Jeder kann das Lernen lernen

Du studierst Psychologie? Geht das in deinem Alter überhaupt noch? Wie machst du das? Wie lernst du da und wann? Ich könnte das nicht! Solche und ähnliche Unterhaltungen amüsieren mich immer wieder. Mal kurz darüber nachgedacht ist das „Lernen“ dennoch im Vormarsch.
Durch den stetigen, rapiden, dynamischen Wandel der Gesellschaft ist „Lernen“ zu einem Schlüsselbegriff geworden. Individuen, gesellschaftliche Systeme und Organisationen müssen und sollen einen dauernden, immer noch schnelleren und permanenten Lernprozess durchleben (vgl.: Faulstich, 2013, S.7). Eine gut fundierte Erstausbildung genügt nicht mehr. Veränderungen in der Arbeitswelt zwingen die arbeitende Bevölkerung aller Branchen zur regelmäßigen Weiterbildung. Dabei wird immer wieder beobachtet das vor allem Erwachsene Schwierigkeiten haben, effizient und eigenverantwortlich zu lernen (vgl.: Schräder-Naef, 2003, S.12).

Wie funktioniert ein Lernprozess
Der gesunde Mensch ist fähig permanent zu lernen. Er lernt durch das Beobachten des Verhaltens anderer. Er lernt aus der Erfahrung und Wirkung eigenen Verhaltens. Er lernt durch Manipulieren von Symbolen und Objekten. Manipulationen dienen zum Lernen von abstrakten Beziehungen, geistigen Zusammenhängen sowie Funktionsgesetzmäßigkeiten (vgl.: Becker-Carus/Wendt, 2017, S. 292). Lernen entsteht durch ständige Wechselwirkung des Menschen mit der Umgebung. Der Mensch nimmt Informationen aus der Umwelt auf, diese werden mit bereits Gespeicherten Informationen verglichen, in Verbindung gesetzt und im Gedächtnis abgespeichert. Die gespeicherten Informationen können danach in folgenden, meist ähnlichen Situationen abgerufen werden und das Verhalten des Individuums bestimmen. Womit der Prozess wieder von vorne beginnt (vgl.: Gerrig, 2018, S. 200).

Wie wird das Gelernte behalten
Um gelerntes auch wiedergeben zu können muss es abgespeichert werden. Dieses erfolgt in einem Stufenmodell von Gedächtnisabläufen. Der sensorische Speicher endkodiert Informationen, die durch ein Sinnesorgan aufgenommen werden. Visuelle Reize werden für weniger als 1 Sekunde, akustische Reize für etwa 2 Sekunden abgelegt. Danach wird die Information in das Kurzzeitgedächtnis und den Arbeitsspeicher transferiert (vgl.: Herbert, 2017, S. 57). Neue Informationen und solche die direkt verfügbar sein müssen werden hier verarbeitet. Auch bereits gelerntes kann aus dem Langzeitgedächtnis für die Koppelung mit neuen Informationen wieder in den Arbeitsspeicher geholt werden. Wird das gelernte nicht verfestigt und wiederholt kann es nicht im Langzeitspeicher abgelegt werden, sondern verschwindet wieder (vgl.: Metzig/Schuster, 2016, S.13). Eine Information kann aber auch so enkodiert und gespeichert werden, dass sie schließlich im Langzeitgedächtnis abgelegt wird, um nicht mehr vergessen zu werden (vgl.: Myers, 2014, S. 338). Das Langzeitgedächtnis unterscheidet sich in explizites und implizites Gedächtnis. Die Unterscheidung bezieht sich auf die zugrunde liegende Erfahrung zum Augenblick der Wiedergabe der Gedächtnisinhalte. Erfolgt die Wiedergabe willentlich und bewusst wird vom expliziten oder auch deklarativen Gedächtnis (Wissensgedächtnis) gesprochen. Darunter fällt all jenes Wissen, welches bewusst mitgeteilt werden kann. Erfolgt die Wiedergabe ohne willentlichen Impuls und nicht bewusst wird vom impliziten oder auch prozeduralen Gedächtnis (Verhaltensgedächtnis) gesprochen, welches die Grundlage motorischer und kognitiver Fertigkeiten darstellt (vgl.: Becker-Carus/Wendt, 2017, S. 389).

Wie kommt es zur Lernblockade
Die Natur hat den Menschen so ausgestattet, dass er nur in einer entspannten Atmosphäre bereit ist zu lernen. Wohlempfinden und Vertrautheit legen das Fundament dazu. Rein biologisch lösten Gefahrenmomente, etwa eine feindliche Umwelt Fluchtreaktionen aus, die das Lernen blockieren. Lern- und Denkblockaden bei Prüfungssituationen oder zwischenmenschlichen Konflikte in großen Stresssituationen, haben daher einen natürlichen Hintergrund. Hohe Erwartungen, Versagensängste oder Konkurrenzkämpfe verstärken diese Reaktionen (vgl.: Fuchs/Graichen, 1994, S. 10).

Strategien für den Lernerfolg
Oftmaliges Wiederholen des gelernten verfestigt den Lernstoff. Dieser kann auch kritisch hinterfragt werden, wodurch die Aktivität gesteigert wird und das Gelernte eine bessere Verzweigung mit anderen bereits bekannten Materien bekommt (vgl.: Myers, 2014, S. 363). Es sollte nicht immer im gleichen Kontext und in der gleichen Reihenfolge gelernt werden, die Abwechslung führt zu einer besseren Verankerung. Aus dem Lernstoff können visuelle Vorstellungsbilder oder Geschichten erfunden werden, wodurch verschiedenste Themen leichter behalten werden können (vgl.: Gerrig, 2018, S. 262). Interferenzen sollten vermieden werden. Somit sollte versucht werden nicht direkt hintereinander zwei unterschiedliche Themenfelder zu bearbeiten. Schlaf hilft dem Gehirn das Gelernte zu verarbeiten. Informationen werden neu organisiert und gefestigt damit sie ins Langzeitgedächtnis aufgenommen werden können. Auch das eigenständige Testen des Wissens ist von Bedeutung, da dadurch eventuelle Schwachstellen erkannt werden könne und so noch rechtzeitig agiert werden kann (vgl.: Myers, 2014, S. 364).

Fazit
Die Motivation hat großen Einfluss darauf, ob Lernmaterial behalten oder vergessen wird. Informationen, die von persönlichem Interesse sind werden mühelos behalten. Gefühlsmäßige Blockaden oder unbewusster Ärger können jedoch hinderlich am Lernerfolg sein. Je offener und entspannter der Lernstoff entgegengenommen wird, um so leichter kann er auch verarbeitet werden. Sollte dennoch eine Situation der Überforderung aufkommen, hilft es sich an bereits bestandene Testsituationen zu erinnern, die ähnliche Gefühle geweckt haben. Oder einen Schritt zurück zu machen und alles nochmal mit Ruhe durchzugehen.

Literaturverzeichnis
Becker-Carus, C., & Wendt, M. (2017). Allgemeine Psychologie, Eine Einführung, 2. Auflage. Heidelberg, Berlin: Springer.
Faulstrich, P. (2013). Menschliches Lernen, Eine kritisch-pragmatische Lerntheorie. Bielefeld: transcript Verlag.
Fuchs, H. (1994). Bessere Lernmethoden, Effiziente Techniken Übungen und Tests. München: Orbis Verlag.
Gerrig, R. J. (2018). Psychologie, 20., aktualisierte und erweiterte Auflage. Hallbergmoos: Pearson.
Herbert, B. M. (2017). Spezialgebiete der Biologischen Psychologie. Riedlingen: SRH Hochschulen GmbH.
Metzig, W., & Schuster, M. (2016). Lernen zu lernen, Lernstrategien wirkungsvoll einsetzen. Berlin, Heidelberg: Springer – Verlag.
Myers, D. G. (2014). Psychologie, 3. Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer – Verlag.
Schräder-Naef, R. (2003). Rationeller Lernen lernen, Ratschläge und Übungen für alle Wissensbegierigen, 21. Auflage. Weinheim, Basel, Berlin: Beltz.

Bildquelle

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