Positive Psychologie – wichtige Ergänzung der traditionellen Psychologie oder Modeerscheinung?

Die klinische Psychologie hat sich traditionell in erster Linie mit psychischen Störungen beschäftigt.[1] Man kann daher sagen, dass sie vor allem von einer defizitorientierten Betrachtung des Erlebens und Verhaltens des Menschen ausgeht. Somit stellt sich die Frage, ob in Ergänzung hierzu nicht auch eine Psychologie notwendig ist, die den Fokus dezidiert auf das menschliche Wohlbefinden legt, also auf die „mental wellness“ statt der „mental illness“.

Positive Psychologie

Die sogenannte „Positive Psychologie“ ist eine neuere Strömung der Psychologie und befasst sich mit eben diesem von der traditionellen Psychologie möglicherweise bisher nicht ausreichend berücksichtigten Aspekt des menschlichen Wohlbefindens. Dabei geht sie nicht von einem pathogenetischen, sondern von einem salutogenetischen Modell aus, das heißt, sie will nicht die Entstehung von Krankheit beschreiben, sondern die Entstehung von Gesundheit. Nach diesem Verständnis wird also „(…) nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern auch das Vorhandensein von Wohlbefinden und Entfaltung von Stärken als Grundvoraussetzung von körperlicher und seelischer Gesundheit postuliert“[2].

Klinische Implikationen

Nach einem traditionellen Verständnis könnte man davon ausgehen, dass psychische Krankheit und psychische Gesundheit die zwei Endpunkte desselben Kontinuums sind. Wie Lang, Georg, Groetsch, Ahrens & Wuttke (2018) ausführen, wird im Kontext der Positiven Psychologie hingegen eher davon ausgegangen, dass zwei verschiedene Kontinua vorliegen. Ein Kontinuum hat als Endpunkte das Vorliegen bzw. Nicht-Vorliegen psychischer Krankheit, während das andere als Endpunkte das Vorliegen bzw. Nicht-Vorliegen psychischer Gesundheit hat. Zwar handelt es sich um zwei getrennte Kontinua, aber sie beeinflussen sich gegenseitig. Das Modell verdeutlicht, dass auch ein von psychischer Krankheit betroffener Mensch (mit entsprechenden Werten auf dem Kontinuum psychischer Krankheit) glücklich sein kann, sofern er über entsprechend hohe Werte auf dem Kontinuum psychischer Gesundheit verfügt.[3]

Die sogenannte Positive Psychotherapie, die ursprünglich zur Behandlung von Depressionen entwickelt wurde[4] und in diesem Bereich bereits ihre Wirksamkeit empirisch nachweisen konnte[5], folgt genau diesem Ansatz. Seligman, der 1998 mit seiner Antrittsrede zur Präsidentschaft der American Psychological Association[6] die Popularität der Positiven Psychologie in jüngerer Zeit begründet hat, geht davon aus, dass Positive Psychotherapie durch die direkte Förderung positiver Emotionen, persönlicher Charakterstärke sowie Sinnsuche eine wirkungsvolle Behandlungsmethode von Depressionen darstellt[7].

Kritik

Das Konzept der Positiven Psychologie wird teilweise durchaus kritisch gesehen. So diskutiert Tomoff (2017) eine ganze Reihe möglicher Kritikpunkte, die er zu einem Gutteil aber gleichzeitig wieder relativiert. Demnach könne man z.B. fragen, ob die Positive Psychologie wirklich neu sei, ob sie negative Emotionen negiere oder ob die aus ihr hervorgegangenen Interventionen hinlänglich wissenschaftlich überprüft wurden.[8]

Fazit

Der Begriff „Positive Psychologie“ kam in seinem heutigen Verständnis erst Ende der 1990er-Jahre auf. Damit ist sie noch sehr jung und kaum als „erwachsene“ wissenschaftliche Disziplin zu sehen. Dies ändert aber nichts daran, dass der Grundgedanke – den Fokus nicht nur auf die Reduzierung von Schwächen und Störungen, sondern ebenso auf die Förderung von Stärken und Ressourcen eines Patienten zu lenken und dies systematisch zu erforschen – vielversprechend erscheint, so dass man von einer wichtigen Weiterentwicklung der klassischen Psychologie ausgehen kann. An der Harvard University hat ein Kurs in Positiver Psychologie es bereits zum beliebtesten Kurs in der Geschichte der Universität gebracht[9] und es wäre zu begrüßen, wenn auch an deutschen Hochschulen vermehrt die Möglichkeit bestünde, ein solches Modul zu wählen.

 

[1] Vgl. Lang/Schmitz (2018), S. 17
[2] Schumacher/Rupp/Lang/Tsiouris (2018), S. 92
[3] Vgl. Lang/Georg/Groetsch/Ahrens/Wuttke (2018), S. 173
[4] Vgl. Lang/Georg/Groetsch/Ahrens/Wuttke (2018), S. 174
[5] Vgl. Blickhan (2015), S. 301-302
[6] Vgl. Blickhan (2015), S. 18
[7] Vgl. Seligman/Rashid/Parks (2006), S. 775
[8] Vgl. Tomoff (2017), S. 13-16, 22-23
[9] Vgl. Pennock, S. F. (2020). Der Kurs ist mittlerweile online weitgehend frei zugänglich, siehe https://positivepsychology.com/harvard-positive-psychology-course-1504

 

Quellen:

Blickhan, D. (2015), Positive Psychologie – Ein Handbuch für die Praxis, 1. Aufl., Paderborn: Junfermann.

Lang, J./Georg, M./Groetsch, L./Ahrens, K./Wuttke, A. (2018), Positive Psychologie und Lebenskunst im klinischen Kontext. In: Schmitz, B./Lang, J./Linten, J. (Hrsg.): Psychologie der Lebenskunst. Positive Psychologie eines gelingenden Lebens – Forschungsstand und Praxishinweise, 1. Aufl., Berlin: Springer, S. 171-180.

Lang, J./Schmitz, B. (2018), Lebenskunst – was ist das und warum ist es lohnend, sich damit zu befassen? In: Schmitz, B./Lang, J./Linten, J. (Hrsg.): Psychologie der Lebenskunst. Positive Psychologie eines gelingenden Lebens – Forschungsstand und Praxishinweise, 1. Aufl., Berlin: Springer, S. 1-20.

Pennock, S. F. (2020), Positive Psychology 1504: Harvard’s Groundbreaking Course, https://positivepsychology.com/harvard-positive-psychology-course-1504/, abgerufen am 22.07.2020.

Seligman, M. E. P./Rashid, T./Parks, A. C. (2006), Positive Psychotherapy, American Psychologist, Jg. 61, Nr. 8, S. 774-788.

Schumacher, B./Rupp, C./Lang, J./Tsiouris, A. (2018), Positive Psychologie. In: Schmitz, B./Lang, J./Linten, J. (Hrsg.): Psychologie der Lebenskunst. Positive Psychologie eines gelingenden Lebens – Forschungsstand und Praxishinweise, 1. Aufl., Berlin: Springer, S. 91-100.

Tomoff, M. (2017), Positive Psychologie – Erfolgsgarant oder Schönmalerei?, 1. Aufl., Berlin: Springer.

 

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