Böswilliges Kind oder Trauma?

Reizbarkeit, Aggressivität und Konzentrationsschwierigkeiten sind Verhaltensweisen, welche Kinder mit Trauma aufzeigen können.[1] Diese Kinder befinden sich auch im Klassenzimmer, was nicht immer auf Zustimmung der Eltern trifft. In einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung stimmten lediglich 52 Prozent der Eltern einem gemeinsamen Lernen für Kinder mit traumatischen Erfahrungen im inklusiven Unterricht zu. Auch gegenüber Verhaltensauffälligkeiten, welche traumatisierte Kinder häufig zeigen, befürworteten dies nur 37 Prozent der Eltern. Körperliche Beeinträchtigungen bei Kindern werden hingegen mit 94 Prozent befürwortet.[2] Doch weshalb verhalten sich traumatisierte Kinder häufig auffällig? Sind dies tatsächlich gewollte Verhaltensmuster eines Kindes, welche für Unruhe seitens Eltern sorgen oder spricht hier lediglich das Trauma?  Und welcher Umgang ist effektiv? 

Traumatische Erlebnisse

Erlebnisse wie ein Unfall, Suizid eines Familienmitglieds oder eine Flucht aus einem Land, in dem Bombenhagel und Tötungen von Familienmitgliedern zum Alltag gehören. Erlebnisse von Überfällen, sexualisierter Gewalt und schwere Vernachlässigung in der Herkunftsfamilie.[3] Ein Umzug und Mobbingerfahrungen in der Schule oder die Trennung der Eltern. All das sind Erfahrungen, die traumatisierte Kinder sammeln mussten. Das sind Notsituationen, bei denen sich das Kind nicht sicher fühlt bzw. die eigene Existenz bedroht wird. Ein traumatisches Erlebnis verändert ein Leben nachhaltig und negativ. Es ist ein Einschnitt in das bisherige Leben, bei dem Bewältigungsmechanismen nicht mehr ausreichen.[4]

Wie äußert sich das? 

Ein Trauma ist bei Kindern nicht immer offensichtlich, da jedes Kind unterschiedlich mit traumatischen Erlebnissen umgeht.[5] Dennoch befindet sich um ein Kind herum ein System, welche Auffälligkeiten beobachten können. Bei traumatisierten Kindern besteht dies unter anderem aus den leiblichen Eltern, Adoptiv-/Plfegeeltern, Lehrkräften oder Erziehern.[6]

Verhaltensauffälligkeiten bei traumatisierten Kindern.
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Klappstein, K.; Kortewille, R.: 2020, S.19

Das steckt hinter einem Trauma

Traumaassoziierte Symptome sind normale Reaktionen auf unnormale Ereignisse. Ein Trauma ist ein Ereignis, welches in einem Menschen Überwältigung, Schutzlosigkeit und Ohnmacht erzeugt. Frühkindliche Vernachlässigung und Gewalt sind stets mit dem Erleben von Todesangst verknüpft. Die Folgen sind Veränderungen der Wahrnehmung von sich selbst, den anderen Menschen und der Welt als Ganzes. Trauma ist eine subjektive Wahrnehmung und orientiert sich daher am Erleben des Betroffenen. Eine Traumatisierung hängt in erster Linie von der Situationsverarbeitung ab. Hierbei greifen Vorerfahrungen. Trauma kann daher nicht als Ereignis erfasst werden, sondern als Erlebnisse, die durch ungünstig verlaufende Informationsverarbeitungsprozesse gefestigt wurden.[7] Traumatische Ereignisse aus der Kindheit erhöhen das Erkrankungsrisiko für psychische und somatische Störungen über die ganze Lebenszeit hinweg. Womöglich werden diese neurobiologischen Spuren sogar weitervererbt.[8]

Trauma bei Kindern

Kinder brauchen zum Überleben und zur Entwicklung Bindungen an versorgende Erwachsene. Sie halten daher an bestehenden Bindungsangeboten fest, auch wenn diese schmerzhaft und vernichtend sind. Bindungs- und Entwicklungstraumatisierung werden im Gehirn fragmentiert. Wir können uns das Ganze wie Geldmünzen vorstellen. Kleine Geldmünzen, die sich lose in einem Rucksack eines Reisenden befinden. Diese Einzelteile stellen Bewältigungsstrategien für psychische Herausforderungen dar. Sie entwickeln sich im Selbst der heranwachsenden Persönlichkeit zu traumaassoziierten Anteilen, welche nebeneinander existieren, aber sich dennoch scheinbar widersprechen. Die Bewältigungsstrategien bewährten sich innerhalb der Umstände zum Zeitpunkt der traumatischen Erfahrung, doch nicht mehr innerhalb neuer Umstände. Die Geldmünzen des Reisenden sind daher unterschiedliche Währungen wie z.B. Lira, Pence und Pennys, welche in den jeweiligen Ländern als Zahlungsmittel funktionieren. Sinnvoll wäre es nun, immer die landestypische Währung im Rucksack aufzufinden. Doch nehmen wir an der Reisende befindet sich in Deutschland und vergisst, dass im Rucksack noch andere Geldmünzen vorhanden sind. Der Reisende wundert sich, weshalb andere Zahlungsmittel greifbar sind. Traumassoziierte Anteile können durch Trigger und scheinbar ohne Vorwarnung aktiviert werden. Kinder können sich daher selbst nicht erklären, weshalb und wie das Verhaltensrepertoire mit unterschiedlichen Anteilen aufgebaut wurde. Deshalb brauchen Kinder Erklärungen von Erwachsenen und eine feinfühlige und begrenzte Begleitung, die dem Kind dazu verhelfen, Selbstanteile nachvollziehen und einordnen zu können.[9]

Nun folgt ein Fallbeispiel, welche den Widerspruch von Verhalten bzw. die Schwierigkeit von der Deutung eines Verhaltens und Intervention bei traumatisierten Kindern verdeutlichen:

Lea wurde als Baby nicht genug Nahrung und Trinken angeboten. Ihre leibliche Mutter war abhängig von Drogen und ließ sie häufig mehrere Tage am Stück allein in der Wohnung zurück. Lea ist mittlerweile 11 Jahre alt und lebt bei einer Pflegefamilie. Sie spürt innere Impulse wie Hunger nicht mehr. Wenn sie das Gefühl hat, Essen zu brauchen, fordert sie dies sofort ein. Wird ihr Wille nicht befolgt, wird sie wütend und fängt einen Streit mit den Pflegeeltern an.  

Intervention: Die Pflegeeltern üben pädagogisch wertvoll altersgerechtes Warten ein 

Reaktion von Lea: Schreien, Stoßen, Weinen 

Reaktion der Pflegeeltern: Weitere pädagogische Interventionen

Auflösung: Lea widerspricht scheinbar einer gegenwartsbezogenen Logik, denn Lea bekommt durch gemeinsame Mahlzeiten ein ausreichendes Nahrungsangebot. Doch Lea handelt in der kleinkindlichen Logik des Überlebensmechanismus schlüssig. Das traumaassoziierte Verhalten ist der Ausdruck einer mangelhaften Fähigkeit zur Emotionsregulation. Lea fühlt sich durch das Warten elementar bedroht, sie kämpft durch ihre Reaktion um psychisches Überleben bzw. seelisch-körperlicher Unversehrtheit. Kinder, die traumatisiert wurden, streben nach der Kontrolle über das Geschehen. In der Praxis heißt das, dass Belohnungs- und Bestrafungssysteme, Ampeln, Smiley-Tafeln usw. sicherlich sinnvolle pädagogische Interventionen bei Kindern sind, bei denen keine traumaassoziierten Affektzustände getriggert werden. Bei Kindern mit Trauma sind diese allerdings nicht immer geeignet.[10]  

Tipps für einen bedarfsgerechten Umgang

  1. Positive Rückmeldungen geben durch detaillierte Beschreibungen von Besonderheiten des Kindes. Zum Beispiel: ,,Ich bin beeindruckt, dass du so schnell und ausdauernd über das Feld gerannt bist.‘‘ Damit soll die Sicht auf eigene Fähigkeiten und Stärken des Kindes gefördert werden.
  2. Möglichkeiten aufzeigen, um Situationen mitzugestalten, damit Selbstwirksamkeit erlebt werden kann. Zum Beispiel Schuhe allein zubinden, auch wenn es länger dauert. Geduld üben und nur dann Unterstützung leisten, wenn es wirklich erfordert wird. 
  3. Rituale einführen. Diese verhelfen zur Bildung von neuen, gemeinsamen Stärken.
  4. Der Aufbau eines schützenden Netzwerks. Ein traumatisiertes Kind benötigt mehrere Anlaufstellen, um Schutzfaktoren zu aktivieren und zu pflegen.
  5. Nicht zu streng mit sich sein und Unterstützung von Freunden oder professionellen Personen holen, damit Entlastung erfolgen kann. Das bietet Zeit zum Durchatmen.[11]

Fazit

Kinder verhalten sich innerhalb der kleinkindlichen Logik schlüssig. Die Reaktionen sind letztlich Funktionen, um existenzielle Bedrohungen zu bekämpfen.[12] Daher handelt ein Kind nicht aus bösem Willen heraus.Wünschenswert wäre somit mehr Verständnis der äußeren Systeme, damit Kind und Trauma unabhängig voneinander wahrgenommen werden bzw. das Trauma ernstgenommen wird. Zudem wäre das Interesse bzgl. eines bedarfsgerechten Umgangs wichtig, denn Kinder scheinen zwar leichter zu zerbrechen, dennoch haben sie gegenüber Erwachsenen Vorteile. Bei Kindern ist die Persönlichkeitsstruktur noch nicht gefestigt. Sie können Vertrauen schnell zurückgewinnen, sofern angemessene Unterstützung erfolgt. Diese verständnisvolle Begleitung hilft den Kindern trotz Trauma sich zu einem gesunden, fröhlichen und selbstsicheren Erwachsenen zu entwickeln. [13]


[1] Vgl. Eckardt, J.: 2013, S.22-23

[2] Vgl. Bertelsmann Stiftung: 2020

[3] Vgl. Klappstein, K.; Kortewille, R.: 2020, S.1

[4] Vgl. Eckardt, J.: 2013, S.7-9

[5] Vgl. Eckardt, J.: 2013, S.10

[6] Vgl. Klappstein, K.; Kortewille, R.: 2020, S.1

[7] Vgl. Klappstein, K.; Kortewille, R.: 2020, S.3-8

[8] Vgl. Overfeld, J. et al.: 2016, S.30-40

[9] Vgl. Klappstein, K.; Kortewille, R.: 2020, S.3-8

[10] Vgl. Klappstein, K.; Kortewille, R.: 2020, S.17-18

[11] Vgl. Klappstein, K.; Kortewille, R.: 2020, S.28-29

[12] Vgl. Klappstein, K.; Kortewille, R.: 2020, S.17-18

[13] Vgl. Eckardt, J.: 2013, S.23

Literatur

Bertelsmann Stiftung (Nicole Hollenbach-Biele/ Klaus Klemm). (1. Juni, 2020). Befürworten Sie das gemeinsame Lernen von Kindern ohne und mit Behinderung/ sonderpädagogischem Förderbedarf? [Graph]. In Statista. Zugriff am 30. Juni 2021, von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1242814/umfrage/elternsicht-inklusion-an-schulen/

Eckardt, J., 2013. Kinder und Trauma. Was Kinder brauchen, die einen Unfall, einen Todesfall, eine Katastrophe, Trennung, Missbrauch oder Mobbing erlebt haben. 2. Auflage Hrsg. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG.

Klappstein, K. & Kortewille, R., 2020. Traumatisierte Kinder im Alltag feinfühlig unterstützen. Psychoedukation im Überblick. Wiesbaden: Springer.

Overfeld, J. et al., 2016. Die Bedeutung früher traumatischer Lebenserfahrungen. InFo Neurologie, Issue 18, pp. 30-40.

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