Faszination Mikrobiom: Wie Darm- und Gehirngesundheit zusammenhängen

Das so genannte Mikrobiom, das die Gesamtheit aller Mikroorganismen umfasst, beschäftigt in den letzten Jahren verstärkt die Wissenschaft. Insbesondere die Annahme, dass zwischen dem Magen-Darm-Trakt und der menschlichen Gehirnfunktion ein Zusammenhang besteht, ist ist von besonderem erkenntnistheoretischem Interesse im Hinblick die Entwicklung therapeutischer Ansätze.[1] Grundannahme dabei ist, dass die so genannte „Darm-Hirn-Achse“, die bidirektionale Kommunikation zwischen Gehirn und Darm, an einer Reihe von psychiatrischen oder neurimmunologischen Störungen beteiligt ist.[2]

Dennoch sind bisher viele Frage ungeklärt. Insbesondere ob Darmerkrankungen als Risikofaktoren für die Entwicklungen neurologischer Erkrankungen anzusehen sind, mit diesen lediglich korrelieren oder als Folgeerscheinung zu betrachten sind.  Dieser Beitrag soll etwas Licht in den derzeitigen Stand der Forschung bringen und mögliche Nutzen für den Leser herausfiltern. Vorab werden die dafür notwendigen Begriffe einer genaueren Betrachtung unterzogen.

Mikrobiota – Mikrobiom

Der Mensch lebt als Gesamtlebewesen mit 100 Billionen Bakterien, Viren, Pilzen und Protozoen (= Parasiten) zusammen. Diese bilden die so genannten Mikrobiota. Gemeinsam mit Erbinformation und Stoffwechsel gestalten sie das so genannte Mikrobiom. Tatsächlich wird das Mikrobiom als Organ angesehen, das sich erst nach der Geburt entwickelt.[3] Mit 2 % des Körpergewichts wiegt es ungefähr soviel wie das Gehirn[4] und verfügt über eine eigene Morphologie, Pathologie, Physiologie und Pathophysiologie. Das Mikrobiom ist vererbbar und kommuniziert im Zellverband nach innen und außen, es lässt sich sogar transplantieren. Während der ersten zwei Lebensjahre entwickelt sich das weitgehend stabile Mikrobiom unter gleichzeitig einsetzenden Einflüssen der Umwelt wie Lebensraum, Hygiene, Impfungen, Ernährung und Antibiotikaexposition.[5]

Erforscht ist mittlerweile eine nachhaltige und tiefgreifende Verzahnung des Mikrobioms mit dem menschlichen Immunsystem: wichtige Immunfunktionen entwickeln sich tatsächlich erst unter dem Einfluss von Mikrobiota.

Eubiose – Dysbiose

Als unbestritten wissenschaftlicher Nachweis für eine gesunde Darmflora gilt das Vorhandensein einer großen bakteriellen Diversität, die als Eubiose bezeichnet wird. Bei der Dysbiose hingegen ist bei einer Vielzahl von Erkrankungen wie Adipositas, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen und Clostridium-difficile-assoziierter Diarrhoe eine verminderte Vielfalt bzw. das Überwiegen einzelner Bakterienspezies nachweisbar. Durchschlagenden therapeutischen Erfolg konnte in diesem Kontext die so genannte Fäkaltransplantation erzielen, die bei wiederkehrenden Infektionen mit Clostridium difficile eingesetzt wird: über die Transplantation eubioter Mikrobiota können auf diese Weise 90% der Fälle erfolgreich therapiert werden. Die Wirksamkeit dieser Therapie ist jener der Antibiotikagabe klar überlegen.[6]

Dysbiose bei psychiatrischen Erkrankungen

Da Magen-Darmbeschwerden wie Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall und Verstopfung nachgewiesenermaßen häufig bei psychiatrischen und neurologischen Störungen auftreten, rückt die Darm-Hirn-Achse jüngst wieder verstärkt in das Forschungsinteresse. Eine Dysbiose der Darmflora ist bei Erkrankungen wie Autismus, Depression, Schizophrenie, Angst, multipler Sklerose und Parkinson medizinisch feststellbar:[7]

  • Autistische Kinder leiden 3 bis 4mal häufiger unter Magen-Darm-Problemen als gesunde Kinder. Forscher berichteten 2017 in diesem Kontext über eine positive Wirkung bei betroffenen nach der Transplantationstherapie von Mikrobiota.
  • Stimmungsstörungen wie Depressionen korrelieren mit signifikanten Veränderungen der Darmflora: In Studien wurde insbesondere ein Rückgang so genannter Bifidobakterien und Laktobazillen nachgewiesen. Berichten zufolge verbesserte sich der Zustand Depressiver durch die Gabe von Probiotika nach acht Wochen signifikant.
  • Angst: Ein australisches Forschungsteam hat sich über Jahre mit der Darmflora angstbesetzter Menschen befasst. Probiotika können auch hier möglicherweise angstmildernd wirken, wobei eingeräumt werden muss, dass die meisten Beweise aus Versuchen mit Mäusen stammen.
  • Nicht zuletzt sind Darmfehlbesiedelungen auch bei Parkinson, multipler Sklerose und Schizophrenie bestätigt, wobei bei letzterer eine Teilmenge von Fällen in Verbindung mit mütterlicher Infektion durch Toxoplasmose gebracht wird, ausgelöst durch den protozoischen Toxoplasma gondii.
  • In Bezug auf Demenz konnte bereits 1945 ein dänisches Forscherteam den Rückgang der Konzentration von Bifidobakterien bei gleichzeitig hohem Niveau an pathogenen Clostridia-Bakterien nachweisen. Dieser Zusammenhang von Dysbiose konnte in jüngste Studien mit Alzheimer-Erkrankten belegt werden.

Interessant in diesem Kontext ist die Tatsache, dass Stress die positive Schutzwirkung einer gesunden Darmflora im Hinblick auf genannte Erkrankungen nachweislich senken kann.[8]

Ausblick

Tatsächlich erfolgten Untersuchungen über die Verbindung neuropsychiatrischer Störungen und der Darmgesundheit bisher größtenteils über Tierversuche und die diesbezügliche Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Dennoch wecken erste positive Ergebnisse bei Humanstudien Hoffnung auf wirksame Therapieansätze für die Zukunft. Gesundheit setzt im Darm an.[9] Diesbezüglich können probiotische Mittel ihren Beitrag leisten, indem sie beispielsweise für ein verbessertes Stimmungsniveau sorgen, die Abwehr des Darms verbessern, aber auch stressberuhigend wirken.[10] Als großer Vorteil erweist sich auch der Fakt, dass von Probiotika kaum Nebenwirkungen zu erwarten sind. Dennoch muss der Tatsache ins Auge gesehen werden, dass Joghurt und entsprechende Produkte mit Milchsäurebakterien keine ausgewachsene Depression vertreiben[11] und keine Therapie mit Antidepressiva ersetzt. Die Medizin empfiehlt u.a. einen psychosomatischen Ansatz, also die Einnahme von Probiotika in Kombination mit Psychotherapie.[12]

Ungeachtet dessen beeinflusst der Mensch über den Hebel „Ernährung“ die eigene Gesundheit wesentlich: Ungesunde Ernährung stört die Darmflora und lässt genetisch vorbelastete Menschen erkranken. Umgekehrt kann gesunde Kost die Symptome verringern.

Wider dem Zeitgeist und dem modernen Angebot sollte also auf Fertiggerichte und zu viele ungesättigte Fettsäuren, die Entzündungen hervorrufen, verzichtet werden. Frischkost, Essen in Maßen und Bewegung hingegen sind Schlüssel für einen gesunden Darm.

So komplex die Hirn-Darm-Achse auch funktioniert und bei weitem nicht ausreichend erforscht ist, so einfach kann letztendlich doch der eigene Beitrag für Gesundheit ausfallen!


[1] Vgl. Piguet, P. (2019), S. 5

[2] Ebenda, S. 3; Kahlert, C. / Müller, P (2014), S. 343; Stiefelhagen, P. (2018)

[3] Vgl. Kahlert, C. / Müller, P (2014), S. 342

[4] Vgl. Piguet, P. (2019), S. 5

[5] Vgl. Kahlert, C. / Müller, P (2014), S. 342

[6] Vgl. Kahlert, C. / Müller, P (2014), S. 343

[7] Vgl. Piguet, P. (2019), S. 28-32; Bercht, A. (2018), S. 26-30; Stiefelhagen, P. (2018), S. 31

[8] Vgl. Piguet, P. (2019), S. 31

[9] Vgl. Bercht, A. (2018), S. 30

[10] Vgl. Gelitz, C. (2018), S. 31

[11] Ebenda

[12] Vgl. Ancochea, P. (2019)      

Quellenangaben

Bercht, A. (2018): Eine psychische Störung beginnt im Darm. In: Spektrum Psychologie. Darm & Psyche. S. 26-30

Gelitz, C. (2018): Milchsäurebakterien lindern Depressionen. In: Spektrum Psychologie. Darm & Psyche. S. 31

Graf Ancochea, P. (2019): Wie Depression und Darmflora zusammenhängen – science.ORF.at. 26.02.2019. http://science.orf.at/v2/stories/2966639/. Abgerufen am 19.10.2021

Kahlert, C. / Müller, P. (2014): Mikrobiom – die Entdeckung eines Organs. In: Schweiz Med Forum. 14 (16-17). S. 342 – 344

Stiefelhagen, P. (2018): Wenn Dysbiosen das Gehirn beeinträchtigen. In: Geriatrie Report; 13 (3)

Piguet, P. (2019): Die Darm-Gehirn-Achse. Aktuelle Erkenntisse. Broschüre der Neurex Neuroscience Upperrhine Network. Nr. 2.

Valles-Collomer, M. / Falony, G. / Darzi Y. u.a. (2019): The neuroactive potential of the human gut microbiota in quality of life and depression. Nature Microbiology. https://doi.org/10.1038/s41564-018-0337-x

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