Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern

Die Entscheidung, das Buch „Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern. Bleibe mit deinem Kind in Verbindung – trotz Wut, Streit und Krisen“ vorzustellen, ist der aktuellen Pandemiesituation geschuldet. Sie bringt viele Menschen derzeit in Lage, unfreiwillig auf begrenztem Raum über längere Zeit im eigenen Verband gut miteinander auskommen zu müssen. Es muss nicht extra erwähnt werden, dass derartige Extremsituationen selbst die besten Familien, in denen sonst ein liebevoller Umgang und Wertschätzung gelebt wird, belastet und aus Banalitäten kommunikativer Zündstoff entstehen kann.

Aber auch sonst sind wir Eltern im normalen Leben nicht frei von Fehlern. Wir kommunzieren aus der Emotion, Zeitnot oder weil wir es selbst nicht anders gelernt haben, oft kontraproduktiv mit unseren Kindern. Der Ratgeber will Eltern ermutigen, über Kommunikation in guter Verbindung zum eigenen Kind zu bleiben. Das Hauptaugenmerk liegt dabei im Anliegen, die kurze Zeit, die wir mit unseren Kindern haben, gut zu verbringen.

Die Autorin

Yvonne George ist seit 2008 diplomierte Sozialpädagogin und traumazentrierte Fachberaterin. Sie war lange Zeit in der ambulanten Familienhilfe tätig und hat Eltern, Kinder und Jugendliche dabei unterstützt, ihre Beziehungen zu vertiefen. Grundlage ihrer Arbeit bildet dabei das Konzept der gewaltfreien und bindungsorientierten Kommunikation.

Aufbau des Buches

Im Ratgeber wird deutlich, dass der Verfasserin Wert auf Praxisbezug legt, weshalb die Kapitel des Theorieteils, der den ersten Abschnitt bildet, immer mit Tipps, Hinweisen oder Erinnerungen enden. Zusätzlich werden kleine Übungen und Fragestellungen angeboten, um das Gelesene für sich zu festigen. Der zweite Teil des Buches fokussiert generell auf praktischen Beispielen und Übungen, mit deren Hilfe die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) in das eigene Familienleben integriert werden kann. Eine Liste mit einschlägiger weiterführender Literatur zu dem Thema rundet die Orientierungshilfe schließlich ab.

Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg

Das Konzept, das auch im ersten Teil des Buches vorgestellt wird, bildet die „Gewaltfreie Kommunikation (GFK)“, die vom amerikanischen Psychologen Marshall Rosenberg (1934 – 2015) begründet wurde. Aufgewachsen im Schwarzenviertel erlebte er Rassenkämpfe und Gewalt, gleichzeitig innerhalb seiner Familie ein großes Maß an Liebe und Fürsorge. Diese Erfahrungen und spätere Beobachtungen als Psychologe brachten ihn zu der Erkenntnis, dass Zuhören und Empathie wesentliche Schlüsselfaktoren für psychische Gesundheit darstellen. Nach Jahren in der Praxis als Psychotherapeut machte er es sich zur Lebensaufgabe, gesellschaftliche Strukturen mit einer neuen Form der empathischen Kommunikation zu revolutionieren.[1]

Philosophie, Haltung und Ziele der GFK

Im Theorieteil wird zu Beginn das Wesen der Gewaltfreien Kommunikation erläutert. Am Anfang stehen die Bedürfnisse, die es bei sich selbst zu beobachten und auszudrücken gilt und in gleicher Weise beim Gegenüber wahrgenommen werden sollen. Auf diese Weise wird die Qualität von Beziehungen erhöht. GFK ist dementsprechend frei von Bewertungen und Schubladendenken, Wahrnehmung eine wesentliche Voraussetzung, damit sie gelingt. Sie geht von folgenden drei Haltungsgrundsätzen aus[2]:

  • Menschen handeln, weil sie ein Bedürfnis erfüllen wollen
  • Menschen verfügen über eine angeborene Kooperationsbereitschaft
  • Menschen tun zu jedem Zeitpunkt das Beste, was ihnen in dem Moment zur Verfügung steht.

Sprachliche Komponente

Der Theorieteil verweist auch auf die bildhafte Sprache, derer Rosenberg sich bedient um die GFK zu veranschaulichen.[3] Grundgedanke dabei ist, dass die rechte Gehirnhälfte (verantwortlich für Emotionalität) mit der linken Gehirnhälfte, die für Rationalität steht, verbunden werden soll. Dafür hat Rosenberg die Dichotomie der Wolf- und Giraffensprache entwickelt.

  • Die Wolfsprache …

… verkörpert hierbei dieBeamtensprache, die insbesondere bei Regeln und Gesetzen Anwendung findet. Sie ist nüchtern, entfernt von den eigenen Bedürfnissen und sorgt für Trennung. Sie äußert sich drohend, mahnend, moralisierend, gewaltvoll, manipulativ, bewertend und in einem Wahr/Falsch-Denken. Ratschläge sind ebenfalls Teil der Wolfsprache, da sie dem Gegenüber die Fähigkeit aberkennen, selbst Lösungen zu finden und so dessen Selbstwertgefühl schwächen. Die Wolfsprache verbalisiert sich typischerweise über die Ausdrücke „man“, „soll“ und „muss“. Als Formen verbaler Gewalt werden in diesem Kontext Vergleiche, Kritik, Bewertung, Forderung, Beschuldigung, Korrigieren, Verallgemeinerung genannt.

  • Die Giraffensprache hingegen …

… verkörpert die Sprache des Herzens, lebt im Einklang mit der (eigenen Natur) und ist getragen von Selbstempathie und Empathie. Das Kennen der eigenen Bedürfnisse führt dazu, andere besser zu verstehen. Giraffensprache kommuniziert Gefühle und Bedürfnisse, sie will keinen Schuldigen oder Fehler finden.

Giraffensprache ist lebendig, Wolfsprache schwächt Lebendigkeit ab und unterbricht zwimenschliche Verbindung.

Vier Säulen

Das Konzept der GFK basiert auf der klaren Äußerung der eigenen Beobachtung (von Fakten, ohne Bewertung), dem Ausdruck des Gefühls, das diese Situation auslöst, dem Bedürfnis, das aktuell besteht und der Formulierung einer entsprechenden Bitte, die sich daran anschließt und eine konkrete Handlung enthält.[4]

Beispiel:

  • Beobachtung:             „Deine Jacke liegt am Boden.“
  • Gefühl:                       „Ich fühle mich unwohl.“
  • Bedürfnis:                   „Damit ich mich wohl fühle, brauche ich Ordnung.“
  • Bitte:                          „Bitte hänge deine Jacke an den Kleiderhaken.“

George legt Wert darauf zu betonen, dass das „Erlernen der GFK“ wie das Erlernen einer ergänzenden Sprache wäre. Sie rät in einem ersten Schritt, die die Philosophie der GFK zu verinnerlichen. Dies erleichtert es, entsprechende Gesprächsmuster zu erlernen. Überhaupt wird immer wieder betont, dass Geduld und Ausdauer erforderlich sind. George ermuntert dennoch, auch bei möglichen Rückschlägen nicht aufzugeben. Anhand von Beispielen erläutert sie die vier Ebenen ausführlich, listet beispielsweise die Reihe möglicher Bedürfnisse auf und fügt immer wieder hilfreiche Tipps hinzu, die beim Umsetzen der GFK unterstützen.

Gewaltvoll vs. gewaltfrei

Im nächsten Kapitel führt die Verfasserin die schädliche Wirkung gewaltvoller Kommunikation eindrucksvoll vor Augen. Sie drückt sich in Schuldgefühlen, Scham, Erniedrigung des Selbstwerts aus. Insbesondere gefährdet sie gesunde Beziehungen und behindert die natürliche Entwicklung von Kindern.[5]

Außerdem wird der Sinn und Unsinn von Regeln hinterfragt und die natürlichen Anlagen des Kindes, nämlich Neugierde und ihren Willen zur Kooperation, dabei in den Fokus gerückt. Kinder lernen hauptsächlich durch Beobachtung und Nachahmung. Sie lernen hingegen nicht durch Erziehung, die auf Verboten, Belohnungen, Manipulation und dergleichen beruht.

George greift den interessanten Aspekt der Wirkung verallgemeinernder Sprache auf, die wahrscheinlich von vielen Eltern Anwendung findet. Sie drückt sich in den Zeitangaben oft, nie, immer, jedes Mal etc. aus oder in Phrasen wie: „So ist es nun Mal.“ – Tatsächlich entmächtigt diese Sprache und sorgt dafür, dass Verantwortung abgegeben bzw. Menschen sich ausgeliefert fühlen. [6] Die Autorin zeigt aber unmittelbar im Anschluss lösungsorientierte sprachliche Gegenstrategien auf.

Stringenterweise beinhaltet der darauffolgende Abschnitt die Vorteile Gewaltfreier Kommunikation, die entgegen oben Aufgezeigtem ermächtigend wirkt, selbstbewusst macht und Wertvorstellungen in den Mittelpunkt stellt. Die GFK geht von der Prämisse aus, dass es keine Fehler gibt, sondern hinter dem Denken und Handeln der KInder ein guter Grund liegt. GFK sorgt außerdem für eine klare Ausdrucksweise, die Beobachtungen nicht mit Interpretationen mischt und Gefühle benennt. Folgende weitere positive Aspekte sind durch GFK bedingt[7]:

  • Empathie, die Beziehung fördert
  • Wachstum und Entwicklung
  • Übernahme von Verantwortung
  • Vertrauen

Bezugnehmend auf das wahre Leben analysiert die Verfasserin Möglichkeiten zum Umgang mit Wut und Frustration anhand von Beispielen und zeigt auf, wie Konflikte gewaltfrei gelöst werden können. Sie widmet sich auch dem wichtigen Thema „Grenzen“. Auch hier bedarf es gründlicher Reflexion, damit diese sinnvoll und gemäß der Reife des eigenen Kindes richtig eingesetzt werden können. George liefert hierzu einen hilfreichen Fragekatalog.

Bevor sich der zweite Teil des Buches ausführlich der praktischen Anwendung GFK mit Kindern in Form von Musterbeispielen widmet, werden nochmals die Voraussetzungen dargestellt, die nötig sind, um mit Kindern erfolgreich zu kommunizieren. Diese sind:

  • eine offene Haltung
  • Zuhören mit Giraffenohren
  • Empathie und Selbstempathie
  • Selbstliebe[8]

Das letzte Kapitel fokussiert auf Hilfestellungen im Alltag, um nicht in alte Kommunikationsmuster zurückzufallen. Dabei wird Bezug auf typisch auftretende Schwierigkeiten sowie häufig gestellte Fragen genommen.

Persönliches Fazit

Yvonne George hat mit ihrem Buch nicht nur so manches Aha-Erlebnis über Formulierungen und ihre Auswirkungen Kindern ausgelöst, sondern nimmt einen auch hilfreich an der Hand. Sie tut dies über Aufzeigen typischer Kommunikationssituationen und möglicher Fragestellungen, die individuelle Lösungen für die eigene Familiensituation ermöglichen.

Gewaltfreie Kommunikation setzt das Reflektieren über eigene Bedürfnisse und die Analyse eingeprägter Gesprächsmuster voraus sowie den Willen, diese entsprechend ändern zu wollen. Deshalb ist das Buch auch schnell wieder zurück in das Bücherregal gestellt. Persönlich war mein Leidensdruck irgendwann groß genug, mir die Strategien anzueignen und mich zwei Tage lang (nach einer enervierenden Zeit der Quarantäne) zu Hause im Feldversuch bewusst darauf zu fokussieren.

Die Ergebnisse haben verblüfft: mein Kind half plötzlich freiwillig im Haushalt, die Stimmung zu Hause war tatsächlich sehr viel friedlicher und wertschätzender. Leichtigkeit und eine neue Lebensqualität hielten Einzug. Leider fordern Rückschläge auch persönlich Ausdauer und Geduld, aber ich kenne nun die Hebel und kann sie entsprechend einsetzen.

Jenen also, die in der GFK eine Chance sehen, die Beziehung mit dem eigenen Kind (und nicht nur diese!) zu verbessern und darüber hinaus sich selbst näher zu kommen, kann diese Lektüre nur empfohlen werden.


[1] Vgl. Rosenberg, M. B. (2012): S. 10 f.; George, Y. (2019): S. 16

[2] Vgl. George, Y. (2019): S. 23 f.

[3] Vgl. George, Y. (2019): S. 28 f.

[4] Vgl. George, Y. (2019): S. 39 f.

[5] Vgl. George, Y. (2019): S. 66 f.

[6] Vgl. George, Y. (2019): S. 83 f.

[7] Vgl. George, Y. (2019): S. 90 f.

[8] Vgl. George, Y. (2019): S. 110 f.

Quellenangaben

George, Y. (2019): Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern. Bleibe mit deinem Kind in Verbindung – trotz Wut, Streit und Krisen. Edition GFK

Rosenberg, M. B. (2012): Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation. Herder

Bild: privat