Spitzensport und was dann

In der breiten Gesellschaft wird der Spitzensport oft mit schwerverdienenden «Superstars» assoziiert. Im Hinblick auf die Weltspitze aus einigen Einzel- und Mannschaftssportarten wie Fussball, Eishockey, Basketball oder Tennis mag dies definitiv der Fall sein. Doch oft wird vergessen, dass es sich hierbei um Ausnahmen handelt und es beim Grossteil der Spitzensportler anders aussieht. Sowohl in den oben genannten Sportarten als auch bei Randsportarten gelingt es den Wenigsten durch Preisgelder oder Sponsorenverträge genügend Geld zu verdienen, um in Anschluss an ihre Karrieren nicht mehr arbeiten zu müssen. Vielmehr ist es so, dass die meisten Spitzensportler mit ihrem Einkommen ihre Lebenskosten decken können oder während ihrer Karrieren bereits dual arbeiten, um über die Runden zu kommen.

Für die meisten Spitzensportler ist es also ratsam, sich bereits während ihrer sportlichen Karrieren mit ihrer zukünftigen beruflichen Karriere auseinanderzusetzen – sei es im Berufsleben oder weiterhin im Sport in einer anderen Funktion. Dies jedoch so, ohne die derzeitige sportliche Karriere zu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. Spitzensport und einen Beruf bzw. eine Ausbildung dual zu vereinbaren, scheint theoretisch eine interessante Lösung darzustellen. Praktisch ist diese jedoch oft nicht einfach umzusetzen. (Borggrefe & Cachay, 2011, S. 213) Die Spitzensportler haben keinen Einfluss auf den Spiel- bzw. Wettkampfkalender, welcher in der Regel von dem sporteigenen Verband oder der sporteigenen Liga geplant wird. Im Anschluss an die Bekanntgabe des Spiel- bzw. Wettkampfkalenders werden die Trainingseinheiten geplant. Diese sind so konzipiert, um am Wettkampftag die bestmögliche Leistung abrufen zu können. Bei Einzelsportlern besteht potenziell die Möglichkeit, die Trainingszeiten so zu wählen, dass dual gearbeitet oder eine Ausbildung durchgeführt werden kann. Bei Mannschaftssportarten ist es kaum mehr möglich, die Trainingszeiten auf eine einzelne Person zu flexibilisieren. Auf den ersten Blick scheint eine Reduzierung des Trainingsbetriebs, um Beruf oder Ausbildung mit dem Sport unter einen Hut zu bekommen, eine plausible Lösung darzustellen. Doch im Hinblick auf das System Spitzensport ist diese Lösung nicht stemmbar. Um im Spitzensport Siegchancen zu haben, gilt es sich zwangsläufig auf ein absolutes Engagement im Training und Wettkampf einzulassen. Dieses Problem lässt sich als Inklusionsproblem bezeichnen. Inklusion beschreibt die Miteinbeziehung einzelner Gesellschaftsmitglieder in die Teilsysteme der modernen und funktional differenzierten Gesellschaft. Da in diesem Fall sowohl der Spitzensportler in die Berufsrolle bzw. Ausbildungsrolle als auch umgekehrt der Berufstätige bzw. Auszubildende in den Spitzensport inkludiert werden soll, kann hier von einer Hyperinklusion gesprochen werden. Das Inklusionsproblem liegt in erster Linie in der zeitlichen Simultanität. Die eingeschränkte Flexibilisierungsmöglichkeiten in zeitlicher, sachlicher und sozialer Hinsicht spielen dabei weitere Rollen. Für die Behebung dieses Inklusionsproblem stellt sich die Frage, ob es einer Flexibilisierung der beruflichen Inklusion bedingt, oder ob das System Spitzensport hinterfragt werden soll. Dies im Bewusstsein, dass eine Reduzierung des Trainings- und Wettkampfbetriebs womöglich mit einer internationalen Nichtkonkurrenzfähigkeit einhergehen kann. (Borggrefe & Cachay, 2011, S. 213-215)

Auch wenn bereits während der Karriere dual gearbeitet oder eine Ausbildung absolviert wird, stellt der Übergang vom Spitzensport in die nachsportliche Karriere eine schwierige Lebensphase dar. Vor diesem Hintergrund untersuchte Seiler (2000) in einer trinationalen Studie die Eingliederung von Spitzensportlern aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz aus dem Spitzensport in die Berufswelt. Kenntnis dieser Studie ist, dass vielen Spitzensportler der Wechsel ohne grössere Probleme gelungen ist, andere jedoch vor grosse Schwierigkeiten gestellt wurden. Weiter zeigt die Studie die verschiedene Berufs- und Ausbildungsförderung für Spitzensportler in den einzelnen Ländern auf. Während in Deutschland und in der Schweiz etwa ein Viertel der Spitzensportler durch freiwillige Hilfe von Laufbahnberatern unterstützt werden, ist dies in Frankreich durch die landeseigene Sportförderung geregelt. Französische Spitzensportler erfahren bereits während ihrer Karrieren eine intensive Berufs- und Ausbildungsförderung. (Seiler, 2000, S. 86) Spitzensportler weisen häufig verlängerte Ausbildungszeiten vor. Doch durch ihre Erfahrungen und gelernten Attribute im Spitzensport gelingt es ihnen diese beim Berufseinstieg rasch zu kompensieren. (Nagel, 1999, S. 124) Die Lösung des Inklusionsproblems von Spitzensportlern in die Berufswelt scheint im aktuellen Verständnis von Spitzensport nur durch die Anpassung der Inklusionsverhältnisse der Berufswelt möglich. Dies, gerade weil im Sport sowohl das Publikum als auch die Spitzensportler nach immer wie herausfordernderen Zielen streben. Zudem scheint es grundsätzlich möglich, Berufs- und Ausbildungsverhältnisse so zu formen, dass sie mit Spitzensport vereinbar sind. (Borggrefe & Cachay, 2011, S. 214-215) Durch die Schaffung von spitzensportgerechten Berufs- und Ausbildungsplätzen kann den Spitzensportlern unter die Arme gegriffen werden wovon sowohl Spitzensportler, Zuschauer als auch Arbeitgeber profitieren können.

Literaturverzeichnis

Borggrefe, C. & Cachay, K. (2011). Spitzensport und Beruf. In: Brejcha-Richter, S. & Hillenbach, E. BISp-Jahrbuch – Forschungsförderung 2010/11. Bonn: Bundesinstitut für Sportwissenschaft.

Nagel, S. (1999). Das Leben nach dem Spitzensport – 37. Magglinger Symposium vom 21. Juli bis 23. Mai 1998. Berlin Heidelberg: Springer.

Seiler, R. (2000). Das Leben nach dem Spitzensport. Magglingen: Bundesamt für Sport.

Bildquelle

LightField Studios, 1155004087, https://www.shutterstock.com/image-photo/young-office-workers-holding-balls-while-1155004087