Unser Geruchssinn – Warum wir mehr nach unserer Nase tanzen, als uns bewusst ist

Um uns in der Welt zurechtzufinden und zu interagieren sind wir auf die Wahrnehmung angewiesen. Dabei besteht die Wahrnehmung nicht nur daraus, Reize durch die Sinne aufzunehmen, sondern auch sie zu identifizieren, zu verstehen und einzuordnen.[1] Auf den ersten Blick scheint der Geruchssinn eine weniger wichtige Rolle als das Sehen, Hören oder Tasten zu spielen. Bei genauem Hinsehen wird aber klar, dass unser olfaktorisches System wichtige Rollen übernimmt. Wir müssen täglich ca. 20.000 mal einatmen und bei jedem Atemzug nehmen wir das auf, was gerade „in der Luft liegt“, ob wir wollen oder nicht. Das führt zu bewussten und unbewussten Prozessen, die einer näheren Betrachtung wert sind.

Wie funktioniert das olfaktorische System?

Die olfaktorische Wahrnehmung wird auch als chemischer Sinn bezeichnet, da hier die Stimulation auf der Aufnahme von in der Luft gelösten Geruchsmoleküle basiert, welche durch die Einatmung zu den Geruchsrezeptorzellen gelangen, die in die Riechschleimhaut eingebettet sind. Eine intrazelluläre Botenstoffkette löst Nervenimpulse aus, die dann durch einen porösen Teil des Schädels direkt in den Riechkolben gelangt. Von hier werden Nervenimpulse zum olfaktorischen  und zum orbifrontalen Cortex weitergeleitet. Hier findet vermutlich die bewusste Geruchswahrnehmung statt. Es verlaufen aber auch Nervenfasern aus dem Riechkolben in die Teile des limbischen Systems, die für Gefühle und Gedächtnis zuständig sind. Obwohl wir über eine Vielzahl von unterschiedlichen Rezeptoren verfügen, gibt es nicht für alle 10.000 Gerüche, die wir wahrnehmen können, einen speziellen Rezeptortyp. Es wird davon ausgegangen, dass durch einen speziellen Geruch eine bestimmte Kombination von Rezeptoren aktiviert und dann entsprechend im olfaktorischen Cortex interpretiert wird.[2]

Außerdem werden die Informationen, die unser Gehirn durch die einzelnen Sinne erhält, kombiniert und vermischt. Durch diese sensorische Interaktion kann es sein, dass eine Sinnesempfindung eine andere beeinflusst. So schmeckt das Essen zum Beispiel anders oder weniger gut, wenn man durch eine Erkältung den dazugehörenden Duft nicht wahrnehmen kann.[3]

Wie riecht das?

Ein interessanter Aspekt ist auch, dass es schwierig ist, Gerüche zu beschreiben. Obwohl das olfaktorische System ca. 10.000 verschiedene Düfte unterscheiden kann, fällt es schwer diese mit den zu Verfügung stehenden Worten differenziert auszudrücken.[4] Eine Tasse frisch gebrühter Kaffee z.B. ist optisch und haptisch gut zu beschreiben, aber wie riecht das – nach Kaffee eben.

Geruchssinn und Emotionen

Auch bei Emotionen spielt das olfaktorische System eine Rolle. Ehrlichmann und Halpern konnten feststellen, dass positive Gefühle von angenehmen Düften hervorgerufen werden, während unangenehme Düfte negative Gefühle erzeugen können.[5] Außerdem haben Untersuchungen gezeigt, dass Gerüche erlebte Erinnerungen und Gefühle, die wir damit verbinden, wieder hervorrufen können, was mit der direkten Verbindung zum limbischen System erklärt werden kann.[6] So kann beispielsweise der Duft eines frisch gebackenen Kuchens Erinnerungen an die Kindheit wachrufen und das Gefühl von damals wiederbeleben.

Ob ein Geruch als angenehm oder unangenehm empfunden wird, ist zum Teil genetisch festgelegt, wie beispielsweise der von faulem Fleisch. Meistens aber wird die Beurteilung erlernt, wobei hier besonders zu beachten ist, dass bei diesem Lernprozess im Gegensatz zur klassischen Konditionierung die Zeitspanne vom unkonditionierten Stimulus und konditionierten Stimulus sehr lang sein kann. So ist es möglich, dass eine lebenslange Aversion gegen Fischgeruch entstehen kann, wenn einmalig der Konsum von verdorbenem Fisch Stunden später zum Erbrechen geführt hat.[7]

Geruchssinn und Marketing

Die olfaktorische Wahrnehmung wird bei Marketingstrategien eingesetzt, da mit dem Einsatz von Düften ein erster Kontakt mit dem Kunden hergestellt werden kann, selbst wenn dieser diese Stimuli nicht bewusst wahrnimmt. Neben Gerüchen, die als angenehm empfunden werden und sich positiv auf die Stimmung auswirken können, soll ein Wiedererleben vergangener Erlebnisse aktiviert werden. So erfüllt beispielsweise der Reiseveranstalter Lunn Poly seine Büros mit dem Duft von Kokossonnenöl, um seine Kunden in das Gefühl eines Strandurlaubes zu versetzen.[8] Es konnte nachgewiesen werden, dass bei einer angenehmen Raumbeduftung auch die Atmosphäre als angenehm empfunden wird und sich positiv auf die Einstellung der Kunden auswirken kann. So wird z.B. das Warten in einer Schlange als weniger schlimm empfunden. Außerdem kann ein angenehmer Raumduft die Verweildauer und die Kaufbereitschaft erhöhen.[9] Wie viel Potenzial im Duft Branding liegt, zeigt die folgende Abbildung. Obwohl der Anteil des Geruchssinns bei der Sinneswahrnehmung nur 3,5% beträgt, hat er aber bei der Kaufentscheidung nach dem Sehsinn mit 45% die zweithöchste Wichtigkeit.[10]

Fazit

Auch wenn wir lange nicht so gut riechen können wie manche Tiere, so kann unser olfaktorisches System doch vielmehr als nur mitzuteilen, ob etwas verträglich oder gefährlich ist. Das, was wir riechen, kann Auswirkungen auf unsere Emotionen und Stimmungen haben. Vielleicht kann die Bewusstmachung von Gerüchen manchmal erklären, warum wir uns unwohl oder besonders gut fühlen. Und es gibt uns die Möglichkeit darauf Einfluss zu nehmen, indem wir z.B. nach einem stressigen Tag ein beruhigendes Duftlämpchen anzünden, uns im angenehm duftenden Badewasser räkeln oder einfach öfter mal bewusst etwas Gutes schon durch die Nase genießen.

[1] Vgl. Gerrig (2016), S. 112.

[2] Vgl. Becker-Carus/Wendt, S. 174-175.

[3] Vgl. Myers (2014), S. 70.

[4] Birbaumer/Schmidt (2010), S. 448.

[5] Vgl. Ehrlichman/Halpern (1988), S. 769.

[6] Vgl. Myers (2014), S. 281.

[7] Vgl. Birbaumer/Schmidt (2010), S. 449.

[8] Vgl. Myers (2014), S. 281.

[9] Vgl. Rempel et al. (2018), S. 186 -189.

[10] Vgl. Steiner (2020), S. 132.


Literautrverzeichnis

Becker-Carus, C./Wendt, M. (2016), Allgemeine Psychologie. Eine Einführung, Berlin.

Birbaumer, N.-P./Schmidt, R. F. (2010), Biologische Psychologie, 7. Aufl., Heidelberg.

Ehrlichman, H./Halpern, J. N. (1988), Affect and memory: Effects of pleasant and unpleasant odors on retrieval of happy and unhappy memories, Journal of Personality and Social Psychology, 55. Jg., Nr. 5, S. 769–779.

Gerrig, R. J. (2016), Psychologie, 20. Aufl., Hallbergmoos/Germany.

Myers, D. G. (2014), Psychologie, 3. Aufl., Berlin, Heidelberg.

Rempel, J. E./Esch, F.-R./Köhler, I. (2018), Olfaktorische Reize in der Kommunikation effektiv gestalten. In: Langner, T./Esch, F.-R./Bruhn, M. (Hrsg.), Handbuch Techniken der Kommunikation, Wiesbaden, S. 179–194.

Steiner, P. (2020), Sensory Branding. Grundlagen Multisensualer Markenführung, 3. Aufl., Wiesbaden.

Beitragsbild von Suju-foto. Zugegriffen am 20.03.2022, https://pixabay.com/de/photos/frau-hut-rose-duft-riechen-4327323/