Crash im Luftverkehr – Pandemiebedingte Krise oder langfristiges Grounding?

In meiner Arbeit als Verantwortlicher für die Sozialpartnerschaft zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebenden im Luftverkehr in der Deutschschweiz, sehe ich tagtäglich den immensen Impact der Corona-Krise auf den Luftverkehr. 

Beinahe distopisch war die Situation zu Beginn der Corona-Pandemie. Lauffeuerartig verbreiteten sich die Grenzschliessungen, Schweizer Bürger wurden mit staatlichen Flügen aus dem Ausland zurück in die Schweiz geflogen. Eine Woche hatten sie dafür Zeit, wer den angebotenen Flug nicht in Anspruch nahm, musste damit rechnen, nicht mehr zurück in die Schweiz zu kommen. So fand Ende März die grösste Rückholaktion von Schweizern aus dem Ausland in der Geschichte des Landes statt (Fenazzi, 2020).

Dies war das letzte grosse Aufbäumen des Luftverkehrs für eine lange Zeit. Leere Anzeigetafeln, stehende Flugzeuge und geschlossene Restaurants und Läden sollten nun für Monate das Bild von Flughäfen dominieren. Eine direkte Folge der Pandemie, geschlossene Grenzen.  

Davon betroffen sind insbesondere auch die Mitarbeitenden im Luftverkehr. In der Schweiz sind dies 67`000 an der Zahl. Weitere 130`000 Arbeitsplätze sind indirekt mit dem Luftverkehr verbunden, konkret in der Tourismusindustrie wie 

Hotels oder Restaurants (Häne, 2020). Sie alle sind nun seit einem Jahr in Kurzarbeit, viele wurden bereits entlassen. Die Frage stellt sich, erholt sich der Luftverkehr wieder, oder ändert sich das Reiseverhalten der Menschen durch die Corona-Pandemie langfristig? 

Was des einen Freud, ist des anderen Leid.

In meiner beruflichen Funktion bin ich in regelmässigem Austausch mit PolitikerInnen aus der Schweiz. Dabei geht es oft um die Arbeitsbedingungen im Luftverkehr, finanzielle Hilfen für Unternehmen in der Flugbranche und vermehrt auch zum Thema Klimaschutz. 

Für viele PolitikerInnen erfüllte die Corona-Pandemie zumindest im Bereich des Luftverkehrs einen lang ersehnten Traum. Er wurde durch die Pandemie quasi auf null reduziert. Gerade Personen, welche den Luftverkehr als Übel und Klimakiller betrachten, wünschen sich, dass die Flugzeuge doch direkt am Boden bleiben sollen. So zeigten Gespräche mit PolitikerInnen insbesondere der Grünen und der Sozialdemokraten in der Schweiz, dass viele davon ausgehen, dass der Luftverkehr sich durch die Krise langfristig verändert wird. Sie gehen davon aus, dass sich die Menschen in der Krise verändert haben, sie in Zukunft weniger Fliegen werden. 

Ist dies jedoch nur Wunschdenken von GegnerInnen des Luftverkehrs oder gibt es tatsächlich Anhaltspunkte, die für ein verändertes Konsumverhalten nach der Krise sprechen? Macht die Krise uns tatsächlich zu nachhaltigeren, umweltbewussteren Menschen?

Es wird genug darüber spekuliert. Zeit einen Blick auf vorhandene wissenschaftliche Erkenntnisse diesbezüglich zu werfen. 

Ein Blick in die Marktforschung

Die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften führte im Mai 2020 eine repräsentative Studie durch, indem sie das Reiseverhalten der SchweizerInnen vor, während und nach der Pandemie untersuchten. Grundsätzlich zeigt sich, dass Reisen für die SchweizerInnen von grosser Bedeutung ist. So geben 80% der Befragten an, dass Reisen einen hohen oder sehr hohen Stellenwert für sie besitzt. Die Krise zeigte jedoch starke Auswirkungen auf das Reiseverhalten. So haben über 70% der Personen die Reise storniert oder hatten vor diese in der Krise zu stornieren. Lediglich 25,1 % der Befragten hatten jedoch während der Krise die Absicht, gänzlich auf das Reise zu verzichten. Es zeigt sich jedoch, dass die Krise die langfristige Reiselust der SchweizerInnen nicht beeinflusst. Wichtig ist den Befragten jedoch die Flexibilität, Reisen bei Notwendigkeit stornieren zu können. Es zeigte sich in der Studie jedoch auch, dass insbesondere Personen aus Risikogruppen angaben, dass sie zukünftig eher mit dem Auto vereisen möchten und lieber auf das Flugzeug verzichten werden (ZHAW , 2020). 

Ein weiteres Indiz für das zukünftige Reiseverhalten der SchweizerInnen lieferte das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Marketagent im Januar 2021. In einer repräsentativen Studie befragten sie die SchweizerInnen danach, auf was sie sich nach der Corona-Pandemie am meisten freuen. Am meisten freuen sich die SchweizerInnen der Studie zufolge auf das unbeschwerte Treffen von Freunden und Familie (35%). An zweiter Stelle folgt dann bereits die Vorfreude auf das Reisen (26%). An dritter Stelle freuen sich die SchweizerInnen wieder darauf, kulturelle Angebote nutzen zu können wie Museen, Konzerte und Theater (Marketagent Schweiz, 2021). 

Anders sieht es jedoch bei den Geschäftsreisen aus. Gemäss einer Studie von SAP-Concour, welche weltweit 4850 Geschäftsreisende zu ihrer geplanten Reisetätigkeit nach der Corona-Krise befragte. So wünschen sich 40% der Befragten, dass nach der Krise Geschäftsreisen auf geschäftskritische Reisen beschränkt werden. Elf Prozent der Befragten würde sogar einen Stellenwechsel in Betracht ziehen, wenn sich die Unternehmen nicht dazu bereit erklären würden, die Geschäftsreisen zu minimieren (SAP-Concour, 2020). 

Es scheint so zu sein, dass sich insbesondere bei den Geschäftsreisen zukünftig eine Veränderung abzeichnen wird. Unklar ist jedoch, was schlussendlich wirklich geschehen wird. Bereits in der Finanzkrise 2008 wurde angekündigt, dass sich die Geschäftsreisen nun grundlegend verändern werden. Nach einem Einbruch der Geschäftsreisen für drei Jahre stiegen diese jedoch im Jahre 2011 bereits wieder stark an und erreichten bereits wieder höhere Zahlen als vor der Finanzkrise (First Business Travel, 2020).

Wer also dem Klima helfen möchte, sollte sich nicht auf eine Veränderung des Konsumentenverhaltens durch die Corona-Krise verlassen. Viel wichtiger wäre es nun von politischer Seite endlich Massnahmen zu ergreifen, damit massiv in erneuerbare Technologien auch im Luftverkehr investiert wird. So könnten Klimaschutz und Konsumentenbedürfnisse miteinander verbunden werden. 

Quellen:

Fenazzi, S. (09. April 2020). Swissinfo.ch. Abgerufen am 03 2021 von https://www.swissinfo.ch/ger/-flyinghome-switzerland-in-der-corona-krise_groesste-rueckholaktion-in-der-schweizer-geschichte/45679816

First Business Travel. (2020). Die Zukunft der Geschäftsreise . Berlin: First Business Travel.

Häne, S. (4. April 2020). tagesanzeiger.ch. Abgerufen am 03 2021 von https://www.tagesanzeiger.ch/streit-um-die-bedeutung-der-luftfahrt-576246611342

Marketagent Schweiz. (2021). Corona Studie. Zürich: Marketagent Schweiz .

SAP-Concour. (2020). Business Travel Report 2020. Washington: SAP-Concour.

ZHAW . (2020). Corona und Reiseverhalten – Ergebnisse einer Studie zur Untersuchung der Konsumentenpräferenzen .Zürich: Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften.

Bild, Pixabay https://pixabay.com/de/photos/flughafen-verkehr-frau-mädchen-2373727/