%20nicht%20stimmen.

[3] Lore Sülwald, Lore und Rahnefeld, Katrin, Sensibel und stark: Hochsensibilität als Superkraft für eine zukunftsfähige Arbeitswelt, 21.10.2020 in Impactify Blog, abgerufen am 13.11.2022 von https://impactify.de/hochsensibel-im-job/b

[4] Franzen, Robert, Scanner-Persönlichkeiten – Die besten Berufsideen für kreative Alleskönner, 10.08.2020 in Impactify Blog, abgerufen am 13.11.2022 von  https://impactify.de/scanner-persoenlichkeiten-berufsideen/b

Relevante Studien: 

[S1] Pluess, Michael, Individual Differences in Environmental Sensitivity, April 2015 in Child Development Perspectives 9(3), abgerufen am 13.11.2022 von https://www.researchgate.net/publication/275367963_Individual_Differences_in_Environmental_Sensitivity