Was ist eigentlich Medizintourismus?

Definition

Der Begriff setzt sich aus den Begriffen „Medizin“ und „Tourismus“ zusammen. Er beschreibt also ein Phänomen, für welches sowohl touristische Komponenten als auch medizinische Merkmale charakteristisch sind. Infolgedessen gilt es eine Definition zu finden, die beide Charakteristika berücksichtig.[1]

Medizintourismus „beschreibt die Bewegung von Patienten, die aus unterschiedlichen Gründen medizinische Dienstleistungen an Orten außerhalb ihres gewöhnlichen Umfeldes in Anspruch nehmen, wobei der Aufenthalt die Dauer eines Urlaubes nicht überschreitet und vielfach mit der Nachfrage touristischer Aktivitäten kombiniert wird.“[2] Es handelt sich also um Patienten die zum Zwecke einer (optimalen) Behandlung wohnortferne Nachfragen medizinischer Dienstleistungen anstellen. Dies kann grenzüberschreitend aber auch innerhalb eines Landesstattfinden.[3]

Synonyme

In der Literatur werden häufig als Synonym die Begriffe „Kliniktourismus“[4] oder „Patiententourismus“[5] verwendet.

 

Arten des Medizintourismus

Es lassen sich Outgoing-Medizintourismus und Incoming-Medizintourismus differenzieren. Unter Outgoing-Medizintourismus werden jene Patientenströme zusammengefasst, die ihr eigenes Land verlassen um eine medizinische  Behandlung im Ausland durchführen lassen. Incoming-Medizintourismus hingegen beschreibt reisende Patienten aus dem Ausland, welche in ein Land kommen um sich einer medizinischen Behandlung zu unterziehen.[6]

Auf das Land Deutschland bezogen sind Outgoing-Medizintouristen also Deutsche, die sich für eine Operation o. ä. in Tschechien, Bulgarien, den USA usw. entscheiden. Incoming-Medizintouristen sind im Umkehrschluss Ausländer, die zum Zwecke einer medizinischen Behandlung nach Deutschland reisen.

Die folgende Grafik zeigt die Herkunftsländer stationärer, ausländischer Medizintourismus-Patienten in Deutschland im Jahr 2010.
Stationäre Patienten 2010
Abbildung 1: Stationäre Patienten 2010; Quelle: Statistisches Bundesamt 2011, Graphik: Harvard Graphics/Pro Presentations von Serif Incorporated

 

Medizintourismus und Europarecht (Deutschland)

Im Zuge der Umsetzung der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes ist es krankenversicherten EU-Bürgern seit 1. Januar 2004  grundsätzlich gestattet, Leistungserbringer innerhalb der gesamten EU sowie in anderen Vertragsstaaten des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum in Anspruch zu nehmen.[7]

Der deutsche Gesetzgeber hat diese Möglichkeit mit Wirkung zum 1. Januar 2007 auf die Staaten, in denen die Verordnung (EWG) Nr. 1408/71 Anwendung findet, erweitert.

Die gesetzlichen Krankenkassen kommen somit für notwendige Behandlungskosten auf, egal ob diese im Inland, in einem EU-Mitgliedsland oder in Ländern, mit denen ein Sozialversicherungsabkommen besteht, angefallen sind.  Alle EU-Bürger können sich also auch gezielt im EU-Ausland (zzgl. den Ländern mit entsprechendem Abkommen) medizinisch behandelt lassen. Das hat der Europäische Gerichtshof am 27.10.2011 bekräftigt (Az. C-255/09)[8].

Für ambulante Behandlungen im Ausland benötigt man in Deutschland  in der Regel nicht die Zustimmung der Krankenkasse. Ausnahmen gelten beispielsweise  für Zahnersatz oder Kieferorthopädie. Stationären Behandlungen sind grundsätzlich genehmigungspflichtig.[9]

Geklärt werden muss vom Patient jedoch, ob die Behandlungsleistung, die im Ausland erbracht werden soll überhaupt zum Leistungskatalog der deutschen gesetzlichen Krankenversicherung gehört. Nur im positiven Fall gibt es auch eine Erstattung von der deutschen Krankenkasse.

Grundsätzlich gilt: Die Krankenkassen übernehmen bei Behandlungen im Ausland nur das, wofür sie auch in Deutschland aufgekommen wären. [10]

 

Überblick über mögliche Motive für eine Behandlung im Ausland

Verfügbarkeit

Ein Grund, warum sich Menschen im Ausland behandeln lassen ist eine mangelnde Verfügbarkeit eine Behandlung im Heimatland. Es scheitert entweder an der Quantität (schnellerer Zugang zur Behandlung im Ausland möglich), an der Art der  Behandlung (Methode/ Behandlung im Heimatland nicht möglich) oder an gesetzlichen Rahmenbedingungen (Methode/ Behandlung im Heimatland nicht erlaubt).

Medizintourismus
Abbildung 2: Medizintourismus, Quelle: Pixabay; https://pixabay.com/de/welt-karte-pille-erde-1185076/

Erschwinglichkeit

Eine Behandlung im Ausland kann kostengünstiger sein als im Heimatland. Begründet sind die niedrigeren Preise meist mit den geringeren Lohn- und Unterhaltskosten der Krankenhäuser bzw. niedergelassenen Ärzte.

Dieser Aspekt ist insbesondere wichtig für Patienten, die nicht versichert sind oder wenn es sich um Behandlungsleistungen handelt, die die Krankenkasse nicht übernimmt („Selberzahler“)

Wahrgenommene Qualität

Oftmals gehen Patienten davon aus, dass die Behandlungsqualität andernorts besser ist. Patienten erwarten am entfernten Behandlungsort meist besseres Knowhow oder fortschrittlichere Behandlungsmethoden. [11]

 

Fazit und Ausblick

Die fortschreitende Globalisierung ermöglicht den Menschen zunehmende Wahlfreiheit von Behandlungsart und Behandlungsort. Auch der Gesetzgeber unterstützt diese Entwicklung.

Seit vielen Jahren ist ein Trend hin zu Behandlungen im Ausland klar zu erkennen. Es darf davon ausgegangen werden, dass die Zahl der Behandlungsreisen auch in Zukunft zunehmen wird.

Dieser Trend kann sich aus der Sicht deutscher Ärzte und Krankenhäuser durchaus positiv auswirken. Patienten sind bereit, für eine qualitativ hochwertige Behandlung weite Wege in Kauf zu nehmen. Viele Erkrankte scheuen dabei offensichtlich auch höheren Behandlungskosten nicht.

Nicht zuletzt deshalb werben inzwischen etliche deutsche Kliniken gezielt im Ausland um zahlungskräftige Patienten (z. B. Uniklinik Heidelberg). Die  Tatsache, dass es sich bei den ausländischen Patienten im Regelfall um Selbstzahler handelt, macht die Behandlung der Patienten auch aus Sicht der Kliniken und Ärzte lukrativ.

 

 


[1] Vgl. Quast, E M-L: 2009 S. 6.

[2] Quast, E M-L:  2009, S. 6

[3] Vgl. Böhm, K: 2007, S. 5.

[4] Vgl. Barth, R./ Werner, C.: 2005, S. 46.

[5] Vgl. Rulle, M./ Hoffmann, W./ Kraft, K.: 2010, S. 6.

[6] Vgl. Illing, K-T.: 2009, S. 298 f.

[7] Vgl. AOK u. a.: 2003, S. 1.

[8] Vgl. https://www.jurion.de/Urteile/EuGH/2011-10-27/Rs-C-255_09 (26.03.16).

[9] Vgl. (o.V.) www.eu-patienten.de (26.03.16).

[10] Vgl. AOK u. a.: 2003, S. 5 ff.

[11] Vgl. Glinos, I.: 2010, S. 1145 f.

 

Abkürzung:

AOK               Allgemeine Ortskrankenkasse

 

Bildnachweis:
Abbildung 1: Stationäre Patienten 2010; Quelle: Statistisches Bundesamt 2011, Graphik: Harvard Graphics/Pro Presentations von Serif Incorporated
Abbildung 2, Beitragsbild: Quelle: https://pixabay.com/de/welt-karte-pille-erde-1185076/

 

Quellen:

AOK Bundesverband Bonn u. a.: Gemeinsame Empfehlung der Spitzenverbände der Krankenkassen und der Deutschen Verbindungsstelle Krankenversicherung – Ausland zu leistungsrechtlichen Umsetzungsfragen des GKV-Modernisierungsgesetzes sowie des Vertragsarztrechtsänderungsgesetzes. Hier: Kostenerstattung gemäß § 13 Abs. 4 – 6 SGB V und Kostenübernahme bei Behandlung außerhalb des Geltungsbereichs des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft und des Abkommens über den  Europäischen Wirtschaftsraum gemäß § 18 SGB V. 19. November 2003 i. d. F. vom 18. März 2008

Barth, R./ Werner, C.: Der Wellness-Faktor. Modernes Qualitätsmanagement im Gesundheitstourismus, 1. Auflage. Relax-Verlag Wien 2005

Böhm, K.: Servicequalität als Erfolgsfaktor im Gesundheitstourismus deutscher  Heilbäder und Kurorte. 1. Auflage. VDM Verlag. Saarbrücken 2007

Glinos, I. u. a.: A Typology of Cross-Border Patient Mobility. In: Health & Place. Vol. 16, 2010. S. 1145-1155

Illing, K-T.: Gesundheitstourismus und Spa-Management. 1. Auflage. Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, München 2009

(o. V.): Wer trägt die Kosten bei Behandlungen im EU-Ausland?. http://www.eu-patienten.de/de/behandlung_ausland/kostentraeger_eu/kostentraeger_eu.jsp (26.03.16)

Quast, E M-L: Das Geschäft mit der Gesundheit. Analyse des medizintouristischen Angebotes für den Quellmarkt Deutschland. 1. Auflage. Diplomica Verlag GmbH. Hamburg 2009

Rulle, M./ Hoffmann, W./ Kraft, K.: Erfolgsstrategien im Gesundheitstourismus. Analyse zur Erwartung und Zufriedenheit von Gästen. 1. Auflage. Erich Schmidt Verlag. Berlin 2010