Diagnosen und Hypothesen mit der OPD-2

Um eine psychische Krankheit zu diagnostizieren, werden deskriptive Verfahren angewandt. Mit der Beschreibung der Symptome hat man aber noch nichts über die Ursache der Störung in Erfahrung gebracht. Dafür gibt es zusätzliche Verfahren. Eines davon ist die OPD-2.

Die Operationalisierte Psychodynamische Diagnose (OPD-2) dient der Formulierung einer umfangreichen, mehrere Ebenen umfassenden psychoanalytischen Diagnostik.[1] Damit können Patientinnen und Patienten hinsichtlich psychodynamisch relevanter Merkmale beurteilt werden. Außerdem kann mit Hilfe des multiaxialen Systems neben der Diagnose auch eine Hypothese über die Krankheit aufgestellt werden.

OPD aus psychodynamischer Sicht

Die OPD-2 ähnelt in ihrer Zielsetzung u.a. der horizontalen und vertikalen Verhaltensanalyse, die in der kognitiven Verhaltenstherapie eingesetzt wird, um neben der Beschreibung der Störung, einen kausalen Zusammenhang herzustellen und die Anleitung für eine Verhaltensmodifikation aufzustellen. Auch wenn die OPD, seit 2006 in ihrer 2. überarbeiteten Auflage, innerhalb des psychodynamischen Lehrgebäudes bleibt, bieten sich viele Parallelen zu anderen Klassifikationssystemen wie dem AMDP-System zur standardisierten Erfassung und Dokumentation eines psychopathologischen Befunds. Die Items der Beziehungs- und vor allem der Strukturachse der OPD-2 sind mittlerweile auch in verschiedenen Studien hinsichtlich der wissenschaftlichen Gütekriterien untersucht worden.[2]

Verhaltensanalyse als Werkzeug der kognitiven Verhaltenstherapie

Bei dem multiaxialen System der OPD-2 handelt es sich um die Achse zu Krankheitserleben und Behandlungsvoraussetzung (I), der Beziehungsachse (II), der Achse für innere Konflikte (III) und der Achse zu den strukturellen Fähigkeiten bzw. Vulnerabilitäten (IV). Die letzte Achse (V) betrifft psychische und psychosomatische Störungen. Die Beurteilung geschieht idealerweise auf Grundlage eines ein- bis zweistündigen Interviews, in dem eine offene, beziehungsdynamische Gesprächsführung mit dem strukturierteren Vorgehen der biographischen Anamnese und der psychiatrischen Exploration kombiniert wird.[3]

Störungshypothesen führen zur passenden Therapie

Um die richtige Art der Behandlung zu wählen, ist es hilfreich, eine Hypothese über die Entstehung der Krankheit zu generieren. Dabei hilft die OPD-2. Aber auch für die psychodynamische Forschung gilt sie mittlerweile als Goldstandard.[4] Im Gegensatz zum kategorialen Ansatz der ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten) liegt bei der OPD-2 ein dimensionaler Ansatz vor. Es werden also Ausprägungen bzw. Schweregrade von Störungen ermittelt.

Nimmt man als Beispiel die Gehemmtheit einer Person, so kann diese auf der Beziehungsachse (II) von anderen als Arroganz wahrgenommen werden, was wiederum die von der Person befürchteten negativen Reaktionen hervorrufen könnte. Die Gehemmtheit kann auch durch Defizite in der Kommunikation von Affekten oder einer fehlenden Bindungsfähigkeit entstehen. Das wird auf der OPD-Strukturachse (IV) untersucht. Als weitere Möglichkeit könnte die Gehemmtheit einer Person auch aus intrapsychischen Konflikten z.B. der fehlenden Lösung von einer übermächtigen Vaterfigur resultieren. Das wird anhand der Konfliktachse (III) exploriert.

Multiaxiales System

Die Achsen III und IV sind für die psychodynamische Diagnostik die wichtigsten und bauen aufeinander auf. Denn eine konfliktpathologische Symptomatik (III) kann sich aus psychodynamischer Sicht nur auf der Basis eines höheren oder mittleren Strukturniveaus (IV) entwickeln. Auf der Achse III liegen ungelöste Zustände vor, die sich im Spannungsfeld von sieben Begriffspaaren und Konflikten bewegen. (siehe Abbildung 1) Es wird für alle sieben eingeschätzt, ob ein Konflikt nicht vorhanden / nicht sichtbar, wenig bedeutsam, bedeutsam oder sehr bedeutsam erscheint. Zudem werden ein Hauptkonflikt und ein zweitwichtigster Konflikt bestimmt sowie für den Hauptkonflikt der Modus (aktiv versus passiv) spezifiziert.[5]

Abbildung 1: Übersicht zur OPD Konfliktachse

Während die Achse III intrapsychische Konflikte behandelt, geht es bei der Achse IV um Entwicklungspathologien, die nur interpsychisch gelöst werden können. Am häufigsten sind hier schwere Persönlichkeitsstörungen, Suchterkrankungen, somatoforme oder psychosomatische Erkrankungen sowie Essstörungen zu finden.[6]

Von einem gut integrierten Strukturniveau wird gesprochen, wenn ein autonomes Selbst erkennbar ist, das über die wesentlichen regulierenden Funktionen verfügt und bei dem auch Konflikte möglich sind. Eine mäßig integrierte Struktur ist von einer unsicheren Identität gekennzeichnet, bei der es zu Impulsdurchbrüchen kommen kann. Von einer gering integrierten Struktur wird bei Identitätsdiffusion mit erheblich eingeschränkten regulierenden Funktionen gesprochen. Auf der niedrigsten Ebene wird die desintegrierte Struktur angesiedelt. Hier sind die Selbst-Objekt-Grenzen so diffus, dass nicht selten psychotisches Erleben im Vordergrund steht.[7] Die Strukturachse der OPD-2 kann in einem Kreisdiagramm dargestellt werden. (siehe Abbildung 2)

Abbildung 2: OPD-Kreisdiagramm Strukturachse bzgl. Gegenüber

Um die OPD-2 richtig anwenden zu können, wird seitens der Arbeitsgemeinschaft Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik eine mehrjährige Therapieerfahrung und eine entsprechende Ausbildung vorausgesetzt. Da die Durchführung des kompletten Manuals der OPD-2 aber sehr zeitaufwändig ist, werden oft nur die Achsen III und IV untersucht. (Helle S. 52) Dennoch kann gerade zum besseren Verständnis einer psychischen Störung und zur Therapieplanung im Rahmen des psychodynamischen Ansatzes die OPD-2 wertvolle Hinweise geben.

 

[1] Wöller, W. und Kruse, J. 2014, S. 59
[2] vgl. Henkel, M. et al. 2018
[3] Zimmermann, J. 2014, S. 44
[4] Henkel, M. et al. 2018, S. 108
[5] Henkel, M. et al. 2018, S. 113
[6] Wöller, W. und Kruse, J. 2014, S. 311
[7] Helle, M. 2019, S. 51

 

Literatur

Helle, M. (2019) Psychotherapie Berlin: Springer

Henkel, M. et al. Same same but different: Das Potential der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik für ein differenziertes Verständnis von Persönlichkeitsstörungen Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie (2018), 66 (2), 107–117

Wöller, W. und Kruse, J. (2014) Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie Stuttgart: Schattauer

Zimmermann, J. et al. Der Beziehungsmuster-Q-Sort ( OPD-BQS): Ein Selbsteinschätzungsinstrument zur Erfassung von d ysfunktionalen Beziehungsmustern auf Grundlage der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, 62 (1), 2014, 43–53

 

Beitragsbild: pixabay Beratung von Mohamed_Hassan abgerufen unter https://pixabay.com/de/vectors/beratung-therapeut-silhouette-chat-3630323/

Abbildung 1: Übersicht zur OPD Konfliktachse Henkel, M. et al. 2018, S. 112

Abbildung 2: OPD-Kreisdiagramm Strukturachse bzgl. Gegenüber Zimmermann, J. et al. 2014, S. 45