Selbstwirksamkeit: Wie Kinder lernen können, an sich selbst zu glauben

Wie können wir Kinder dabei unterstützen, dass sie lernen, an sich selbst zu glauben und bei Herausforderungen nicht einfach aufzugeben? Wie kann die Selbstwirksamkeit eines Kindes gefördert werden? Im folgenden Beitrag wird erläutert, was Selbstwirksamkeit ist und wie Selbstwirksamkeit entsteht. Darauf aufbauend werden verschiedene Möglichkeiten dargestellt, wie man Kindern bei dem Aufbau und der Stärkung von Selbstwirksamkeit helfen kann.

Was ist Selbstwirksamkeit?

Das Konzept der Selbstwirksamkeit stammt von Bandura (1977) und beschreibt die „subjektive Gewissheit, neue oder schwierige Anforderungssituationen auf Grund eigener Kompetenzen bewältigen zu können“ (Jerusalem & Hopf, 2010, S. 35). Es handelt sich um die Überzeugung, herausfordernde Aufgaben bewältigen und schwierige Ziele erreichen zu können und dabei an die eigenen Fähigkeiten zu glauben. Selbstwirksamkeit beeinflusst zum einen die Motivation des Menschen: Man setzt sich selbst größere und anspruchsvollere Ziele, da daran geglaubt wird, dass man diese auch erreichen kann. Zum anderen wirkt sich eine hohe Selbstwirksamkeit auch auf das Durchhaltevermögen aus, da nicht einfach aufgegeben wird, wenn auf Hindernisse oder Schwierigkeiten gestoßen wird. Das eigene Handeln kann dadurch bewusst gesteuert und kontrolliert werden. Eine hohe Selbstwirksamkeit ist hilfreich und wichtig bei der Lebensbewältigung eines jeden Menschen (Barysch, 2016, S. 202-208; Jerusalem & Schwarzer, 2010, S. 35-38; Kaschek & Schumacher, 2015, S. 81-83).

Wie entsteht Selbstwirksamkeit?

Selbstwirksamkeit kann auf unterschiedlichen Wegen aufgebaut, gefördert und gestärkt werden. Dabei gibt es vier „Quellen der Selbstwirksamkeit“, die zum Aufbau und zur Stärkung beitragen und nach der Stärke des Einflusses geordnet werden können: Eigene Erfahrungen sind die effektivste Quelle, gefolgt von stellvertretenden Erfahrungen, sprachlichen Überzeugungen und Wahrnehmungen eigener Gefühlserregungen.

Die eigenen individuellen Erfahrungen eines Menschen sind essenziell für den Aufbau von Selbstwirksamkeit. Persönliche Erfolgserlebnisse, besonders in herausfordernden Situationen, stärken die Motivation und die Überzeugung einer Person, mit Schwierigkeiten umgehen zu können und eigene Ziele erreichen zu können. Misserfolge können sich wiederum negativ auf die Selbstwirksamkeit auswirken, jedoch halten sich die negativen Auswirkungen in Grenzen, wenn ein Mensch bereits eine solide Selbstwirksamkeitserwartung aufgebaut hat. Die zweite, etwas weniger effektive Quelle, ist die stellvertretende Erfahrung, was bedeutet, dass die Selbstwirksamkeit eines Menschen gestärkt wird, wenn persönliche Vorbilder dabei beobachtet werden, wie sie herausfordernde Aufgaben meistern oder ihre Ziele erreichen. Selbstwirksamkeitserwartungen können auch durch sprachliche Überzeugungen gestärkt werden: Ein Mensch kann davon überzeugt werden, dass er eine Herausforderung bewältigen oder ein Ziel erreichen kann, indem das soziale Umfeld ihn darin bestärkt. Dabei sind motivierende Sätze und gutes Zusprechen gemeint, wie „Du schaffst das! Ich glaube an dich!“. Die letzte Quelle von Selbstwirksamkeit ist die Wahrnehmung der Gefühlserregung. Wenn körpereigene Erregungen, wie zum Beispiel Unruhe, ängstliches Zittern und Schwitzen, wahrgenommen werden, dann kann dies die Überzeugung, eine bevorstehende Aufgabe bewältigen zu können, negativ beeinflussen, weshalb Gefühlserregungen positiver wahrgenommen und interpretiert werden sollten, um das Gefühl von Selbstwirksamkeit zu stärken. Dieser Einfluss ist jedoch im Gegensatz zu den anderen Quellen der Selbstwirksamkeit sehr gering (Barysch, 2016, S. 202-208; Fuchs, 2005, S. 28-29; Jerusalem & Schwarzer, 2010, S. 35-38; Kaschek & Schumacher, 2015, S. 81-83).

Wie können wir Kindern nun dabei helfen, Selbstwirksamkeit aufzubauen?

Da Selbstwirksamkeit wichtig ist, um Herausforderungen und Probleme im Leben bewältigen zu können, ist es von großer Bedeutung, dass bereits im Kindesalter die Überzeugung gestärkt wird, dass Aufgaben bewältigbar und Ziele erreichbar sind. Anhand der vier Quellen der Selbstwirksamkeit können verschiedene Möglichkeiten abgeleitet werden, wie wir Kinder dabei unterstützen können, an ihre eigenen Fähigkeiten zu glauben.

Zunächst sollten Kinder die Erfahrung machen können, dass sie schwierige Aufgaben selbstständig und ohne Hilfe meistern können. Dies müssen Kinder in dem Moment bewusst wahrnehmen können und sie sollten die erfolgreiche Bewältigung einer Aufgabe ihren eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen zuschreiben können. Bei einer guten Note in einer Mathearbeit könnten Eltern und Lehrer dem Kind beispielsweise vermitteln, dass dieser Erfolg, trotz vorheriger Schwierigkeiten, durch die eigenen Fähigkeiten und Anstrengungen zustande kam. Das Kind kann dadurch verstehen, dass es die Herausforderung mit dem eigenen Können bewältigt hat. Auch eine stellvertretende Erfahrung kann die Selbstwirksamkeit von Kindern fördern. In der Schule können sich Schüler gegenseitig helfen: Hat ein Kind bereits die schwere Matheaufgabe gemeistert, so kann es als Vorbild für die anderen fungieren, nach dem Motto: „Wenn er das schaffen kann, dann schaffe ich das auch!“ Beobachtet ein Kind die Eltern bei einer Aufgabe, die es selbst als schwierig einschätzt (z.B. Schuhe zubinden), dann können Eltern ihr Kind unterstützen, indem sie ihm erklären und zeigen, wie sie es selbst gemacht haben. Dies verhilft dem Kind dann zu einer erfolgreichen Nachahmung, was dann wiederum als eigenes Erfolgserlebnis angesehen werden kann (Barysch, 2016, S. 202-208; Fuchs, 2005, S. 28-28; Jerusalem & Schwarzer, 2010, S. 35-38; Kaschek & Schumacher, 2015, S. 81-83).

Des Weiteren sind positive Rückmeldungen und Bestätigungen wichtig, sobald ein Kind eine gute Leistung erbracht hat. Zweifelt ein Kind daran, eine Aufgabe bewältigen zu können, so kann man dem Kind vermitteln, dass man Vertrauen in seine Fähigkeiten hat, ihm die Aufgaben und Herausforderungen zumutet und an ihn glaubt. Auch kann ein Kind dabei unterstützt werden, die eigenen Gefühlserregungen zu erkennen und dementsprechend damit umgehen zu können. Beispielsweise kann das Kind darüber aufgeklärt werden, dass Nervosität und Angst vor Prüfungssituationen normal sind, und dies nicht bedeutet, dass man die Aufgaben oder Herausforderungen nicht schaffen kann. Es könnten gemeinsam mit dem Kind Pläne oder Taktiken entwickelt werden, die dabei helfen, mit solchen Gefühlserregungen umzugehen, wie zum Beispiel an die letzte gute Note oder den letzten großen Erfolg zu denken, um positive Gefühle hervorzubringen. Zudem sollte Kindern immer Mut zugesprochen werden, Dinge auszuprobieren, damit sie auch die Chance haben, eigene Erfolgserlebnisse zu erleben und somit die Erfahrung zu machen, dass sie schwierige Aufgaben meistern können (Barysch, 2016, S. 202-208; Fuchs, 2005, S. 28-28; Jerusalem & Schwarzer, 2010, S. 35-38; Kaschek & Schumacher, 2015, S. 81-83).

Fazit

Selbstwirksamkeit sollte schon im frühen Kindesalter gefördert werden, und es gibt viele Möglichkeiten, Kinder dabei zu unterstützen, an sich selbst zu glauben und Herausforderungen zu meistern. Am wichtigsten ist dabei, dass das Kind selbst die Erfahrung machen kann, dass es eine Aufgabe bewältigen oder schwierige Ziele durch eigenes Können und Handeln erreichen kann. Es sollte jedoch beachtet werden, dass das Kind auch bei Misserfolgen unterstützt wird, damit auch weiterhin die Motivation besteht, sich an neue Herausforderungen zu wagen und die bisher aufgebaute Selbstwirksamkeit dadurch nicht zu sehr negativ beeinflusst wird.


Literatur

Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191–215. https://doi.org/10.1037/0033-295X.84.2.191

Barysch, K. N. (2016). Selbstwirksamkeit. In D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Werte (S. 201–209). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-48014-4

Fuchs, C. (2005). Selbstwirksam Lernen im schulischen Kontext: Kennzeichen – Bedingungen – Umsetzungsbeispiele (Klinkhardt Forschung). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Jerusalem, M. & Schwarzer, R. (Hrsg.). (2010). Das Konzept der Selbstwirksamkeit (Zeitschrift für Pädagogik Beiheft). Selbstwirksamkeit und Motivationsprozesse in Bildungsinstitutionen (S. 28–53). Weinheim: Beltz.

Kaschek, B. & Schumacher, I. (2015). Führungspersönlichkeiten und ihre Erfolgsgeheimnisse. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-04434-3

Bildnachweis

kreativ kunst (o.J.). Glückliches Kind mit Pappflügeln und inspirierendem Satz. Zugriff am 15.07.2022. Verfübar unter: https://www.freepik.com/free-photo/happy-child-with-cardboard-wings-inspirational-phrase_961572.htm#page=3&query=I%20can&position=3&from_view=search