Depressionen bei Kindern – Wenn Kinderseelen stille Tränen weinen

Bei Depressionen denken viele Menschen an eine Erwachsenenkrankheit. Doch bereits Kinder besonders Mädchen – sind immer häufiger von dieser psychischen Störung betroffen (Lohaus & Vierhaus, 2019, S. 331). Im Jahr 2017 litten 1,5 Prozent der Jungen und Mädchen in Deutschland an einer Depression (DAK, 2019). Geht man nach den Angaben der Eltern, sind sogar ca. 5 Prozent der Kinder von diesem psychischen Leiden betroffen. Umso fataler ist es, dass kindliche Depressionen häufig unbemerkt bleiben, denn anders als ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) sind sie eine eher stille Erkrankung (Schuster, 2017, S. 146-147). In diesem Beitrag erfahren Sie, was Depressionen sind, wie sich die Depressionssymptome von Kindern verschiedener Altersstufen von der Symptomatik Erwachsener unterscheiden, welche Ursachen Depressionen zugrunde liegen und welche Therapiemöglichkeiten bestehen.

 

Klassifikation

Depressionen werden zu den affektiven Störungen gezählt und können in Form einer Major Depression oder Dysthymie auftreten (Petermann, Maercker Lutz & Stangier, 2011, S. 224). Während für die Major Depression ein episodenhafter Verlauf mit mindestens zweiwöchigen Phasen charakteristisch ist, ist die Dysthymie gekennzeichnet durch eine mindestens zwei Jahre anhaltende leichtere depressive Verstimmung (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 882). In der ICD-10 (10. Auflage der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitszustände) werden Depressionen unter den affektive Störungen in Kapitel F3 aufgelistet (Caspar, Pjanic & Westermann, 2018, S. 55; DIMDI, 2019).

 

Symptome Erwachsener

Zu einem besseren Verständnis der Besonderheiten kindlicher Depressionen sollen zunächst die Depressionssymptome Erwachsener vorgestellt werden: Die charakteristischen Leitsymptome einer Depression bestehen aus niedergeschlagener Stimmung, Interessenverlust sowie Freud- und Antriebslosigkeit. Darüber hinaus können weitere Symptome auf motivationaler, emotionaler, kognitiver, behavioraler und körperlicher Ebene bestehen, wie z. B. Abgeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit, Selbstwertverlust, Schuldgefühle, Konzentrationsstörungen, Entscheidungsschwäche, Suizidalität, soziale Isolation, Unruhe, Schlaf- und Appetitstörungen, Libidoverlust oder Kopfschmerzen (Caspar et al., 2018, S. 56).

 

Symptome bei Kindern und Jugendlichen

Bei Kindern äußern sich Depressionen teilweise deutlich anders als bei Erwachsenen: So erscheinen betroffene Kleinkinder oft traurig, zeigen wenig Mimik, leiden an Schlafstörungen, zeigen wenig Kreativität und Phantasie und haben einen verminderten Spieltrieb mit wenig Phantasie und Kreativität oder ein abweichendes Essverhalten. Im Kindergartenalter zeigen sich Depressionen gewöhnlich durch einen traurigen Gesichtsausdruck mit wenig Mimik, durch Stimmungsschwankungen und Freudlosigkeit sowie Schlaf- oder Essstörungen und introvertiertem oder aggressivem Verhalten. Betroffene Schulkinder können Traurigkeit und Suizidgedanken äußern, sich vernachlässigt fühlen oder in der Schule schlechte Leistungen zeigen. Depressionssymptome Jugendlicher bestehen aus mangelndem Selbstvertrauen, Ängsten, Konzentrationsstörungen, Apathie, Stimmungsschwankungen und psychosomatischen Beschwerden. Darüber hinaus können Jugendliche die oben erwähnten klassischen Depressionssymptome Erwachsener zeigen (Pössel, 2009, S. 665-666). Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Depressionssymptome verschiedener Entwicklungsstufen:

 

Entwicklungszeitraum Symptome
Kleinkindalter (1-3 Jahre) Wirkt traurig
Ausdrucksarmes Gesicht
Erhöhte Irritabilität
Gestörtes Essverhalten
Schlafstörungen
Selbststimulierendes Verhalten: Jactatio capitis, exzessives Daumenlutschen
Genitale Manipulation
Auffälliges Spielverhalten, reduzierte Kreativität
Spielunlust
Mangelnde Phantasie
Vorschulalter (3-6 Jahre) Trauriger Gesichtsausdruck
Verminderte Gestik und Mimik
Leicht irritierbar und äußerst stimmungslabil
Mangelnde Fähigkeit, sich zu freuen
Introvertiertes Verhalten, aber auch aggressives Verhalten
Vermindertes Interesse an motorischen Aktivitäten
Essstörungen bis zu Gewichtsverlust/-zunahme
Schlafstörungen, Albträume, Ein- und Durchschlafstörungen
Schulkinder Verbale Berichte über Traurigkeit
Suizidale Gedanken
Befürchtungen, dass Eltern nicht genügend Beachtung schenken
Schulleistungsstörungen
Pubertät und Jugendalter Vermindertes Selbstvertrauen
Apathie, Angst, Konzentrationsmangel
Leistungsstörungen
Zirkadiane Schwankungen des Befindens
Psychosomatische Störungen
Kriterien der depressiven Episode

Tabelle: Depressionssymptomatik im Entwicklungsverlauf. Quelle: Pössel, 2009, S. 666.

 

Ursachen

Depressionen im Kindes- und Jugendalter liegen vielfältige Ursachen zugrunde: Neben genetischen Faktoren und Störungen des Neurotransmitterstoffwechsels sind gestörte Bewertungs- und Wahrnehmungsmuster sowie soziale Defizite an der Entstehung beteiligt. Als familiäre Ursachen gelten emotionale Vernachlässigung und Bindungsarmut, der Verlust eines Elternteils sowie Belastungssituationen und Konflikte. Auch eine depressive Erkrankung der Eltern kann die Entstehung kindlicher Depressionen begünstigen (Lohaus & Vierhaus, 2019, S. 332). Es wird davon ausgegangen, dass Depressionen im Kindes- und Jugendalter durch das Zusammentreffen einer individuellen Anfälligkeit (Vulnerabilität) mit einem äußeren Belastungsfaktor entstehen (Schuster, 2017, S. 153).

 

Interventions- und Therapiemöglichkeiten

Nicht alle Kinder mit depressiver Symptomatik bedürfen einer Psychotherapie. In manchen Fällen sind Interventionen zur Förderung der psychischen Gesundheit und eines förderlichen Lebensumfelds ausreichend (Schuster, 2017, S. 154). So liefert eine Metaanalyse verschiedener Studien über Depressionen Hinweise, dass Kampagnen zur Förderung geregelter und gesundheitsfördernder Lebensgewohnheiten und zur Vermeidung von Substanzmittelkonsum und negativen Bewältigungsmustern zur Senkung des Depressionsrisikos bei Kindern und Jugendlichen beitragen können (Cairns, Yap, Pilkington & Jorm, 2014, S. 61). Sind derartige Maßnahmen nicht ausreichend, ist eine psychotherapeutische Behandlung in Form einer kognitiven Verhaltenstherapie angezeigt, um soziale Kompetenzen zu stärken, Freizeitaktivitäten zu fördern, negative Denkmuster zu überwinden und Kompetenzen zur Bewältigung von Schwierigkeiten und zur Erreichung von Zielen zu trainieren. Beim Vorliegen einer schweren Symptomatik können begleitend zur Psychotherapie Antidepressiva eingesetzt werden (Lohaus & Vierhaus, 2019, S. 332).

 

Fazit und Ausblick

Obwohl immer mehr Kinder und Jugendliche an einer Depression leiden, bleibt diese psychische Störung häufig unerkannt (Lohaus & Vierhaus, 2019, S. 331; Schuster,  2017, S. 146). Dies kann dadurch erklärt werden, dass kindliche Depressionen i. d. R. ein stilles Leiden sind und sich die Symptomatik depressiver Kinder zum Teil von den klassischen Depressionssymptomen Erwachsener unterscheidet (Pössel, 2009, S. 665-666; Schuster, 2017, S. 146). Dem Störungsbild liegen vielfältige Ursachen zugrunde (Lohaus & Vierhaus, 2019, S. 332). Falls den Lebensalltag stabilisierende Interventionsmaßnahmen nicht ausreichend sind, ist die Behandlungsmethode der Wahl eine kognitive Verhaltenstherapie (Lohaus & Vierhaus, 2019, S. 332; Schuster, 2017, S. 154). Aufgrund der steigenden Prävalenz und der Tatsache, dass Depressionen im Kindes- und Jugendalter häufig unerkannt bleiben, kann expliziter Handlungsbedarf gesehen werden, z. B. in Form von Aufklärungskampagnen in der Bevölkerung und Schulungen von Lehr- und Erziehungspersonal. Der Ratgeber „Wie wird mein Kind wieder glücklich? Praktische Hilfe gegen Depressionen“ von Groen und Petermann (2019), erschienen im Hogrefe Verlag, bietet weiterführende Informationen für Eltern, Lehrer, Therapeuten und alle Interessierten.

 

 

 

Literatur

Beesdo-Baum, K. & Wittchen, H.-U. (2011). Depressive Störungen: Major Depression und Dysthymie. In H.-U. Wittchen & J. Hoyer (Hrsg.), Klinische Psychologie & Psychotherapie (2. Aufl., S. 879-914). Berlin, Heidelberg: Springer.

Cairns, K. E., Yap, M. B. H., Pilkington, P. D. & Jorm, A. F. (2014). Risk and protective factors for depression that adolescents can modify: a systematic review and meta-analysis of longitudinal studies. Journal of Affective Disorders, 169, S. 61-75.

Caspar, F., Pjanic, I. & Westermann, S. (2018). Klinische Psychologie. Wiesbaden: Springer.

DAK (2019). Prävalenz von Depressionen und Angststörungen unter Kindern und Jugendlichen in Deutschland nach Geschlecht im Jahr 2017 (Fälle je 1.000). Statista. Abgerufen am 22.05. 2020. Verfügbar unter https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1085614/umfrage/praevalenz-von-depressionen-und-angststoerungen-unter-kindern-nach-geschlecht/

DIMDI (2019). ICD-10-GM Version 2020: Kapitel V Psychische und Verhaltensstö-rungen (F00-F99): Affektive Störungen (F30-F39). Abgerufen am 23.05.2020. Verfügbar unter https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/icd/icd-10-gm/kode-suche/htmlgm2020/block-f30-f39.htm

Groen, G. & Petermann, F. (2019). Wie wird mein Kind wieder glücklich? Praktische Hilfe gegen Depressionen (2. Aufl.). Bern: Hogrefe.

Lohaus, A. & Vierhaus, M. (2019). Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor (4. Aufl.). Berlin: Springer.

Petermann, F., Maercker, A., Lutz, W. & Stangier, U. (2011). Klinische Psychologie  –   Grundlagen. Göttingen: Hogrefe.

Pössel, P. (2009). Depression/Suizidalität. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.). Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 3 (S. 675-696). Berlin, Heidelberg: Springer.

Schuster, B. (2017). Pädagogische Psychologie: Lernen, Motivation und Umgang mit Auffälligkeiten. Berlin, Heidelberg: Springer.

 

 

Titelbild: Veröffentlicht von Free-Photos auf Pixabay unter https://pixabay.com/de/photos/person-wenig-junge-kind-kinder-731165/