Schilddrüse – Wie sich die Schaltzentrale im Hals auf unsere Psyche auswirkt

Einleitung

Jeder Mensch hat eine Schaltzentrale in seinem Hals, so groß wie eine Walnuss, in der Form eines Schmetterlings. Solange sie gesund ist, ist sie kaum tastbar und unscheinbar. Funktioniert ihre Hormonproduktion jedoch nicht richtig hat dies zum Teil verheerende Folgen und alles gerät durcheinander. Dabei sind nicht nur körperliche Funktionen involviert, sondern die Schilddrüse kann sich auch auf die Psyche des Menschen auswirken. Depressionen, Ängste, Panikattacken und Psychosen – alles im Bereich der möglichen psychischen Auswirkungen einer Schilddrüsenfehlfunktion, wie z.B. der Hashimoto – Thyreoiditis.

Die Schilddrüse & ihre Funktion

Die Schilddrüse ist im mittleren bis unteren Drittel des vorderen Halsabschnitts zu finden, sie liegt vor der Luftröhre und umschließt diese mit einem linken und rechten Schilddrüsenlappen. In Form eines Schmetterlings reicht sie vom Schildknorpel des Kehlkopfes bis knapp über den Übergang vom Hals zum Brustraum (Mödder, 2003, S.10). Die Schilddrüse ist die größte endokrine Drüse des Menschen mit einem Gewicht von 20-50g und verfügt über eine gute Durchblutung, da sie die Aufgabe hat den Körper mit Schilddrüsenhormonen zu versorgen (Springer Medizin, 2015, S.13). Die Hauptaufgabe jedoch liegt darin, Jod zu speichern um die Hormone Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) zu produzieren, welche durch den Blutkreislauf mittels Transportmolekülen schließlich in die Zellen gelangen. In den Zellen werden die Schilddrüsenhormone für eine Vielzahl von Prozessen benötigt, z.B.  für die Regulation des Sauerstoffverbrauchs, die Stimulation des Herzens und die Kontrolle und Unterstützung der Funktionalität des zentralen Nervensystems, der Reflexe sowie der Muskulatur. Die Wirkung der Hormone ist vielseitig und betrifft viele Bereiche, daher stellt eine Störung der Schilddrüsenfunktion meist ein sehr diffuses Krankheitsbild dar, welches sich u.a. auch auf unsere Psyche auswirken kann (Schulte, 2019, S.19).

Wenn die Schilddrüse die Psyche beeinträchtigt

Es besteht eine enge Verbindung zwischen der Funktion der Schilddrüse und dem psychischen Wohlbefinden eines Menschen, denn Fehlfunktionen der Schilddrüse wie z.B. eine Unterfunktion (Hypothyreose) oder eine Überfunktion (Hyperthyreose) stehen in Verbindung mit psychischen Symptomen. Die Bandbreite der Symptome der Betroffenen reicht von mäßiger innerer Unruhe oder Antriebsarmut bis hin zu Psychosen und Wahnvorstellungen. Bereits leicht ausgeprägte Störungen der Schilddrüsenfunktion gehen häufig einher mit einer gesteigerten Ängstlichkeit. Zudem stehen verschiedene psychische Erkrankungen nach aktuellem Forschungsstand neben den Funktionsstörungen der Schilddrüse selbst auch in Zusammenhang mit der allgemeinen Funktion der Schilddrüse (Feldkamp, 2005, S.70). Auch depressive Verstimmungen treten bei Erkrankungen der Schilddrüse übermäßig häufig auf (Kapfhammer, 2007, S.176). Es bestehen Gemeinsamkeiten bei den Symptomen einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) und dem Störungsbild der Depression, dabei kommen Symptome depressiver Zustände und kognitiver Veränderungen häufig vor, während psychotische Störungen eher seltener auftreten. Eine Unterfunktion der Schilddrüse gilt bei Patienten mit Depressionen als behandlungsbedürftiger Faktor mit negativ prognostischem Aspekt. Im Rahmen einer Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) treten häufig psychische Symptome wie z.B. Hyperaktivität, Unruhe, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen und vermehrtes Angstempfinden bis hin zu Panikattacken auf. Gegen derartige Störungen der Schilddrüsenfunktion wird zumeist mit Medikamenten wie z.B. Levothyroxin interveniert, um Stimmung, Antrieb und Gedächtnisleistung zu verbessern und die Schilddrüsenparameter auszugleichen (Schmidt et al., 2008, S.225).

Hashimoto – Thyreoiditis & Psyche

Unter den verschiedenen Dysfunktionen der Schilddrüse gibt es einen sog. Clown, die heutzutage häufigste Autoimmun-Krankheit auch Morbus Hashimoto oder autoimmune Schilddrüsen-Entzündung genannt. Diese weist verschiedene Verläufe auf und beginnt meist schleichend mit Anzeichen einer Schilddrüsenunterfunktion und Symptomen wie z.B. Erschöpfung, Zyklus-Störungen, Depressivität, Ängstlichkeit, Gewichtszunahme, Schmerzen und weiteren unspezifischen Symptomen. Frauen sind dabei 10-mal häufiger von Morbus Hashimoto betroffen als Männer und zudem tritt diese familiär gehäuft auf (Schulte-Uebbing, 2014, S.48-49). Die Hashimoto-Thyreoiditis zeichnet sich dadurch aus, dass sich Entzündungszellen in der Schilddrüse vermehren und die Schilddrüse somit wachsen kann (hyperthrophe Autoimmunhydreoiditis). Gegenteilig führt die Entzündung der Schilddrüse bei der häufiger auftretenden atrophen Autoimmunhydreoiditis zur Zerstörung der Schilddrüsenzellen und dem damit einhergehenden Rückgang der Schilddrüse, teilweise bis zu ihrem vollständigen Verschwinden. Der Ursprung dieser gesamten Autoimmunkrankheit liegt demnach in einer Fehlreaktion des Immunsystems, welche gegen die körpereigene Schilddrüse arbeitet (Schulte, 2019, S.19-20).

Da die Hashimoto-Thyreoiditis eine Autoimmunkrankheit ist, welche aktuell als nicht ursächlich behandelbar eingestuft wird, sind deren nachhaltige Auswirkungen auf die Psyche der Betroffenen beträchtlich. Viele Patienten weisen trotz Schilddrüsenmedikamenten und ausreichender Substitution eine schlechtere Lebensqualität und eine häufigere Einnahme von Antidepressiva auf als gesunde Vergleichspersonen. Bei einem Großteil der Patienten kommt es im Verlauf der Schilddrüsenhormonersatztherapie zu einer Linderung der typischen Symptomatik (z.B. Gewichtszunahme, Müdigkeit, Stimmungsschwankungen usw.) (Petnehazy & Buchinger, 2020, S.26-32).

Fazit & Ausblick

Die Beschwerden einer Schilddrüsenfunktionsstörung (besonders bei der Hashimoto-Thyreoiditis) und den damit einhergehenden negativen Auswirkungen auf die Psyche der Betroffenen beeinträchtigen die Lebensqualität der derer erheblich. Die Forschung fordert damit absolut zu Recht bei den ersten diagnostischen Anzeichen einer Autoimmunthyreoiditis und weiteren dysfunktionalen Störungen der Schilddrüse die frühzeitige Prüfung auf komorbide psychische Störungen, konsequente Schilddrüsenbehandlung sowie die Aufklärung der Patienten über das bestehende Risiko der Entwicklung von Angststörungen oder Depressionen. Besonders bei Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis bedarf es einer intensiven Betreuung, da sich die Tatsache lebenslang Medikamente in Form von Schilddrüsenhormonen einnehmen zu müssen negativ auf das subjektive Wohlbefinden der Betroffenen auswirken kann. Um den Zusammenhang zwischen Schilddrüsenerkrankungen (z.B. Autoimmunthyreoiditis) und psychischen Störungen (z.B. Depressionen und Angststörungen) zu bekräftigen, werden noch weitere Studien benötigt.

Literatur- und Quellenverzeichnis

Feldkamp, J., (2005), Schilddrüse und Psyche. In: Hehrmann, R. & Ploner, O., (2005), Schilddrüse 2005: Henning-Symposium, Hypothyreose, 17. Konferenz über die menschliche Schilddrüse, Berlin/Germany

Kapfhammer, H.-P., (2007), Depressive Störungen – Eine diagnostische und therapeutische Herausforderung auch in der Primärversorgung. In: Internist 2007, 48:173-188, DOI 10.1007/s00108-006-1704-x

Mödder, G., (2003), Krankheiten der Schilddrüse, 3. Aufl., Heidelberg/Germany

Petnehazy, E. & Buchinger, W., (2020), Hashimoto Thyreoiditis, therapeutische Optionen und extrathyreoidale Assoziationen – ein aktueller Überblick, Wien Med Wochenschr (2020) 170:26-34, https://doi.org/10.1007/s10354-019-0691-1

Schulte, B., (2019), Schilddrüse – Schaltzentrale im Hals. In: Heilberufe, 71, 19-21 (2019), https://doi.org/10.1007/s00058-019-0158-1

Schulte-Uebbing, C., (2014), Depressive Verstimmungen, Müdigkeit, Leistungsschwäche – Morbus Hashimoto: häufig übersehene wichtige (Teil-) Ursache, gyn (19) 2014: 48-54, verfügbar unter: http://www.dr-schulte-uebbing.de/inhalte/doku/gyn_depressive_verstimmung.pdf (aufgerufen am 29.09.2022)

Schmidt, M., Huff, W., Dietlein, M., Kobe, C. & Schicha, H., (2008), Interactions between brain, psyche and thyroid – Interaktionen zwischen Gehirn, Psyche und Schilddrüse. In: Nuklearmedizin 2008; 47(06): 225-234, DOI: 10.3413/nukmed-0191

Springer Medizin, (2015), Anatomie der Schilddrüse. In: Heilberufe 67, 14 (2015), https://doi.org/10.1007/s00058-015-1851-3