Psyche der Menschen im Rettungsdienst – Menschenretter die sich selbst zerstören

Einleitung

Durch tragische Ereignisse und Katastrophen der letzten zehn Jahren in Deutschland, wie beispielsweise die Loveparade 2010, werden psychische Belastungen bei Mitarbeitern im Rettungsdienst verstärkt untersucht. Vor allem nach extremen Einsatzsituationen, kann es bei den Betroffenen zu einer posttraumatischen Belastungsstörung kommen. Als besonders belastend gelten Einsätze, bei welchen besondere Personengruppen wie zum Beispiel Kollegen, Angehörige oder Kinder betroffen sind. Auch Krankheiten wie beispielsweise Burnout können Folgen von Extremsituationen im Beruf sein.[1] Im folgenden Blogbeitrag werden sowohl die psychischen als auch physischen Gefahren eines Mitarbeiters im Rettungsdienst vorgestellt. Außerdem folgen anschließend die Ergebnisse eines durchgeführten Interviews mit einer Notfallsanitäterin. Der Beitrag wird schließlich mit einem Fazit abgerundet.

Psychische und physische Gefahren eines Notfallsanitäters

Es beginnt schon damit, dass die ständige Alarmbereitschaft als belastend empfunden wird. Auch die individuellen und komplexen Einsatzorte führen dazu, dass die Helfer vor schweren Entscheidungen stehen, die sie jedoch schnell lösen müssen. Das ist vor allem bei Großschadensanlagen der Fall. Manchmal wird eine große Hilflosigkeit und den damit verbundenen Kontrollverlust empfunden, da es beispielsweise dazu kommen kann, dass Patienten nicht mehr geholfen werden kann. Außerdem können folgenschwere Fehler passieren, was dazu führt, dass der Helfer sich schuldig fühlt und damit eventuell nicht umgehen kann. Einsätze, die mit Suizid oder dem Sterbeprozess zu tun haben, können besonders schlimm sein.[2] Es gibt viele Faktoren, die für die Sanitäter eine hohe Belastung darstellen. Manche Fälle können sogar zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen, was im Nachfolgenden erläutert wird.

Wenn ein traumatisches Ereignis eintritt, versetzt sich der Körper in einen Schockzustand, um sich dadurch zu schützen. Dieser hält einige Stunden bis Tage an.[3] Innerhalb von sechs Monaten nach dem schlimmen Ereignis, entwickelt sich die Erinnerung zu einem ständig wiederkehrenden und belastenden Film, der in der Nacht in Form von Albträumen oder tagsüber als Tagtraum auftreten kann. Diese Träume sind mit Ängsten und Gefühlen der Hilflosigkeit geprägt. Dadurch kann es zu emotionalem und sozialem Rückzug, Gefühlsabstumpfung, Schlafstörungen, kognitiven Verzerrungen und weiteren negativen Auswirkungen kommen. Der größte Teil der traumatisierten Mitarbeiter kann den Vorfall verarbeiten, bei einem kleinen Teil kommt es jedoch zu psychischen Problemen. Hält der Zustand länger als drei Monate an, wird von einer chronischen posttraumatischen Belastungsstörung gesprochen. Meistens muss die Erkrankung langfristig mit Medikamenten und psychotherapeutischen Verfahren behandelt werden.[4]

In der folgenden Abbildung werden als Überblick jeweils die normalen und pathologischen Reaktionen abgebildet.

Abbildung 6: Reaktionen auf traumatische Ereignisse
Quelle: Ridder (2010). S.14

Physische Belastungen können bereits bei der Alarmierung einhergehen. Diese erfolgt in Form von akustischen Signalen wie z.B. durch das Piepen eines Meldeempfängers. Bei den Sanitätern ist sofort höchste Eile geboten. Oftmals werden die Mitarbeiter im Rettungsdienst in Situationen alarmiert, in welchen sie aus entspannten Situationen wie z.B. dem Frühstück gerufen werden. Der Körper wird in einem Alarmzustand versetzt und es kommt zu einem „allgemeinem Adaptionssyndrom“. Was bedeutet, dass es zu einem erhöhten Blutdruck, erweiterter Herzkranzgefäße, Adrenalinausschüttung und Erhöhung der Gerinnungsbereitschaft des Blutes kommt. Auch bei der Anfahrt berichten Einsatzkräfte von Belastungen, da viele Verkehrsteilnehmer die Straßen blockieren und den Weg nicht frei machen. Die Angst, nicht rechtzeitig am Unfallort anzukommen oder auf dem Weg einen Unfall zu verursachen, stellt für viele eine belastende Situation dar. Die externe Geräuschkulisse wie das Martinshorn oder die Lautstärke des Funkgerätes bei hohem Einsatzaufkommen, werden als störend empfunden. Die Einsätze werden durch schweres Tragen oder viele Überstunden als belastend empfunden, da die Betroffenen dadurch Schmerzen bzw. Übermüdung erleiden können. Viele Sanitäter gehen mit der Angst zur Arbeit, selbst Opfer zu werden. Bei einem Einsatz am Berg, in Wassernähe oder auf den Bahnschienen, können schwere Unfälle passieren.[5] All diese Gefahren und noch viele mehr, stellen eine hohe Belastung für die Einsatzkräfte dar.

Interview mit einer Notfallsanitäterin

Im nachfolgenden wird ein Interview mit einer Notfallsanitäterin geführt. Ihr werden offene Fragen bezüglich ihrer Erfahrungen gestellt, um zu zeigen, wie die Belastungen im Beruf aussehen können. Bei der ersten Frage ging es darum, ob sie jemals ein belastendes Erlebnis während ihrer Zeit als Notfallsanitäterin hatte. Das bejahte sie und fügte hinzu, dass sie schon bei der Überbringung einer Todesnachricht, Suizid, bei geruchsintensiven Situationen sowie Reanimationen dabei war und dies als sehr belastend empfand. Die nachfolgenden Faktoren empfindet sie ebenso als belastend: komplexe und individuelle Einsatzorte, das Alarmsignal, die Anfahrt, Überstunden und Übermüdung sowie schweres Tragen. Bei der Frage, wie lange sie diesen Beruf in Anbetracht der Faktoren noch ausüben könnte, antwortete sie, dass sie es noch bis Mitte 50 aushalten würde, da anschließend physische und psychische Belastungen überhandnehmen würden. Sie fügte hinzu, dass die meisten Notfallsanitäter sogar zu Genussmittel greifen, um sich zu beruhigen. Bei der nächsten Frage handelte es sich darum, ob sie das Gefühl hat, dass der Beruf sie zerstören würde. Sie verneinte und gab den Rat, dass es wichtig ist, über Gefühle und Ereignisse zu sprechen und Alarmsignale frühzeitig zu erkennen und wahrzunehmen. Die letzte Frage war, ob sie von Einsätzen traumatische Erlebnisse, Gedanken, Träume, eine posttraumatische Belastungsstörung oder ein Burnout hatte. Sie erzählte, dass sie Träume von stressigen Momenten hatte, bei welcher Situationen wegen mangelnder Teamarbeit durch Dritte, wie bspw. den Notarzt, nicht mehr beherrschbar waren. Dies empfand sie als sehr nervig und belastend, weshalb dies in ihrem Traum erschien.

Fazit

Das Interview mit der Notfallsanitäterin bestätigt alle oben vorgestellten Faktoren, die den Beruf im Rettungsdienst negativ beeinflussen. Diese Menschen retten Leben, während sie ihr eigenes physisch und psychisch belasten. Es ist nötig, dass diesen Berufen mehr Beachtung geschenkt werden, damit Außenstehende verstehen können, was sie alles auf sich nehmen, um anderen zu helfen. Wenn die Menschenretter nicht genug unterstützt werden, dann wird es in der Zukunft höchstwahrscheinlich nicht mehr viele geben, die diesen Beruf ausüben wollen.


[1] Hering und Beerlage (2004). S.415

[2] Lasogga und Karutz 2008 S.135-139

[3] Ridder (2010). S.14

[4] Benkert et al. 2012 S.168

[5] Lasogga und Karutz (2008). S.133-134

Literatur

Benkert, O.; Hautzinger, Martin; Graf-Morgenstern, Mechthild (2012): Psychopharmakologischer Leitfaden für Psychologen und Psychotherapeuten. 2., vollständig überarbeitete und aktualisierte Aufl. Berlin: Springer.

Hering, T.; Beerlage, I. (2004): Arbeitsbedingungen, Belastungen und Burnout im Rettungsdienst. In: Notfall & Rettungsmedizin 7 (6), S. 415–424. DOI: 10.1007/s10049-004-0681-7.

Lasogga, F.; Karutz, H. (2008): Belastungen, Moderatorvariablen und Folgen. In: Frank Lasogga und Bernd Gasch (Hg.): Notfallpsychologie. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg, S. 129–161.

Ridder, Sabine (2010): Belastungsstörungen verhindern. In: Heilberufe 62 (1), S. 14–16. DOI: 10.1007/s00058-010-0126-2 .

Bildquelle:

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