Was kommt nach dem Psychologiestudium? / Teil 1

Abschluss in der Tasche – und dann?

 

Es ist keine Seltenheit, dass sich Hochschulabsolventen nach ihrem Abschluss in einer schier endlosen Orientierungskrise vorfinden. Es scheint so, als würde die Wahl eines bestimmten Studiengangs leichter fallen als die darauffolgende (endgültige) Wahl für ein bestimmtes Berufsgebiet. Dass ein abgeschlossenes Studium aber häufig kein eindeutiges Berufsbild vorschreibt, stellt viele junge Berufseinsteiger vor die Qual der Wahl. Zwar weiß man an dieser Stelle, welche Fähigkeiten man sich im Laufe der Jahre aneignen konnte – wie diese jedoch auf dem Arbeitsmarkt gewinnbringend angeboten und eingesetzt werden können ist nicht immer klar (Giza, 2014).

Ähnlich kann es auch Studierenden des Fachs Psychologie gehen. Nach erfolgreichem Studienabschluss des Bachelors bzw.  Masters eröffnen sich für die Absolventen vielfältige Berufsmöglichkeiten. Oftmals wird mit einem Psychologiestudium automatisch die Sparte der Klinischen Psychologie verknüpft. Jedoch bestehen eine Vielzahl weiterer interessanter Karrierefelder. Der vorliegende Beitrag soll sich an alle Psychologiestudenten richten und einen Überblick darüber verschaffen, welche Tätigkeiten nach dem Abschluss konkret möglich sind. Dabei sollen auch solche Karrierewege berücksichtigt und knapp umrissen werden, die – verglichen mit der klassischen Psychotherapeutentätigkeit – vielleicht etwas weniger offensichtlich auf der Hand liegen. Dabei soll allerdings an dieser Stelle hervorgehoben werden, dass dieser Artikel aus Gründen des Umfangs auf zwei Beiträge verteilt wird. Hierbei handelt es sich um Teil 1, in dem sowohl klinische als auch wirtschaftspsychologische Berufsfelder vorgestellt werden. Zudem ist es jedoch leider nicht möglich, die einzelnen Arbeitsbereiche detailliert zu beschreiben. Vielmehr soll es sich hier um eine prägnante und informative Übersicht handeln, welche das Interesse der Leser zunächst wecken und im Nachgang zu weiteren Eigenrecherchen animieren soll.

 

Berufsmöglichkeiten nach dem Psychologiestudium

 

Berufsfelder für Klinische Psychologen:

 

Generell stehen nach dem Abschluss eines Studiums mit dem Schwerpunkt Klinische Psychologie viele Türen offen. Auch wenn der Bachelor seit der Bolognareform bereits als erster berufsqualifizierender Hochschulabschluss gilt, so ist ein daran anschließender klinisch-psychologischer Master vor allem dann zwingend, wenn eine Weiterbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten oder zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten angestrebt wird (Mendius & Werther, 2014, S. 12-13).

 

  • Tätigkeiten in Kliniken:

Beispielsweise ist eine Beschäftigung im ambulanten oder stationären Bereich einer Psychiatrie möglich. Zu den üblichen Aufgaben in der Psychiatrie zählen etwa die Diagnostik schwerer psychischer Störungen, die Begutachtung komplexer Krankheitsbilder sowie Kriseninterventionen und darüber hinaus die Therapie der jeweiligen diagnostizierten psychischen Erkrankung. Doch Achtung: Ein in einer Psychiatrie arbeitender Psychologe darf nicht mit einem Psychiater gleichgesetzt werden. Im Gegensatz zum Psychiater ist ein Psychologe kein Arzt und darf somit keine Medikamente verschreiben (Ternés, 2018).

 

  • Tätigkeiten in eigener Praxis:

Wird nach dem Studium eine entsprechende therapeutische Ausbildung absolviert (siehe oben) und erfüllt man zudem die Voraussetzung der Approbation, so ergibt sich die Möglichkeit, entweder in einer Klinik oder aber in eigener Praxis Patienten psychotherapeutisch zu behandeln. Im Allgemeinen behandelt man als Psychologe in einer eigenen Praxis keine Klienten mit sehr schweren psychischen Störungen (z. B. akute Psychosen etc.), sondern eher solche Patienten, deren psychische Störung im Zuge einer ambulanten Therapie ausreichend behandelt werden kann. Neben Diagnostik, Therapiesitzungen, der Erstellung von Gutachten und der Krisenintervention fallen auch etliche schriftliche Büroarbeiten an, wie etwa die Vor- und Nachbereitung von Sitzungen, das Schreiben von Rechnungen und vieles mehr (Mendius & Werther, 2014, S. 25-31).

 

  • Tätigkeiten in Beratungseinrichtungen:

Es existiert eine nahezu unüberschaubar große Auswahl an Beratungsstellen, beispielsweise Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen, Schwangerschaftsberatungsstellen, spezielle Beratungsstellen für Ausländer, Beratungsstellen bei sexuellem Missbrauch, Kinderschutzzentren, Beratungsstellen für Essstörungen, Suchtberatungsstellen, Beratungsstellen bei Suizidgefährung usw. Die konkrete psychologische Tätigkeit unterscheidet sich dabei hinsichtlich der Themenschwerpunkte der jeweiligen Beratungsstelle. Generell geht es jedoch sowohl um die Beratung der unmittelbar von Schwierigkeiten betroffenen Personen als auch um beispielsweise deren Angehörige. Im Rahmen eines Termins in solch einer Beratungsstelle können aktuelle Probleme angesprochen werden und zudem entsprechende Informationen über weitere Hilfsmöglichkeiten eingeholt werden (Mendius & Werther. S. 39).

 

Berufsfelder für Wirtschaftspsychologen:

 

Auch der potenzielle Einsatzbereich frischgebackener Wirtschaftspsychologen ist äußerst vielfältig. Dabei kann Wirtschaftspsychologie einerseits schon im Bachelor studiert werden, andererseits ist es in diesem Sinne auch möglich den Bachelorstudiengang der Allgemeinen Psychologie zu belegen und entsprechende Schwerpunkte auf wirtschaftspsychologische Bereiche zu setzten, etwa Arbeits- und Organisationspsychologie oder Markt- und Werbepsychologie. Ein daran anschließender Master in der Wirtschaftspsychologie ist aus beruflicher Sicht kein Muss, aber in jedem Fall vorteilhaft (Mendius & Werther, 2014, S. 58-60).

 

  • Tätigkeit als Arbeitspsychologe:

„Die Hauptaufgaben arbeitspsychologischer Tätigkeiten sind: Analyse, Bewertung und Gestaltung von Arbeitstätigkeiten und Arbeitssystemen nach definierten Humankriterien.“ Das übergeordnete Ziel der Arbeitspsychologie stellt es dar, die Arbeit so zu gestalten, dass sowohl die Leistungsfähigkeit als auch die Gesundheit erhalten bleibt und dass darüber hinaus Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten angeboten werden. Tätigkeiten im Bereich der Arbeitssicherheit und des Arbeitsschutzes, die beispielsweise jegliche Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements umfassen können, stellen konkrete Funktionen im Gebiet eines Arbeitspsychologen dar (Bamberg, Busch & Mohr, 2012, S. 30).

 

  • Tätigkeit als Personalpsychologe:

„Gegenstand der Personalpsychologie ist das Verhalten und Erleben des Menschen in Arbeit, Beruf und Organisation. Personalpsychologie weist sich somit als Teil der Arbeits- und Organisationspsychologie aus, und zwar als jenes Teilgebiet, das sich auf die Betrachtung des Individuums in seinen Verhaltens-, Befindens-, Leistungs- und Entwicklungszusammenhängen konzentriert, insbesondere in dessen Funktion als Mitarbeiter eines Unternehmens oder einer Verwaltungsorganisation.“ (Schuler & Kanning, 2014, S. 14). Zu den typischen Aufgabenbereichen eines Personalpsychologen können beispielsweise die Folgenden zählen: Employer Branding und Personalmarketing, Personalauswahl und Eignungsdiagnostik, Personalbeurteilungssysteme und Entwicklungsdiagnostik, Personalentwicklung, Retention Management etc. (Mendius & Werther, 2014, S. 71-73).

 

  • Tätigkeiten als Organisationspsychologe:

Im Rahmen der Organisationspsychologie geht es vor allem um die Erforschung des Einflusses von Organisationsstrukturen und Arbeitsgruppen sowie die Interaktionen der Menschen innerhalb der Organisationen. Es geht vordergründig um die Beantwortung der Frage, wie eine Organisation das Verhalten ihrer Mitglieder so gestalten kann, dass es einen Beitrag zu den Zielen der Organisation leistet. Beispielsweise zählt auch die Beratung des Managements im Hinblick auf Planung und Verwirklichung von Veränderungsprojekten zu einer typischen Aufgabe eines Organisationspsychologen (Kauffeld, 2014, S. 4).

 

  • Tätigkeit als Trainer oder Coach:

Während im Rahmen einer Tätigkeit als Trainer in aller Regel die eigenständige Aufbereitung sowie Vermittlung von Inhalten in einem festen Zeitfenster mit mehreren Teilnehmern im Mittelpunkt steht, handelt es sich im Vergleich dazu bei einem Coaching um eine individuell gestaltete Sitzung, an der nur ein Klient und der Coach anwesend sind, und in dessen Kontext an den derzeitigen situativen Erfordernissen des Klienten gearbeitet wird. Somit geht es beim Coaching also um die persönliche Weiterentwicklung des Klienten. Es werden Lösungen herausgearbeitet, inwiefern aktuelle Herausforderungen bestmöglich bewältigt werden können (Mendius & Werther, 2014, S. 93).

 

  • Tätigkeit als Unternehmensberater:

„Unternehmensberatung ist eine von einem oder mehreren unabhängigen, eigenverantwortlichen, professionellen Berater(n) individuell für die Klientenorganisation marktmäßig erbrachte Dienstleistung, welche darauf ausgerichtet ist, in einem interaktiven, kommunikativen, sozialen Prozess gemeinsam mit dem Klienten eine ihn betreffende Problemstellung zu identifizieren und ein Lösungskonzept zu erarbeiten sowie auf Wunsch auch dessen Implementierung zu unterstützen.“ (Najda, 2001, S. 9). Als fundiert ausgebildeter Psychologe ergibt sich hier beispielsweise die interessante Möglichkeit, sich in einem Spezialgebiet – etwa Kommunikation oder Konfliktmanagement – als Selbstständiger auf dem Beratermarkt anzubieten (Mendius & Werther, 2014, S. 108).

 

  • Tätigkeit als Markt- und Meinungsforscher:

Auch diese berufliche Sparte zeichnet sich durch vielfältige Aufgabenstellungen aus. Im Rahmen von Forschungsprojekten kann es aus Marketing-Sicht beispielsweise um Produktvariationen, Preismodelle, Werbemittelforschung, Markenwahrnehmung oder Absatzkanäle gehen. In Bezug auf Kunden kann der fachliche Schwerpunkt von Projekten etwa auf deren Konsumgewohnheiten (Entscheidungsverhalten, Suchverhalten, Nutzungsverhalten) sowie auf der Kundenmeinung (Kundenloyalität, Kundenzufriedenheit) liegen. Auch die Untersuchung der Medienreichweite könnte ein mögliches Themengebiet sein (Mendius & Werther, 2014, S. 114).

 

Zwischenfazit

 

Insgesamt lässt sich an dieser Stelle festhalten, dass sowohl der Bereich der Klinischen Psychologie als auch der wirtschaftspsychologische Bereich eine Vielzahl spannender und abwechslungsreicher Tätigkeiten bereithält. Das Psychologiestudium stellt die theoretische Basis für die Ausübung dieser vorgestellten Berufe dar. Der vorliegende Artikel stellt dabei den 1. Teil der Berufsübersicht dar. Im Rahmen eines Folgebeitrags sollen daher weitere psychologische Karrierewege umrissen werden.

 

Literatur

 

Bamberg, Eva; Mohr, Gisela; Busch, Christine (2012): Arbeitspsychologie. Göttingen [u.a.]: Hogrefe (Psychlehrbuchplus).

Giza, Melanie (2014): In der Endlos-Orientierungskrise. Berufseinsteiger. Hg. v. Zeit Online. Online verfügbar unter https://www.zeit.de/karriere/beruf/2014-04/sinnsuche-universitaetsabschluss-krise, zuletzt aktualisiert am 13.04.2014, zuletzt geprüft am 09.09.2020.

Kauffeld, Simone (2014): Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie für Bachelor. Mit 36 Tabellen. 2., überarb. Aufl. Berlin, Heidelberg: Springer (Springer-Lehrbuch).

Mendius, Maximilian; Werther, Simon (Hg.) (2014): Faszination Psychologie – Berufsfelder und Karrierewege. Unter Mitarbeit von Marcella Ammerschläger. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg (Springer Lehrbuch).

Najda, Lars (2001): Informations- und Kommunikationstechnologie in der Unternehmensberatung. Möglichkeiten, Wirkungen und Gestaltung des Einsatzes. Gabler edition Wissenschaft. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag; Imprint (Informationsmanagement und Computer Aided Team).

Schuler, Heinz; Kanning, Uwe Peter (Hg.) (2014): Lehrbuch der Personalpsychologie. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Göttingen: Hogrefe.

Ternés, Anabel (2018): Was einen Psychologen von einem Psychiater unterscheidet. Hg. v. Focus Online. Online verfügbar unter https://www.focus.de/gesundheit/experten/psychologe-und-psychiater-das-ist-der-unterschied_id_8193125.html, zuletzt aktualisiert am 04.01.2018, zuletzt geprüft am 09.09.2020.

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