By Published On: 2. Dezember 2021Categories: Gesundheit, Psychologie, Wirtschaft

Ob ein Glas Wein am Wochenende oder ein Bier am Abend – der Gebrauch von Alkohol gehört fast schon zum Alltag und ist in den verschiedensten Kulturkreisen eine jahrtausendealte Tradition. Die ersten eigenen Erfahrungen mit Alkohol beginnen meistens im Jugendalter. Alkohol dient zum Abschalten, aber auch zur Bewältigung von Angst (Casswell et al. 1988). Die Verbrauchsspitzen in Bezug auf Drogen sind in den meisten Fällen im Erwachsenenalter.

Wenn von Drogen die Rede ist, wird einerseits an illegale Drogen wie Cannabis (Haschisch bzw. Marihuana), Halluzinogene (LSD, Ecstasy), Opiate (Heroin) oder Kokain gedacht. Hinzukommen aber auch Substanzen (falls ohne medizinische Indikation genommen) wie Stimulantien (Amphetamine), Tranquilizer und Barbiturate. Zudem spielen frei zugängliche Stoffe wie Inhalantien (Lösungsmittel) eine Rolle (Silbereisen, K. 1988). Ein verantwortungsvoller Umgang mit Alkohol und Drogen gehört somit zu den Entwicklungsaufgaben und kann insofern auch adaptive Funktionen in der Jugendentwicklung haben (Silbereisen & Noack 1988). Wenn von Abhängigkeit gesprochen wird, bezieht sich dies auf physiologische und psychische Effekte der Substanz, die Lebensumstände der Person, die mögliche physische Abhängigkeit sowie die schädigenden Folgen für die betreffende Person und ihr Umfeld (Altenkirch 1982).

Sorgen ertrinken nicht in Alkohol. Sie können schwimmen.

Heinz Rühmann

Gesichtspunkte zur Unterscheidung von Gebrauch und Missbrauch

1. Substanz und Konsumumstände

Die verschiedenen Substanzen unterscheiden sich in ihren physiologischen und psychologischen Effekten sowie in ihrem längerfristigen gesundheitlichen Risikopotenzial. Beispielsweise werden bei Alkohol subtile Schranken nicht mehr erkannt, zudem wird die Tiefe der Wahrnehmung und des Denkens beschränkt. Die Auswirkungen auf das Sozialverhalten sind umstritten und vielfältig, hängen eher von der Situation ab, die unter Alkoholeinfluss nicht mehr richtig eingeschätzt werden kann (Steele & Josephs 1990). Der Konsum größerer Mengen über längere Zeit sollte unabhängig von der Substanz als Missbrauch angesehen werden. Dies gilt auch für kleinere Mengen in unangemessenen Situationen (Arbeitsplatz oder im Verkehr).

2. Person

In welchem Maße der Konsum von Alkohol eingeschätzt werden kann, hängt vom Entwicklungsstand und Lebensumständen der Person ab. Von Missbrauch ist die Rede, wenn die physiologischen und persönlichen Voraussetzungen in Bezug auf einen angemessenen Gebrauch von Alkohol nicht gegeben sind, oder wenn die Person zu jung ist, sodass dies die Herausbildung der altersgerechten Funktionstüchtigkeit beeinträchtigen wird.

3. Reaktion

Die oben genannten Festlegungen unterscheiden sich kulturell, Anzeichen einer physischen Abhängigkeit verweisen jedoch eindeutig auf Missbrauch:

  • Dosissteigerungen: Um die nachlassende Wirkung auszugleichen muss die Dosis erhöht werden.
  • psychische und physische Entzugserscheinungen: Falls der Nachschub nicht rechtzeitig da ist, kommt es zu gereizter Stimmung, Unruhe, Schlafstörungen usw.
  • Unfähigkeit, alltägliche Aufgaben zu bewältigen: Ohne die Substanz können bspw. einfache Haushaltsarbeiten nicht mehr erledigt werden (Steinhausen, 1988).

4. Konsequenzen

Abgesehen von den körperlichen Schäden, können der Gebrauch von Drogen und Alkohol negative Auswirkungen auf das Umfeld haben. Von Missbrauch wird somit dann gesprochen, wenn die Gesundheit beeinträchtigt ist, soziale Beziehungen Schaden nehmen oder Gewalt auftritt. Zudem kommt es oft zu Beschaffungskriminalität.

Die Grenzen zwischen Gebrauch und Missbrauch sind fließend und in entwicklungspsychologischer Hinsicht durch die Legalität einer Substanz keineswegs entschieden. Pragmatische Festlegungen sind damit in der Forschung unabdingbar. Bei dem Gebrauch von Alkohol spricht man beispielsweise von „Problemtrinken“ wenn fünf oder mehr Einheiten eines Getränks hintereinander, regelmäßig (mehrmals im Monat) getrunken werden und daraufhin negative Verhaltenskonsequenzen (z.B. Schule schwänzen) auftreten.

Fazit

Im öffentlichen Bewusstsein stehen vielmehr illegale Drogen wie Kokain oder Heroin, da die Anzahl der Todesfälle erschreckend hoch ist. Trotzdem sollten die Belastungen für das Wohlergehen und die Gesundheit durch Einfluss von weniger spektakulären Substanzen nicht unterschätzt und im Auge behalten werden. Es geht nicht in jedem Fall um Abstinenz. Vielmehr muss ein verantwortlicher Gebrauch und die Vermeidung von Missbrauch die Devise sein. Dies illustrieren Befunde, wonach Jugendliche ohne alterstypische Erfahrungen mit solchen Substanzen psychosozial schlechter angepasst sind als jene mit moderatem Konsum (Shelder & Block, 1990). Inzwischen gibt es viele Programme, die Jugendlichen als auch Erwachsenen dabei helfen, Suchtprobleme in den Griff zu bekommen und die affektive und soziale Entwicklung des Betreffenden zu fördern.

Ansprechpartner Malteser: https://www.malteser-werke.de/was-wir-tun/jugend-soziales/suchthilfe.html?utm_source=https://www.malteser.de/

Spenden: https://secure.spendenbank.de/form/1584?url=karte.php&oid=5828135&verwendungszweck=12976&t=X1XX14


Quellen

Altenkirch, H. (1982). Schnüffelsucht. Springer, Berlin. Kapitel 34.

Casswell, S. / Gilmore, L. / Silva, P. / Brasch, P. (1988). What children know about alcohol and how they know it. British Journal of Addiction. S. 223-227.

Shelder, J. & Block, J. (1990). Adolescent drug use and psychological health: A longitudinal inquiry. American Psychologist. S. 612-628.

Silbereisen, R. K. (1988). Entwicklungspsychologische Aspekte von Alkohol und Drogengebrauch. Kapitel 34, S. 1056-1060. In: Montada, O. (1988). Entwicklungspsychologie. 4. korrigierte Auflage, Psychologie Verlags Union, Weinheim.

Silbereisen, R. K. & Noack, P. (1988). On the constructive role of problem behavior in adolescence. Cambridge University Press, Cambridge.

Steele, C. & Josephs, R. A. (1990). Alcohol myopia. Its prized and dangerous effects. American Psychologist. S. 921-933.

Steinhausen, H. C. (1988). Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Urban & Schwarzenberg, München.

Zitat: Klappe! Delikate Sprüche (2006). ISBN 9783899940886, Seite 110, Verlag Schlütersche.

Beitragsbild: Bar Café Cocktail– kostenloses Bild auf Pixabey.

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