Wie Ambiguitätstoleranz zu Resilienz beitragen kann – Widersprüchlichkeiten aushalten lernen

Schwarz oder weiß, gut oder böse, Freund oder Feind – so wollen viele Menschen die Welt sehen. Oft sind die Dinge aber nicht eindeutig. Es gibt beispielsweise Frauen mit Bärten oder Männer mit Kleidern. Unerträglich? Die Fähigkeit Mehrdeutigkeit zu akzeptieren, nennt sich Ambiguitätstoleranz. Diese wichtige Kompetenz kann dazu beitragen, dass wir grundsätzlich resilienter werden.

Als Ambiguitätstoleranz wird in der Kognitiven Psychologie und der Persönlichkeitspsychologie also die Fähigkeit bezeichnet, Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis nehmen und ertragen zu können (Ambiguitätstoleranz im Dorsch Lexikon der Psychologie 2021). Ist Ambiguität nicht dasselbe wie Ambivalenz? Nicht ganz, wobei die Differenzierungen in der Literatur in unterschiedliche Richtungen gehen: Laut Vanagas (2021) umfassen die beiden Begriffe unterschiedliche Bereiche des menschlichen Seins: Während Ambiguitäten in Form von Unklarheiten den kognitiven Bereich umfassen, beziehen sich Ambivalenzen auf den affektiven Bereich (S. 276). Bei Pflichthofer (2014) bezieht sich der Unterschied auf das „erlebende Ich“, das bei der Ambiguität von einem unauflösbaren Widerspruch betroffen ist, während es bei der Ambivalenz die Möglichkeit zu einer Entscheidung oder einem Kompromiss hat (S. 248).

Die Psychologin Else Fenkel-Brunswik gilt als die Entdeckerin dieser Persönlichkeitseigenschaft und beschrieb die Ambiguitätstoleranz erstmals im September 1949 in ihrem Fachaufsatz im Journal of Personality (Frenkel-Brunswik 1949). Wenn Ambiguitätstoleranz also als Persönlichkeitseigenschaft gesehen wird, stellt sich unweigerlich die Frage, ob sie dann überhaupt veränderbar ist. Die Antwort lautet: Ja. Als Ergebnis von Lernprozessen sind Persönlichkeitseigenschaften in Maßen gestaltbar und veränderbar, sodass die eigene Ambiguitätstoleranz in geringem Maße gesteigert werden kann (Schroll 2022, S. 5).

Die Fähigkeit mit Ambiguitäten gut umgehen zu können, ist vor allem dann wichtig, wenn schwerwiegende Verluste oder gravierende Veränderungen der Lebensumstände bewährte Erlebens-, Bewertungs- und Handlungsmuster durcheinanderbringen und eine Neuorientierung erforderlich machen (Sautermeister 2021, S. 128).

Erfolgreiche Entwicklung durch Resilienz

Resilienz bezeichnet die Widerstandsfähigkeit eines Individuums, sich trotz ungünstiger Lebensumstände und kritischer Lebensereignisse erfolgreich zu entwickeln (Warner 2022). An Ambiguität angrenzende Aspekte wie emotionale Stabilität, Lebensfreude, Optimismus, Energie, Neugier, Offenheit für Neues und die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel sind auch im Resilienzkonzept enthalten (Schroll 2022, S. 5).

Was sind denn nun die personalen Ressourcen und Schutzfaktoren, die gegen eine unangepasste Entwicklung wirken? Wichtige Resilienzfaktoren sind laut Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse (2015) die Selbstwahrnehmung, Selbstwirksamkeit, Selbststeuerung, soziale Kompetenz und der Umgang mit Stress und Problemlösefähigkeiten (S. 28–30).

Wo knüpft die Ambiguitätstoleranz nun an die Resilienzfaktoren an und trägt damit zur Resilienz bei?

Selbstwahrnehmung

Bei näherer Betrachtung des Faktors Selbstwahrnehmung findet sich die Selbstwahrnehmungstheorie von Daryl Bem, die besagt, dass Menschen durch die Beobachtung ihres eigenen Verhaltens auf ihre inneren Zustände und Einstellungen schließen, vorausgesetzt das Verhalten ist intrinsisch motiviert und nicht durch Zwang entstanden. Einstellungsbildung erfolgt außerdem nur dann aufgrund von Selbstbeobachtung, wenn sich die Person in Bezug auf ihre Einstellungen und Gefühle unsicher ist, also andere innere Hinweisreize z. B. mehrdeutig sind (Glaser 2022). Studien, die den Zusammenhang zwischen Ambiguitätstoleranz und Lernprozessen untersuchten, konnten zeigen, dass Personen mit hoher Ambiguitätstoleranz beim Lernen stärker nicht-vertraute Informationen nutzen und lieber anspruchsvollere Aufgaben lösen. In ihren Argumentationen nennen sie neben Pros auch Contras und achten auf die Qualität ihrer Argumente (Hartinger 2005, S. 114). Durch derartige Verhaltensweisen können Personen ihr Verhalten als Quelle des Wissens über ihre eigenen Einstellungen erachten.

Selbstwirksamkeit und Selbststeuerung

Selbstwirksamkeit ist die Überzeugung, durch die eigenen Fähigkeiten jene Handlungen ausführen zu können, die zu den gewünschten Zielen führen (Egger 2015, S. 283). An dieser Stelle ist das Beispiel eines Vortragenden passend, der gleich zu Beginn seiner Rede durch eine Wortmeldung eines Teilnehmers im Publikum komplett aus der Bahn geworfen wird. Seine ganze Planung wird scheinbar mit einem Schlag über den Haufen geworfen. Um in dieser Situation selbstwirksam handeln zu können, bedarf es einer gewissen Ambiguitätstoleranz bzw. – vereinfacht gesagt – der Fähigkeit, solchen Zwischenfällen weitgehend gelassen zu begegnen. Diese Kernkompetenz von Weiterbildnern trägt entscheidend dazu bei, die Dozentenrolle selbstbewusst und souverän zu bewahren, Spannungen in der Lerngruppe zu reduzieren und den Lernerfolg insgesamt zu sichern (Koob 2008, S. 45). Das Beispiel passt auch sehr gut zur Selbststeuerung bzw. Selbstregulation. Damit ist die Tatsache gemeint, dass Menschen in der Lage sind, eigenes Verhalten im Hinblick auf gesetzte Ziele zu steuern. Menschliches Verhalten ist durch unterschiedliche Determinanten gesteuert wie die Einflüsse der Umgebung, kognitive Ereignisse und Prozesse (Erwartungen, Schemata) und biologisch-somatische Determinanten (Geschlecht, Genetik) (Reinecker 2022).

Soziale Kompetenz

Hinsichtlich der sozialen Kompetenz gehen Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz mit Konflikten offen um, sind an neuen Erfahrungen interessiert und lassen Zweifel an bestehenden Überzeugungen zu, was mit einem geringeren Vertrauen an das eigene Urteil einhergeht, da es theoretisch auch anders sein könnte (Watzlawik et al. 2017, S. 165).

Umgang mit Stress und Problemlösefähigkeiten

Im Umgang mit Stress und Problemlösefähigkeiten wird der Zustand des „Sich nicht sicher seins“ vielfach als Nachteil gesehen. Deshalb wird mit Unsicherheit kaum in einer Form umgegangen, die ein Überlegen, Fantasieren, Ausloten und Vergleichen unterschiedlicher Möglichkeiten miteinschließt. Staats (2021) plädiert dafür, Unsicherheit und den Umgang damit als etwas Wertvolles schätzen zu lernen. Sich unsicher zu sein, fördert die Kompetenz, individuell unterschiedlich und damit feinfühlig reagieren zu können. Eine solche Haltung trägt dazu bei, offen für neue Eindrücke zu bleiben sowie Veränderungen und Entwicklungen wahrnehmen zu können. Es ist diese Haltung bzw. Kompetenz, die Staats als Ambiguitätstoleranz bezeichnet. Vor diesem Hintergrund ist es wünschenswert, gar nicht zu rasch zu einfachen (und vereinfachenden) Lösungen kommen zu wollen (S. 60).

Fazit

Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, Widersprüchlichkeiten und Unsicherheiten aushalten zu können. Diese Fähigkeit ist wichtig, um vor allem mit schwerwiegenden Verlusten oder gravierenden Veränderungen der Lebensumstände gut umgehen zu können. Als Resilienz wird die Widerstandsfähigkeit eines Individuums bezeichnet, sich trotz ungünstiger Lebensumstände und kritischer Lebensereignisse erfolgreich zu entwickeln. Ambiguitätstoleranz kann zu Resilienz beitragen, indem sie an die Resilienzfaktoren Selbstwahrnehmung, Selbstwirksamkeit, Selbststeuerung, soziale Kompetenz und Umgang mit Stress und Problemlösefähigkeiten anknüpft.

Literatur:

Ambiguitätstoleranz im Dorsch Lexikon der Psychologie (2021). Online verfügbar unter https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/ambiguitaetstoleranz.

Egger, Josef W. (2015): Integrative Verhaltenstherapie und psychotherapeutische Medizin: Springer Fachmedien Wiesbaden.

FRENKEL-BRUNSWIK, ELSE (1949): INTOLERANCE OF AMBIGUITY AS AN EMOTIONAL AND PERCEPTUAL PERSONALITY VARIABLE. In: J Personality 18 (1), S. 108–143. DOI: 10.1111/j.1467-6494.1949.tb01236.x.

Fröhlich-Gildhoff, Klaus; Rönnau-Böse, Maike (2015): Resilienz. 4., aktualisierte Aufl. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag (UTB Profile, 3290). Online verfügbar unter https://elibrary.utb.de/doi/book/10.36198/9783838545196.

Glaser, Tina (2022): Selbstwahrnehmungstheorie im Dorsch Lexikon der Psychologie. Online verfügbar unter https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/selbstwahrnehmungstheorie.

Hartinger, Andreas (2005): Die Bedeutung der Ambiguitätstoleranz für das Lernen in situierten Lernbedingungen. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht 52 (2), S. 113–126.

Koob, Dirk (2008): Mit negativen Emotionen professionell umgehen. In: DIE-Zeitschrift für Erwachsenenbildung (3), S. 45–48.

Pflichthofer, Diana (2014): 5 Konfliktwahrnehmung und Ambiguitätstoleranz. In: Hermann Staats (Hg.): Gruppenpsychotherapie und Gruppenanalyse. Ein Lehr- und Lernbuch für Klinik und Praxis. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 247–253.

Reinecker, Hans (2022): Selbstregulation im Dorsch Lexikon der Psychologie. Online verfügbar unter https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/selbstregulation.

Sautermeister, Jochen (2021): Mit Mehrdeutigkeit und Ungewissheit leben können. In: Spiritual care : Zeitschrift für Spiritualität in den Gesundheitsberufen 10 (2), S. 128–134.

Schroll, Christian (2022): Zur Förderung von Ambiguitätstoleranz in der Nachhaltigkeitsbildung. In: R&E-SOURCE.

Staats, Hermann (2021): Feinfühlig arbeiten mit Kindern. Psychoanalytische Konzepte für die Praxis in Kita und Grundschule. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Vanagas, Annette (2021): Sexualpädagogische (Re)Visionen. Sexualpädagogik als Diskriminierungsschutz für Schule und außerschulische Bildungsarbeit. Wiesbaden: Springer VS, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.

Warner, Lisa Marie (2022): Resilienz im Dorsch Lexikon der Psychologie. Online verfügbar unter https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/resilienz.

Watzlawik, Meike; Salden, Ska; Hertlein, Julia (2017): Was, wenn nicht immer alles so eindeutig ist, wie wir denken? Erfahrungen LSBT*- Jugendlicher in der Schule und das Konzept der Ambiguitätstoleranz. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung 12, S. 175. DOI: 10.3224/diskurs.v12i2.03.

Quellenangabe:

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