Empowerment – Aus eigener Kraft zu einem selbstbestimmten, neuen Leben

Wenn Menschen dazu gezwungen sind ihre Heimat zu verlassen, weil sie dort wegen ihrer Rasse, Religion, politischer Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe verfolgt werden, gewährt ihnen die Genfer Konvention das Recht auf Sicherheit in einem anderen Land.[1] Deshalb können sie Zuflucht in anderen Ländern suchen, wo sie zunächst untergebracht und mit dem Notwendigsten versorgt werden. Da eine Rückkehr in ihr Land nicht möglich ist, sollen integrative Maßnahmen den Flüchtlingen in ihrer Wahlheimat ein neues Leben ermöglichen. Zwar gibt es Unterstützungsangebote der Behörden und Integrationsprogramme aber auch Hürden und Schwierigkeiten, die eine Eingliederung erschweren und die Flüchtlinge vor große Probleme stellen. Empowermentprozesse könnten hier neue Wege öffnen, um mehr Selbstbestimmung zu erlangen und das Gefühl der Abhängigkeit zu verringern. Was aber ist damit gemeint?

Empowerment – Eine Definition

In der Ottawa-Charta der WHO wurde 1986 zum aktiven Handeln aufgerufen, um das Ziel „Gesundheit für alle“ umzusetzen. Die vorgeschlagenen Maßnahmen sollen darauf abzielen, dass allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung ermöglicht wird und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.[2] Dazu heißt es: „Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl Einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. sie verändern können.“[3] Der Begriff Empowerment beschreibt Prozesse, die sich förderlich auf dieses Ziel auswirken. Um Menschen zu befähigen, ihre soziale Lebenswelt und ihr Leben selbst mitzugestalten, sollen persönliche und soziale Ressourcen und Stärken entwickelt und gefördert werden,[4] damit sie sich aus eigener Kraft aus einer Position von Fremdbestimmung, Ohnmacht oder Abhängigkeit befreien können und aktiv für sich und auch andere mehr Selbstbestimmung, Autonomie und Lebensregie erlangen.[5] Wie aber kann dieses Ziel bei Menschen erreicht werden, die nicht nur alles verloren haben, sondern auch mit den Gesetzen, der Kultur und Sprache ihres Gastlandes nicht vertraut sind?

Politisches Empowerment

Bei Empowerment im politischen Kontext verbinden sich Menschen zu Akteursgruppen oder sozialen Bewegungen, um ungelöste Problemlagen zu politisieren und den Betroffenen eine kollektive politische Stimme zu geben. Als kritische Gegenmacht mobilisieren sie Widerstand gegen Verletzungen von Bürgerrechten, Privilegierung oder Diskriminierung und können neue Horizonte der Selbstvertretung öffnen.[6]

Ein Beispiel dafür ist die Brandenburger Flüchtlingsinitiative, bei der sich Menschen aus Flüchtlingsheimen selbst organisieren und politische Forderungen entwickeln. Durch Demonstrationen, Aktionen oder Interviews machen sie die Öffentlichkeit für ihre Belange aufmerksam wie z.B. die Abschaffung der Residenz-pflicht, welche die Bewegungsfreiheit der Flüchtlinge stark einschränkte und dann auch 2015 gelockert wurde.[7]

Empowerment auf der Ebene der Organisation

Eine Mitbegründerin dieser Organisation ist Elisabeth Ngari, die sich ganz besonders für die Rechte geflüchteter Frauen einsetzt. Ihre Initiative „Women in Exile“ bietet Workshops für Frauen an, um im gemeinsamen Austausch Wege aufzuzeigen, wie alltägliche Probleme in Form von Sprachbarrieren oder Diskriminierung gelöst werden können.[8]

Es gibt eine Vielzahl von weiteren Initiativen, die ganz speziell die Belange von weiblichen Geflüchteten im Fokus haben, da diese oft nicht nur in ihren Herkunftsländern und während der Flucht, sondern auch hier in Deutschland Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind. Auf der Webseite „fluechtlingshelfer.info“ beispielsweise findet sich nicht nur für Frauen Infomaterial in verschiedenen Sprachen, die über die bestehenden Rechte aufklären und auf Organisationen verweisen, die Empowerment-Konzepte anbieten.[9]

Regionale Initiativen wie z.B. der „Migrantinnentreff GÜLISTAN, Frauen lernen gemeinsam e. V. (Bonn)“ wollen das Potential der oft schwer traumatisierten Frauen durch Beratung, Austausch oder Aktivitäten stärken, um eine Normalisierung des Alltags zu erreichen. Ziel ist auch die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Situation der Geflüchteten sowie die Förderung der interkulturellen Öffnung, in dem die Betroffenen selbst zu Wort kommen können.[10]

Empowerment aus psychologischer Sicht

Das Ergebnis von Empowerment-Erfahrungen kann aus psychologischer Sicht Veränderungen der individuellen Widerstandsfähigkeit bewirken.

In Bezug auf selbstbezogene Kognitionen können Selbstvertrauen und Selbstakzeptanz positiv beeinflusst und die internale Überzeugung gestärkt werden, durch eigene Kraft und innere Fähigkeiten die eigenen Lebensumstände verändern zu können.

Die kompetenzbezogenen Überzeugungen können gefördert werden.Das betrifft den Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit, die Überzeugung in das eigene Vermögen die Umwelt verändern und gestalten zu können sowie die gefestigte Erfahrung eigener Kompetenz und Vertrauen auf verfügbare Ressourcen, Problemlösungsfähigkeiten und dadurch ein geringeres Erleben von Hilflosigkeit und Ohnmacht.

Die Handlungsmotivation kann positiv beeinflusst werden. Der Wunsch nach Kontrolle der Umwelt und die Selbstverpflichtung zu aktiven prosozialen Verhaltensweisen können die Bereitschaft erhöhen, sich auch für öffentliche Anliegen und Aufgaben einzusetzen.[11]

Fazit

Empowerment scheint nicht nur in Bezug auf Integration von Flüchtlingen ein wichtiges Thema zu sein, denn selbst gut gemeinte Hilfsangebote können Menschen in eine passive Opferrolle drängen, die weitere Abhängigkeiten schaffen und damit eine Teilhabe erschweren.[12] Ziel muss es sein ressourcenorientierte Strategien zu entwickeln, die Räume und Möglichkeiten für Prozesse schafft, die Menschen nachhaltig stärken, damit sie mit Situationen von Benachteiligung oder Ausgrenzung umgehen können, indem sie sich ihrer individuellen und auch kollektiven Ressourcen bewusst werden und diese nutzen.

[1] Vgl. Gatrell (2016).

[2] Vgl. WHO (1986), S. 1.

[3] WHO (1986), S. 1.

[4] Vgl. Brandes/Stark (2016).

[5] Vgl. Herriger (2020), S. 16.

[6] Vgl. Herriger (2020), S. 23.

[7] Vgl. Ngari (2014).

[8] Vgl. Women in Exile & Friends.

[9] Vgl. Flüchtlingshelfer.Info (2017).

[10] Vgl. Migrantinnentreff GÜLISTAN, Frauen lernen gemeinsam e. V. (2016), S. 13.

[11] Vgl. Herriger (2020), S. 229.

[12] Vgl. Thiel (2016), S. 10.


Literatur

Brandes, S./Stark, W. (2016), Empowerment/Befähigung; BZgA Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Flüchtlingshelfer.Info (2017), Empowerment geflüchteter Frauen – Informationen und Anregungen, in: https://​fluechtlingshelfer.info​/​fuer-fluechtlinge/​detail-fluechtlinge/​empowerment-gefluechteter-frauen-informationen-und-anregungen, abgerufen am 26. 3. 2022.

Gatrell, P. (2016), 65 Jahre Genfer Flüchtlingskonvention, in: https://​www.bpb.de​/​shop/​zeitschriften/​apuz/​229819/​65-jahre-genfer-fluechtlingskonvention/​, abgerufen am 26. 3. 2022.

Herriger, N. (2020), Empowerment in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung, 6. Aufl., Stuttgart.

Migrantinnentreff GÜLISTAN, Frauen lernen gemeinsam e. V. (2016), Steckbrief Migrantinnentreff GÜLISTAN, Frauen lernen gemeinsam e. V. (Bonn). In: Der Paritätische Gesamtverband (Hrsg.), Perspektivwechsel Empowerment. Ein Blick auf Realitäten und Strukturen in der Arbeit mit geflüchteten Frauen, S. 12-15.

Ngari, E. (2014), Interview mit Elisabeth Ngari (2014): Unsere Probleme lassen sich nur politisch lösen., in: http://​www.freiwilligen-magazin.info​/​women-in-exile/​, abgerufen am 26. 3. 2022.

Thiel, S. (2016), Frauen und Flucht. Über strukturelle (Un)Sichtbarkeiten und Alltagsrealitäten in Deutschland. In: Der Paritätische Gesamtverband (Hrsg.), Perspektivwechsel Empowerment. Ein Blick auf Realitäten und Strukturen in der Arbeit mit geflüchteten Frauen, S. 6-10.

WHO (1986), Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, in: www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0006/129534/Ottawa_Charter_G.pdf., abgerufen am 31. 1. 2022.

Women in Exile & Friends, Empowerment Workshop, in: https://​www.women-in-exile.net​/​empowerment-workshop/​, abgerufen am 26. 3. 2022.

Beitragsbild von kalhh. Zugegriffen am 04.03.2022, https://pixabay.com/de/illustrations/zaun-schild-flüchtinge-willkommen-978138/