Bin ich schön? – Das Selbst und Poledance

Durch die steigenden psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung, wird es immer wichtiger für die Wissenschaft, Wege zu finden, diesen vorzubeugen oder zu behandeln. Ein wichtiger Aspekt zur Prävention psychischer Erkrankungen ist das Selbst und in diesem Zusammenhang das Selbstwertgefühl. Da dieses viel Einfluss auf unser Selbstbild, unser Verhalten und unsere Psyche hat, gilt es herauszufinden wie das Selbst und das Selbstwertgefühl von Menschen gestärkt oder aufgebaut werden kann. Dazu belasten, vor allem bei Frauen, der erwiesene Druck des Schönheitsideals durch die Gesellschaft und weitere Aspekte der Medien die Menschen.

In meinem persönlichen Werdegang habe ich den Sport Poledance als eine Methode kennengelernt, das Selbstwertgefühl aufzubauen und zu stärken. Um diesen Zusammenhang näher zu untersuchen, soll in diesem Beitrag vorerst die Theorie des Selbst und des Sports Poledance betrachtet werden. Im Nachgang zeige ich anhand meiner Erfahrungen und der Erfahrungen einiger anderer Frauen, wie sich Poledance auf das Leben und den Selbstwert auswirken kann.

2.Theorie

2.1 . Facetten des Selbst

1890 entwickelt erstmalig William James das Konstrukt des Selbst. Er unterschied dabei zwei Aspekte:

  • Das Ich. Damit ist das Subjekt des Menschen gemeint. James bezeichnet dies als „self as knower“. Dies ist der „Urheber der eigenen Handlungen und eigenen Wissens“
  • Das Mich. Von James als „self as known“ beschrieben, ist das „Objekt des eigenen Wissens“[1]

Allgemein wird gesagt, dass jede Information und jede Erinnerung, die mit der Identität und dem allgemeinen Ich (also Ich und Mich in einem) in Verbindung steht ein Teil des Selbst ist.[2]  Dies hat zur Folge, dass es über 80 Varianten des Selbst gibt. Diese lassen sich alle unter dem Begriff Selbstkonstrukt vereinen. Selbstkonstrukt bezeichnet grob die Wissensstrukturen unseres Selbst. Also wie zuvor beschrieben, alles was wir über uns selbst wissen. Bspw. können darin verschiedene Inhaltsbereiche, von Hobbys bis zu Interessen vertreten sein, aber auch Rollenbilder der Person, wie Bruder oder Vater. Auf die genaue Definition des Selbstkonzepts wird in Kapitel 2.1.1 noch mal eingegangen.[3]

Wie in der Einleitung bereits angedeutet, ist auch der Selbstwert und damit das Selbstwertgefühl ein Teil des Selbst. Dieses beinhaltet die Einstellungen zu dem Selbst und die Bewertung des eigenen Selbst. Diese ‚Instanz‘ ist global und bereichsspezifisch sortiert. Auch dieser Aspekt wird noch genauer in Kapitel 2.1.2 betrachtet.[4]

Neben diesen unterschiedlichen Betrachtungsweisen beinhaltet das Selbst auch die narrative Identität der Person. Dies bezeichnet die Lebensgeschichte einer Person in Form ihrer Selbst. Sie unterteilt sich in das vergangene Selbst, das momentane Selbst und das zukünftige Selbst. Vor allem das zukünftige und das momentane Selbst sind im Rahmen des Selbstkonzeptes und Selbstwertgefühls von großer Bedeutung.[5]

Doch warum braucht der Mensch das Selbst überhaupt? Es definiert den Menschen wie er ist und gibt ihm eine Identität und damit Sinn und eine Richtung im Leben. Der wichtigste Grund für das Selbst ist das Entwickeln und Aufrechterhalten eines Kohärenzgefühls.[6] Um das Selbst nun zu vervollständigen und komplett zu entwickeln, muss der Mensch alle Aspekte des Selbst, des bewussten und unbewussten Lebens in sich integrieren und akzeptieren.[7]

2.1.1 Selbstkonzept

Bei dem Selbstkonzept handelt es sich um eine dynamische und geistige Struktur [8] die zeitlich mittelfristig stabil ist und einen großen Anteil des ‚Michs‘ (nach James, siehe 2.1) enthält.[9] Allgemein hat das Selbstkonzept folgende Aufgaben: Motivation, Interpretation, Strukturierung, Vermittlung und Regulierung intra- und interpersonaler Verhaltensweisen und Prozesse.[10] Dabei hat das Selbstkonzept viele unterschiedliche Komponenten:

  • Es ist ein komplexes Wissenssystem, welches universelles (z.B. Kulturangehörigkeit) und individuelles (z.B. Name, Persönlichkeit) Wissen über die eigene Person beinhaltet. Der individuelle Teil des Selbstkonzeptes kann durch seine starke Stabilität und seine Größe auch als Persönlichkeitseiegenschaft betrachtet werden.[11] Hier ist auch wichtig zu wissen, dass im individuellen Selbst die möglichen Selbstbilder (auch narrative Identitäten) mit enthalten sind.
  • Es beinhaltet Schemata über das Selbst, also nicht nur Informationen sondern auch Verhaltensabläufe und Handlungsanweisungen.
  • Durch das Selbstkonzept ist nicht nur die Interpretation des eigenen Verhaltens sondern auch die des Verhaltens Anderer möglich. Diese Interpretation wird dann mit dem Selbstkonzept und Selbstbild verglichen oder in Einklang gebracht.[12]

2.1.2 Selbstwertgefühl

Wie eingangs bereits erklärt beinhaltet das Selbstwertgefühl das Wissen über das Selbst, welches von der Person bewertet worden ist.[13] Es handelt sich also um eine generalisierte Bewertung des Selbst durch die Person.[14] Dabei erfolgt die Bewertung subjektiv auf der Dimension positiv bis negativ bezüglich der eigenen Persönlichkeit. Das Selbstwertgefühl kann auch als die Einstellung zu sich selbst betrachtet werden. An sich ist das Selbstwertgefühl zeitlich weniger stabil als das Selbstkonzept. Trotzdem ist es dabei stabil genug, um ebenfalls zu den Persönlichkeitseigenschaften zugeordnet zu werden.[15] Das Selbstwertgefühl kann durch genetische Neigungen unterschiedlich sein, jedoch wird es hauptsächlich durch äußere Reize beeinflusst. Allgemein konnte festgestellt werden, dass das Selbstwertgefühl maßgeblich davon beeinflusst wird, wie leicht eine Person durch die soziale Welt navigieren kann.[16]

Das Selbstwertgefühl ist hierarchisch organisiert. Das allgemeine Selbstwertgefühl für spezifische Bereiche (kognitiv, sportlich und sozial) ist auch spezifischen Selbstwertfaktoren untergeordnet. So ist das Selbstwertgefühl gegenüber dem eigenen Körper dem spezifischen Faktor der Bewertung der Figur untergeordnet. Diese Selbstwertfaktoren werden dann noch kleiner gegliedert. In unserem Beispiel könnten die Faktoren dann in Bezug auf das Schönheitsideal, Wahrnehmungsverzerrung oder die Bewertung des Gewichts geordnet werden.[17]

Das das Selbstwertgefühl eine wichtige Komponente der Lebenszufriedenheit (siehe Kapitel 2.1.3) ist, wird es oftmals erhoben durch Messungen mit dem Inventar des bereichsspezifischen Selbstwertgefühls. So können Wissenschaftler anhand von Items, die bereichsspezifisch verschiedene Merkmale und Ansichten abfragen, feststellen, ob das Selbstwertgefühl hoch oder niedrig ist. Wie in der Einleitung erwähnt gilt das Selbstwertgefühl als Indikator für psychische Gesundheit und ein negatives Selbstwertgefühl korreliert hoch mit Neurotizismus.[18] Daher konnte festgestellt werden, wie stark der Einfluss des Selbstwertgefühls auf die Gedanken und Stimmungen sein kann. So kann ein negatives Selbstwertgefühl z.B. zu depressiver Verstimmung oder Aggressionen führen. Es ist zu beachten, dass es einen geschlechterspezifischen Unterschied gibt. Dabei neigen Frauen zur intensiven Anstrengung, um das Selbstwertgefühl aufrecht zu erhalten, Männer hingegen zeigen selbstbeeinträchtigendes Verhalten.[19]

Daraus lässt sich bereits ein weiteres Merkmal des Selbstwertgefühls ableiten: Das Selbstwertgefühl spiegelt nicht das tatsächlichen Können oder die tatsächliche Leistung wieder. In den meisten Fällen sorgt eine Person für intraindividuelle Kontrasteffekte, heißt, sie übertreibt ihre Unterschiede im Können maßlos, um das Selbstwertgefühl zu schützen. So sagt eine Person die z.B. in Naturwissenschaften überdurchschnittlich gut ist, dass sie in z.B. Sprachen sehr schlecht sei.[20]

Eine Theorie, um zu erklären, wieso Menschen ein Selbstwertgefühl haben, ist die Terror-Management-Theorie. Diese besagt, dass der Selbstwert in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Umgang mit dem Tod steht. Durch den Selbstwert soll eine symbolische Unsterblichkeit angestrebt werden. Dies ist vor allem dadurch befürwortet, dass der Selbstwert steigt, wenn der Mensch das Gefühl hat, er habe einen wertvollen Beitrag geleistet.[21]

Um genauer zu ergründen worauf das Selbstwertgefühl aufbaut, wurden verschiedene Aspekte des Verhaltens und der Handlung von Menschen untersucht. Es konnten sechs Informationsverarbeitungsprozesse herausgefiltert werden, die das Selbstwertgefühl in Wechselwirkung mit selbstwertrelevanten Situationen beeinflussen und bilden. Diese sind:

  • Selbstwahrnehmung
  • Selbsterinnerung
  • soziales Spiegeln
  • sozialer Vergleich
  • Selbstüberschätzung
  • Selbstdarstellung

Diese sechs Aspekte sollen in 2.1.2.1 näher beleuchtet werden.[22]

Außerdem lässt sich das Selbstwertgefühl in ein explizites, implizites, defensives und sicheres Selbstwertgefühl teilen:

  • Explizites Selbstwertgefühl: Aspekte des Selbstwertes, die verbal gegenüber Anderen oder sich selbst geäußert werden.
  • Implizites Selbstwertgefühl: Aspekte des Selbstwertes, welche für das Bewusstsein nicht direkt zugänglich sind, Handlungen und Verhalten aber beeinflussen.[23]
  • Defensives Selbstwertgefühl: Der Schutzmechanismus des Selbstwerts. Es ist zerbrechlich und hat als einzige Ziel sich selbst zu erhalten.
  • Sicheres Selbstwertgefühl: Sehr stabiler Anteil des Selbstwertes, welcher nicht von außen abhängig ist und den Menschen vor Druck und Ablehnung von außen schützt. [24]

Wichtig, vor allem für das defensive Selbstwertgefühl, ist die selbstwertdienliche Verzerrung. Dies bezeichnet alle Handlungen, die ein Mensch durchführt, um sich selbst in einem positiven Licht zu sehen. Darunter kann auch das Erinnern fehlerhafter Erinnerungen sein, um frühere Handlungen zu rechtfertigen. Bei den meisten Menschen kann diese Verzerrung bei den Überzeugungen oder dem eigenen Urteil beobachtet werden. Menschen zeigen in diese Aspekte übermäßiges Vertrauen, um den Selbstwert zu stärken. Ähnlich ist dies bei Schwächen und Stärken. Um vor Versagen zu schützen, werden die Schwächen der eigenen Person überschätzt und die Stärken unterschätzt. So wird das Selbstwertgefühl bei Versagen nicht angegriffen und bei Erfolg noch übermäßig gestärkt.[25]

2.1.2.1 Die sechs Informationsverarbeitungsprozesse

Der erste Aspekt der Informationsverarbeitungsprozesse des Selbstwertgefühls ist die Selbstwahrnehmung. Dies ist eine Quelle für selbstrelevante Informationen einer Person. Sie beinhaltet die phänotypische Wahrnehmung, Wahrnehmung physiologischer Prozesse oder auch die des eigenen Verhaltens. Alle Informationen werden dabei aus den Sinnen gezogen und meistens durch externe Hilfsmittel z.B. Spiegel verstärkt. Dabei ist davon auszugehen, dass diese Wahrnehmung oftmals nicht der Realität entspricht. Vor allem bei der Wahrnehmung von physiologischen Prozessen kommt es häufig zu einer Wahrnehmungstäuschung. Die Realität ist erwartungsgesteuert und von dem eigenen Selbstkonzept abhängig. Durch diese Wahrnehmung soll das bestehende Selbstbild verbessert oder bestätigt werden. Hier kommt es oftmals zu einer selbstkonsistenzerhöhenden Verzerrung. Es werden also Diskrepanzen zwischen Selbstbild und Realität durch die Selbstwahrnehmung aufgelöst oder angepasst.[26]

Ein weiterer Aspekt ist die Selbsterinnerung. Hierbei handelt es sich um die „Erinnerung an die eigene Person und an eigenes Erleben und Verhalten in früheren Situationen.“. Diese Erinnerungen zeigen Wechselwirkungen mit dem Selbstkonzept, da sie das Selbstkonzept abwandeln können und das Selbstkonzept die Erinnerung durch Erwartungshaltung und Schemata verzerren kann. Ähnlich wie bei der Selbstwahrnehmung ist eine selbstkonsistenzerhöhende Tendenz zu erkennen, da durch die Verzerrung der Erinnerungen Selbstkonzeptunterschiede stabilisiert und an das aktuelle Selbstkonzept angepasst werden können. Dadurch kann das Gefühl von Identität bei der Person steigen.[27]

Soziales Spiegeln betrachtet den gesellschaftlichen Aspekt (ähnlich wie der soziales Vergleich) des Selbstwertgefühls. Dies beschreibt das Bild, welches jemand glaubt in den Augen Anderer zu haben. Es bezieht sich also darauf, was Menschen glauben, was andere von ihnen denken. Es ist direkt zu erkennen, dass dieser Aspekt von der Realität abweichen kann und wie bei den Aspekten zuvor eine selbstkonsistenzerhöhende Verzerrung sehr wahrscheinlich ist. In Studien konnte gezeigt werden, dass Menschen die durchschnittliche Meinung einer Gruppe über sich selbst gut beurteilen können. Allerdings konnte auch festgestellt werden, dass, handelte es sich nicht mehr um die Meinung einer Gruppe sondern über die einer einzelnen Person, diese Beurteilung sehr fehleranfällig war. Es wird allerdings davon ausgegangen, dass dieser Aspekt des Selbstwertes nur geringen Einfluss auf das Selbstkonzept hat, da nur „Abweichungen zwischen dem Selbstkonzept und dem sozialen Spiegeln“ wahrgenommen werden können.[28]

Neben dem sozialen Spiegeln ist auch der soziale Vergleich ein Prozess des Selbstwertgefühls, der sich auf den gesellschaftlichen Aspekt bezieht. Hierbei sieht sich der Mensch immer relativ zu einer Bezugsgruppe und bewertet sich im Vergleich zu dieser. In den meisten Fällen ist diese Bezugsgruppe in einer ähnlichen oder gleichen Lage, wie der Mensch, der sich mit ihr vergleicht. Dahinter steht der Big-Fish-Little-Pond-Effekt. Dieser Effekt bezeichnet das erhöhte Selbstwertgefühl, wenn man „ein großer Fisch in einem kleinen Teich ist“, statt ein „großer Fisch in einem großen Teich“ zu sein. Dieser Aspekt ist spezifisch auf den intellektuellen Bereich des Selbstwertgefühls.[29]

Während Wahrnehmung im Rahmen der Selbstwahrnehmung hypothesengesteuert ist, kann die Wahrnehmung im Rahmen der Selbstüberschätzung motivationsgesteuert sein. Dies sorgt dafür, dass Menschen besonders oft und leicht wahrnehmen, was wahrgenommen werden möchte. Die Motivation, nach welcher diese Selbstüberschätzung arbeitet, ist die Selbstwerterhöhung. Das Ziel ist also ein positives Selbstwertgefühl, ähnlich wie bei der selbstwertdienlichen Verzerrung. Bei Erwachsenen konnte beobachtet werden, dass die Selbstüberschätzung auch gegenteilig funktionieren kann. Kommt es zu einem Konflikt zwischen Selbstwerterhöhung und Selbstkonsistenz, werten Erwachsene ihr Selbst eher ab als auf. Als Beispiel: Jemand, der bereits ein niedriges Selbstwertgefühl hat kann dieses nicht durch Selbstwerterhöhung verbessern, da dies einen Konflikt zwischen dem bestehenden Selbstwertgefühl und dem neuen provozieren würde, was die Konsistenz gefährdet. Die Person wertet sich also ab, da das neue Selbstwertgefühl in den Augen der Person der Realität nicht standhalten könnte. Zu beachten bei der Selbstüberschätzung: eine mäßige Selbstüberschätzung ist wichtig und gesund, eine übermäßige Selbstüberschätzung hingegen kann zu negativen sozialen oder psychischen Folgen führen.[30]

Bei der Selbstdarstellung handelt es sich um das eigene Verhalten, welches in der Öffentlichkeit gegenüber anderen gezeigt wird. Oftmals wird es als „Theaterstück der Öffentlichkeit“ bezeichnet, in welchem der Mensch immer eine Rolle spielt. Das soziale Verhalten wird dabei durch die Selbstdarstellung inszeniert. Der Mensch stellt sich so dar, wie er glaubt und hofft, zu sein, mit dem Ziel, eine Bestätigung (Konsistenzaspekt) oder Schmeichelung (selbstwertdienlicher Aspekt) dieses Bildes durch soziale Rückmeldung zu erhalten. Selbstdarstellung ist als Eindrucksmanagement, ein Mensch „steuert die Eindrücke Anderer über sich selbst“ zu verstehen.[31]

2.1.3 Wohlbefinden / Lebenszufriedenheit

Wie in der Einleitung und in 2.1.2 bereits erwähnt, ist eine positive Lebenszufriedenheit das Ergebnis eines positiven Selbstwertgefühls und Selbstkonzeptes. Da diese Aspekte eng beieinander liegen, soll an diesem Punkt kurz die Lebenszufriedenheit betrachtet werden.

Lebenszufriedenheit ist der kognitive Aspekt des Wohlbefindens. Dieses beschreibt die subjektive psychische Gesundheit und besteht des weiteren noch aus dem Glücklichsein als emotionalem Aspekt. In unterschiedlichen Studien konnte festgestellt werden, dass diese Aspekte nur in geringem Maße von äußeren Umständen abhängen.[32]

Das Wohlbefinden wird meist durch ein Regelkreismodell beschrieben. Das Wohlbefinden hat einen stabilen Sollwert und das empfundene Glück, bzw. die empfundene Lebenszufriedenheit, schwankt minimal um diesen Sollwert, tendiert aber immer wieder zurück zum Sollwert. Der Sollwert korreliert dabei stark mit dem allgemeinem Selbstwertgefühl, dem Gefühl der persönlichen Kontrolle und den Persönlichkeitseigenschaften Extraverison und niedrigem Neurotizismus. Der wichtigste Aspekt der Lebenszufriedenheit ist zudem der Bewältigungsstil der Person, da je nach Bewältigungsart der Verlauf der Lebenszufriedenheit variieren kann.[33]

2.2 Poledance

Bei dem Begriff Poledance denken viele erst einmal an Stripclubs und halb nackte Frauen, die um Stangen tanzen, um Geld zu verdienen. So war Poledance auch mal. Jedoch hat es sich in den letzten Jahrzehnten zu einem populären Trend-Sport entwickelt. Die Stange ist dabei als Fitnessgerät zu betrachten, das akrobatische Elemente, Tanz und ein Ganzkörper-Training miteinander kombiniert. Dabei ist das Zeigen von Haut notwendig, da viele Figuren nur durch Haut-Stangen-Kontakt gehalten werden können. Heute kommt Poledance an vielen verschiedenen Orten vor. Im Zirkus, in Tanzschulen, auch immer noch in Stripclubs, aber vor allem auch in Fitnessstudios. Dabei kann der Sport schon alleine in der Art der Stange variieren. Es gibt drehende, statische oder nur an der Decke befestigte Stangen. Mit einem Gummi beschichtet heißen sie Chinese-Poles, mit einem Hoop-Reifen darauf Lolipop. Poledance konnte sich in den letzten Jahren deutlich weiterentwickeln und bietet heute für viele einen positiven und spaßigen Effekt.[34]

Der Pole Sport (die rein sportliche Variante von Poledance) kommt aus den Akrobatik-Akts von Chinesischen Zirkussen. Dort verwendeten Akrobaten die Holz-Stangen für gefährliche Tricks und schwerelos wirkende Figuren. Damals war dieser Sport lediglich den Männern vorbehalten. Poledance hingegen, die sinnliche und häufig tänzerische Variante, kommt ursprünglich aus der Mythologie. Es wird dabei von indischen Feierlichkeiten berichtet, bei denen Frauen um Stangen tanzten, um Männer von ihrer Furchtbarkeit und ihrer Stärke zu überzeugen. 1920 fand Poledance, sowohl als Sport, als auch als Tanz, seinen Weg in die amerikanischen Zirkusse. Anders als in China wurden diese Akts aber von leicht bekleideten Frauen vorgeführt. 1950 wanderten diese dann in die Bars und Clubs der USA und verloren einige Aspekte des Sports. Dabei hat auch die Tanzform Burlesque viel Einfluss auf den heute erotischen Aspekt von Poledance gehabt. Eine sich daraus entwickelte Variante ist z.B. Exotic Pole. Heute ist Poledance ein Ganzkörper-Sport, welcher Beweglichkeit, Muskeln und Tanz miteinander vereint. Seit den 2000er Jahren wird immer mehr um öffentliche Akzeptanz gekämpft. Das Stigma Poledance gäbe es nur in Stripclubs, war nicht mehr aktuell und lastete schwer auf der Community. Seit einigen Jahren gibt es nun Nationalmeisterschaften in mehr als 50 verschiedenen Ländern und eine Weltmeisterschaft, welche jedes Jahr von der IPSF (international pole sports federation)[35] organisiert und dadurch geführt wird.[36]

3. Erfahrungsberichte

3.1 Meine Fragen

Ich habe aus meiner eigenen Erfahrung festgestellt, was Poledance für meinen Selbstwert bedeutet hat. Da ich aber ungerne eine Hypothese wie „Poledance stärkt das Selbstwertgefühl“ nur auf meiner Erfahrung aufbauen möchte, habe ich unstandardisiert Fragen an ein paar der Frauen aus meinem Pole-Studio gestellt. Dabei habe ich vor allem Fragen formuliert, die direkt die Richtung Körper-Bewusstsein und Selbstvertrauen vorgeben. Außerdem wurden einige Aspekte, die eventuell Einfluss auf die Antworten nehmen können (z.B. Persönlichkeitseigenschaften, Umfeld), ausgelassen. Im Rahmen einer quantitativen oder qualitativen Studie würden weniger explizite und von Priming betroffene Fragen gestellt werden.

Fragen an erfahrene Poledancer:

  1. Wie lange betreibst du Pole schon als Sport oder als Tanz?
  2. Wie kamst du zu Pole?
  3. Hat sich dein Körper physisch verändert? Welche Veränderungen hast du bewusst wahrgenommen und welche wurden dir von außen zurückgemeldet?
  4. Hast du psychische Veränderungen seit deinem Start mit Pole wahrgenommen? Wurden dir welche von außen zurückgemeldet? (z.B. Selbstbewusstsein, Mut, Risikobereitschaft)
  5. Wie betrachtest du deinen Körper? Hat sich diese Sicht verändert seit du mit Pole angefangen hast?
  6. Wie hat sich dein Umgang mit deinem eigenen Körper verändert? Wie hat sich dein Umgang mit anderen Menschen verändert?
  7. Interessierst du dich auch außerhalb des Studios für Pole? Wenn ja, wie intensiv empfindest du deinen Kontakt mit der Community.
  8. Gab es etwas, das dich besonders geprägt hat im Pole?
  9. Wie alt bist du? Welchem Beruf (oder Studium) gehst du nach?

Die Fragen 1, 2 und 7 sind in dieser Befragung unerheblich, da keine quantitative Studie durchgeführt wurde und daher auch kein Zusammenhang zwischen Dauer des Sports / Kennenlernen des Sports und Benefits gefunden werden kann. Sie dienen in diesem Zusammenhang lediglich der Klassifikation. Frage 3, 5 und 6 beziehen sich auf die eigene Körperwahrnehmung und die Wahrnehmung anderer Personen. Die Frage 3 spielt dabei direkt auf die subjektive Wahrnehmung der eigenen Veränderung seit Beginn mit Poledanc an. Frage 5 fragt eher in Richtung Selbstbild in Bezug auf die eigene Körperwahrnehmung und die dabei subjektiv empfundene Veränderung seit dem Beginn. Bei Frage 6 wird auf Selbstwert hin befragt, indem direkt die subjektive Wahrnehmung des eigenen Umgangs mit dem Körper erfragt wird. Frage 4 fragt direkt das Selbstbewusstsein, Selbstwerterhöhung und ein positives Selbstkonzept ab. Die Frage 9 ist eine demographische Erhebung und Frage 8 sollte in Verbindung mit den Fragen 3-6 betrachtet werden.

Außerdem konnte ich bei meinen Erfahrungsberichten auch Anfängern Fragen stellen. Hierfür habe ich die oberen Fragen etwas abgewandelt.

Fragen an neue Poledancer:

  1. Wie kamst du auf Pole und wie hast du damit angefangen?
  2. Was versprichst du dir von Pole als Sport in der Zukunft?
  3. Kannst du dir vorstellen wie Pole deine Einstellungen zu dir selbst und anderen verändern könnte? Wenn ja, wie?
  4. Bist du an der Community interessiert oder hast dich schon damit beschäftigt?
  5. Wie alt bist du und welchem Beruf oder Studium gehst du nach?

 

Hierbei wurde lediglich auf die möglichen Benefits angespielt, die jedoch (durch die Kürze des Ausübens) vermutlich noch nicht eingetreten sind. Frage 1 ist gleich Frage 2 von dem oberem Fragebogen. Fragen 2 und 3 spielen auf die oberen Fragen 3-6 an. Frage 4 ist gleich Frage 7. und Frage 5 ist wieder eine demographische Erhebung.

Das Ziel der Untersuchung ist die Betrachtung meiner eignen Hypothese mit Hilfe verschiedener Einschätzungen Anderer. Es soll dabei herausgefunden werden, ob es sich lohnt, diese Hypothese in einer quantitativen oder qualitativen Studien näher zu untersuchen.

3.2 Erfahrungen

Insgesamt habe ich elf Antworten auf meine Fragen erhalten. Von denen sieben meine These geringfügig bis stark bestätigt haben. Im Folgenden werden ein paar Zitate gezeigt, die die jeweiligen untersuchten Aspekte (Körperwahrnehmung, Selbstbild /Selbstwert und Selbstbewusstsein) bestärken sollen.

Alle elf Antworten zeigten in ihren Schilderungen eine positive Körperwahrnehmung und eine Veränderung durch Poledance.

  • „Ich fühle mich freier und beweglicher.“ – 31-jährige Versicherungskauffrau
  • „Ich fühle mich stärker und es gibt mir eine gute Struktur. Ich bin glücklich einen Sport gefunden zu haben, den ich gerne ausübe.“ – 28-jährige Krankenschwester.
  • „Ich bin jetzt in der Lage, mein Gewicht an einem Arm zu halten, Inversts (Überkopf-Schwünge) zu machen etc. Ich würde eigentlich sagen das mein ganzer Körper sich physisch verändert hat. Mir geht es körperlich viel besser, […]“ – 27-järhige Studentin

Sieben der elf zeigten ein subjektiv erhöhtes Selbstbewusstsein.

  • „Ich traue mir mehr zu und da ich auch alleine mit dem Sport angefangen habe, traue ich mich alleine zu anderen Aktivitäten zu gehen. Das war vorher nicht der Fall.“ – 26-jährige technische Redakteurin
  • „Ich bin viel selbstbewusster geworden! Früher habe ich mich nicht mit kurzen Hosen raus getraut, weil es könnten ja andere meine Dellen sehen. Jetzt ist es mir sowas von egal, was andere von mir denken! Ich mache mein Ding, ich bin wie ich bin und versuche niemandem außer mir mehr zu gefallen.“ – 27-jährige Poledance-Studio Inhaberin.

Auch zeigt sich bei den meisten der sieben Antworten, dass das Selbstwertgefühl sich verstärkt hat und die Befragten ein positives Selbstbild besitzen:

  • „[…] beim Pole-Dance selbst, fühle ich mich in meinem Körper sehr wohl, wenn ich mich in der Pole Stunde so im Spiegel betrachte. Die Erfolgserlebnisse (neuen Trick geschafft) puschen mein Selbstbewusstsein […]. Außerhalb von Pole glaube ich nicht, dass sich mein Selbstbewusstsein verändert hat.“ – 31-jährige Versicherungskauffrau
  • „Aber nun ist es normal und man kann auch offen drüber stehen, wenn einem etwas am Körper nicht gefallen sollte aber es die anderen sehen.“ – 28-jährige Krankenschwester
  • „[…] ich fühle mich total schön, wenn man das so sagen kann, ohne dass es sich eingebildet anhört.“ – 20-jährige Auszubildende

 

Es lässt sich durchaus eine Parallele zwischen dem Sport und den hier betrachteten Aspekten erkennen. Wichtig zu erwähnen ist, dass auch der Aspekt der Community (der hier zwar abgefragt, aber statistisch nicht relevant war) von großer Bedeutung sein kann. So schreib eine 42-jährige Teilhabeassistentin:

„Das tolle an Pole ist ja, das es wirklich jeder machen kann und es eine tolle Gemeinschaft ist, wo keiner den anderen niedermacht. Jeder hilft sich im Training oder auf Workshops, wenn du dir eine Stange teilen musst, egal ob du die Person kennst oder nicht.“

Dieser Aspekt der zwanglosen und unkomplizierten Kommunikation könnte in einem sportlichen Umfeld die Benefits noch weiter bestärken. Außerdem ist das Merkmal Ehrgeiz hier nicht außen vor zu lassen. Denn Ehrgeiz und der Erfolg in Folge können die Motivation fördern und daher die positiven Aspekte für Körper und Geist weiter stärken. Die 27-jährige Studioinhaberin schreibt zu ihrem prägendsten Erlebnis:

„[…]die Emotionen. Die Emotionen, die du hast, wenn du etwas schaffst! Du bist überwältigt, du bist einfach nur glücklich wenn du die ganze Zeit soo hart für einen Trick gearbeitet hast und er dann auf einmal klappt!“

 

Abschließend möchte ich das Zitat einer weiteren Frau mit aufführen. Die 28-Jährige schreibt auf die Frage, was sie denkt, wie sich ihre Einstellungen durch Poledance verändern könnte, folgendes:

„ich denke, dass man offener sein kann und nicht mehr so viel nachdenkt, was man tut weil man sich halt wohl fühlt und egal ist, wie man aussieht“

4. Abschlussworte

Wie lassen sich die Funde nun erklären? Den Aspekt der erhöhten positiven Körperwahrnehmung könnte man durch die körperlichen Veränderungen erklären, die Sport an sich hervorruft. Dazu kommt die Tatsache, dass Poledance in den meisten Fällen vor einem Spiegel ausgeübt wird. Dies könnte dafür sorgen, dass die Person ständig mit ihrem eigenen Körperbild und ihren Veränderungen konfrontiert wird und daher anfängt die positiven Effekte des Sports für den Körper schneller wahrzunehmen. Hinzu kommt, durch die Art des Sports bedingt, die leichte Messbarkeit des Fortschritts. Erst durch eine körperliche Veränderung (sei es Stärke oder Beweglichkeit) kann ein Fortschritt erzielt werden. Dadurch könnte die Aufmerksamkeit beim Erfolg auf den eigenen körperlichen Fortschritt gerichtet werden und die Körperwahrnehmung positiv beeinflusst werden. Hier ist jedoch zu beachten, dass auch andere Sportarten, die viel Aufmerksamkeit für den Körper erfordern, vermutlich einen ähnlichen Effekt erzielen könnten. Hierfür könnte zum Beispiel auch Yoga gehören.

Das verstärkte Selbstbewusstsein könnte dadurch entstehen, dass die Sportler durch den Sport bedingt dazu gezwungen werden, wenig Kleidung zu tragen. Sie müssen sich also, ähnlich wie bei der Körperwahrnehmung, viel mehr mit ihrem eigenen Körper und ihrer Schönheit auseinandersetzten. Auch durch Komplimente von anderen Sportlern im Raum könnte sich das Selbstbewusstsein verbessern. Jedoch kann dies auch aus einem positiven Selbstbild gefördert würde, welches ebenfalls durch die ständige Betrachtung im Spiegel herrühren könnte. Zum einen könnte hier von einem Priming-Effekt ausgegangen werden, oder dem Bedürfnis des Menschen sich selbst zu gefallen. Die Sportlerinnen betrachten sich im Spiegel also so oft und so lange, bis sie etwas gefunden haben, was sie gut oder schön finden. Das könnte auch das gesamte Selbstbild und Selbstwertgefühl beeinflussen. Auch ist hier der Effekt von Lob und Anerkennung durch andere Sportler nicht zu vergessen.

 

Es ist leicht zu erkennen, dass viele Faktoren auf die Benefits von Poledance Einfluss nehmen können. Trotzdem lässt sich eine Verbindung zwischen den Themen Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und Poledance erkennen, welche durchaus weiter untersucht werden könnte.

 

Fußnoten

[1] Rauthmann, 2015, S. 27–28

[2] Gerrig, 2016, S. 532

[3] Rauthmann, 2015, S. 27–28

[4] Rauthmann, 2015, S. 27–28

[5] Rauthmann, 2015, S. 27–28)

[6] Rauthmann, 2015, S. 27–28)

[7] Gerrig, 2016, S. 532

[8] Gerrig, 2016, S. 532

[9] Asendorpf, 2019, S. 134–135

[10] Gerrig, 2016, S. 533

[11] Asendorpf, 2019, S. 134–135

[12] Gerrig, 2016, S. 533)

[13] Asendorpf, 2019, S. 135

[14] Gerrig, 2016, S. 534

[15] Asendorpf, 2019, S. 135–137

[16] Gerrig, 2016, S. 534

[17] Asendorpf, 2019, S. 135–137

[18] Asendorpf, 2019, S. 135–137

[19] Gerrig, 2016, S. 533–534

[20] Asendorpf, 2019, S. 137

[21] Gerrig, 2016, S. 534

[22] Asendorpf, 2019, S. 141

[23] Asendorpf, 2019, S. 141

[24] Myers, 2014, S. 591–592

[25] Myers, 2014, S. 588–590

[26] Asendorpf, 2019, S. 137

[27] Asendorpf, 2019, S. 137–138

[28] Asendorpf, 2019, S. 138–139

[29] Asendorpf, 2019, S. 139–140

[30] Asendorpf, 2019, S. 140

[31] Asendorpf, 2019, S. 140–141

[32] Asendorpf, 2019, S. 146–148

[33] Asendorpf, 2019, S. 146–148

[34] o.A., 16.09.2019

[35] Siehe auch: http://www.polesports.org/about-us/vision-mission/

[36] Rebel, Bulka, & Rößle, 2017, S. 14–20

 

Quellenverzeichnis

Asendorpf, J. B. (2019). Persönlichkeitspsychologie für Bachelor (4. Auflage). Berlin, Heidelberg: Springer Verlag.

 

Gerrig, R. J. (2016). Psychologie (20. Auflage). Hallbergmoos: Pearson Verlag.

 

Myers, D. G. (2014). Psychologie (3. Auflage). Berlin, Heidelberg: Springer Verlag.

 

o.A. (16.09.2019). Poledance. In  Wikipedia. Abgerufen von https://de.wikipedia.org/wiki/Poledance

 

Rauthmann, J. F. (2015). Grundlagen der Differentiellen und Persönlichkeitspsychologie (1. Auflage). Berlin, Heidelberg: Springer Verlag.

 

Rebel, N., Bulka, C., & Rößle, J. (2017). Poledance Passion (4. Auflage). Grünwald: Copress Verlag.

 

Titelbild:

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