Self-Tracking – Segen oder ungesunder Gesundheitswahn?

Der Trend zum „Self-Tracking“ („Selbstkontrolle“) hat sich in den letzten Jahren sowohl im Gesundheitsbereich als auch in der Sportwelt etabliert (vgl. Abbildung 7). Self-Tracking stellt die Erhebung, Sammlung, Zusammenführung und Auswertung körperbezogener Daten mittels Fitness-Apps, Wearables oder Smartwatches dar. Die Geräte sind gekennzeichnet durch ihre „smartness“, d.h., sie sind klein, mobil, unauffällig, intuitiv zu bedienen und sie vernetzen sich meist automatisch mit dem Smartphone – und wenn gewünscht auch mit ausgewählten Freunden. Zudem fügen sie sich fast unbemerkt in alltägliche Handlungsabläufe der Nutzer ein. Mithilfe dieser ist es möglich mehr zu wissen und so die eigene Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen, ohne auf Expertenwissen angewiesen zu sein. Das Ziel ist meist eine gezielte Trainingssteuerung oder eine dauerhafte Optimierung des Lebensstils.

Abb. 1: Prognose zum Absatz von Wearables weltweit von 2014 bis 2024 aus Statista (2021), Prognose zum Absatz von Wearables weltweit von 2014 bis 2024

Die Leistungen bzw. Zustände des sich in konkreten Situationen befindlichen Körpers werden in Daten übersetzt und können anschließend weiterverarbeitet werden. So können sie gespeichert, umgerechnet, ausgewertet und ausgetauscht werden. Dadurch können intersubjektive, intrasubjektive und interobjektive Verhaltens- und Leistungsvergleiche gemacht werden, die Anlass zu Verhaltensänderung und Leistungssteigerung bieten. Allgemein kann die Vermessung eigener Verhaltensweisen (z.B. Nahrungsaufnahme, Schlafrhythmus), Körperzustände (z.B. Herzfrequenz, Blutdruck), emotionaler Zustände (z.B. Stimmungen) oder Körperleistungen (z.B. Anzahl der täglichen Schritte, Dauer der Laufstrecke) unterschieden werden. Zudem kann der Einsatz im Gesundheitswesen und Freizeitbereich unterschieden werden.¹

Self-Tracking im gesundheitsorientierten Bereich

Im gesundheitsorientierten bzw. medizinischen Bereich nutzt nach einer Umfrage der IKK classic von 2014 fast jede fünfte Person über 18 Jahre Tracking-Apps.² Medizinische Tracking-Apps dienen vor allem der patientengeschützten Gesundheitsversorgung, d.h., gesundheitsrelevante Daten wie z.B. Blutzucker dienen dem Patienten oder Therapeuten dazu, die Therapie oder Rehabilitation optimal einzustellen oder zu überwachen. Daneben werden Tracking-Apps auch zur Sicherheit von Patienten z.B. im Rahmen der Sturzprophylaxe und zur Früherkennung von Krankheiten eingesetzt. Das Self-Tracking im Gesundheitsbereich ist recht gut erforscht. Im Bereich e-Health werden überwiegend Applikationen für Smartphones genutzt, häufig zur Förderung des Sport- und Bewegungsverhaltens. In Bezug auf die Smartphone-Applikationen und den Parameter der körperlichen Aktivität konnten Monroe und Kollegen (2015) in einer Übersichtarbeit bei der Hälfte der 52 Studien eine Erhöhung der Bewegungsaktivität finden. 

Self-Tracking im Freizeitbereich

Self-Tracking ist im Freizeitbereich bisher wenig untersucht, obwohl Tracking-Tools in den letzten Jahren starke Verbreitung gefunden haben. Hier geht es weniger um therapeutischen Maßnahmen als viel mehr um die Selbstkontrolle des eigenen Gesundheits- und Freizeitverhaltens wie Sportaktivität oder Ernährung.³ Laut der Befragung der IKK classic von 2014 nutzen 12% der Befragten Freizeit-Apps zur Erfassung von Sport und Ernährung.⁴ In Bezug auf die getrackten Parameter spielt die körperliche Aktivität die größte Rolle. Nach Nißen (2013) tracken zwei Drittel ihr Gewicht, andere physiologische Merkmale werden seltener verfolgt. Die Hälfte der Befragten tracken Trainingsaktivitäten, ein Drittel Ernährungsaspekte, zwei von fünf Schlafmerkmale.⁵ Vor allem im Sportbereich spielen Zahlen eine immer wichtiger werdende Rolle, da sie zur Orientierung an statistischen Normalmaßen und der Anpassung des individuellen Leistungs- und Trainingsprofils innerhalb eines Fensters normalisierter Gewichts-, Größen-, Bewegungs- und Pausenzeiten dienen.⁶

Motivation zum Self-Tracking 

Es wird angenommen, dass die Optimierung des Lebensstils ein vordergründiges Motiv darstellt. Weiter werden Self-Trackern bestimmte Persönlichkeitseigenschaften zugeschrieben, bspw. Narzissmus und Selbstzentriertheit und tatsächlich sind nach Nißen (2013) selbstzentrierte Zielorientierungen, nämlich die Kontrolle über sich, das eigene Verhalten, das eigene Leben und den eigenen Körper, vorherrschende Beweggründe für Self-Tracking. Zudem ist auch das Motiv Selbstdisziplin mit dieser selbstorientierten Motivationstendenz vereinbar. Der Wunsch nach Unterhaltung, der mit dem Medium einhergeht, scheint weniger von Bedeutung zu sein. Diese motivationale Orientierung ist eher sozial kontrolliert und weniger autonom, da der kontrollierte Maßstab meistens sozialen Normen folgt (z.B. schlank und fit sein). Eine solche (sozial kontrollierte) Motivationslage hängt konzeptionell mit zwanghaftem Verhalten zusammen.

Self-Tracking und Sportsucht

Insgesamt geben nur drei Studien Hinweise auf den Zusammenhang von Self-Tracking und Sportsucht. Zum einen wiesen Nutzer von Tracking-Apps höhere Werte in einzelnen Sportsuchtdimensionen auf, zum anderen hängt die Nutzungshäufigkeit von Mobile Apps signifikant mit zwanghaftem Sportverhalten zusammen. Letztendlich scheint eine starke Orientierung an sozialen Normen und Regeln mit Tracking zusammenzuhängen.⁷

Fazit

Self-Tracking ist im gesundheitsorientierten Bereich gut erforscht und stellt eine Möglichkeit dar, die Therapie oder Rehabilitation des Patienten optimal einzustellen oder zu überwachen. Daneben werden Tracking-Apps auch zur Sicherheit von Patienten eingesetzt. Es gibt weder verlässliche Hinweise darauf, dass Self-Tracking süchtig macht, noch dass es zur Sportsucht führt. Jedoch kann es als ein begünstigender Faktor bei der Entwicklung von Sportsucht bezeichnet werden. An sich sind Self-Tracking-Tools also nicht problematisch, stellen aber eine von vielen Erscheinungsformen einer problematischen medialen Welt dar, durch die teilweise fragwürdige Werte vermittelt werden. In Zukunft sollten Tracking-Apps nicht vermieden werden, sondern der Umgang sollte so gestaltet werden, dass Selbstbestimmung und Authentizität dadurch nicht eingeschränkt, sondern gefördert werden.⁸


¹ Vgl. Duttweiler/Passoth (2016), S. 9-11

² Vgl. IKK classic (2014)

³ Vgl. Kleinert et al. (2020), S. 83-85

⁴ Vgl. IKK classic (2014)

⁵ Vgl. Kleinert et al. (2020), S. 85

⁶ Vgl. Duttweiler/Passoth (2016), S. 9

⁷ Vgl. Kleinert et al. (2020), S. 86-87

⁸ Vgl. Kleinert et al. (2020), S. 88-89

Literatur

Duttweiler, S./Passoth, J-H. (2016), Self-Tracking als Optimierungsprojekt?. In: Duttweiler, S./ Gugutzer, R./Passoth, J-H./ Strübing, J. (Hrsg.), Leben nach Zahlen, transcript, S. 9-11.

IKK classic (2014), Umfrage Medizin- und Gesundheits-Apps, https://www.ikk-classic.de/assets/919_ikkc_web_pdf.pdf, abgerufen am 25.10.2021.

Kleinert, J./ Raven, H./Wasserkampf, A. (2020), Self-Tracking und Sportsucht. In: Bilke-Hentsch, O./Gouzoulis-Mayfrank, E./Klein, M. (Hrsg.), Sportsucht und pathologisches Bewegungsverhalten, Kohlhammer, S. 83-89.

Beitragsbild: Pixabay.com, Mitglied Eliza Lake, 25.10.2021, URL: https://pixabay.com/de/photos/pulsmessger%c3%a4t-1903997/