Auf der Jagd nach Wiederholungstäter*innen. Was macht eine wiederholte Blutspende unattraktiv?

In Deutschland existiert ein Rückgang der Blutspendebereitschaft, obwohl bekannt ist, dass Blutspenden von hoher Wichtigkeit für die Krankenversorgung sind. Für den Rückgang werden von unterschiedlichsten Institutionen verschiedene Gründe verantwortlich gemacht, die in der demografischen Entwicklung, temporären Ursachen, wie z.B. einer Grippewelle, oder von sportlichen Großereignissen liegen.[1] Blutspendedienste versuchen durch Anreize, wie z.B. Bonuszahlungen, positive Emotionen bei den Spendenden hervorzurufen. So soll eine Wiederholung der Spende attraktiver werden.[2] Trotz aller Mühen sind die Zahlen rückläufig. Dabei ist auffällig, dass es viele Neuspendende gibt, die aber keine weiteres Mal zum Blut spenden erscheinen.[3]

Gibt es andere in Frage kommende Ursachen für das Vermeidungsverhalten?

Niederländische Forschende widmen sich im Jahr 2015 dieser Frage mit dem Ziel, die wiederholte Spendebereitschaft zu fördern. Sie untersuchen den erlebten Stress bei der Blutspende und klären die Frage, ob Stressreaktionen bei der Spende entstehen. Diese Stressreaktionen können das Fernbleiben von Spendenden verursachen.

Stress wird definiert als eine körperliche Reaktion auf physische oder psychische Ereignisse, die die Bewältigungsfähigkeiten des Individuums belasten oder überschreiten. Der Stressor führt zu einer adaptiven Reaktion des Organismus.[4] Die Forschenden fanden heraus, dass 10-20% der Blutspendenden während der Spende negative Erfahrungen machen.[5] Diese Erfahrungen können z.B. Müdigkeit, Kreislaufprobleme, Übelkeit und Blutergüsse sein.[6] Diese Ereignisse sind zunächst nicht schlimm, sie können aber die Spendebereitschaft in der Zukunft beeinflussen. Sie hinterlassen bei Spendenden eine negative Erinnerung an die Blutspende und rufen eine höhere Angst und damit eine Stressreaktion hervor.

Hoogerwerf und Kollegen führen eine systematische Sichtung vorhandener Literatur zu dieser Problematik durch. Zentral ist die Frage, ob physiologische und psychologische Stressreaktionen während einer Blutspende auftreten. Sie vermuten, dass störende Ereignisse während der Spende den Stress verstärken und dass dieses Stresserleben einen Einfluss auf die zukünftige Spendebereitschaft hat.[7] Das Forschungsteam wählt nach einem objektiven Auswahlverfahren zehn Publikationen aus, die in der Studie ausgewertet wurden. Alle Artikel enthalten primäre Forschungsdaten von gesunden Spendenden und untersuchen das Auslösen einer Stressreaktion durch verschiedene Faktoren. Die ausgewählten Artikel stammen aus der Zeit von 1984 bis 2009.

Die Metastudie zeigt, dass verschiedene Stressreaktionen bei der Blutspende auftreten können. Die zugrundeliegenden Studien unterscheiden physiologische und psychologische Stressreaktionen. Auf der körperlichen Ebene zeigt sich, dass die Herzfrequenz, der Blutdruck und das Cortisollevel unmittelbar vor der Spende erhöht sind. Auch während der Spende sind erhöhte Cortisolwerte messbar. Die Autoren stellen sich die Frage, ob der Blutverlust mit einer Erhöhung des Corisollevels korreliert und er eine Stressreaktion hervorrufen kann. Es zeigt sich, dass bei der vierten Spende keine Erhöhung des Cortisollevels mehr nachweisbar ist. Also ist die Tatsache des Blutverlustes bei der Spende nicht ursächlich für den Anstieg des Cortisollevels. Auf der psychischen Ebene gibt es ebenfalls eine Erhöhung des Stresslevels. Hier werden die Konstrukte Angst, Stress, Furcht und Erregung mit verschiedenen Fragebögen gemessen. Die gemessenen Levels waren vor der Spende höher als danach. Eine weitere Entdeckung liegt darin, dass das Stresserleben mit zunehmender Spendeerfahrung abnimmt. Als Konsequenz der Metastudie wird dem Personal bei der Blutspende empfohlen, Neuspendende engmaschiger zu betreuen.[8]

Fazit

Die Ergebnisse dieser Metastudie sollten zur Verbesserung des Wohlbefindens während der Spende herangezogen werden. Das Personal kann dafür neue Spendende durch eine bessere Aufklärung im Vorfeld noch stärker unterstützen. Ferner bietet sich eine nähere Betreuung während der Spende an. In diesem Zusammenhang können Gespräche über Informationen zum Blutspendeprozess während der Spende erfolgen. Die Gespräche haben auch einen ablenkenden Effekt und die gefühlte Dauer der Spende bei dem Spendenden reduzieren. Zur Reduzierung des Stresserlebens können auch andere kognitive Methoden zur Stressreduktion in Betracht kommen. Hier kann eine andere Bewertung der Situation und der Ressourcen eine Reduzierung der Stressreaktion hervorrufen[9],[10]. Es kann auch der Einsatz von Entspannungstechniken oder Achtsamkeitstrainings geprüft werden um den Spendenden eine angenehmere Erfahrung zu ermöglichen.


[1] Vgl. Bodensiek (2018).

[2] Vgl. Universitätsklinikum Düsseldorf (2021).

[3] Vgl. Hoogerwerf, Veldhuizen, De Kort, Wim L A M, Frings-Dresen und Sluiter (2015).

[4] Vgl. Becker-Carus und Wendt (2017, 55-).

[5] Vgl. Hoogerwerf et al. (2015).

[6] Vgl. BZgA (unbekannt).

[7] Vgl. Hoogerwerf et al. (2015).

[8] Vgl. Hoogerwerf et al. (2015).

[9] Vgl. Lazarus und Folkman (1984).

[10] Vgl. Ellis (1974).

Literaturverzeichnis

Becker-Carus, C. & Wendt, M. (2017). Allgemeine Psychologie. Eine Einführung (Lehrbuch, 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Neuauflage). Berlin

Bodensiek, S. (wipub der SRH-Fernhochschule, Hrsg.). (2018). Stell dir vor, du brauchst Blut, und niemand hat gespendet – Vom Rückgang der Blutspende-Bereitschaft der Deutschen. Zugriff am 12.02.2021. Verfügbar unter: https://www.wipub.net/stell-dir-vor-du-brauchst-blut-und-niemand-hat-gespendet-vom-rueckgang-der-blutspende-bereitschaft-der-deutschen/

BZgA. (unbekannt). Blut und Plasmaspende, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Zugriff am 12.02.2021. Verfügbar unter: https://www.blutspenden.de/blut-und-plasmaspende/risiken-und-nebenwirkungen/

Ellis, A. (1974). Rational-emotive theory: Albert Ellis. In Operational theories of personality (x, 421-x, 421). Oxford, England

Hoogerwerf, M. D., Veldhuizen, I. J. T., De Kort, Wim L A M, Frings-Dresen, M. H. W. & Sluiter, J. K. (2015). Factors associated with psychological and physiological stress reactions to blood donation: a systematic review of the literature. Blood Transfusion = Trasfusione Del Sangue, 13(3), 354–362. https://doi.org/10.2450/2015.0139-14

Lazarus, R. S. & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal, and coping.

Universitätsklinikum Düsseldorf. (2021). Blutspende am Universitätsklinikum. Zugriff am 14.02.2021. Verfügbar unter: https://www.uniklinik-duesseldorf.de/patienten-besucher/klinikeninstitutezentren/institut-fuer-transplantationsdiagnostik-und-zelltherapeutika-itz/blutspendezentrale

Bildquelle: Von geralt auf https://pixabay.com/de/photos/blutspende-blut-einheit-von-blut-4165394/ [Zugriff am 24.02.2021]