Gesundheit und Manipulation bei der Berufswahl

Gesundheit betrifft jeden von uns und damit auch Risiken, welche dieser schaden können. Ein Risiko stellt unter anderem Stress dar. Doch wie entsteht Stress und was sind die Auswirkungen? Was hat unsere Berufswahl damit zu tun?

Stress

Stress entsteht durch Stressoren, welche von Mensch zu Mensch unterschiedlich wahrgenommen werden. Es gibt äußere und innere Stressoren. Äußere Stressoren sind z.B. Lärm, Koffein, Misserfolg und innere Stressoren sind z.B. Hunger, Erwartungen, Sorgen. Diese Faktoren bewertet jeder Mensch anders. Für einen sind Misserfolge völlig in Ordnung, für einen anderen würde hingegen die Welt in tausend Stücke zerbrechen. Wie hier deutlich wird, ist Stressempfinden individuell. Und auch erst die Intensität, Einwirkungsdauer, Erfahrungen, Veranlagungen und schließlich Bewertungen bestimmen die Stärke eines Stressors.[1] Doch was bringt Stress genau mit sich?

Auswirkungen von Stress
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Joder, K.: 2005, S.359-360

Wie in der Abbildung deutlich wird, bringt Stress erhebliche Gesundheitsrisiken mit sich. Sobald Stress als negativ erlebter Aktivierungszustand (,,Distress“) eingestuft wird und dieser ,,zu viel“ und ,,zu lange“ bestehen bleibt, droht eine Gefährdung des persönlichen Wohlbefindens und der Gesundheit. [2] Nach einer Forsa-Umfrage der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2016 ist einer der größten Stressfaktoren die Arbeit, gefolgt von hohen Ansprüchen an sich selbst und zu vielen Verpflichtungen.[3]  

Stressfaktor Arbeit

Diese Auswirkungen von Stress können unter anderem auch innerhalb des Berufslebens identifiziert werden und damit mit einem ganz bestimmten Begriff in Verbindung gebracht werden – dem Burnout. Burnout beschreibt übermüdete, überforderte und nicht mehr leistungsfähige Personen. Es findet eine Überlastung von externen Einflüssen und Fremdbestimmtheit statt. Die Arbeit wurde ,,zu viel‘‘.[4] Ein Burnout wird in Klassifikationssystemen (z.B. ICD oder DSM) nicht eigenständig aufgeführt. Trotzdem werden alle relevanten Diagnosekriterien, welche bei einem Burnout vorkommen, bei anderen Störungsbildern eingeschlossen. Besonders relevant sind hierbei die Anpassungsstörung (ICD F43.2) und die Depression (ICD F32, F33). Burnout kann zwar als individuelles Störungsmodell betrachtet werden, aber ist aus wissenschaftlicher Sicht kein präziser Begriff. Vielmehr stillt Burnout das Kommunikationsbedürfnis des persönlichen Leids und macht auf gesellschaftliche Defizite aufmerksam.[5] Doch wie kann die Arbeit zu viel werden, wenn wir theoretisch gesehen die Berufswahl selbst in der Hand haben? 

Hürden bei der Berufswahl 

Die Ausübung der meisten beruflichen Tätigkeiten erfordert einen erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung bzw. eines Studiums. Um eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen, wird wiederum ein Schulabschluss erfordert. Schullaufbahnen sind hierarchisch geordnet. Folglich bringt das einmal eingeschlagene Schulniveau langfristige Konsequenzen für Kinder und Jugendliche mit sich. Dies hängt auch stark von sozialen Faktoren ab. Eltern prägen ihre Kinder durch Erziehung und den eigenen Umgang mit Interessen, Werten, Persönlichkeit, Fähigkeiten und Zielsetzungen. Auch materielle Ressourcen, soziale Kontakte und Informationen wirken sich auf die gesamte Schullaufbahn aus.[6] Ist die Berufswahl also fremdbestimmt? In einer Umfrage unter Jugendlichen (Alter: 14-16 Jahre) war das größte Motiv bei der Ausbildungssuche ein hohes soziales Ansehen. Zu einer der letzten Motive gehört unter anderem das Motiv genug Zeit für die Familie zu haben.[7] Wurden diese Motive also nur von anderen vermittelt? In einer weiteren Umfrage wurden Eltern darüber befragt, welche Berufe für ihre Nachkommen wünschenswert wären. 84 Prozent der Eltern gaben an, dass sie das höchste Ansehen im Arztberuf sehen. Auch die anschließend genannten Berufe benötigen einen Studienabschluss (Z.B. Wissenschaftler, Juristen).[8]

Der Einfluss des Umfelds

Burnout entsteht durch eine Nichtpassung zwischen Person und Situation/Arbeit. Um sich selbst vor Burnout zu bewahren, muss folglich auch Selbsterkenntnis vorhanden sein, damit berufliche Optionen auf die Passung zur eigenen Person abgeglichen werden können. Dies erfordert das Wissen über eigene Motivationen, Bedürfnisse, Ängste und Interessen, welches nicht durch soziales Ansehen oder Wissen bzw. Erziehung der Eltern vermittelt wurde.[9] Doch das Selbstbild wird im Wesentlichen von anderen geprägt. Menschen bekommen für ihre Worte, Handlungen, Leistungen eine Resonanz, welche die Identität bestätigen. Doch wie entsteht die eigene Identität? Die Identität entwickelt sich bereits im frühen Kindesalter und bildet sich über die Lebenszeit hinweg. Sie beruht unter anderem auf sämtlichen Erfahrungen. Hierbei werden auch die sozialen Rollen und die damit verbundenen Rollenerwartungen eingeschlossen. Das Selbstbild kann sich dabei auch ,,falsch‘‘ entwickeln durch Anschuldigungen, Vermutungen, Beschimpfungen und Projektionen durch nahestehenden Personen. Sofern das Selbstbild nicht innerhalb der eigenen Entwicklung überprüft wird, somit ein falsches Selbstbild akzeptiert wird, hat das negative Auswirkungen auf die Lebensqualität. Wenn das Selbstbild positiv eingeschätzt wird, ist zudem das Selbstwertgefühl hoch. Im Gegenzug ist bei einer negativen Einschätzung das Selbstwertgefühl niedrig. Die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls hängt daher besonders von Eltern, Bezugspersonen, Erziehern und Lehrkräften ab.[10]

Was heißt das für die Berufswahl?

Die Studien zeigten, dass viele Jugendliche eher an dem sozialen Status interessiert sind, was bei den Eltern auch offensichtlich durch Einordnung von Berufen präferiert wurde.[11]  Auch die Hierarchie durch Schulabschlüsse schränkt die Berufswahl erheblich ein.[12] Dabei ist wie zuvor beschrieben, eine Nichtpassung des Berufs ein Risiko für die Entstehung von Burnout.[13] Und dafür ist wiederum das Selbstbild grundlegend, um Interessen und damit berufliche Passung überhaupt beurteilen zu können.[14]

Fazit 

Es wäre wichtig, Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen darüber aufzuklären (z.B. bei Elternabenden) wie ein Selbstbild entsteht und welche Sichtweisen es dabei gibt. Denn es gibt auch Sichtweisen, die sich nicht negativ auf die Entwicklung des Selbstbild auswirken (z.B. konstruktive Kritik). Abwertung geschieht erst durch destruktive Kritik, indem Personen diffamiert werden, wenn ein sogenanntes ,,So wie du bist, bist du nicht in Ordnung.‘‘-Gefühl vermittelt wird. Das geschieht oft auch innerhalb der Erziehung, bei verbalen Bestrafungen oder destruktiven Rückmeldungen. Konstruktive Kritik ist zwar auch eine Art der Zurückweisung, die sich allerdings nicht gegen den Wert einer Person richtet und folglich keine Abwertung stattfindet.[15] Auch wünschenswert wäre, dass der Zugang einer Berufsausbildung nicht allein durch den Schulabschluss festgelegt wird, sondern beispielsweise durch Eignungsprüfungen ergänzt wird, damit jeder die Chance hat das eigene Selbstbild innerhalb der Berufswelt ausleben zu dürfen, was womöglich auch zur Prävention von Burnout beitragen könnte. 


[1] Vgl. Wagner-Link, A.: 2009, S.24

[2] Vgl. Joder, K.: 2005, S.359-360

[3] Vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/282578/umfrage/umfrage-zu-den-groessten-stressfaktoren-im-alltag-nach-geschlecht/. Abgerufen am 25.07.2021

[4] Vgl. Sisolefsky, F. et al,: 2017, S.5

[5] Vgl. Hofmann, E.: 2015, S.8-10

[6] Vgl. Blickle, G.: 2019, S.213

[7] Vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/916239/umfrage/motive-bei-der-ausbildungssuche-in-der-schweiz/. Abgerufen am 04.07.2021

[8] Vgl. https://de.statista.com/infografik/24140/anteil-der-befragten-die-mit-folgender-berufswahl-ihrer-kinder-einverstanden-waeren/. Abgerufen am 04.07.2021.

[9] Vgl. Hofmann, E.: 2015, S.213

[10] Vgl. Endriss, L.: 2019, S.13-14

[11] Vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/916239/umfrage/motive-bei-der-ausbildungssuche-in-der-schweiz/. Abgerufen am 04.07.2021; Vgl. https://de.statista.com/infografik/24140/anteil-der-befragten-die-mit-folgender-berufswahl-ihrer-kinder-einverstanden-waeren/. Abgerufen am 04.07.2021

[12] Vgl. Blickle, G.: 2019, S.213

[13] Vgl. Hofmann, E.: 2015, S.213

[14] Vgl. Endriss, L.: 2019, S.16

[15] Vgl. Endriss, L.: 2019, S.16

Literatur

Blickle, G., 2019. Berufswahl und beruflicher Entwicklung. In: F. W. Nerdinger, G. Blickle & N. Schaper, Hrsg. Arbeits- und Organisations- psychologie. Berlin: Springer, pp. 209-234.

Endriss, L., 2019. Ignoranzfallen am Arbeitsplatz. Subtile seelische Gewalt aufdecken – Betroffene stabilisieren. 2. Auflage Hrsg. Wiesbaden: Springer.

Hofmann, E., 2015. Wo brennt es beim Burnout? Eine passungspräventive Sichtweise zur Analyse und Vermeidung von Burnout. Wiesbaden: Springer Gabler.

Joder, K., 2005. Gesundheitscoaching — zwischen Burnout und beruflicher Neuorientierung. OSC, Issue 12, pp. 359-366.

Sisolefsky, F. et al., 2017. Persönlichkeit, Burnout und Work Engagement. Eine Einführung für Psychotherapeuten und Angehörige gefährdeter Berufsgruppen. Wiesbaden: Springer.

Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, & gfs.bern. (28. Juni, 2018). Welche der folgenden Motive sind für deine Ausbildungswahl wichtig? (1 = am wichtigsten bis 10 = am wenigsten wichtig) [Graph]. In Statista. Zugriff am 04. Juli 2021, von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/916239/umfrage/motive-bei-der-ausbildungssuche-in-der-schweiz/

Suhr, F. (10. Februar, 2021). Welche Berufe Eltern sich (nicht) für ihre Kinder wünschen [Digitales Bild]. Zugriff am 04. Juli 2021, von https://de.statista.com/infografik/24140/anteil-der-befragten-die-mit-folgender-berufswahl-ihrer-kinder-einverstanden-waeren/

TK. (12. Oktober, 2016). Größte Stressfaktoren in Deutschland nach Geschlecht im Jahr 2016 [Graph]. In Statista. Zugriff am 25. Juli 2021, von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/282578/umfrage/umfrage-zu-den-groessten-stressfaktoren-im-alltag-nach-geschlecht/

Wagner-Link, A., 2009. Aktive Entspannung und Stressbewältigung. 6. Auflage Hrsg. Renningen : expert verlag.

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