„Das Gehirn muss schwimmen“ – unterstützt Trinken die Denkleistung?

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Abb. 1

In der Kollegstufe im Gymnasium hat mein Mathelehrer folgenden Satz immer und immer wieder gesagt: „Das Gehirn muss schwimmen!“ Deshalb sollten wir viel trinken, trinken und nochmals trinken, wenn wir erfolgreich durch den Abi-Lernstress gelangen wollten…. Ich habe das verinnerlicht und benutze seitdem Wasser als Gehirntrainer. Aber ist da tatsächlich etwas dran? Kann viel zu trinken die Gehirnleistung fördern? Und falls ja, wie genau funktioniert das?

 

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Abb. 2

Gerade Studenten und Schüler kennen den täglichen Lernstress. Irgendwann fühlt sich der Kopf so voll an, dass man glaubt, er würde platzen. Muss noch ein Begriff, ein Zusammenhang, eine mathematische Formel oder ähnliches mehr hinein? Der Wunsch, leistungsfähig und hochkonzentriert zu bleiben, entsteht gerade in Prüfungsphasen automatisch. Wegen Prüfungsstress (bzw. –angst), Konzentrationsschwierigkeiten und abfallender Leistungen und Ermüdung greifen deshalb Studenten auch mal zu Ritalin. Ritalin wirkt anregend, aufmerksamkeitssteigernd und vertreibt die Müdigkeit. Es hat aber auch zum Teil schwerwiegende Nebenwirkungen, wie zum Beispiel Schlafstörungen, Übelkeit und Halluzinationen. Bei längerem Konsum kann es auch zu einer psychischen Abhängigkeit führen. Kann das, was Ritalin „leistet“, auch durch natürliche Dopingmittel erreicht werden wie Ernährung, Bewegung oder eben Flüssigkeit?

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Abb. 3

Das menschliche Gehirn wiegt zwischen 1,2 und 1,5 kg und ist damit das zweitschwerste solide Organ im menschlichen Körper – nach der Leber. In der Ruhephase verbraucht das Gehirn bis zu einem Viertel der gesamten Stoffwechselenergie. Deshalb ist hier die Blutversorgung besonders ausgeprägt, etwa um Nährstoffe und Sauerstoff über die Blutbahn in den Kopf zu transportieren. Wird die Blutversorgung zum Gehirn unterbrochen, entstehen bereits nach kurzer Zeit schwere Schädigungen. Außerdem besteht das Gehirn zu 80 % aus Wasser und ist damit das wasserreichste Organ – der gesamte menschliche Körper besteht immerhin noch zu ca. 60 % aus Wasser. Die Anatomie lässt folglich bereits erkennen, wie wichtig Wasser für den Menschen ist. Trinken wir viel Wasser, fließt das Blut schneller und beinhaltet zudem mehr Sauerstoff.

Was passiert bei Flüssigkeitsmangel?

Trinken wir zu wenig, sind verschiedene Auswirkungen feststellbar. Dehydration (Flüssigkeitsmangel) lässt sich etwa am Urin feststellen. Dieser nimmt eine dunkle Farbe an und kann auch einen äußerst unangenehmen Geruch entwickeln. Zudem wirkt sich das Trinkverhalten direkt auf das Wohlbefinden aus, denn wenn man zu wenig trinkt, wird man schnell müde, die Gedächtnisleistung lässt nach und die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit sinkt. Außerdem können Kopfschmerzen eine unangenehme Folge von Wassermangel sein. Das bedeutet folglich, dass zu wenig trinken nicht gut für die Gehirnleistung ist. Eine Untersuchung an Jugendlichen, deren Denkleistung bei zunehmendem Wassermangel beobachtet wurde, bestätigt dies. Zwar wurde dabei festgestellt, dass Dehydration die Denkfähigkeit zunächst nicht verschlechtert, die Jugendlichen mussten sich „nur“ mehr anstrengen, um die gleiche Leistung zu erbringen. Allerdings erfolgte mit zunehmendem Wassermangel dann eine deutliche Abnahme der Denkleistung.

Bedeutet das aber auch im Umkehrschluss, dass viel zu trinken unsere Gehirnleistung verbessert? 

Die Antwort lautet Ja UND Nein. Zu viel Trinken ist kein Allheilmittel, denn trinkt man sehr viel auf einmal, muss der Körper auch viel arbeiten. Genug zu trinken dient in erster Linie dazu, die geistige Leistungsfähigkeit auf einem konstanten Niveau zu halten. Oben genannte Untersuchung analysierte zudem die Denkfähigkeit von Jugendlichen, die schnell ein Glas Wasser tranken, ohne Durst zu haben. Hierbei wurde festgestellt, dass sich deren Denkfähigkeit sogar verschlechterte. Währenddessen verbesserte sich die Aufmerksamkeit derer, die nach Durstgefühl tranken.

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Abb. 4

Für das Gehirn unterstützend wirkt das Trinken nur dann, wenn ca. 2-3 Liter kontinuierlich über den Tag verteilt getrunken werden. Die ideale Menge ist zudem abhängig von Gewicht, Bewegung, Jahreszeit bzw. Klima und auch den jeweiligen Ernährungsgewohnheiten. Um die Denkleistung gerade in Phasen hoher geistiger Beanspruchung stabil zu halten, ist es folglich wichtig, ausreichend und gleichmäßig zu trinken. So fördert Trinken die optimale Durchblutung im Gehirn, denn nur wer ausreichend viel trinkt unterstützt auch die Kommunikation der Nervenzellen, die bei Wassermangel auf Dauer sogar absterben können.

Außerdem kommt es auch darauf an was man trinkt. Energydrinks enthalten zum Beispiel meist zu viel Zucker, der wiederum das Diabetes- und Herz- bzw. Kreislauferkrankungsrisiko ansteigen lassen kann. Kaffee wirkt nur kurzfristig „leistungssteigernd“, seine Wirkung lässt nach 20–30 Minuten nach. Reines Wasser hingegen enthält Mineralien und Spurenelemente. Zur Abwechslung zu empfehlen sind außerdem ungesüßte Kräuter- und Früchtetees. Aber auch Fruchtsäfte in Maßen können Sinn machen, wenn sie ohne Zusatz von Zucker sind, denn sie enthalten in der Regel von Natur aus schon sehr viel Fruchtzucker.

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Abb. 5

Ebenso können indirekte Durstlöscher dazu beitragen, den Wasserhaushalt auszugleichen, denn Nahrung enthält ebenfalls Wasser, wie zum Beispiel Obst und Gemüse. Und die Ernährung ist nicht nur wichtig für die Wasserzufuhr, sondern kann auch zur Verbesserung der Gehirnleistung beitragen. Hierbei haben unter anderem allgemein Obst, Gemüse, Nüsse und Vollkornprodukte einen positiven Effekt. Im Speziellen gilt die Wirkung für ungesättigte Fettsäuren und Vitamine. So sind Fettsäuren Bestandteile von Nervenzellen. Vitamin C hilft beispielsweise bei der Bildung des Botenstoffs Dopamin und unterstützt dabei die Gehirnleistung direkt, andere Vitamine schützen vor der Bildung freier Radikaler, die Degenerationsprozesse auslösen. Währenddessen ist die Wirkung von Traubenzucker nur kurzfristig, weil der hohe Blutzuckerspiegel die Bauchspeicheldrüse anregt, Insulin zu produzieren, was wiederum die Einspeicherung von Glukose bewirkt und damit ein schnelles Absinken des Blutzuckerspiegels. Fisch unterstützt wiederum die langfristige geistige Leistungsfähigkeit bis ins Alter. Insgesamt gilt eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf (ca. sieben Stunden), Bewegung und natürlich genügend zu trinken als anregend für die Gehirnleistung.

Vor dem Hintergrund, dass die meisten Menschen tendenziell ohnehin zu wenig trinken, hatte mein Mathelehrer also durchaus Recht. „Richtig“ zu trinken ist wichtig für die Gesundheit und das Gehirn, ich lasse also mein Gehirn weiterhin „schwimmen“…

 

Quellen:

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Abb. 2: https://pixabay.com/de/b%C3%BCcher-stapel-lernen-studium-1015594/

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Abb. 4: https://pixabay.com/de/getr%C3%A4nke-niedlich-di%C3%A4t-trinken-16001/

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