Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?

Bei der Begegnung mit einem Menschen wissen wir meist in Sekundenbruchteilen, ob er für uns attraktiv ist oder nicht. Warum wir jemanden als schön empfinden, können wir aber meist nicht so genau sagen. Was empfinden wir als „schön“?

Was empfinden wir als „schön“?

Anhand verschiedener Studien haben sich mittlerweile Fak­toren herausgestellt, die maßgeblich beeinflussen, was wir als schön empfinden. Eine große Rolle spielt dabei die sog. „Durchschnittshypothese“. Die geht davon aus, dass ein Ge­sicht, das z.B. mittels Morphing-Software Merkmale aus möglichst vielen Gesichtern enthält, als schöner empfunden wird als die real existierenden Einzelgesichter. Eine Erklä­rung besteht darin, dass Durchschnitt als biologisches Zei­chen hoher genetischer Variabilität gedeutet wird und damit als ideale Voraussetzung zum Erzeugen gesunder Nach­kommen gilt (Langlois & Roggman, 1990; Fels, 2012, S. 151).

Darüber hinaus empfinden wir das Merkmal der Symmetrie, d.h. die Übereinstimmung zwischen linker und rechter Gesichtshälfte, als schön. Sie zeigt uns genetische Fitness an, da asymmetrische Proportionen vor allem durch Krankheit, Mutationen oder andere Störungen entstehen. Symmetrische Gesichter vermitteln uns dagegen den Eindruck, dass alles „in Ordnung“ ist und der Zeugung von Nachkommen nichts im Wege steht (Fels, 2012, S. 151).  

Des Weiteren gibt es das altbekannte „Kindchenschema“, welches sich durch große Au­gen, eine hohe, runde Stirn, ein kleines Kinn und Stupsnäschen auszeichnet. In Experi­menten dazu zeigte sich, dass ein künstlich erzeugtes Gesicht, welches per Computer an das Kindchenschema angepasst wurde, von den Probanden als attraktiver wahrge­nommen wurde als das Originalgesicht (Aharon, Etcoff, Ariely, Chabris, O’Connor & Breiter, 2001). Da diese Merkmale für Jugendlichkeit stehen, steht dahinter die An­nahme, dass ein evolutionärer Vorteil darin gesehen wird, seine Gene mit denen mög­lichst junger Frauen zu teilen (Fels, 2012, S. 153). Die sind meist gesünder und länger fruchtbar als ältere Frauen. 

Es wird bereits deutlich, dass es kein Geheimnis für Schönheit gibt. Was wir als schön empfinden, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, die bloß schwer in klare Regeln einzugrenzen sind (Fels, 2012, S. 153). Zudem sind Schönheitsideale dem Wandel der Jahrhunderte ausgesetzt. Eine starke genetische Komponente zeigt sich allerdings in Studien mit Babys. Diese betrachten nämlich die gleichen Gesichter länger, die auch von Erwachsenen als attraktiv bewertet werden.

Warum wollen wir schön sein?

Die Wissenschaft nimmt an, dass wir schön sein wollen, um uns fortpflanzen zu können. In der geschlechtlichen Fortpflanzung wird für gesunden Nachwuchs vor allem gutes Genmaterial vorausgesetzt. Als eine Art Schlüsselreiz dient bei Frauen z.B. das sog. Taille-Hüfte-Verhältnis („waist-to-hip ratio“, WHR) von 0,7. Frauen mit diesem Maß wer­den als jugendlich, gesund und sexy angesehen. Das männliche Pendant ist das Taille-Schulter-Verhältnis („waist-to-shoulder ratio“, WSR) von 1,6 (Neyer & Asendorpf, 2018, S. 139; Hassebrauck, 2006, S. 222).

Haben es Schöne leichter?

„Nur die Schönsten überleben“, so plakativ formuliert es Nancy Etcoff in ihrem Buch über Schönheit (2001). Tatsächlich liegt sie mit ihrer Aussage gar nicht so falsch. In einer Studie zeigte sich beispielsweise, dass attraktive Frauen, die Geld in einer Telefonzelle vergaßen, in der sie zuvor telefoniert haben, in 87 % der Fälle ihr Geld zurückerhielten, als sie zurückgingen. Weniger attraktive Frauen waren lediglich in 64 % der Versuche erfolgreich (Fels, 2012, S. 154). Auf Männer haben attraktive Frauen sogar die Wirkung einer Belohnung, bei der der Nucleus accumbens aktiviert wird (Aharon et al., 2001). Dabei handelt es sich um eine Gehirnregion, die ebenfalls aktiviert wird, wenn Drogen oder finanzielle Gewinne in Aussicht gestellt werden. Attraktiven Menschen werden auch automatisch positivere Eigenschaften zugesprochen als weniger attraktiven (Dion, Ber­scheid & Walster, 1972, S. 286). Sie werden meist als intelligenter, einfühlsamer oder glaubwürdiger eingeschätzt. Weniger attraktive Menschen werden dagegen eher als phantasielos, faul und langweilig beurteilt (Hassebrauck, 2012, S. 219). Im direkten Men­schenkontakt zeigt sich die Wirkung des Aussehens am stärksten: So wurden im Rah­men der sog. „computer-dance“-Experimente im Mittel Korrelationen zwischen Ausse­hen und Sympathie von .70 gemessen (Feingold, 1990, S. 990).

Fazit

Schönheit wird durch eine Vielzahl von Faktoren bestimmt, die bloß schwer in klare Re­geln einzugrenzen sind. In mittlerweile über 1000 Veröffentlichungen hat sich insbeson­dere die evolutionspsychologische Sichtweise als erfolgreich herausgestellt. Nach die­ser Ansicht empfinden wir diejenigen Personen, die ein Maximum an Fortpflanzungser­folg in ihrer äußeren Erscheinung erkennen lassen, als besonders attraktiv (Hassebrauck, 2006, S. 221).

Literaturverzeichnis

Aharon, I., Etcoff, N., Ariely, D., Chabris, C. F., O’Connor, E. & Breiter, H. C. (2001). Beautiful faces have variable reward value: fMRI and behavioral evidence. Neuron, 32, 537-551.

Dion, K., Berscheid, E. & Walster, E. (1972). What Is Beautiful Is Good. Journal of Personality and Social Psychology, 24(3), 285-290. doi: 10.1037/h0033731

Etcoff, N. (2001). Nur die Schönsten überleben. München: Diederichs Verlag.

Feingold, A. (1990). Gender differences in effects of physical attractiveness on romantic attraction: A comparison across five research paradigms. Journal of Personality and Social Psychology, 59(5), 981-993. doi: 10.1037/0022-3514.59.5.981

Fels, K. (2012). Schönheit – Von Symmetrie, Kindchenschema und Proportionen. In N. Podbregar & D. Lohmann (Hrsg.), Im Fokus: Neurowissen – Träumen, Denken, Fühlen – Rätsel Gehirn (S. 150-165). Berlin: Springer.

Hassebrauck, M. (2006). Physische Attraktivität. In H.-W. Bierhoff & D. Frey (Hrsg.), Handbuch der Psychologie (Band 3). Handbuch der Sozialpsychologie und Kommuni- kationspsychologie (S. 219-225). Hogrefe: Göttingen.

Lange, B. P. & Schwab, F. (2017). Das Kindchenschema bei Medienfiguren. In C. Schwender, B. P. Lange, S. Schwarz (Hrsg.). Evolutionäre Ästhetik (S. 163-181). Leng- erich: Pabst Publishers.

Langlois, J. H. & Roggman, L. A. (1990). Attractive Faces Are Only Average. Department of Psychology, University of Texas, 1(2), 115-121.

Neyer, F. J. & Asendorpf, J. B. (2018). Psychologie der Persönlichkeit (6. Aufl.). Berlin: Springer.

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