Krebs und Psyche – Teil 1

Wie die Diagnose Krebs die Seele belastet  

 

Einleitung

„Sie haben Krebs!“ Diese Worte lösen bei fast allen Menschen schreckliche Angst aus. Sie kann aufgrund der ungewissen Zukunft, der anstehenden Therapie oder der sofort aufkommenden Gedanken an den Tod ausgelöst werden.  Jährlich erkranken in Deutschland ungefähr eine halbe Million Menschen an Krebs. Glücklicherweise verringert sich jedoch die Sterberate, denn heutzutage überleben dank der fortgeschrittenen Forschung und Medizin die Hälfte aller Betroffenen. Im Jahr 1980 starben noch mehr als zwei Drittel der Krebspatienten an ihrer Erkrankung.[1] Dies ist ein enormer Erfolg der Medizin, jedoch wurde der psychischen Komponente Jahrzehnte lang keine Beachtung geschenkt, da der Fokus alleinig auf der physischen Genesung lag. Doch wie stark wirkt sich die Krebserkrankung neben den körperlichen Leiden wirklich auf die Psyche aus?


Psychosoziale Belastung durch Krebs

Durch die Krebserkrankung können zahlreiche körperliche Probleme und Einschränkungen entstehen, welche durch die Erkrankung selbst oder die Behandlung ausgelöst werden. Dazu gehören beispielsweise Schmerzen, Fatigue (Erschöpfung), körperliche Schwäche oder Schlafstörungen. Die Dauer dieser Beeinträchtigungen ist unterschiedlich, sie können aber langfristig bestehen. Die genannten Nebenwirkungen können sich zusätzlich auf das allgemeine Wohlbefinden, die Leistungsfähigkeit oder die Beweglichkeit auswirken.

Die Krebserkrankung geht ebenfalls mit psychischen Problemen und Einschränkungen einher. Es kommt meist zu negativen Gedanken und Gefühlen. Die Betroffenen fühlen sich niedergeschlagen und traurig, teilweise sind sie sogar verzweifelt. Hinzu kommt die Angst vor dem Tod oder der Fortschreitung der Erkrankung. Auf existenzielle und soziale Sorgen reagieren viele Betroffene beispielsweise mit Wut, Ärger sowie Hilfs- und Hoffnungslosigkeit.

Meist entstehen bei den Betroffene auch soziale Problemen und Einschränkungen. Es können Schwierigkeiten im Zusammenleben mit anderen Menschen oder zu Einsamkeit auftreten. Finanzielle Belastungen und Schwierigkeiten am Arbeitsplatz kommen erschwerend hinzu. Alltägliche und zuvor unproblematische Tätigkeiten wie Waschen und Einkaufen können Erkrankte häufig nicht mehr eigenständig bewältigen und benötigen Hilfe.

Im spirituellen und religiösen Bereich kann es durch die Belastung zu einem Verlust des Lebenssinns oder des Glaubens kommen, wodurch Hoffnungslosigkeit und Zweifel ausgelöst werden können.

Die Probleme oder Einschränkungen dieser vier Lebensbereiche können wechselseitig wirken und zur Verschlimmerung bestimmter Symptome führen.[2]

 

Häufige psychische Erkrankungen

Aufgrund der starken Angst oder Traurigkeit, die bei Krebspatienten entsteht, können schwerwiegende psychische Erkrankungen ausgelöst werden. Laut einer Studie ist ein Drittel der Krebspatienten betroffen. Besonders häufig kommt es zu Depressionen, Angststörungen, Anpassungsstörungen oder Substanzmissbrauch.[3]
Eine Depression lässt sich an Interessen- und Freudverlust, Niedergeschlagenheit oder vermindertem Antrieb erkennen. Zusätzlich können Symptome anderer psychischen Funktionsbereiche komorbid auftreten.[4] Faktoren wie die persönlichen Merkmale des Betroffenen, dessen Reaktion auf die Diagnose, das soziale Umfeld und eventuelle psychische Vorerkrankungen können sich auf die Entstehung einer Depression auswirken. Die Krebsart und die Behandlung sind ebenso ausschlaggebend. Diese Faktoren beeinflussen gleichermaßen die Entwicklung einer Angststörung.[5]
Eine generalisierte Angststörung zeichnet sich durch eine andauernde Angstsymptomatik aus, bei der der Betroffene sich um unterschiedliche Dinge sorgt. Sie geht mit Symptomen wie Anspannung, Zittern, Muskelspannung, Herzklopfen, Nervosität, Schwitzen oder Schwindelgefühlen einher. Bei einer Panikstörung tritt die Angst plötzlich auf und hält nur wenige Minuten an. Diese Angstattacken werden als extrem unangenehm und lebensbedrohlich erlebt und gehen mit Symptomen wie Brustschmerz, Erstickungsgefühl und Herzklopfen einher.[6]
Eine Anpassungsstörung kann  durch die neue Situation und die damit einhergehenden Belastungen entstehen. Die Erkrankten sind mit der Situation überfordert und haben Probleme den Schicksalsschlag zu verarbeiten. Betroffene erleben traurige Verstimmungen, die mit Sorgen oder Angst einhergehen, und ziehen sich aus dem sozialen Umfeld zurück.
Um mit der Krebserkrankung besser zurecht zu kommen, greifen einige Krebskranke zu Alkohol oder Zigaretten. Diese können anregen, Spannungen abbauen oder das Wohlbefinden steigern.[7]

Zu diesen vier Krankheitsbildern lässt sich sagen, dass alle mit großer Angst einhergehen. Angst spielt bei Tumorpatienten daher eine größere Rolle als Depressionen. Häufig kommt es zu Schwierigkeiten bei der Findung der Diagnose. Bei Anpassungsstörungen weisen Betroffene sowohl depressive Anteile als auch  Symptome von Ängsten auf. Sollte dies nicht differenzierbar sein, so kann bei einer Anpassungsstörung grundsätzlich von Depressionen gesprochen werden.[8]

 

Fazit mit Handlungsmöglichkeiten  

Durch die Diagnose Krebs kann es bei den Betroffenen durch allein das Wissen um die Krankheit oder die Behandlung zu psychischen Störungen kommen. Diese werden durch die ungewöhnlich schwere Belastung, die mit starken Ängsten einhergeht, ausgelöst. Die am häufigsten auftretenden psychischen Störung  im Zusammenhang mit einer Tumorerkrankung sind Depressionen, Angststörungen, Anpassungsstörungen und Substanzmissbrauch. Sobald die Betroffenen Ängste oder depressive Stimmungen verspüren, ist es sinnvoll, einen Psychotherapeuten oder einen psychoonkologischen Therapeuten aufzusuchen. Bei Anpassungsstörungen kann eine psychosoziale Beratung hilfreich sein. Es können jedoch auch andere Methoden angewendet werden. Entspannungsverfahren oder imaginative Verfahren wie Yoga oder Meditationen helfen, positive Gefühle zu entwickeln und dadurch Angst und Anspannungen zu verringern. Durch Ergo-, Physio- oder Bewegungstherapie können ebenso wie durch eine künstlerische Therapie die Ängste verringert und die Leistungsfähigkeit verbessert werden.[9] Welche Therapie hilfreich ist, um die Belastungen und Ängste zu verringern, ist abhängig von der Persönlichkeit des Erkrankten. Das soziale Umfeld spielt ebenso eine große Rolle und kann als Schutzfaktor fungieren. Vor allem Depressionen lassen sich durch die Unterstützung von Partner, Familie und Freunden vorbeugen, da der Erkrankte gar nicht erst das Gefühl entwickelt, die Belastung alleine tragen zu müssen.[10]

 

[1] Vgl. Deutsches Krebsforschungszentrum (2019)

[2] Vgl. Leitlinienprogramm Onkologie der AWMF, Deutschen Krebsgesellschaft e. V. und Stiftung Deutsche Krebshilfe (2016), S. 18-20

[3] Vgl. Leitlinienprogramm Onkologie der AWMF, Deutschen Krebsgesellschaft e. V. und Stiftung Deutsche Krebshilfe (2016), S. 25

[4] Vgl. Caspar/Pjanic/Westermann (2018), S. 56

[5] Vgl. Niedzwiedz/Knifton/Robb/Katikireddi/Smith (2019), S. 2

[6] Vgl. Caspar/Pjanic/Westermann (2018), S. 69-70

[7] Vgl. Leitlinienprogramm Onkologie der AWMF, Deutschen Krebsgesellschaft e. V. und Stiftung Deutsche Krebshilfe (2016), S. 30

[8] Vgl. MMW – Fortschritte der Medizin (2015), S. 10

[9] Vgl. Leitlinienprogramm Onkologie der AWMF, Deutschen Krebsgesellschaft e. V. und Stiftung Deutsche Krebshilfe (2016), S. 41-54

[10] Vgl. MMW – Fortschritte der Medizin (2015), S. 10

 

Literatur

Niedzwiedz, C./Knifton, L/Robb, K./ Katikireddi, S./Smith, D. (2019): Depression and anxiety among people living with and beyond cancer: a growing clinical and research priority. BMC Cancer. Nr. 19, Artikelnummer 934, Springer Nature.

Caspar, F./Pjanic, I./Westermann, S. (2018): Klinische Psychologie. 1. Auflage, Wiesbaden: Springer Verlag.

Deutsches Krebsforschungszentrum (2019): Krebsstatistiken: So häufig ist Krebs in Deutschland. In: https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/grundlagen/krebsstatistiken.php, abgerufen am 09.09.2020

Leitlinienprogramm Onkologie der AWMF, Deutschen Krebsgesellschaft e. V. und Stiftung Deutsche Krebshilfe (2016): Psychoonkologie. Psychosoziale Unterstützung für Krebspatienten und Angehörige. Berlin: Deutsche Krebsgesellschaft e. V.

MMW – Fortschritte der Medizin (2015): Psychische Belastung von Tumorpatienten. Früherkennung einer Depression verbessert die Prognose bei Krebs. Band 157, S. 10, Springer Medizin.

 

Bildquelle:
https://pixabay.com/de/illustrations/portr%C3%A4t-frau-glatze-gesicht-4371621/