Risikofaktor: Stadt

Die psychische Gesundheit der Menschen wird durch vielfältige Faktoren beeinflusst. Zu den wohl grundlegendsten – aber oft unbeachteten – Faktoren, gehört das Wohnumfeld. Wie und wo ein Mensch lebt, kann entscheidend für sein psychisches Wohlbefinden sein. Aufgrund der zunehmenden Urbanisierung rückt insbesondere das Leben in der Stadt und damit eine gesundheitsförderliche Stadtplanung in den Vordergrund. 

Urbanisierung & psychische Gesundheit

Die Urbanisierung gehört zu den wichtigsten globalen Veränderungen des 20. und 21. Jahrhunderts mit weitreichenden Folgen für die Lebensqualität und psychischen Gesundheit der Stadtbewohner. Im Jahr 1950 lebten noch ca. 29,6% der Weltbevölkerung in Städten, heute sind es schon 55%. Bis zum Jahr 2050 werden ca. 2/3 der Weltbevölkerung prognostiziert.[1]Vgl. Adli, M./ Schöndorf, J. (2020), S. 979- 986
Die größten Einflussfaktoren der Stadt sind Betriebsamkeit, Reizdichte und Anonymität. Die Forschungen stehen noch am Anfang, so dass die einflussreichsten Stadtstressoren erst herausgestellt werden müssen.[2]Vgl. Adli, M./ Schöndorf, J. (2020), S. 979- 986 Insgesamt können unterschiedliche Stressreaktionen zwischen Stadt- und Landbewohnern und damit die Beeinflussung von Gehirn und Psyche festgestellt werden. Außerdem zeigt sich ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen bei Städtern, die häufiger unter Depressionen, Angsterkrankungen oder Schizophrenie leiden.[3]Vgl. Adli, M./ Etezadzadeh, C. (2020), S. 201- 207 Bisherige Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der Mandelkern (Amygdala) mit steigender Stadtgrößere stärker aktiviert wird. Dieser Gehirnteil wird durch Stress oder starke Emotionen erregt und ist bei Depressionen besonders stresssensibel. Außerdem führt ein Leben in der Stadt bis zum 15. Lebensjahr zu einer stärkeren Aktivierung des anterioren zingulären Kortex, der für die Impuls- und Emotionskontrolle zuständig und funktionell eng mit dem Mandelkern verknüpft ist. Diese Verknüpfung ist bei Städtern oftmals schwächer ausgeprägt.[4]Vgl. Gründer, G. (2020), S. 123- 134
Aktuell wird der soziale Stress in Städten als bedeutsamster Stressor angenommen, der zu den wirkstärksten Stressoren für Menschen gehört. Er entsteht durch die Beziehungen zwischen einem Individuum und seiner sozialen Umwelt. Besonders in Städten treten gleichzeitig eine hohe soziale Dichte und soziale Isolation auf, die über einen längeren Zeitraum schädliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben können. Wie stark der soziale Stress wahrgenommen wird, hängt von dem Ausmaß des Umweltwirksamkeitserlebens, dem s.g. „Environmental Mastery“, ab. Dabei geht es um das Gefühl, inwieweit die Umwelt entsprechend der persönlichen Bedürfnisse zu beeinflussen ist.[5]Vgl. Adli, M./ Schöndorf, J. (2020), S. 979- 986    

Ausblick: gesundheitsfördernde Zukunftsstädte

Als Konsequenz der bisherigen Erkenntnisse folgt, dass einerseits mehr Forschung zu den Emotionen, Verhalten und psychischen Wohlbefinden von Städtern betrieben werden muss.[6]Vgl. Adli, M./ Schöndorf, J. (2020), S. 979- 986 Andererseits sollten Architekten und Stadtplaner zukünftig mit anderen Fachexperten, z.B. Psychologen und Soziologen, zusammenarbeiten.[7]Vgl. Gründer, G. (2020), S. 123- 134 Denn neben der Architektur sollte eine Stadt Arbeits- und Mobilitätsraum und gleichzeitig Schutz- und Erholungsraum bieten. Für die psychische Gesundheit ist ein Wechsel zwischen Betriebsamkeit und Ruhe sowie Stimulation und Erholung wichtig. Eine gebaute bzw. gestaltete Umwelt hat positive Auswirkungen, wenn die Menschen zum Verlassen ihrer Häuser stimuliert werden.[8]Vgl. Adli, M./ Etezadzadeh, C. (2020), S. 201- 207  
In die Planung der Zukunftsstädte sollte v.a. die Abmilderung der baulichen und sozialen Dichte durch eine architektonische Vielfalt einbezogen werden. Eine bauliche Komplexität kann anregend wirken und gleichzeitig mehr Orientierung durch räumliche Strukturierung bieten. Außerdem sollte die „wahrgenommene Weite“ als Erholfaktor berücksichtigt werden, indem es genügend Möglichkeiten für einen unverstellten Blick zwischen den großen Stadtgebäuden gibt. Dafür eignen sich Stadtparks besonders gut, die neben einem guten Weitblick, Möglichkeiten zur Betätigung sowie zur Erholung bieten. Um etwas Natur und Erholung direkt in die Stadt zu bringen, hat sich eine Fassadenbegrünung als förderlich erwiesen. Grüne Elemente haben nachweislich leistungssteigernde und erholsame Effekte. Außerdem wird die Naturverbundenheit von Stadtkindern – ohne regelmäßige Ausflüge aufs Land – gefördert.[9]Vgl. Flade, A. (2020), S. 189- 235
Sozialer Isolation kann mit ausreichender Verfügbarkeit von öffentlichen Räumen, die zur sozialen Interaktion und Aneignung des jeweiligen Raumes einladen , entgegengewirkt werden. Die Zugangsmöglichkeiten sollten alters- und kulturunabhängig und die Alltagsinfrastruktur fußläufig erreichbar sein.[10]Vgl. Adli, M./ Schöndorf, J. (2020), S. 979- 986 

Literaturverzeichnis

Adli, M., Etezadzadeh, C. (2020). Interview: Stress and the City – Welche Auswirkungen hat das Stadtleben auf unsere Psyche?. In: Etezadzadeh, C. (eds) Smart City – Made in Germany. Springer Vieweg, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-27232-6_22

Adli, M., Schöndorf, J. Macht uns die Stadt krank? Wirkung von Stadtstress auf Emotionen, Verhalten und psychische Gesundheit. Bundesgesundheitsbl 63, 979–986 (2020). https://doi.org/10.1007/s00103-020-03185-w

Flade, A. (2020) Wohnen in der individualisierten Gesellschaft . Springer, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-29836-4_9

Gründer, G. (2020) Wie wollen wir leben?. Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-61713-7_8

Bildnachweis

FelixMittermeier (2018) prag-wenceslas-platz-stadt-gebäude: pixabay. Zugriff am 01.06.2022 über https://pixabay.com/de/photos/prag-wenceslas-platz-stadt-geb%c3%a4ude-3540883/

References

References
1, 2, 5, 6, 10 Vgl. Adli, M./ Schöndorf, J. (2020), S. 979- 986
3, 8 Vgl. Adli, M./ Etezadzadeh, C. (2020), S. 201- 207
4, 7 Vgl. Gründer, G. (2020), S. 123- 134
9 Vgl. Flade, A. (2020), S. 189- 235