Flow – ein Zustand, der süchtig machen kann

Mit dem Begriff ‚Flow’ bin ich schon in den verschiedensten Situationen in Berührung gekommen. Bei Sportlern oder Künstlern wird oftmals davon gesprochen, dass sie ‚im Flow’ waren, wenn sie mit einer scheinbaren Leichtigkeit besonders schwierige, komplexe oder sogar gefährliche Leistungen vollbracht haben. Nicht zuletzt wird der Mitarbeiter-Newsletter meines Arbeitgebers ‚FLOW’ genannt. Dass es sich dabei aber tatsächlich um einen psychologischen Begriff handelt und nicht nur um ein Kunstwort, habe ich erst im Studium im Zusammenhang mit der Motivationspsychologie erfahren.

Im nachfolgenden Artikel möchte ich zunächst auf die Bedeutung von ‚Flow’ eingehen, um schließlich abzuleiten, welche Bedingungen vorherrschen müssen, um diesen Zustand erleben zu können.
Bedeutung und Definition

‚Flow’ ist ein englischer Begriff und bedeutet so viel wie ‚fließen, strömen, rinnen’[1]. Mihalyi Csikszentmihalyi,

Abbildung 1: Fließende Bewegungen
Abbildung 1: Fließende Bewegungen

der Begründer der Flow-Theorie, definierte ‚Flow’ 1975 wie folgt:

„You are so involved in what you´re doing you aren´t thinkig about yourself as separate from the immediate activity. You´re no longer a participant observer, only a participant. You´re moving in harmony with something else you´re part of“[2]. Der Begriff, den Csikszentmihalyi für sein Phänomen verwendet, ergibt sich also aus dem Erleben, dass Tätigkeiten störungsfrei ‚im Fluss’, also fließend, zu sein scheinen. Csikszentmihalyi postuliert, dass Menschen jeden Alters und jeder Begabung letztlich ein Tun suchen mit bestimmten Qualitäten in der Handlung – der Qualität des ‚Fließens’. Manche Menschen erleben ‚Flow’ in der Bewegung, manche bei geistigen Handlungen wie beispielsweise dem Schachspielen oder beim Schreiben eines Musikstückes oder bei Tätigkeiten, die beides verbinden wie beim Handwerk oder der Arbeit eines Chirurgen.[3]

 

Es gibt vier Hauptmerkmale, die das ‚Flow-Erleben’ ausmachen:[4]

  1. Das tiefe Involviertsein in einer Handlung. In diesem Moment zählt nichts anderes als die Ausführung der glatt laufenden Handlung (z. B. bei einem Tänzer, der die Tanzschritte ausführt, als wären seine Füße auf Schienen verankert).
  2. Das Bewusstsein und die Handlung verschmelzen. Die Konzentration ist vollkommen auf die Tätigkeit gerichtet. Alle anderen Kognitionen, die nichts mit der Handlung zu tun haben, werden ausgeblendet (z. B. bei einem Felsenkletterer, der so mit dem Berg verschmolzen ist, dass der Gedanke ans Abstürzen oder schmerzende Hände gar nicht beachtet werden).
  3. Es herrscht ein Gefühl starker Kontrolle. Die Ausführung der Handlung lässt keinen Zweifel an Kompetenzen, was nicht immer der Realität entspricht, da Erfolg wie Versagen als Ergebnis möglich wären (z. B. fühlt sich der Kletterer optimal beansprucht und hat trotz extrem hoher Anforderungen das sichere Gefühl, das Geschehen sehr gut unter Kontrolle zu haben).
  4. Die Zeit wird verzerrt wahrgenommen. Die Zeit wird vergessen, Stunden vergehen wie Minuten, die Dauer der Handlung wird nicht wahrgenommen (z. B. bei einem Computerspieler, der bis tief in die Nacht vor der Spielekonsole verbringt).

 

Bedingungen für das Flow-Erleben

Wir haben nun erfahren, was ‚Flow’ ist und wie sich das ‚Flow-Erleben’ anfühlt. Aber welche Bedingungen müssen vorherrschen, damit es überhaupt zum ‚Flow-Erleben’ kommt? Csikszentmihalyi nennt drei zentrale Bedingungen, die gegeben sein müssen:[5]

  1. Passung von Anforderungen und Fähigkeiten. Dies ist dann der Fall, wenn die Anforderungen einer Aufgabe den eigenen Fähigkeiten entspricht (z. B. eine mittelschwere Partie Schach für einen mittelmäßigen Schachspieler). Sind die Anforderungen der Aufgabe höher als die eigenen Fähigkeiten, resultiert daraus Angst. Im umgekehrten Fall, wenn die Fähigkeiten höher sind als die Anforderungen der Aufgabe, stellt sich Langeweile ein. Es muss also eine Balance zwischen Anforderung und Fähigkeit herrschen.
  1. Vorliegen einer klaren Zielsetzung. Die Handlung wird durch die Zielsetzung strukturiert und daran ausgerichtet. Der Kletterer beispielsweise braucht einen Zielgipfel, den er erklimmen möchte, um sich im Flow-Zustand dorthin zu bewegen.
  1. Unmittelbares Feedback. Die Handlung muss ein möglichst sofortiges Feedback zurückspielen. Läuft eine Bewegung des Bergkletterers nicht ganz rund, so dass er nicht in den Fluss kommt, so kann dieses Feedback die Ausführung der Handlung korrigieren und ihn wieder auf die Zielgerade bringen.

Neben den drei genannten Hauptbedingungen gibt es weitere flow-begünstigende Situationsmerkmale wie beispielsweise das Arbeiten an neuen, herausfordernden oder außergewöhnlichen Aufgaben. Aber es gibt auch flow-hemmende Faktoren, wie Störungen von außen oder schlechte Arbeitsatmosphäre und Zeitdruck.[6]

Das wichtigste Element, um eine optimale Erfahrung machen zu können ist, dass sie um der Sache selbst willen geschieht.[7] Der

Abbildung 2: Kletterer im Flow
Abbildung 2: Kletterer im Flow

Kletterer wird behaupten, dass er viel Zeit und Geld verschwende

mit seiner Passion, es ihm die Sacher aber wert ist, denn nichts

würde dem Gefühl gleichkommen, wenn er am Felsen hängt.

 

Wer kann ‚Flow’ erleben?

Grundsätzlich ist jeder Mensch in der Lage, Flow zu erleben. Csikszentmihalyi beschreibt jedoch mit der ‚autotelischen Persönlichkeit’ eine Persönlichkeitsdisposition, die gekennzeichnet ist durch das selbstbestimmte Setzen realistischer Ziele, das Betrachten von Schwierigkeiten als Herausforderung, die ständige Verbesserung der eigenen Fähigkeiten durch Lernen und das Vorhandensein einer reduzierten Selbstaufmerksamkeit (die Konzentration auf die Handlung zentrieren und nicht auf sich selbst). Dieser Mix aus Persönlichkeitseigenschaften und Fähigkeiten von autotelischen Personen begünstigt das Erleben von Flow im Gegensatz zu Personen, mit geringerer Ausprägung dieser Merkmale.[8]

‚Flow’ wird als optimaler Erlebenszustand bezeichnet, da dieser mit völliger Sorglosigkeit, einem hohen Selbstwertgefühl, positiven Emotionen und einer hohen Lebenszufriedenheit einhergeht. Zudem werden Kreativität und die Entwicklung von Innovationen dadurch begünstigt. Allerdings könnten die Gefühle, die beim Flow-Erleben ausgelöst werden auch zu Internet- und Sportsucht bzw. Risikoverhalten im Sport führen. Aktuelle Forschungen beschäftigen sich mit diesen negativen Folgen.[9]

Nichtsdestotrotz sollten wir im Alltag lernen Aufmerksamkeit, Zeit und Gewohnheiten mit unserer Vision für unser eigenes Selbst in Einklang zu bringen, um damit immer häufiger ein Flow-Erlebnis auszulösen, das uns letztlich glücklich macht.

Literatur, Internetquellen, Bildquellen

Literatur

Brandstätter, V./Schüler, J./Puca, R. M./Lozo, L.: Motivation und Emotion. 2013. Berlin Heidelberg

Csikszentmihalyi, M.: Beyond boredom and anxiety. 1975. San Francisco

Csikszentmihalyi, M.: Das flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile: im Tun aufgehen. 11. Auflage. 2010. Stuttgart

Csikszentmihalyi, M.: Das Geheimnis des Glücks. 15. Auflage. 2010. Stuttgart

 

Internetquellen

Leo GmbH (LEO Dictioniary): Suchbegriff ‚flow’

URL: https://dict.leo.org/ende/index_en.html#/search=flow&searchLoc=0&resultOrder=basic&multiwordShowSingle=on&pos=0 (30.07.2016)

 

Bildquellen

Abbildung 1: Fließende Bewegungen

URL/Link: https://pixabay.com/de/hintergrund-linien-textur-muster-918211/ (30.07.2016)

Lizenz: CC0

 

Abbildung 2: Kletterer im Flow

URL/Link: https://pixabay.com/de/berge-fels-felswand-kletterer-858658/ (30.07.2016)

Lizenz: CC0

 

[1] Vgl. LEO Dictionary, http://www.leo.org (30.07.2016)

[2] Brandstätter, V./Schüler, J./Puca, R.M./Lozo, L.: 2013, S. 97, zitiert nach: Csikszentmihalyi, M.: 1975, S. 86.

[3] Vgl. Csikszentmihalyi, M.: 2010, S. 8.

[4] Vgl. Brandstätter, V./Schüler, J./Puca, R.M./Lozo, L.: 2013, S. 97.

[5] Vgl. Brandstätter, V./Schüler, J./Puca, R.M./Lozo, L.: 2013, S. 97f.

[6] Vgl. Brandstätter, V./Schüler, J./Puca, R.M./Lozo, L.: 2013, S. 98.

[7] Vgl. Csikszentmihalyi, M.: 2010, S. 97.

[8] Vgl. Brandstätter, V./Schüler, J./Puca, R.M./Lozo, L.: 2013, S. 98.

[9] Vgl. Brandstätter, V./Schüler, J./Puca, R.M./Lozo, L.: 2013, S. 99.