Der Umgang mit Trauer und Tod im betrieblichen Umfeld. Was Führungskräfte beachten sollten.

Die Themen, Tod und Trauer sind keine Themen, die ausschließlich ältere Menschen betreffen. Im Jahr 2018 sind 954.872 Menschen verstorben, davon 135.967 im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren.[1] Das ist eine Quote von 14,2% der Verstorbenen, die durch Tod aus einer beruflichen Aktivität ausgeschieden sind. Die Zahl der vom Verlust Betroffenen ist noch viel höher. Stirbt ein Mensch, betrifft das auch nahe Angehörige stark. Teammitglieder und Vorgesetzte wissen oft nicht, wie man mit einer trauernden Person im Umfeld umgehen soll. Sie sind überfragt, wie zu agieren ist, wenn der Verlust eines Teammitglieds zu beklagen ist und das kann zu Problemen im betrieblichen Alltag führen.[2] Dieser Blogbeitrag soll Führungskräfte ermutigen, eine angemessene, aktive Trauerkultur in ihrem Unternehmen zu etablieren.

Trauer in der Theorie

Die moderne Trauerforschung arbeitet mit Aufgabenmodellen, die die Trauer in Wellen verstehen. Das bedeutet, sie ist mal stärker und mal schwächer wahrnehmbar. Die Modelle zeichnen sich dadurch aus, dass sie Trauer nicht mehr als Arbeit, sondern als Aufgaben verstehen. Am Ende der Aufgabenmodelle steht nicht mehr das Loslassen des Verstorbenen, sondern ein Weiterleben mit dem Tod des Verstorbenen. Trauernde haben danach vier verschiedene Aufgaben zu erfüllen.

Die erste Aufgabe besteht darin, die Wirklichkeit des Verlusts zu akzeptieren. Hier spielen gesellschaftliche Rituale, wie z.B. die Beerdigung eine zentrale Rolle um Trauernde mit dem Verlust zu konfrontieren. Die zweite Aufgabe fordert zum Durchleben des Trauerschmerzes und der Vielfalt der Gefühle auf. Es kommt in dieser Phase zu starken Gefühlen wie z.B. Liebe, Sehnsucht, Dankbarkeit, Wut oder Verzweiflung. Aber auch körperliche Reaktionen wie z.B. Herz-, Hals- oder Brustschmerzen sind weit verbreitet. In dieser Aufgabe müssen Trauernde den Schmerz akzeptieren und sich damit auseinandersetzen. Die Herausforderung der dritten Aufgabe besteht darin, dass sich Trauernde an eine veränderte Umwelt anpassen müssen, in der der verstorbene Mensch fehlt. Er bekommt eine neue Rolle zugewiesen. So ist z.B. eine Witwe plötzlich keine Gattin mehr. Weiterhin verliert sie vermutlich auch einen guten Freund, einen Beistand in Alltagsfragen und einen Sexualpartner. Die Person muss in ein neues Leben aufbrechen. Dazu wird in der vierten Aufgabe der verstorbenen Person ein neuer Platz zugewiesen. Der Platz soll so beschaffen sein, dass der trauernden Person ein neues Leben ermöglicht wird, aber auch so, dass eine Verbindung zum verlorenen Menschen bestehen bleiben kann.[3]

Der Vorteil dieser Modelle besteht darin, dass eine aktive Gestaltung des Trauerprozesses durch die Hinterbliebenen möglich ist. Die Aufgaben geben ein grobes Gerüst vor und bieten dadurch eine Orientierung. Sie erwecken nicht den Eindruck, dass sie strikt aufeinander aufbauend abgearbeitet werden müssen. Sie ermöglichen dadurch individuelle Erfahrungen und Strategien im Umgang mit dem Verlust.[4]

Die Bedeutung für den betrieblichen Alltag

Die bisher dargestellte Perspektive ist die individuelle Ebene der Verlustverarbeitung. Die andere Ebene ist die kollektive Ebene der Verlustverarbeitung beruflichen Kontext. Von Führungskräften sind Herausforderungen zu bewältigen, die die Verschiedenheit der Art der Trauer zur Geltung bringen. So unterschiedlich die Menschen sind, die durch ihre verschiedenen Talente und Fähigkeiten ein Team bereichern, so vielfältig sind auch die Stile, mit denen sie der Trauer begegnen. Eine Trauerkultur in guten Zeiten zu etablieren bindet zunächst Raum und Zeit der Organisationsmitglieder. Tritt der Fall des Verlustes aber ein, kann ein Automatismus abgerufen werden, in dem sich alle der Bewältigung der Trauer widmen können. Es muss in dem Fall niemand das Trauerbedürfnis unterdrücken und sich überlegen, wie die Situation aktuell korrekt gehandhabt werden sollte oder wie man mit Trauernden umzugehen hat. Im Fall eines Verlustes liegt dann bereits ein Handlungsleitfaden vor. Finden die Planungen erst statt wenn der Fall eintritt, kann das zu Leistungseinbußen führen. Kann eine Organisation so eine belastende Situation zusammen meistern, stellt das hingegen auch eine neue Ressource für zukünftige Herausforderungen dar.[5] Die Unternehmensleitung sollte vor Eintreten des Notfalls daher ein Konzept erarbeiten, das keinen Unterschied macht, in welcher hierarchischen Stufe der Verlust aufgetreten ist. Zunächst muss eine Bestandsaufnahme erfolgen, die aktuelle Lösungen darstellt und bewusst macht, welche internen und externen unterstützenden Ressourcen vorhanden sind. Eventuell besteht an dieser Stelle Bedarf an Schulung und Ausbildung von Führungskräften und Mitarbeitenden.

Abschließend wird hier als konkrete Hilfe eine Auflistung zur Verfügung gestellt, die wichtige Do‘s und Don’ts für den Umgang mit Trauernden enthält:[6]

  1. Den Tod durch bewusstes Formulieren begreifen. Es sollen konkret direkte Wörter wie „tot“ und „verstorben“ gewählt werden.
  2. Einen Raum für Trauerreaktion ermöglichen. Dabei soll die Reaktion zugelassen aber nicht eingefordert werden.
  3. Den Verlust durch das Wahrnehmen der Gefühle des anderen anerkennen, verzichten auf Schönreden und eigene Gefühle als ich-Botschaft formulieren.
  4. Die Übergänge sollen unterstützt werden, durch das Entgegenbringen von Hilfe. Dabei muss auf die Rückzugtendenz der trauernden Person Rücksicht genommen werden. Bei einer Ablehnung im ersten Versuch soll immer wieder Hilfe angeboten werden.
  5. Ein Erinnern und Erzählen unterstützen. Trauernde verarbeiten damit ihren Verlust. Der Zuhörende kann auf Unterschiede zum letzten Erzählen achten, und diese Unterschiede auch spiegeln.
  6. Das Einschätzen von Risiken und Ressourcen. Hierbei steht die Kenntnis über Bewältigungsressourcen und Risikofaktoren an erster Stelle. Sind sie bekannt, können sie der trauernden Person ins Bewusstsein gerufen werden. Eine besondere Beachtung und Wahrnehmung sollte auf der Gemütsverfassung an Jahrestagen liegen.

Fazit

Das Thema Tod mit den Facetten Sterben, Verlust und Trauer ist für alle Beteiligten eine Herausforderung und oft ein Tabuthema. Die Trauernden in ihrem Schmerz leiden unter dem Verlust von Orientierung und ihre Begleitpersonen sind überfordert im Umgang mit einer komplexen und komplizierten Situation. Das Bedürfnis, ein korrektes Verhalten zu zeigen und die richtigen Worte zu finden, kann beängstigend und entmutigend sein. Aus diesem Grund ist die Etablierung einer Trauerkultur in Unternehmen und Organisationen von enormer Bedeutung. Sie zeigt einen klaren Weg auf, an dem sich alle Beteiligten orientieren können. Sie kann dabei helfen, weiteres Leid zu vermeiden, Akzeptanz zu fördern und die Produktivität in einem Trauerfall zu erhalten.


[1] Vgl. Gbe-bund.de (2020)

[2] Vgl. Au (2018, S. 193)

[3] Vgl. Au (2018, S. 200)

[4] Vgl. Lammer (2014)

[5] Vgl. Au (2018, S. 203-204)

[6] Vgl. Lammer (2014)

Literaturverzeichnis

Au, C. von (Hrsg.). (2018). Führen in der vernetzten virtuellen und realen Welt. Digitalisierung, Selbstorganisation, Organisationsspezifika und Tabuthema Tod (Leadership und Angewandte Psychologie). Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-18688-3

Gbe-bund.de. (2020). Anzahl der Sterbefälle in Deutschland nach Altersgruppen, Statista. Zugriff am 06.02.2021. Verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1013307/umfrage/sterbefaelle-in-deutschland-nach-alter/

Lammer, K. (2014). Hilfen: Wie wird Trauer bewältigt? In Trauer verstehen: Formen, Erklärungen, Hilfen (S. 71–91). Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-642-41667-5_4

Bildquelle: Von carolynabooth auf https://pixabay.com/de/photos/tod-beerdigung-sarg-trauer-2421820 [Zugriff am 24.02.2021]